Auf den folgenden Seiten soll der Versuch unternommen werden, sich dem Begriff der Schule
anhand einer Begriffsklärung und der Vorstellung zweier soziologischer Denkschulen
analytisch zu nähern.
Im ersten Abschnitt (1.1) dieser Ausarbeitung werden der Begriff der Schule, insbesondere
die bestehende soziale Struktur innerhalb derselben, untersucht. Genauer betrachtet wird das
Rollensystem ( 1.2) einer Schule zur Klassifizierung dieser herangezogen. Dabei soll das
Einbringen verschiedener wissenschaftlicher Auffassungen zum Thema durch die
Theoretiker Sorokin und Petrovic einen diskursiven Charakter innerhalb der Hausarbeit
erbringen. Demnach versteht Sorokin unter einer Schule:
"... geistige Gruppierungen von Personen, die räumlich und/oder zeitlich voneinander
getrennt sein können, die einen bestimmten erkennbaren Modell, einer Hypothese oder
eine Methode teilen." (Lepenies 1981, S. 38 f).
Nachdem die Definition sowie die notwendigen Bedingungen, denen eine wissenschaftliche
Schule genügen muss, wie zum Beispiel das gemeinsame Paradigma, erarbeitet wurden, wird
im darauffolgenden Teil Tiryakians Rollenmodell in die Diskussion eingeführt.
Im zweiten und dritten Abschnitt erfolgt eine Konkretisierung, indem zwei soziologischen
Schulen vorgestellt werden.
Beide Schulen sollen die Ausprägungen und Erscheinungsformen einer soziologischen
Denktradition vor dem Hintergrund unterschiedlicher historischer Kontexte verdeutlichen.
Hierbei beschränken sich die Ausführungen auf zwei europäische Denkschulen - die
Frankfurter-Schule, deren wissenschaftliche Wirkungen noch heute von Bedeutung sind und
die Durkheim-Schule, die die frühe Soziologie in Europa entscheidend prägt, wenn nicht
sogar mitbegründete.
Im zweiten Abschnitt soll demnach die Frankfurter-Schule und ihre Kritische Theorie
betrachtet werden. Dabei wird ein Schwerpunkt in der Analyse des Scheiterns der Kritischen
Theorie bestehen. Des weiteren wird auf die heutige Bedeutung der Frankfurter Schule
eingegangen. Um beide vorher besprochenen Aspekte der Frankfurter Schule zu verbinden,
wird im darauffolgenden Abschnitt der Positivismusstreit zum Zweck der Erläuterung kurz
vorgestellt.
Im dritten Abschnitt wird das Augenmerk auf einer der ersten und wichtigsten Denkschulen
der europäischen Soziologie liegen - der Durkheim-Schule. Diese sah sich im beginnendenden 20. Jahrhundert mit Schwierigkeiten ganz anderer Art konfrontiert. [...]
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Die "Schule" - der Begriff
1.1 Die Definition der Schule
1.2 Das Rollensystem der Schule
2 Die Frankfurter Schule
2.1 Die Erscheinung der Frankfurter Schule
2.2 Warum die Frankfurter Schule ihrem wiss. Anspruch nicht genügen konnte
2.3 Das Wirken der Frankfurter Schule aus heutiger Sicht
2.4 Der Positivismusstreit
3 Die Durkheim-Schule
3.1 Entstehung und das öffentliche Bild der Schule
3.2 Die Année Sociologique
3.3 Die Soziologie Durkheims
3.4 Die Mitglieder der Durkheim-Schule
4 Schlussbetrachtungen
4.1 Gegenüberstellung: Traditionelle und Kritische Theorie
4.2 Beurteilung hinsichtlich Tiryakians Rollenmodell sowie per Definition
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, den Begriff der „Schule“ im soziologischen Kontext zu klären. Ausgehend von theoretischen Definitionen (u.a. nach Sorokin und Tiryakian) wird untersucht, wie sich soziologische Denkschulen konstituieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Übertragbarkeit dieser theoretischen Modelle auf die Frankfurter Schule und die Durkheim-Schule sowie deren jeweilige Besonderheiten.
- Grundlagen des soziologischen Schulbegriffs und Rollensysteme
- Analyse der Frankfurter Schule und ihrer Kritischen Theorie
- Untersuchung der Durkheim-Schule und deren institutionalisierter Arbeitsweise
- Diskussion des Positivismusstreits zwischen Adorno und Popper
- Gegenüberstellung und kritische Evaluation der Denktraditionen
Auszug aus dem Buch
1.2 Das Rollensystem der Schule
Tiryakian entwickelt zur Bestimmung einer Schule das folgende System, welches sich im wesentlichen durch die Analyse der Struktur einer Schule auf dieselbige konzentriert.
Zunächst kann man davon ausgehen, dass die Größe einer Schule zwischen den einzelnen Denkschulen, aber auch über zeitliche Abläufe hinweg stark variieren kann. Jedoch wird sie nur in seltenen Fällen über zwei Dutzend Mitglieder hinausgehen. Der Zugang der Gruppe wird im allgemeinen über deren Gründer reguliert (ebd., S. 51). Die Schule versucht durch einen "intellektuellen Missionswillen" ihre Profession zu erneuern und voranzubringen.
Dabei legt der Gründer einer Schule die Ideen und Techniken fest mit deren Hilfe sie sich nach außen formuliert. Die sich daraus ergebende Struktur bindet die Mitglieder der Schule an die zentrale Figur des Führers (Lepenies 1981, S. 40 ff).
Der Führer einer wissenschaftlichen Gemeinschaft dieses Typus kann durch seine innovative Art der Wirklichkeitsbetrachtung mitunter Schwierigkeiten in der Ausformulierung seiner Erkenntnisse haben, womit gemeint ist, dass sein Wortschatz nicht mehr im Dienste der Popularisierung seiner Idee verwendet werden kann. Demnach muss eine Person die dem Führer sehr nahe steht, welche genau weiß was dieser ausdrücken will, die Aufgabe der "Übersetzung" übernehmen, um eine breitere wissenschaftliche Rezeption zu erreichen.
Diese Person übernimmt die Rolle des ´Interpreten` und wird zum Popularisierer der Schule, indem sie seine Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich macht. Im Falle der Parsons - Schule, deren zentrale Figur Talcott Parsons, ein ausgebildeter Ökonom war, geschah dies beispielsweise durch Robert K. Merton.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung führt in die begriffliche Annäherung an soziologische Denkschulen ein und erläutert den Aufbau der Untersuchung sowie die methodischen Schwerpunkte.
1 Die "Schule" - der Begriff: Dieses Kapitel definiert den Begriff der wissenschaftlichen Schule anhand soziologischer Modelle und erläutert relevante Rollenstrukturen innerhalb solcher Denkgemeinschaften.
2 Die Frankfurter Schule: Hier wird die Historie und Programmatik der Kritischen Theorie beleuchtet, wobei insbesondere das Scheitern des wissenschaftlichen Anspruchs und der Positivismusstreit analysiert werden.
3 Die Durkheim-Schule: Der Fokus liegt auf der Entstehung der Durkheim-Schule, ihrer methodischen Arbeitsweise durch die "Année Sociologique" und dem soziologischen Ansatz Durkheims.
4 Schlussbetrachtungen: In diesem Kapitel werden die Frankfurter Schule und die Durkheim-Schule einander gegenübergestellt und anhand von Tiryakians Rollenmodell kritisch bewertet.
Schlüsselwörter
Soziologie, Denkschule, Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Durkheim-Schule, Rollenmodell, Tiryakian, Positivismusstreit, Wissenschaftssoziologie, Arbeitsteilung, Solidarität, Année Sociologique, Paradigma, Theoriebildung, Soziales Handeln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Begriff der "Schule" in der Soziologie, indem sie theoretische Definitionen auf konkrete historische Beispiele anwendet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Struktur, das Rollensystem und die institutionelle Etablierung soziologischer Denkschulen, insbesondere am Beispiel der Frankfurter Schule und der Durkheim-Schule.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche wissenschaftliche Denktraditionen durch spezifische interne Rollen und externe Bedingungen geformt werden und ob sich universelle Merkmale einer Schule finden lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Autorin nutzt eine analytische Literaturanalyse, bei der soziologische Theorien (vornehmlich von Tiryakian und Sorokin) zur Klassifizierung der beiden ausgewählten Denkschulen herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Schulbegriffs sowie die detaillierte Vorstellung und kritische Analyse der Frankfurter Schule (Kritische Theorie) und der Durkheim-Schule.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Soziologie, Frankfurter Schule, Durkheim-Schule, Wissenschaftssoziologie, Rollenmodell und Positivismusstreit.
Warum lässt sich die Rolle eines "Führers" in der Frankfurter Schule nur schwer eindeutig bestimmen?
Laut der Arbeit wechselten die zentralen Leitfiguren und Hauptvertreter je nach historischer Phase (z.B. vom Frankfurter Institut bis zur Emigration), wodurch keine so stabile Führer-Gefolgschafts-Struktur vorlag wie bei Durkheim.
Inwiefern unterschied sich die Arbeitsweise der Durkheim-Schule von der Frankfurter Schule?
Während die Frankfurter Schule stark durch das gemeinsame Frankfurter Institut und enge Zusammenarbeit geprägt war, zeichnete sich die Durkheim-Schule durch ein formales Verhältnis des Gründers zu seinen Schülern und eine stärker dezentrale, durch den Postweg organisierte Arbeit aus.
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- Jessica Karcher (Author), 2002, Der Begriff der Schule in der Soziologie. Die Frankfurter Schule und die Durkheim-Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19226