Zur Stellung der Frau im Ur-Islam


Term Paper, 1983
45 Pages, Grade: 2,0

Excerpt

Inhalt

1. Einleitung

2. Allgemeines zur Quellenlage
2.1 Der Koran
2.2 Deutsche Koranausgaben
2.3 Die Hadithe
2.4 Die Dichtung

3. Abriß der historischen Situation in Arabien
3.1 Vorislamische Zeit
3.1.1 In Südarabien
3.1.2 Nordarabien
3.1.3 Innerarabien
3.2 Urislamische Zeit (bis 660)

4. Entwicklung der Stellung der Frau
4.1 Im Vorislam
4.1.1 Allgemeine Einführung
4.1.2 Intime Beziehungen zwischen Mann und Frau
4.1.2.2 Eheverträge
4.1.2.3 Scheidung
4.1.2.1 Außereheliche Beziehungen
4.1.3 Verschleierung
4.1.4 Gesellschaftliche Tätigkeiten der Frau
4.1.5 Gesellschaftliche Bevorzugungen des weiblichen Geschlechts
4.1.6 Gesellschaftliche Benachteiligungen des weiblichen Geschlechts
4.2 Die Frau in der islamischen Religion
4.2.1 Erschaffung der Frau
4.2.2 Der Sündenfall
4.2.3 Historische Hinweise auf Frauengestalten
4.2.4 Islamische Gebote
4.2.5 Verheißung und Höllendrohung
4.2.6 Paradiesvorstellungen
4.2.7 Die Sonderstellung des Propheten und seiner Frauen
4.3 Die Frau in der islamischen Rechtsordnung
4.3.1 Der Treueeid
4.3.2 Zeugenschaft
4.3.3 Wiedervergeltung
4.3.4 Schutz der Frau
4.3.5 Verschleierung
4.3.6 Die Überlegenheit des Mannes
4.3.7 Die Eheschließung
4.3.7.1 Heirat
4.3.7.2 Heiratsverbote
4.3.7.3 Besondere Eheformen
4.3.7.4 Geschlechtsverkehr
4.3.8 Scheidung
4.3.9 Witwen
4.3.10 Erbrecht

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang I: Koranstellen bezüglich der Frau
I Erschaffung der Frau
II Sündenfall
III Aussagen über historische Frauengestalten
IV Weitere Aussagen aus dem alten Testament
V Über die Frau im Vorislam
VI Die Frau im Islam

8. Anhang II Gedichte
1) Taabbata Scharran
2) Hatim At-Ta'i
3) Al-Chansa
4) Saffija von Bahila
5) Maisun al-Kalbija
6) Nabigha Adh-Dhubjani
7) Al-A'sa

1. Einleitung

Es wird nicht wenig über die Situation und Stellung der Frau in islamischen Ländern gerätselt, so daß trotz einer Fülle von Literatur immer wieder diesbezüglich offene Fragen aufkommen.

Lassen sich die Frauen in solchen Ländern vom gesellschaftlichen Leben ausschließen, wie es durch die Verschleierung unterstellt wird?

Ist ihre Benachteiligung bereits im Koran vorherbestimmt?

Gibt es eine Kluft zwischen Vorschriften und deren Praxis, welche ihr Dasein beeinflußt?

Inwieweit spielen Traditionen in ihrem Leben eine Rolle?

Welche Rechte und Verantwortungen kommen ihnen als Ehepartnerin, Mutter, oder Tochter zu?

Wie sieht ihre Teilnahme am öffentlichen Leben aus?

Welche Erziehungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und Grenzen sind in ihrem Fall zu benennen?

Inwieweit sind sie wirtschaftlich und politisch von Männern abhängig?

Es wurde oft versucht für solche Fragen Antworten zu finden, doch zeigen gegensätzliche Meinungen über das Frauenleben in islamischen Gesellschaften, daß vieles, wie das Frauenhaupt, sich noch hinter einem Schleier befindet.

Hierbei gilt es besonders zu berücksichtigen, daß der Islam den Anspruch erhebt, sowohl Religion (Jenseitsvorstellung) als auch ein rechtliches und politisches System (säkulare Ordnung) zu sein[1]. Daraus folgt, daß das Leben der Frau umso mehr festgelegt ist, je mehr alle gesellschaftlichen Bereiche durch dieses System geregelt werden.

Gesellschaftliche Konflikte entstehen dadurch, daß der Islam weltliche Angelegenheiten durch göttlich eingegebene Weisungen regeln will, welche den Anspruch erheben, allgemeingültig und zeitlos zu sein, aber dennoch in verschiedenen Zeitspannen mit unterschiedlichen Akzenten ausgelegt werden und ausgelegt worden sind.

Somit wird in dieser Arbeit versucht, die Stellung der Frau im Koran zu durchleuchten, da dieser die Hauptquelle des Gesetzes und der Ideologie in allen islamischen Gesellschaften darstellt.

2. Allgemeines zur Quellenlage

Es hat sich im Verlauf der Untersuchung gezeigt, daß sich viele Autoren über die kärgliche Quellenlage der vor- und frühislamischen Zeit beklagen[2]. Das liegt zum Teil in der Wertung der islamischen Geschichtsschreibung begründet, die in der vorislamischen Zeit eine "Zeit der Unwissenheit" (djahiliyah) sieht.

Auf der anderen Seite berücksichtigen die früheren und heutigen Autoren den Unterschied zwischen städtischer und beduinischer Lebensweise nicht genügend und gelangen daher zu sich widersprechenden Ergebnissen.[3]

2.1 Der Koran

Die sicherste Quelle für islamische und vorislamische Zeit ist der Koran, da er Bezug nimmt auf vorherrschende Zustände, die neu geregelt, verboten oder beibehalten werden sollen.

Er wurde ohne wesentliche Änderungen überliefert, wie er von Mohammed vorgetragen wurde[4]. Bei der Auswertung dieser Quelle ergeben sich allerdings folgende Schwierigkeiten:

a) Der Koran ist keine Kodifikation eines Rechtssystems, sondern enthält zu jedem Rechtsgebiet verstreut Vorschriften, so daß der Text sehr vielseitig ausgelegt werden kann.

Jedes Kapitel (Sure) trägt eine Überschrift. Diese beziehen sich allerdings nicht immer auf den Inhalt der gesamten Sure, sondern sind oft aus den ersten Versen hergeleitet.

b) Der Koran ist nicht chronologisch, sondern hauptsächlich nach der Länge der Suren gegliedert. Diese Tatsache erschwert die Berücksichtigung des geschichtlichen Hintergrundes, zumal der Inhalt der Suren nicht immer eindeutig ist und mehrere Verse in späterer Zeit durch Zusätze ergänzt worden sind.

c) Der Koran selbst schafft uns bei der Exegese Schwierigkeiten. Deutlich wird dies in Sure 2, 100, wo es heißt: "Was wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit bringen, wir bringen bessere oder gleiche dafür." Das Verfahren der Abänderung wird als "Abrogation" bezeichnet und ist zu einem Sachgebiet, innerhalb der islamischen Theologie geworden. Insgesamt 225 Koranverse sind davon betroffen[5].

2.2 Deutsche Koranausgaben

In dieser Arbeit wurden die deutschen Koranausgaben von Henning und Paret ausgewertet. Dabei erwies sich, daß die Paret'sche Ausgabe sinngemäß, die Henning'sche wörtlich das Original übersetzt.

Sämtliche Zitate und die Zählung der Verse in dieser Arbeit richten sich nach der Ausgabe von Henning.

2.3 Die Hadithe

Eine andere Quelle sind die Hadithe. Es handelt sich hierbei um Aussprüche Mohammeds und seiner engsten Anhänger, sowie um Aussprüche über Mohammed in denen islamische Positionen zu bestimmten Sachgebieten klar werden sollten. Meist sind die Hadithe Erörterungen an einem Einzelfall[6], woraus die Theologen Verallgemeinerungen abgeleitet und somit das Rechtssystem erweitert und entwickelt haben. In der islamischen Theologie ist die Anwendung der Hadithe neben dem Koran eine legitime Quelle.

Praktisch jede theologische Richtung kann mit ihnen untermauert werden, da sie sehr vielfältig und auch widersprüchlich sind.

2.4 Die Dichtung

Besonders für die frühislamische Zeit kann die Dichtung als Quelle angesehen werden, zumal in dieser Zeit der Dichter bzw. Redner eine geistig führende Rolle spielte[7]. Für die heutige Zeit liegt die Schwierigkeit darin, daß die Dichtung der damaligen Zeit erst sehr viel später schriftlich fixiert wurde, wobei Überarbeitungen nicht auszuschließen sind.

3. Abriß der historischen Situation in Arabien

3.1 Vorislamische Zeit

3.1.1 In Südarabien

Der Süden[8] ist klimatisch gekennzeichnet durch ausreichende Niederschläge, was zu einer dichten Besiedelung führte. Es wurden große Stauseen angelegt und in den Anbaugebieten wurde bevorzugt Weihrauch und Myrrenstrauch gepflanzt. Südarabien war ein wichtiger Umschlagplatz für den Handel zwischen Ägypten und Syrien einerseits und Ostafrika und Indien andererseits, und somit ein Ausgangszentrum für Karawanenstraßen. Südarabien war schon seit dem 1. Jahrtausend vor Chr. in Staaten aufgeteilt, sog. Stadtstaaten, in denen priesterliche Könige für Ordnung sorgten.[9] Der Mächtigste war der sabäische Staat. Diese einzelnen Staaten wiesen eine abgeschlossene Sprache und Kultur auf, die sich bis ins 6. Jh. halten konnte, dann folgte ihr Niedergang.

Dazu zwei unterschiedliche Begründungen:

Eine Seite nimmt an[10], daß schon seit dem 2. Jh. v. Chr. eine Auswanderung aus Südarabien stattgefunden hat, deren Folge die Verlegung der Kulturzentren nach Westen war und dadurch gleichzeitig die Stauwerke vernachlässigt wurden, was wohl auch den letzten und entgültigen Bruch des Staudammes Ma rib zur Folge hatte.

Eine andere Ansicht ist die, daß es erst dann zu der Auswanderung aus Südarabien gekommen ist, als der Staudamm schon gebrochen war[11]. Dagegen spricht allerdings, daß schon sehr früh südarabische Namen und Stammesnamen am Norden auftauchten wie Ma di, Karib und Suhrabil.[12]

Zur Zeit Mohommeds befand sich Südarabien wieder auf der Stufe der Nomadenwirtschaft. Das Land hatte seine frühere Kultur, die von einem starken religiösen Leben mit stark theokratischen Zügen geprägt war, verloren, sodaß hier seiner Lehre kein großer Widerstand entgegengesetzt wurde.

3.1.2 Nordarabien

Hier befanden sich einige Randstaaten, die zunächst bis 520 v. Chr. stark unter persischem Einfluß standen, dann weitgehend selbständig existierten, wobei das Königreich der Nabatäer, gegründet im 2. Jh. v. Chr., das bedeutendste bis zum Jahre 106 v. Chr. war, als der römischeKaiser Trajan den nördlichen Teil dieses Staates zur römischen Provinz Arabien mit der Hauptstadt Basre machte. Diese Staaten beherrschten den gesamten nordarabischen Karawanenhandel. Das religiöse Leben war geprägt von der arabischen Lehre von den drei Gottheiten: dem Hauptgott Dusares mit der Göttermutter Allat und den Schicksalsgöttinnen Manat und Hual al Uzza.

Die Besatzungspoltik der Römer kann man als den Anfang des Niedergangs der eigenen einheimischen Staatsstruktur und somit auch der Gesellschaftsform und Kultur ansehen. Zur Zeit Mohammeds herrschten hier mehr oder weniger die gleichen Zustände wie in Südarabien, das heißt es existierte eine in Stämmen organisierte Gesellschaft.

3.1.3 Innerarabien

Hier befinden wir uns im eigentlichen Geburtsort des Islam. Dieses Gebiet besteht hauptsächlich aus einer Wüstenlandschaft, in der es manchmal bis zu zehn Jahre nicht regnet und nur im Westen einen schmalen Streifen hat, wo seßhafte Lebensweise mit Ackerbau möglich ist. In der Wüste gab es einige Oasensiedlungen wie Mekka, Medina und Ta if, die sich zu wichtigen Handels- und Kulturzentren entwickelten. Hier lebten neben Nomaden, die in Stämmen organisierten Familien, die sich von den Geldern der Teilnehmer an Pilgerfahrten zu den Kultstätten der arabischen Gottheiten (z.B. in Mekka die Kaaba) und von Handelsmessen- und -märkten ernährten.

Die Beduinen selbst lebten:

1. von der Kamel- und Pferdezucht, wobei das Kamel als Nahrungsquelle, Transportmittel und als Verkaufsgegenstund an Händler bestimmt war;
2. von der Jagd[13] ;
3. von den Geldern, die sie sich für den Durchgang von Karawanen durch das von ihnen kontrollierte Gebiet bezahlen ließen;
4. nicht zuletzt von den immer wiederkehrenden Raubzügen gegen die seßhaften Bewohner aus wirtschaftlichen Gründen (bei lang anhaltender Trockenheit) und außerdem von den Jhazwes (dt. Razzien[14] ) zwischen einzelnen Stämmen, bei denen es nur um die Erlangung materieller Güter ging, möglichst ohne dabei Menschen zu töten.

Die Beduinen waren in Stämmen organisiert, die entweder auf Blutsverwandtschaft oder auf Eidgenossenschaft beruhten, die gleich starke Bindungen schuf. Über den Stämmen gab es keine Zentralinstanz. Es kam aber vor, daß sich Stämme für eine absehbare Zeit zu einem bestimmten Zweck zusammenschlossen.

Jeder Stamm hatte einen Anführer, jedoch wurden wichtige Entscheidungen gemeinschaftlich in Versammlungen beschlossen.[15]

Der Stammesführer (saijid), der meist sehr reich sein mußte, um z. B. seine Staatspflichten erfüllen zu können, war meist ist ein Würdenträger und galt als Wortführer bei Verhandlungen mit anderen Stämmen. Wirkliche Autorität herrschte nur in der Familie, wo der Vater bedeutende Macht selbst über die männlichen Angehörigen ausübte. Die Familie wurde durch das Stammesbewußtsein zusammengehalten, welches dem einzelnen anstelle der fehlenden politischen Organisation Schutz gewährte, da der Araber außerhalb des Stammes schutz- und rechtlos war. Das Stammesbewußtsein tritt deutlich bei der Blutrache hervor, die nur in einigen Fällen durch eine Geldzahlung ersetzt werden konnte.[16] Der positive Aspekt der Blutrache war ihre abschreckende Wirkung (Generalprävention), die jedoch durch die Tatsache eingeschränkt wurde, daß die Blutrache sich nicht nur auf den wirklichen Täter, sondern auch auf seine Angehörigen mit Ausnahme der Frauen erstreckte, und dadurch eine weitere Rache nach sich ziehen konnte (Stammesfehde). Außerdem wurde jede Tötung gleichsam mit Blutrache bestraft, egal ob sie absichtlich oder fahrlässig geschah.[17]

Zwei Institutionen, die die Blutrache etwas milderten, waren das Giwarverhältnis (heiliges Prinzip der Gastfreundschaft)[18] und das Asylrecht, das heißt Recht der Zuflucht für den Täter bei einem Heiligtum[19] oder bei einer Frau.[20]

Das Eigentum der Nomaden bestand an Herden, Waffen und Zelten.[21]

Die Viehweiden wurden gewohnheitsmäßig benutzt, nur in Ausnahmefällen beanspruchte ein mächtiger Häuptling ein bestimmtes Gebiet für sich.

Jeder Stamm verehrte eine eigene Hauptgottheit und mehrere andere Gottheiten, die zu bestimmten Jahreszeiten oder in bestimmten Situationen angerufen wurden (Sure 71, 22ff; 41, 37).

Verehrt und besucht wurden die als Wohnort der Götter angesehenen Heiligtümer, die aus Steinen, Felsen oder Bäumen bestanden, oder Gotteshäuser, wie z.B. die Kaaba in Mekka, in der Götzenbilder aufgestellt waren und Opfer gebracht wurden.

Allgemein steht fest, daß für die Beduinen die Religion weniger Bedeutung hatte, abgesehen vielleicht von den Städten wie z.B. Mekka, wo mit der Ausübung der Religion (Pilgerfahrten zu Heiligtümern) bestimmte materielle Vorteile verbunden waren. Die Beduinen hatten vielmehr moralische Ideale, die unabhängig von der Religion existierten wie z.B. die moruwa (Mannhaftigkeit), welche Ausdauer, Treue, Großzügigkeit und Gastfreundschaft implizierte, und die ird (Ehre), die aus ihrer Stammesorganisation entstanden sind.[22]

Der Mensch steht damit nur unter den Gesetzen des Stammes und der Macht des Schicksals (dahr).[23]

Durch den zunehmenden Handel vor allem zwischen Südarabien und dem byzantinischen Palästina, an dem die Beduinen als Organisatoren der Karawanen stark beteiligt waren, verbesserte sich ihre wirtschaftliche Lage. Sie wurden teilweise seßhaft, nahmen verstärkt an den aufkommenden Geldgeschäften (früher nur Tauschhandel) teil, was zur Folge hatte, daß die Stammeszugehörigkeit ihre ursprüngliche Bedeutung verlor. An ihre Stelle trat der wirtschaftliche Konkurrenzkampf zwischen Individuen bzw. Interessengemeinschaften[24]. Dabei entstanden neue Werte, bei denen das Individuum und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt standen. Gerade das Judentum und Christentum vertraten diese Werte. Beide waren mehr oder weniger stark in Arabien verbreitet (Sure 22, 41; 5, 85; 9, 31). Einer Annahme dieser Religion von Seiten der Araber stand jedoch entgegen, daß dies einer politischen Parteinahme gleichgekommen wäre. Deshalb wuchs das Bedürfnis nach einer autoritativen arabischen Religion.

3.2 Urislamische Zeit (bis 660)

Zur Zeit des Auftretens Mohammeds drückte sich die Klage überdie unbefriedigenden religiösen und gesellschaftlichen Zustände vor allem in der Dichtung aus.[25] In Sure 45, 23 wird von dieser Stimmung berichtet. Deshalb verwundert es nicht, daß gerade zu dieser Zeit nicht wenige Menschen aufbrachen, um nach einer neuen Religiösität zu suchen: Asketen, Gottsucher und Propheten.[26] Der Überzeugendste, der, im Gegensatz zu seinen wahrheitssuchenden Zeitgenossen, die 'gefundene' Wahrheit auch verbreitete, war Mohammed ibn Abdallah, geboren um 570 in Mekka. Er verlor sehr früh seine Eltern[27] und wuchs im Hause seines Onkels Abu Talib auf, der ihn auf seine Handelsreisen mitnahm. Später nahm ihn die wohlhabende 40-jährige mekkanische Händlerin und Witwe Chadidja in ihre Dienste, die er dann im Alter von 25 Jahren heiratete. Sie unterstützte ihn ökonomisch und leistete ihm immer seelischen Beistand. So lange sie lebte, heiratete er keine andere Frau. Im Alter von 40 Jahren erhielt er die erste Offenbarung[28], wodurch er sich selbst zum Propheten erklärte. Seine ersten Anhänger waren seine Frau Chadidja, der Sohn Abu Talibs Ali, Abu Bakr, sein späterer Nachfolger und sein Sklave Saik ibn Harith. In Mekka befaßten sich Mohammeds Offenbarungen mit der Grundlehre des Islams (Monotheismus) sowie der Warnung vor dem kommenden Gericht, mit Paradies- und Höllenvorstellungen und mit der auf das Jenseits ausgerichteten Lebensweise. Weiter behandeln sie auch die Streitigkeiten mit den Ungläubigen[29], die in dem neuen Glauben eine Bedrohung sahen wie z.B. durch den Wegfall der Einnahmen aus den Pilgerfahrten zu den heidnischen Gottheiten in Mekka[30], die Behandlung der Sklaven, die als gegeben angesehen wird[31]. Aufgrund dieser anhaltenden Gegnerschaft wanderte Mohammed um 622 nach Medina aus, wo durch vereinzelte jüdische Stämme und ein Asketentum schon ein für Mohammed günstiges geistiges Klima existierte. Er ließ anfangs zwischen jedem Auswanderer und jedem Madinenser einen Bruderschaftsbund schließen und verkündete später die Gemeindeordnung von Medina, womit die islamische Gemeinde (umma) konstituiert wurde.[32]

Von da an sprechen die Offenbarungen auch von der praktischen Durchsetzung der neuen Lehre, was sich gegen die Juden, die Mekkaner und andere Ungläubige[33] richtete. Diese führten dann zu den Schlachten gegen Mekka, die mit dem Einzug Mohammeds in Mekka um 630 endeten. Aus dieser Zeit, stammen die Suren, die sowohl über Mohammed als Privatperson (Beziehung zu Frauen) als auch als Staatsmann berichten[34].

Nach Mohammeds Tod erhob sich die Frage seines Nachfolgers. Diesen Platz nahm Abu Bakr (632-634) ein, der durch die islamische Gemeinde gewählt worden war. Ihm folgte nach seinem Tod Umar ibn Chattab (Schwiegervater Mohammeds 634-644), unter dem der Islam seine größte Verbreitung fand. Nach seiner Ermordung regierte Uthmann (644-656)[35], der die Offenbarung Mohammeds einsammeln und niederschreiben ließ. Als letzter echter Theokrat kam der bereits erwähnte Ali (Schwiegersohn Mohammeds) zur Macht (656-660).

4. Entwicklung der Stellung der Frau

4.1 Im Vorislam

4.1.1 Allgemeine Einführung

"Ein Zelt, an das der Wüste Winde schlagen

ist lieber mir als der Paläste Ragen

ein hart Kamel im freien Feld zu reiten

ist lieber mir als Maultiers sanftes Schreiten"

heißt es bei Maisun, Gemahlin des 5. Kalifen Muáwija, beduinischer Herkunft[36] worin der Unterschied zwischen Stadt und Wüste ausgedrückt ist.

In der Literatur über die Frau im Vorislam wird von einzelnen Frauen berichtet, die als Dichterinnen, Händlerinnen und Wahrsagerinnen wie z.B. Chadidja oder die Prophetin Sagah in den Städten auftraten. Ohne konkrete Nachweise anzugeben, behauptet Klaus Timmes ähnliche, für die Beduinenfrauen und ihre Stellung[37], was aber auf Grund der spezifisch beduinischen Gesellschaftsstruktur kaum möglich ist[38]. Vielmehr wird die Stellung der Beduinin durch ihre konkrete Arbeitsleistung bestimmt, die vor allem aus der Bewirtschaftung des Zeltes bestand, als dessen Besitzerin sie auftrat[39], was zumindest einge Autoren als Anzeichen für ein früheres Matriarchat sehen. Ohne Zweifel existieren bei manchen Stämmen Matrilokalität und infolge einer bestimmten Eheform auch Matrilinarität.

Auch wissen wir von weiblichen Gottheiten, so die bereits erwähnten Töchter Allahs im Koran Sure 6, 100-153, 19-21, die Benennung von Engeln mit weiblichen Namen in Sure 53, 28 und die Benennung der Stadt Mekka als Mutter der Städte in Sure 42, 6. Hinzu kommt, daß die heiligen Bücher von einem Urbuch namens 'Mutter der Schrift' hinabgesandt sind (Suren 43, 3; 3, 5; 13, 39). Gleichzeitig sind sich die Autoren einig, daß das Patriarchat als Herrschaftsausübung innerhalb der Familie und der Stammesordnung vorherrschend war[40], besonders in den Städten in Form von Polygynie[41].

Über die Beduinen werden zwei Ansichten vertreten: daß die Polygynie für die Erhaltung und Stärkung des Stammes notwendig war, und daß die schlechte wirtschaftliche Lage der Beduinen nur die Monogamie erlaubte, wobei es sicher Unterschiede zwischen ärmeren und reicheren Stämmen gab.[42]

Außer den freien Frauen gab es sowohl in der Stadt als auch in der Wüste neben den männlichen auch weibliche Sklaven, deren ungünstige Stellung sich z.B. in der Ungültigkeit einer Ehe zwischen ihnen und einem Freien ausdrückte.[43]

4.1.2 Intime Beziehungen zwischen Mann und Frau

Auch die Eheformen beinhalten sowohl patriarchalische als auch matriarchalische Züge.[44]

4.1.2.1 Eheverträge

Vorherrschend war die die sogenannte ba al-Ehe (ba al = Herr der Frau), wobei der Vater der Braut die elterliche Gewalt gegen Erhalt eines Brautgeldes (mahr) an den Bräutigam abgibt, ohne daß ihr Einverständnis maßgebend ist. Der Mann konnte die Frau jederzeit verstoßen, diese kehrt dann zum Stamm ihres Vaters zurück. Die Kinder blieben immer bei dem Stamm des Mannes. Daneben gab es die mnikah as-sigar, wo zwei Väter oder Vormünder die Heirat der Kinder bzw. Mündel vereinbarten. In diesem Fall entfiel die Morgengabe, da die Ansprüche sich gegenseitig aufhoben.

Erlaubt war ferner die Ehe zwischen einer Witwe und ihrem Stiefsohn (nikah ad-daizan oder nikah al-maqt). Beides wurde später verboten.

Besonders bei den Stadtbewohnern[45] war die muta-Ehe (Zeit- bzw. Genußehe) die für eine Mindestdauer von drei Tagen geschlossen wurde, verbreitet. Der Koran befürwortet diese Art der Ehe in Sure 4, 24-25; 4, 28.

Die Sunniten sehen das Verbot der muta-Ehe begründet in hadiths[46], während die Schiiten sie für erlaubt halten[47]. Verboten war in dieser Zeit nur die Ehe zwischen einem Mann und seiner Mutter, seiner Schwester und seiner Tante (väterlicher- als auch mütterlicherseits), sowie zwischen einem Mann und zwei Schwestern einer anderen Familie, was vom Koran übernommen wurde.[48]

4.1.2.2 Scheidung

Die gewöhnliche Art der Scheidung war die Verstoßung (at-talagh) der Frau[49]. Eine Wiederheirat derselben Frau war erst nach dreimaliger Verstoßung ausgeschlossen[50], was durch ein Gedicht von Al-A'sa beschrieben wird.[51]

Weiter konnte der Ehemann durch einen Enthaltsamkeitsschwur gegenüber seiner Frau die Ehe de facto beenden, als Vertrag blieb sie weiter bestehen, bis der Mann sich ihr wieder zuwandte oder sich endgültig von ihr trennte[52].

Außerdem bestand die Möglichkeit einer Scheidung durch den Ausspruch: "Du bist mir wie der Rücken meiner Mutter", wodurch die Ehe sofort und endgültig geschieden wurde. Im Koran (Sure 58, 1-5) wird diese Art der Scheidung jedoch als verwerflich angesehen.[53]

Von Seiten der Frau war die Scheidung möglich durch Entrichtung einer Summe an ihren Mann, um ihn dadurch zur Scheidung zu bewegen.[54]

4.1.2.3 Außereheliche Beziehungen

Wir finden einmal die Prostitution, wobei die väterliche Abstammung der Kinder einer Prostituierten von einer Wahrsagerin ermittelt wurde. Der so ermittelte Mann mußte die Vaterschaft anerkennen. Gab es den Beischlaf einer Frau mit mehreren Männern, bestimmte die Frau bei Geburt eines Sohnes den Kindsvater aus dieser Gruppe. Daneben gab es den Austausch von Ehefrauen (nikah al-badal), und den Beischlaf einer Ehefrau mit einem Mann zwecks Erzeugung von besonders qualifizierten Nachkommen[55].

Als letzte Form ist die Sadiga-Verbindung (nikah al-hida) zu nennen, die auf freiwilliger gegenseitiger Liebe und Treue von Mann und Frau beruht, jedoch ohne das Sakrament der Ehe.

Möglicherweise hatten die Prophetin Sagah und der Prophet Musailima eine derartige Verbindung.[56]

4.1.3 Verschleierung

Die meisten Autoren nennen in Bezug auf die Verschleierung fast nur den Koran (Sure 33, 59; 24, 30) und schließen daraus, daß Mohammed als Reaktion auf sehr freie Kleidungssitten einschränkende Vorschriften erließ.[57]

Das Bild, das man sich machen kann, enthält einerseits die vornehmen Frauen in den Städten, die, entsprechend der damalig vorherrschenden Mode Schleier trugen, und andererseits die einfache Frau, die entsprechend ihrer Tätigkeit und den klimatischen Verhältnissen frei gekleidet war.[58] Dieser Rückschluß ist aus Sure 33, 59 zu ziehen, wo Mohammed zur Verhüllung seiner Gattinnen und den Frauen der Gläubigen aufruft, damit sie sich von den Ungläubigen und Sklavinnen (Sure 33, 55) unterscheiden lassen[59].

4.1.4 Gesellschaftliche Tätigkeiten der Frau

Frauen waren in unterschiedlicher Weise am sozialen Leben beteiligt. So besuchten Frauen wie Männer die Kranken und zogen auch gemeinsam in die Schlachten, wo die Frauen den Mut und die Tatkraft der Männer durch Gesänge und Verse verstärken sollten[60]. Sie bewirteten die Gäste[61], wirkten als Zauberinnen[62], was in der vorislamischen Religion eine große Rolle spielte, und vollzogen die Totenklage, wobei die Schwestern den Bruder beklagten[63] und nur selten die Gattin den Gatten[64].

Die Tätigkeiten der Beduinenfrau ergeben sich aus der nomadischen Lebensweise. Als Besitzerin des Zeltes hatte sie folgende Aufgaben: Aufschlagen und Abbrechen des Zeltes gemeinsam mit ihren Töchtern, die Essenszubereitung mit den damit verbundenen Aufgaben des Wasser- und Brennstoffholens, das Melken und Hüten des Kleinviehs (Schafe und Ziegen), die Verarbeitung ihrer Wolle[65], das Gerben der Häute und die Verarbeitung des Leders.[66] Man kann auch annehmen, daß sie eigene Herden besaß.[67]

[...]


[1] Timm/Aalami (1976), S. 18; Khalid (1979), S. 37.

[2] Buhl (1961), S. 73; Becker (1924), S. 7f.

[3] Richter-Dridi (1981), S. 36; Gottschalk (1971), S. 26f; Timm/Aalami (1976), S. 19.

[4] Watt (1980), S. 48.

[5] Watt (1980), S. 167.

[6] Glasenapp (1963), S. 319.

[7] Gottschalk (1971), S. 15; Schamah (1968), S. 16. Dagegen stehen die Koranstellen 26, 224-226, in denen die meisten Dichter als Lügner bezeichnet werden.

[8] Im Altertum auch das glückliche Arabien genannt.

[9] Prophyläen Weltgeschichte Band 5, S. 533.

[10] Dietrich (1966), S. 302 und Buhl (1961), S. 26.

[11] Buhl (1961), S. 26. Glaser (1976) . Auch der Koran berichtet von diesem Ereignis.

[12] Buhl (1961), S. 26.

[13] Buhl (1961), S. 47.

[14] Der Begriff Razzia wird auch von den Moslems für die Kriege benutzt, die Mohammed persönlich geführt hat.

[15] Inwieweit Frauen daran beteiligt waren bleibt unklar, auch bei Richter-Dridi (1981), die im allgemeinen die gute Stellung der Frau im Vorislam betont, finden wir nichts darüber.

[16] Buhl (1961), S. 35.

[17] Buhl (1961), S. 36.

[18] Buhl (1961), S. 37.

[19] Buhl (1961), S. 38.

[20] Richter-Dridi (1981), S. 34. Siehe auch Anhang 3(?) : Taabaata Scharran "Aus der Totenklage um seinen Oheim" S. #?41 und Hatim At-Ta'i, "An sein Weib" S. #?42.

[21] Buhl (1961), S. 46.

[22] Watt (1980), S. 42 nennt dies den Stammeshumanismus.

[23] Watt (1980), S. 43 meint, die Übersetzung von 'dahr' mit 'Zeit' sei exakter, d.h. "der Mensch im Lauf der Dinge". Buhl (1961), S. 92. Dichtung von Imra al-Qais/ Al Chansa (S. 44?? im Anhang) spricht über die Unsicherheit des Lebens, die Macht des Schicksals, wodurch die wachsende Bedeutungslosigkeit der altarabischen Religion betont wird. (Kellerhals (1981), S. 24; Koran Sure 9, 98; 49, 14).

[24] Rodinson (1917), S. 43f.

[25] Buhl (1961), S. 91.

[26] Buhl (1961), S. 96. Dazu gehörte auch eine Prophetin Sagah bint al-Harit.

[27] Sure 93, 6-8.

[28] Sure 96, 1-5.

[29] Sure 111.

[30] Kellerhals (1981), S. 32.

[31] Lexikon islamische Welt, S. 110 und Sure 43, 31.

[32] Sure 49, 19 und in der Abschiedspredigt S. 237.

[33] Sure 8, 40.

[34] So z.B. Sure 58, 13, die besagt, daß dienjenigen, die mit Mohammed sprechen wollen, die Spende eines Almosens (soweit möglich) verlangt wird, sowie Sure 33, 53, die verbietet, die Frauen Mohammeds nach dessen Tod zu heiraten.

[35] Gottschalk (1971), S. 27.

[36] Gundert (1968), S. 44.

[37] Timm/Aalami (1976), S. 17.

[38] Richter-Dridi (1981), S. 34.

[39] Richter-Dridi (1981), S. 34.

[40] Richter-Dridi (1981), S. 32.

[41] Auch Polyandrie, welche von den Muslimen als Prostitution bezeichnet wurde.

[42] Es könnte so gewesen sein, daß Ärmere im Gegensatz zu den Reicheren monogam lebten. Lexikon islamische Welt, S. 209.

[43] Buhl (1961), S. 46.

[44] Schamah (1968), S. 20.

[45] Richter-Dridi (1981), S. 32.

[46] Maulana (1950), S. 110.

[47] Motahari (1982), S. 51.

[48] Sure 4, 26-27.

[49] Wenn beide fürchten Allahs Gebote nicht einhalten zu können, konnte sich die Frau loskaufen, in dem sie dem Ehemann etwas von der Hochzeitsgabe, die er ihr gezahlt hatte, zurückgab. Sure 2, 229 und Fußnote 55 bei Henning (1960), S. 57.

[50] Nach Sure 2, 230 mußte die Frau dann zunächst einen anderen Mann heiraten, und konnte nach der Scheidung von diesem, wieder den vorhergehenden Mann erneut heiraten.

[51] siehe Anhang II. Nr. 7, S. #? . Schamah (1968), S. 23.

[52] Der Koran begrenzt diesen schwebenden Zustand in Sure 2, 226 auf 4 Monate.

[53] Schamah (1968), S. 23 behauptet, daß sie im Islam für ungültig erklärt wurde.

[54] Schamah (1968), S. 23.

[55] Schamah (1968), S. 21.

[56] Buhl (1961), S. 99 f.

[57] Es herrschen unterschiedliche Meinungen darüber, ob der Schleier in Arabien bereits bekannt war; Richter-Dridi (1981), S. 66 lehnt diese Vermutung ab; Buhl (1961), S. 43-44, Schamah (1968), S. 49 und Hartmann (1909), S. 14, vertreten die Ansicht, daß der Schleier bereits bekannt war und sogar teilweise getragen wurde.

[58] Timm/Aalami (1976), S. 19/20 und Maulana (1950) S. 659.

[59] Sure 33, 59: "So werden sie eher erkannt" als anständige Frauen.

[60] Buhl (1961), S. 37 und Heiler (1977), S. 77.

[61] Buhl (1961), S. 37.

[62] Sure 113, 4.

[63] Anhang II, Gedicht von Al-Chansa (Nr. 3) und Safijja von Bahila (Nr. 4).

[64] Heiler (1977), S. 77.

[65] Richter-Dridi (1981), S. 34.

[66] Lexikon der islamischen Welt, S. 210.

[67] Rückschluß aus der Scheidungsformel "Ich will nicht länger deine Herde hüten". Richter-Dridi (1981), S. 31.

Excerpt out of 45 pages

Details

Title
Zur Stellung der Frau im Ur-Islam
College
University of Marburg
Grade
2,0
Author
Year
1983
Pages
45
Catalog Number
V192302
ISBN (eBook)
9783656172321
ISBN (Book)
9783656172178
File size
577 KB
Language
German
Notes
Es handelt sich hauptsätzlich um die Stellung der Frau im Koran in allen Fasseten.
Tags
stellung, frau, ur-islam
Quote paper
Eskandar Abadi (Author), 1983, Zur Stellung der Frau im Ur-Islam, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192302

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Title: Zur Stellung der Frau im Ur-Islam


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