„Bildung ist unser wertvollster Rohstoff, der Schlüssel zu Wachstum und Wohlstand sind Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft. Möglichst gleiche Bildungschancen für alle sind zudem unabdingbar für den Zusammenhalt unseres Gemeinwesens“ . Dieses Zitat stammt von dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Josef Ackermann, und hebt die immense Bedeutung der Bildung und Ausbildung der Kinder in der modernen Gesellschaft hervor. Zudem wird die Chan-cengleichheit von Ackermann als essentiell für das solidarische Miteinander betrachtet. In dieser Hinsicht stellt sich die Frage, welchen Beitrag das Privatschulwe-sen in Deutschland zu dieser Forderung beiträgt.
Das öffentliche Interesse an Bildung hat in den letzten Jahren in Deutschland stetig zugenommen. Beginnend mit der frühkindlichen Bildung („Frühförderung“) sorgen sich Eltern um die bestmögliche Ausbildung ihrer Kinder und das damit assoziierte Kindeswohl. Dies zeigt sich allein dadurch, dass 75% der Eltern den Schulab-schluss ihres Kindes als „sehr wichtig“ einstufen . Mit dieser erhöhten Sensibilität der Eltern geht ein Vertrauensverlust des staatlichen Schulsystems einher, wie Henry-Huthmacher schreibt: „Die Mehrzahl der Eltern hat wenig Vertrauen in das öffent-liche Bildungssystem“ . Jedoch ist dem Großteil der Eltern „die Bedeutung von Bildung und Schule als der zentralen Zuweisungsstelle von sozialen Lebenschancen“ bewusst.
Die Konsequenz aus dieser Bewertung spiegelt sich in der Tatsache wider, dass Eltern die Selbstinitiative ergreifen und sich unabhängig vom öffentlichen Bildungsauftrag persönlich um die Förderung ihrer Kinder bemühen. Die zunehmende Nachfrage nach privaten Bildungseinrichtungen, sei es nach Privatschulen oder privaten Nachhilfeeinrichtungen, und der damit einhergehende Stärkung des dritten Sektors gelten als Zeugnis dieser (bedrohlichen) Entwicklung.
Paradoxerweise spielt der Privatschulbereich in der Bildungsforschung bislang jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Diesbezüglich spricht Manfred Weiß von einer „Terra incognita“ .
Auf Grund dessen orientiert sich diese Arbeit an folgenden Leitfragen: Gibt es tatsächlich eine rapide ansteigende Zunahme von Privatschulen? Geht diese Entwicklung mit den PISA-Ergebnissen einher? Sind Privatschulen tatsächlich „besser“ als die staatlichen Schulen? Was sind die wirklichen Beweggründe für Eltern ihre Kinder an einer privaten Einrichtung unterrichten zu lassen?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ARBEITSGRUNDLAGE UND METHODOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN
3. DIE PRIVATSCHULE IM DEUTSCHEN SCHULWESEN – RECHTLICHE GRUNDLAGEN
3.1 ERSATZSCHULEN
3.1.1 Akzessorietät der Ersatzschule
3.1.2 Genehmigungsbedingungen
3.1.3 Anerkennung der Ersatzschule
3.1.4 Staatliche Alimentierung der Ersatzschulen
3.1.5 Schulaufsicht über Ersatzschulen
3.2 ERGÄNZUNGSSCHULEN
3.3 TRÄGERORGANISATIONEN
3.3.1 Konfessionelle Schulen
3.3.2 Schulen mit reformpädagogischer Prägung
3.3.3 Privatschulen des VDP
3.3.4 Internationale Schulen
3.3.5 Sonstige Privatschulen
4. LEGITIMATION UND FUNKTIONEN DES PRIVATSCHULWESENS
4.1 LEGITIMATION DES PRIVATSCHULWESENS
4.2 DIE FUNKTIONEN DER PRIVATSCHULEN IM DEUTSCHEN SCHULWESEN
4.2.1 Die soziale Funktion
4.2.2 Die pädagogische Funktion
4.2.3 Die gesellschaftliche Funktion
5. DER BOOM DER PRIVATSCHULEN – MYTHOS ODER REALITÄT?
5.1 STATISTISCHE DATEN
5.1.1 Privatschulen
5.1.2 Privatschüler
5.1.3 Verteilung nach Bundesländer
5.1.4 Trägerorganisationen
5.1.5 Schularten
5.1.6 Mädchen-Jungen-Relation an Privatschulen
5.1.7 Klassenstärke
5.1.8 Ausländeranteil
5.1.9 Privatschüler nach sozio-ökonomischen Merkmalen der Eltern
5.1.10 Bildungshintergrund der Eltern
5.2 AUSWERTUNG
5.3 ZWISCHENFAZIT
6. DAS 'VERSAGEN' DER STAATLICHEN SCHULEN
6.1 INTERNATIONALE UNTERSUCHUNGEN
6.2 NATIONALE UNTERSUCHUNGEN
6.2.1 Schülerzusammensetzung
6.2.2 Leistungsvergleich
6.2.2.1 Realschulen
6.2.2.2 Gymnasien
6.2.2.3 Mädchenschulen
6.2.3 Verteilung auf Klassenstufen
6.2.4 Die Privatschulen als Spiegelbild der staatlichen Schulen?
6.3 ZWISCHENFAZIT
7. DIE EXPANSION DER PRIVATSCHULEN UND IHRE URSACHEN
7.1 STRUKTURWANDEL DER FAMILIE
7.1.2 Herausforderung Elternschaft
7.1.3 Bildungsdruck
7.2 BILDUNG ALS DIENSTLEISTUNG
7.2.1 Privatschulfreiheit
7.2.2 Liberalisierung des Bildungsmarktes
7.3 ZWISCHENFAZIT
8. FAZIT
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht das Phänomen des "Booms" von Privatschulen in Deutschland seit der PISA-Studie 2000. Das primäre Ziel ist es, den vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem schlechten Abschneiden staatlicher Schulen und dem Wachstum des privaten Bildungssektors wissenschaftlich zu prüfen, indem die Entwicklung statistisch analysiert und mit der Wahrnehmung der Eltern sowie Expertenmeinungen in Beziehung gesetzt wird.
- Quantitative Entwicklung des deutschen Privatschulwesens von 1992 bis 2009.
- Analyse des "PISA-Effekts" auf die Nachfrage nach privaten Bildungsangeboten.
- Untersuchung der Beweggründe von Eltern für die Wahl einer Privatschule (Bildungsdruck, Wunsch nach Elitenbildung).
- Kritische Beleuchtung der Leistungsfähigkeit von Privatschulen im Vergleich zu staatlichen Schulen.
- Rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen (Privatschulfreiheit, Ökonomisierung der Bildung).
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Genehmigungsbedingungen
Erste Grundvoraussetzung zur erfolgreichen Genehmigung einer Ersatzschule besteht in der Gleichwertigkeit der Lehrziele. Aus diesem Grund müssen sich Ersatzschulen „die Bildungsziele der entsprechenden öffentlichen Schulart in ihren wesentlichen Merkmalen zu eigen machen“. Diese Auslegung verstärkt das von Weiß skizzierte Bild von der Privatschule als Spiegelbild der staatlichen Schule. Dessen ungeachtet konstatiert Klein, dass die Ersatzschulen, abgesehen von der Gleichwertigkeit der Lehrziele, keiner strikten Bindung zu ihrem öffentlichen Pendant unterworfen sind. Dies zeige sich per exemplum an den Erziehungszielen und Werteordnungen der betroffenen Schulen, die einzig dem Verfassungsgebot verpflichtet sind.
Die zweite Bedingung besteht in der Gleichwertigkeit der Einrichtungen. Der Grundsatz dieser Vorschrift entspricht dem obig genannten Prinzip: Die betroffenen Privatschulen dürfen „in ihrer Organisation und Ausstattung nicht hinter der entsprechenden öffentlichen Schule zurückstehen“.
Selbiges Prinzip gilt darüber hinaus auch für die Ausbildung der Lehrkräfte: die Gleichwertigkeit der wissenschaftlichen Ausbildung der Lehrkräfte muss sichergestellt werden. Nicht nur die staatliche Lehrerausbildung erfüllt diese Prämisse, sondern dies kann in Ausnahmefällen auch durch eine gleichwertige Praxiserfahrung erreicht werden. Ullrich und Strunck deklarieren die drei angeführten Richtlinien komprimiert als „Gleichwertigkeitsgebot“.
Die vierte Bedingung zur erfolgreichen Genehmigung einer Ersatzschule ist die wohl kontrovers diskutierteste: die nicht zu fördernde Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern. Während Kritiker der Finanzierung von Privatschulen in diesem Passus explizit die Benachteiligung der privaten gegenüber den staatlichen Einrichtungen sehen, bemängelt die entsprechende Gegenseite die Umgehung des Sonderungsverbotes seitens der Privatschulen durch die zu verrichtenden hohen Schulgelder. Auf Grundlage der Urteile verschiedener Landes- und Bundesgerichte zur Verhältnismäßigkeit der Schulgelder, kristallisiert sich ein angemessenes Schulgeld von ca. 150 – 250 Euro heraus.
Als letzte Kondition gilt es die Sicherung der wirtschaftlichen und rechtlichen Stellung der Lehrkräfte zu garantieren. Zweck dieser Bestimmung ist einerseits der Schutz vor mangelhaften Bildungseinrichtungen und andererseits die Garantie für die Lehrkräfte gemäß ihrer beruflichen Stellung vergütet zu werden. Dies indiziert jedoch wiederum nicht eine Gleichstellung der Lehrkräfte von privaten Schulen in zentralen Bereichen mit ihrem öffentlichen Pendant. Allein Mindeststandards sind erforderlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet das öffentliche Interesse am Privatschulboom in Deutschland und stellt die zentralen Forschungsfragen zur tatsächlichen Zunahme, der Rolle von PISA und den Beweggründen der Eltern.
2. ARBEITSGRUNDLAGE UND METHODOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN: Dieses Kapitel erläutert die Struktur der Arbeit, die sich in eine rechtliche Basis, eine quantitative Datenanalyse und die Perspektiven von Eltern und Schülern unterteilt.
3. DIE PRIVATSCHULE IM DEUTSCHEN SCHULWESEN – RECHTLICHE GRUNDLAGEN: Es werden die verfassungsrechtlichen Garantien (Art. 7 GG) und die Bedingungen für Ersatz- und Ergänzungsschulen detailliert dargelegt.
4. LEGITIMATION UND FUNKTIONEN DES PRIVATSCHULWESENS: Der Abschnitt diskutiert die sozialen, pädagogischen und gesellschaftlichen Funktionen von Privatschulen und beleuchtet deren Rolle als "Lückenfüller" oder Reservemechanismus.
5. DER BOOM DER PRIVATSCHULEN – MYTHOS ODER REALITÄT?: Basierend auf statistischen Daten des Statistischen Bundesamtes wird untersucht, ob ein tatsächlicher "Boom" messbar ist und ob dieser mit PISA-Ergebnissen korreliert.
6. DAS 'VERSAGEN' DER STAATLICHEN SCHULEN: Dieses Kapitel analysiert das vermeintliche "Versagen" staatlicher Schulen und vergleicht kritisch die Leistungsdaten von privaten und staatlichen Institutionen.
7. DIE EXPANSION DER PRIVATSCHULEN UND IHRE URSACHEN: Die Expansion wird als Folge gesellschaftlicher Strukturwandlungen, veränderter Familienverständnisse und der Ökonomisierung des Bildungssektors erklärt.
8. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass Privatschulen zwar an Bedeutung gewinnen, ein systematischer Leistungsvorsprung jedoch empirisch nicht belegt ist und die Motive der Eltern primär im Wunsch nach Distinktion liegen.
Schlüsselwörter
Privatschulen, PISA-Studie, Bildungsmarkt, staatliches Schulwesen, Ersatzschulen, Schulleistungsvergleich, Elternschaft, Bildungsdruck, Privatisierung, soziale Segregation, Schulträger, Chancengleichheit, Bildungssoziologie, Schulwahlmotive, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den in der Öffentlichkeit wahrgenommenen "Boom" von Privatschulen in Deutschland und analysiert, ob dieser als Reaktion auf die PISA-Ergebnisse und das wahrgenommene "Versagen" staatlicher Schulen zu deuten ist.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die rechtlichen Grundlagen von Privatschulen, die quantitative Entwicklung der Schülerzahlen, die Leistungsvergleiche zwischen privaten und staatlichen Schulen sowie die soziologischen Hintergründe der Schulwahl durch Eltern.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob es tatsächlich eine rapide Zunahme von Privatschulen gibt, ob diese mit PISA-Daten korreliert, ob Privatschulen leistungsmäßig "besser" sind und welche Beweggründe Eltern zur Wahl privater Einrichtungen führen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit stützt sich auf eine deskriptive statistische Analyse amtlicher Daten, die Auswertung bestehender bildungsökonomischer Fachliteratur sowie eigene Interviews mit Eltern und Schülern zur Qualifizierung der Ergebnisse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine rechtliche Einführung, eine detaillierte statistische Analyse des "Booms" anhand von Bundesdaten, eine kritische Auseinandersetzung mit Leistungsvergleichsstudien und eine soziologische Betrachtung der Expansionsursachen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Privatschulfreiheit", "PISA-Effekt", "soziale Differenzierung", "Bildungsdruck", "Ersatzschulen" und das "Versagen des staatlichen Schulsystems".
Gibt es einen klaren Leistungsvorteil bei Privatschulen laut dieser Arbeit?
Nein, die Auswertung der Studien von Weiß und Preuschoff zeigt, dass kein signifikanter Leistungsvorteil von Privatschulen nachgewiesen werden kann, sobald man sozio-ökonomische Faktoren und die Schülerschaft angemessen berücksichtigt.
Warum schicken Eltern ihre Kinder dennoch auf Privatschulen?
Laut der Arbeit spielt der Leistungsaspekt oft eine untergeordnete Rolle. Die Entscheidung ist eher durch den Wunsch nach Wertevermittlung, Distinktion (Abgrenzung von anderen Milieus) und das Vertrauen auf ein vermeintlich besseres Schulklima und Förderkultur begründet.
- Arbeit zitieren
- Martin Köhler (Autor:in), 2011, Privatschulen: Der Einstieg in das Karrierenetzwerk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192328