Die logische Einheit des Ich. Eine Untersuchung von Kants Konzeption personaler Identität


Quellenexegese, 2010

11 Seiten


Leseprobe

Einleitung: Frage nach der transtemporalen Identität von Personen

Das Selbstverständnis des Menschen als eine Person ist im Alltag unproblematisch. Bei Fragen der Art, wann man mit Recht annehmen darf, dass dieselbe Person bestraft wird, die Jahre zuvor eine Straftat begangen hat, oder, ob man einen Serienmörder für unschuldig erklären sollte, wenn er an einer Persönlichkeitsstörung leidet, muss dagegen zunächst geklärt werden, worin das Personsein des Menschen besteht. In der Theorie ist man also mit der Frage nach der transtemporalen personalen Identität (FPI) konfrontiert:

(FPI) Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um von einem X zum Zeitpunkt t1 und von einem Y zum Zeitpunkt t2 sagen zu können, es handele sich um ein und dieselbe Person?

Die FPI ist dabei als eine Erweiterung der Suche nach den wesentlichen Merkmalen der Person zu verstehen - diese Merkmale müssen nämlich in dem Sinne wesentlich sein, dass allein ihr Bestehen über die Zeit hinweg die transtemporale Identität der Person gewährleistet.

In der Dissertation möchte ich mich mit Kants Überlegungen auseinandersetzen, die zu der Beantwortung dieser Frage beitragen könnten.

1. Die zeitgenössische philosophische Debatte zur personalen Identität

Für die zeitgenössische Diskussion personaler Identität ist die Kontroverse zwischen dem psychologischen und physiologischen Ansatz am bedeutendsten.1Laut dem psychologischen Kriterium (1)2ist für das Personsein wesentlich, dass es gewisse Verknüpfungen zwischen einzelnen mentalen Zuständen des Individuums gibt:

(1) Ein X zum Zeitpunkt t1 und Y zum Zeitpunkt t2 sind genau dann ein und dieselbe Person, wenn es

zwischen ihnen eine ununterbrochene Kette von mentalen Zustände gibt.3

Es wird dann weiter diskutiert, wie genau diese ununterbrochene Kette vorzustellen ist. In sog. memory theories wird (1) als Gedächtniskriterium (1*) spezifiziert, indem angenommen wird, dass die Verknüpfung mentaler Zustände auf der Fähigkeit des Sich-Erinnerns beruht:

(1*) Ein X zum Zeitpunkt t1 und Y zum Zeitpunkt t2 sind genau dann ein und dieselbe Person, wenn es zwischen ihnen eine ununterbrochene Kette von mentalen Zuständen gibt, die darin besteht, dass sich Y an X bzw. Xs mentale Zustände (aus der Ersten-Person-Perspektive) erinnert.4

(1*) löst jedoch eine starke Kritikwelle aus. Ins Spiel kommt das Problem des Vergessens: Sind X und Z zwei Personen, nur weil Z vergessen hat, was genau X morgens beim Frühstück gedacht hat? Als Verschärfung dieses Kritikansatzes wurde das Transitivitätsproblem von Berkeley oder Reid formuliert: „(...) a man may be, and at the same time not be, the person that did a particular action.“ (Reid II, S.115) Wenn ich (X) morgens beim Frühstück an mein Exposé dachte und mich (Y) daran nun beim Schreiben des Exposés erinnern kann, bin ich laut (1*) dieselbe Person (X=Y). Gegeben ich (Z) werde mich abends an das Schreiben erinnern, werde ich dann mit meinem jetzigen Ich als Person identisch sein (Y=Z). Habe ich jedoch inzwischen vergessen, woran ich morgens gedacht habe, bin ich (1*) zufolge nicht mehr dieselbe Person wie morgens (X≠Z), was im Widerspruch zur Transitivität der Identitätsbeziehung steht.5Angesichts dieser Einwände differenziert Parfit zwischen dem Kriterium der psychological connectedness (1.a) und der psychological continuity (1.b). Laut ersterem besteht die ununterbrochene Kette in direkten psychischen Verbindungen zwischen den einzelnen mentalen Zuständen des Individuums. Für personale Identität nach (1.b) ist dagegen hinreichend, wenn lückenlos über- lappende Ketten von direkten psychischen Verbindungen bestehen, ohne dass jeder einzelner mentaler Zustand mit allen anderen in einer direkten Verbindung stehen müsste. Diese Vorstellung erlaubt dann eine plausible Verteidigung von (1) gegen die erwähnte Kritik.6Das physische Kriterium (2) hält die Person primär für ein Lebewesen einer bestimmten Art und identifiziert folglich ihre transtemporale Identität mit der des menschlichen Wesens:7

(2) Ein X zum Zeitpunkt t1 und ein Y zum Zeitpunkt t2 sind genau dann ein und dieselbe Person, wenn sie einen numerisch identischen Körper haben, d.h. wenn es zwischen ihren Körpern eine raumzeitliche Kontinuität gibt.

Zwar hat (2) den Vorteil, dass eine Verwechslung von Personen ausgeschlossen ist, weil die Einschreibung des menschlichen Körpers in das raumzeitliche Koordinatensystem eindeutig ist.8Andererseits bleibt fraglich, ob die Reduktion der Person auf ein ausschließlich physisches Objekt Phänomene wie Selbstinteresse, Verantwortlichkeit oder Gefühle erklären kann.

Im Gegensatz zu (1) und (2) behauptet der Nicht-Reduktionismus (3), dass es kein Kriterium für personale Identität gibt. Da sich diese Relation vielmehr nur aus der Perspektive der ersten Person ergibt, ist sie nicht weiter analysierbar ist:9

(3) Personale Identität ist ein „deep further fact“, den man nicht auf irgendein Kriterium reduzieren kann.10

Einen radikal unterschiedlichen Ansatz liefert dann Parfit in Reasons and Persons:

(4) „Personal identity is not what matters.”11

Von philosophischem Interesse ist nicht die numerische Identität, sondern das Überleben der Person. Mit dem Begriff der Person ist Parfit zufolge vereinbar, dass (i) eine Person als zwei Personen weiterlebt oder umgekehrt (ii) zwei Personen zu einer zusammenfließen. Für das Überleben der Person ist die Kontinuität des Bewusstseins im Sinne von (1.b) erforderlich, so dass im Fall (i) eine Aufspaltung des Bewusstseinsstroms und im Fall (ii) ein Zusammenfluss von zu einem Bewusstseinsstrom zu verfolgen ist.12

Parfits Meinung (4), dass numerische Identität der Person irrelevant ist, scheint mir intuitiv unplausibel. (3) liefert keine wirkliche Erklärung. Indem hier das Dasein der Person als eine geheimnisvolle Entität postuliert wird, scheint (3) der FPI eher auszuweichen. Im Gegensatz dazu beantwortet der Reduktionismus die FPI durch die Angabe des Kriteriums.

[...]


1Zum Überblick s. Enzyklopädie Philosophie 2010, Person/Persönlichkeit oder IEP, Personal Identity. Vgl. Parfit 1984, S.203-205.

2Shoemaker 1970, Perry 1970/1972/1975 oder Lewis 1970.

3Vgl. Parfit 1984, Kapitel 10, Paragraph 78.

4Zur allgemeinen Erörterung von memory theories s. Martin 2000, S. 387. Vgl. meine Auseinandersetzung mit der einfachen Erinnerungstheorie für personale Identität (TPI)* in: Masterarbeit, S. 15ff.

5Zur genauer Zusammenfassung der klassischen Kritik s. meine Masterarbeit, Kapitel 2. Hier wurde die Kritik an dem psychologischen Kriterium in beiden Formen (1) und (1*) an dem Beispiel der Butler-Reid-Kritik bezüglich Locke erörtert.

6S. Parfit 1984, S.206.

7Zum klassischen Körperkriterium s. Williams 1970a/1970b. Weitere Variationen auch z.B. bei Wiggins 1979/1980, Ayers 1991, Thompson 1997 oder Snowdon 1995/1996.

8Der menschliche Körper kann nicht aufgespalten oder miteinander verschmolzen werden oder sich zugleich an zwei verschiedenen Stellen befinden. Ein Körper ist also eindeutig in dem raum-zeitlichen System eingeschrieben und die Person dadurch klar individuiert und bestimmt. Vgl. Strawson 1958, S. 38-58. Somit bewältigt (2) einigermaßen die in den Gedankenexperimenten gegen (1) gemacht wurden. Zu klassischen Gedankenexperimenten s. Lockes Beispiele in: Essay II,28 oder Parfit 1984, Kapitel 10.

9Im Allgemeinen s. IEP, Personal Identity, The Simple View. Zur Unterscheidung zwischen Reduktionismus und NichtReduktionismus s. Parfit 1984, S. 223 ff..

10Chrisholm 1970, Swinburne 1984 oder Lowe 1996.

11Parfit 1984, S. 217.

12S. Parfit 1984, Kapitel 12.

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Details

Titel
Die logische Einheit des Ich. Eine Untersuchung von Kants Konzeption personaler Identität
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V192332
ISBN (eBook)
9783656172512
ISBN (Buch)
9783656632962
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Promotionsexposé
Schlagworte
einheit, eine, untersuchung, kants, konzeption, identität
Arbeit zitieren
Radka Tomeckova (Autor), 2010, Die logische Einheit des Ich. Eine Untersuchung von Kants Konzeption personaler Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192332

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