Das eigentliche Hauptthema von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ist nicht die Entwicklung des individuellen Ichs von Franz Biberkopf. Döblin verwendet seinen Protagonisten vielmehr als Musterbeispiel, um anschaulich zu demonstrieren, auf welchen Kausalzusammenhängen die (bürgerliche) Gesellschaft aufbaut:
„Es ist kein Grund zum verzweifeln. [...] Denn der Mann, von dem ich berichte, ist zwar kein gewöhnlicher Mann, aber doch insofern ein gewöhnlicher Mann, als wir ihn genau verstehen und manchmal sagen: wir könnten Schritt um Schritt dasselbe getan haben wie er und dasselbe erlebt haben wie er.“
Inspiriert zu dieser Thematik wurde Döblin durch sein vorheriges Werk, dem Versepos „Manas“, in welchem er Aspekte der indischen Mythologie verarbeitet hat:
„Die Frage, die mir der 'Manas' zuwarf, lautete: Wie ergeht es nun einem guten kräftigen Menschen in unserer Gesellschaft, - laß sehen, wie er sich verhält und wie vor ihm die Menschen aussehen. Es wurde 'Berlin Alexanderplatz'.“
Der Hauptgegenstand dieser Untersuchung ist daher die Frage, wie sich das Motiv des „Indischen“ in Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ausgewirkt hat, und welche Rückschlüsse auf Döblins Interpretation des menschlichen Sozialwesens dies zulässt. Da Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ mit keiner indischen Terminologie gearbeitet hat, werden seine inhaltlichen Anknüpfungen an das Motiv des „Indischen“ innerhalb dieser Untersuchung anhand eines direkten Vergleichs mit der indischen Mythologie explizit gemacht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Religiöse Hintergründe des Romans
2.2 Berlin als Metapher der „Weltseele“
2.3 Franz Biberkopf und „das Andere“
2.4 Das Weibliche als komplementärer Aspekt des Biberkopf-Ichs
2.5 Reinhold als antagonistische Stimulans des Biberkopf-Ichs
2.6 Fazit
3 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv des „Indischen“ in Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. Ziel ist es, mittels eines direkten Vergleichs aufzuzeigen, wie dieses Motiv Döblins Interpretation des menschlichen Sozialwesens beeinflusst und welche Rückschlüsse auf seine Auffassung des Subjekts möglich sind.
- Analyse der religiösen Hintergründe (Hinduismus) in Bezug auf Döblins Romanstruktur
- Berlin als Metapher einer „Weltseele“ bzw. „Überperson“
- Die Rolle von „dem Anderen“ und das Spannungsverhältnis zum Protagonisten Franz Biberkopf
- Die Bedeutung des Weiblichen als komplementärer Aspekt des Biberkopf-Ichs
- Reinhold als antagonistisches Stimulans und Katalysator der Entwicklung des Protagonisten
Auszug aus dem Buch
2.1 Religiöse Hintergründe des Romans
Ich werde zunächst die Grundsätze des Hinduismus - der ältesten Religion Indiens – beschreiben, um eine theoretische Basis für die folgenden Überlegungen zu definieren. Der Hinduismus vertritt einen pantheistischen Standpunkt, d.h., er interpretiert die Beschaffenheit aller Individualseelen (Atman) als Manifestation der Weltseele (Brahman)9. „Zwischen dem Brahman, den Göttern, den Seelen anderer Wesen und der Welt besteht ein Netz innerer Ununterschiedenheit.“10 Dieser Zustand wird als „Advaita“ („Nicht-Zweiheit“) bezeichnet.11 Auch die Götter sind sterblich und unterliegen dem selben Zwang zur ewigen Wiedergeburt (Samsara) wie der Mensch. Ausgenommen davon sind nur die Ur-Götter Vishnu und Shiva.12 Die Hierarchie der einzelnen Atman wird durch die Qualität der Handlungen (Karma) eines jeden Lebewesens bestimmt. Das eigentliche Ziel des Hinduismus besteht jedoch in der erlösenden Erkenntnis, daß die Trennung zwischen Individuum und Weltseele eine Illusion ist. Diese Nivellierung des individuellen Ichs im Brahman ist gleichbedeutend mit der persönlichen Befreiung aus dem Kreislauf der ewigen Wiedergeburt. „Wenn der Erlöste [...] gestorben ist und Körper und Individualität abgelegt hat, ist er jenseits aller Beschreibung. Er ist ins Brahman zurückgekehrt, dem er einige Zeit durch Unwissenheit entfremdet, von dem er jedoch nie wirklich getrennt war. Eigenschaftslos geworden, ist er im „eigenschaftslosen“ (nirguna) Brahman aufgegangen.“13
Der Hinduismus kennt keine Trennung zwischen der Welt des Sakralen und des Profanen, während das Christentum die Existenz der profanen Welt (als deren Herrscher es nicht Gott, sondern Satan identifiziert14) zwar anerkennt, diese aber zugunsten des Sakralen überwinden will. Zwischen diesen beiden Weltreligionen besteht also ein Konsens in der Idee der Erlösung, welche eine Aufhebung des individuellen Ichs postuliert. Erst indem das Ich direkt am Göttlichen partizipiert, kann es wieder in den „ursprünglichen“ Zustand der Nicht-Getrenntheit / Weltimmanenz zurückkehren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob sich in Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ ein Äquivalent zu Hesses „Überperson“ finden lässt und erläutert die methodische Vorgehensweise anhand des „indischen“ Motivs.
2 Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die thematischen Schwerpunkte wie religiöse Hintergründe, die Bedeutung der Großstadt Berlin, den Einfluss des Weiblichen sowie die Rolle Reinholds für die Charakterentwicklung von Franz Biberkopf.
2.1 Religiöse Hintergründe des Romans: Dieses Kapitel erläutert die Grundsätze des Hinduismus, insbesondere das Konzept des Brahman und der Ich-Auflösung, um eine theoretische Grundlage für die Untersuchung der Romanstruktur zu schaffen.
2.2 Berlin als Metapher der „Weltseele“: Es wird untersucht, wie die Großstadt Berlin als „Überperson“ oder „Brahman“ fungiert, in der einzelne Figuren als Teil eines übergeordneten, ökonomisch-lebendigen Systems erscheinen.
2.3 Franz Biberkopf und „das Andere“: Dieses Kapitel analysiert das Spannungsverhältnis zwischen dem Protagonisten und der Außenwelt, wobei die biblische Geschichte vom „Buch Hiob“ als symbolischer Vergleich herangezogen wird.
2.4 Das Weibliche als komplementärer Aspekt des Biberkopf-Ichs: Hier wird dargelegt, wie die weiblichen Figuren wie Eva und Mieze notwendige, ergänzende Aspekte zu Biberkopfs eigenem Ich-Bewusstsein darstellen.
2.5 Reinhold als antagonistische Stimulans des Biberkopf-Ichs: Dieses Kapitel beleuchtet die Rolle von Reinhold als Antagonist, der durch seine „kalte Gewalt“ wesentlich zur schmerzhaften Entwicklung bzw. „Wiedergeburt“ Biberkopfs beiträgt.
2.6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das entwickelte Interpretationsmodell brauchbare Ansätze bietet, um die inneren Zusammenhänge des Romans unter dem Aspekt des „indischen“ Motivs zu verstehen.
3 Literaturverzeichnis: Auflistung der für die Arbeit verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz, Franz Biberkopf, Hinduismus, Brahman, Weltseele, Überperson, Ich-Auflösung, literarische Analyse, Großstadt, Reinhold, Mythologie, Subjekt, Individuum, Erlösung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin hinsichtlich des Einflusses des „indischen“ Motivs auf die literarische Gestaltung des Protagonisten und des Sozialwesens.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die religiöse (hinduistische) Symbolik, die Struktur der Großstadt als „Weltseele“, die Rolle weiblicher Figuren als komplementäre Ergänzungen des Ichs sowie die antagonistische Bedeutung von Reinhold.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein kohärentes Interpretationsmodell zu entwickeln, das aufzeigt, wie Döblin das „indische“ Motiv nutzt, um das Verhältnis des Subjekts zur Welt und zur Gesellschaft darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor wendet ein konstruktivistisches Interpretationsmodell an, das auf dem Kriterium der „Viabilität“ basiert, um die inneren Zusammenhänge des Romans zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Hinduismus), die Interpretation Berlins als „Überperson“, den Konflikt Biberkopfs mit dem „Anderen“, die Bedeutung der weiblichen Figuren sowie die antagonistische Rolle Reinholds.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz, Brahman, Weltseele, Überperson, Ich-Auflösung und Subjektivität.
Wie wird das Verhältnis von Biberkopf zu den weiblichen Figuren interpretiert?
Die Arbeit interpretiert die Frauenfiguren, insbesondere Eva und Mieze, nicht als eigenständige Charaktere, sondern als notwendige Aspekte des weiblichen Archetyps, die das unvollständige „patriarchale Ich“ Biberkopfs ergänzen.
Welche Funktion hat die Figur Reinhold für den Protagonisten?
Reinhold wird als antagonistisches Stimulans gesehen; seine „kalte Gewalt“ zwingt Biberkopf dazu, sich mit seinem Platz im Weltgefüge auseinanderzusetzen und ermöglicht letztlich eine schmerzhafte, aber notwendige Selbstreflexion.
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- Ulrich Goetz (Author), 2003, Das Motiv des "Indischen" in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19241