Filmanalyse American History X unter Betrachtung von Medienwirkungsthesen


Seminararbeit, 2012

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG

2. MEDIENWIRKUNGSFORSCHUNG
2.1 DIE KATHARSISTHESE
2.2 DIE STIMULATIONSTHESE
2.3 DIE HABITUALISIERUNGSTHESE
2.4 RATIONALISIERUNGSTHESE
2.5 SUGGESTIONSTHESE
2.6 LERNTHEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN

3. FILMANALYSE: AMERICAN HISTORY X
3.1 FAKTEN ZUM FILM
3.2 CHARAKTERE
3.2.1 DEREK - DER ANFÜHRER
3.2.2 DANY - DER MITLÄUFER
3.3 ZUSAMMENFASSUNG DES INHALTS
3.4 SZENENINTERPRETATION: DIE BORDSTEINSZENE
3.5 BOTSCHAFT DES FILMS

4. TRANSFER DER MEDIENWIRKUNGSTHESEN

5. FAZIT

6. QUELLEN

7. ABBILDUNGEN

1. Einleitung und Problemstellung

„Die meinungs- und handlungsbildende Funktion von Medien ist unumstritten“ (Schorb, 2008, S. 151). Gerade audiovisuelle Medien können sehr stark auf Einstellungen einwirken, da stimmliche sowie mimische Hinweisreize um ein Vielfaches effektiver als rein verbale Darstellungen sind (Forgas, 1999). Für die meisten Jugendlichen stellen die Massenmedien zudem die Hauptquelle zur Sammlung von politischen Informationen dar, weshalb sie zugleich eine hohe Glaubwürdigkeit besitzen und die aktuellen gesellschaftlichen Themen mitbestimmen, was in der Medienwissenschaft unter dem Begriff Agenda-Setting subsumiert wird (Kuhn, 2002).

In Bezug auf diesen letzten Aspekt ist anzumerken, dass die Medien zwar nicht immer bestimmen, was die Menschen denken, aber zumindest zum Nachdenken über gewisse Themen anregen. Im Gegensatz zu ihren Eltern haben die Jugendlichen heutzutage gelernt, aktiv mit Medien umzugehen, da sie Inhalte auswählen, von denen sie sich Orientierungen und Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen erhoffen (Kunczic & Zipfel, 2006). Schon sehr früh kam dabei die Frage auf, inwiefern besonders die gewalthaltigen Medieninhalte auf die Entwicklung der Jugendlichen Einfluss nehmen. So gilt die Gewaltwirkungsforschung als ein Bereich der Medienwirkungsforschung, in dem bisher die größte Anzahl an Studien veröffentlicht wurde (Minarek, 2004).

Im Wintersemester 2011/12 wurden im Rahmen eines Referats im Seminar „Gewalt im Spielfilm“ die Filme „Death Proof“, „American History X“ und „Chucky die Mörderpuppe 3“ analysiert und in Bezug auf die populärsten Medienwirkungsthesen diskutiert. In der vorliegenden Arbeit soll zunächst allgemein auf die Medienwirkungsforschung eingegangen werden, ehe die für den Film „American History X“ relevanten Medienwirkungsthesen sowie der aktuelle Forschungsstand diesbezüglich dargelegt werden. Der Fokus der anschließenden, überwiegend narrativen Filmanalyse soll auf der Medienwirkungsdimension des Rezipienten und hier den jugendlichen Zuschauern liegen, denen ein hoher Interpretationsspielraum und somit viel Stoff zum Nachdenken gegeben wird.

2. Medienwirkungsforschung

Im folgenden Kapitel sollen die Disziplin der Medienwirkungsforschung und anschließend deren Annahmen bzw. Erkenntnisse in Form von Medienwirkungsthesen näher erläutert werden.

Nach Scheidel (2008) ist die Medienwirkungsforschung eine Wissenschaft, die an der der Gewinnung eines besseren Verständnisses von Medienwirkungen interessiert ist und die lohnenswerten Forschungsansätze direkt aus den aktuellen Gesellschaftsthemen zieht.

Die öffentliche Debatte um den Zusammenhang von Gewalt und Medien hat im letzten Jahrzehnt insbesondere in Bezug auf die Zielgruppe der Jugendlichen dramatisch zugenommen. Die Zuschauer können mittlerweile aus einem enormen Angebot an fiktiven als auch realen Gewaltdarstellungen nach Belieben auswählen (Minarek, 2004). Auf der einen Seite kann Fernsehen stressreduzierend und belebend wirken - eine Flucht aus dem Alltag - auf der anderen Seite eventuell die Entwicklung der Heranwachsenden negativ beeinflussen.

„Fernsehen kann nutzen und schaden. Es könnte aber auch umgekehrt sein“ (Vollbrecht, 2001, S. 99).

Die Aufgabe der Medienwirkungsforschung ist es, all diese Veränderungen partiell oder in Interaktion mit anderen Faktoren auf unterschiedlichen Dimensionen, wie kurz- oder langfristige, intendierte- oder nicht-intendierte Effekte, unterschiedliche

Wirkungsbereiche (Einstellungen, Meinungen, Emotionen) zu untersuchen (Scheidel, 2008). Ein Fokus der Untersuchungen ist mittlerweile klar erkennbar: Etwa 3000 Studien zur Gewaltwirkungsforschung sind mittlerweile im deutschsprachigen Raum bekannt (Minarek, 2004).

Die verschiedenen Thesen der Gewaltwirkungsforschung reichen in ihrem Ursprung weit zurück und liefern auch heute noch Erklärungsansätze für die Annahme der negativen Wirkung von Gewaltdarstellungen (Kunczik & Zipfel, 2002). Die Vorstellung der einen Medienwirkungstheorie ist dabei ohnehin nicht haltbar, da Medieninhalte,

Rezipienteneigenschaften und Randbedingungen zu komplex sind - oft existiert aufgrund dieser Komplexität lediglich eine Studie zu einem Problem, deren Ergebnisse nicht in den Gesamtzusammenhang bzw. den Ergebnissen anderer Studie eingebettet werden (Kunczik & Zipfel, 2002).

2.1 Die Katharsisthese

Die wohl populärste Medienwirkungsthese - die Katharsisthese - geht von einer durch den Konsum von Mediengewalt reinigenden Wirkung aus. Bereits angestaute Aggressionen sollen auf diese Weise reduziert bzw. vollständig abgebaut werden, indem sich der eigentliche Gewaltakt im Kopf anstelle im realen Leben abspielt. Die anfangs aufgestellte Behauptung, jede Form dieser „Phantasieaggression“ (Kunczik & Zipfel, 2006, S. 86) habe kathartische Effekte, wurde im Laufe der Zeit eingeschränkt, da das Mitvollziehen der dargestellten Gewalt eine emotionale Erregung oder eine anfängliche Neigung zur Aggression voraussetze. Die nächste Annahme wiederum legte den Fokus auf den Inhalt und die verknüpfte Bedingung, dass die Gewalthandlung möglich detailliert veranschaulicht werden sollte (Kunczik & Zipfel, 2002). Verschiedene Experimente, z.B. von Feshbach (1989), der einst als uneingeschränkter Vertreter der Katharsisthese galt, aber auch bspw. von Bushman, Baumeister & Stark (1999), die in einem Experiment mit einem Sandsack, der ursprünglich zum Ausleben und somit zu einer Minderung von Aggressionen dienen sollte, eine Aggressionssteigerung gegenüber den Versuchspersonen feststellten, die ihre Aggression nicht am Sandsack ausübten, brachten ernüchternde Ergebnisse hervor. Die Forschungsergebnisse von Feshbach veranlassten diesen dazu, die Häufigkeit der aggressionsfördernden Bedingungen höher als die für eine Katharsis potentiellen Bedingungen zu bewerten (Kunczik & Zipfel, 2006). Andere Forscher konnten hingegen zumindest eine kurzfristige Aggressionsminderung durch Spielfilmgewalt belegen (Grimm, 1999).

Mittlerweile gelten alle Formen der Katharsisthese zwar als widerlegt, dennoch wird sie im Alltagsgebrauch immer wieder herangezogen, was besonders vorteilhaft für die Filmindustrie erscheint, „die Action und Gewalt kostengünstig produzieren und gleichzeitig hohe Gewinne einnehmen kann“ (Scheidel, 2008, S. 32).

In Zusammenhang mit der Katharsisthese wird häufig die Inhibitionsthese angeführt.

Auch sie besagt, dass die Rezeption von Mediengewalt zu einer Reduktion der Gewaltbereitschaft führt. Begründet wird dies mit der Entstehung von Schuldgefühlen oder Ängsten, die wiederum eine Hemmung bei Zuschauern bewirken, welche die eigenen Aggressionen unterdrücken (Merten, 1999). Sie wird auch „Theorie der Abschreckung“ genannt, die durch eine gesteigerte Aggressionsangst einen Gewaltakt unmöglich macht (Scheidel, 2008, S. 35).

2.2 Die Stimulationsthese

Als Gegenstück der Katharsis- bzw. der Inhibitionsthese kann die Stimulationsthese angeführt werden. Hierbei wird die Rezeption von einer medialen Gewalthandlung als ein Hinweisreiz betrachtet, der einen ohnehin durch Frustration emotional erregten Zuschauer erst recht zu einer Aggressionsausübung anregt (Kunczik & Zipfel, 2006). Berkowitz berücksichtigt bei dieser These sowohl inhaltliche Variablen, persönlichkeitsspezifische sowie situative Bedingungen. So ist eine Stimulation vor allem dann wahrscheinlich, wenn die gezeigte Gewalt als gerechtfertigt empfunden wird und in enger Verbindung mit der gegenwärtigen Frustration steht (Kunczik & Zipfel, 2002).

2.3 Die Habitualisierungsthese

Die Habitualisierungsthese geht von langfristigen Effekten der Medienrezeption aus. Dabei soll durch das häufige Ansehen von medialer Gewalt ein Abstumpfungseffekt eintreten, der schließlich zum Ausbleiben von emotionalen Reaktionen während der Gewaltbeobachtung führt (Minarek, 2004). Die Gewöhnung an die Gewalt im medialen Kontext beschreiben Kunczik & Zipfel (2006) als eine Art Konditionierungsprozess, da die Gewaltszene, die für gewöhnlich Emotionen wie Angst hervorruft, mit einer konkurrierenden Reaktion bzw. Handlung wie Nahrungsaufnahme oder Entspannung assoziiert wird. Dabei wurde noch nicht erforscht, ob diese Gewöhnung im Umkehrschluss bedeutet, dass mediale Inhalte immer gewalttätiger und erregender werden müssen, um beim resistenten Rezipienten eine Reaktion wie Bindung oder Spannung erreichen zu können. Unklar ist zudem, ob die nachgewiesene Abstumpfung auf den realen Kontext übertragbar ist und die Gewaltakte tatsächlich in der Realität als weniger gewalttätig wahrgenommen werden bzw. die Bereitschaft zu einer brutaleren Tat steigt.

Eine Untersuchung von Grimm (1999) bei Vielsehern zeigte zwar auch eine geringere Erregungssensibilität, aber vielmehr - und was umso überraschender war - eine Reduktion des Einfühlungsvermögens der Rezipienten, die emotionale Fehlreaktionen zur Folge hatte und die Handlungsfähigkeit erheblich einschränkte.

2.4 Rationalisierungsthese

Bei der Rationalisierungsthese wird vorwiegend die Intention des Zuschauers berücksichtigt, der gezielt gewalthaltige Inhalte auswählt und rezipiert, um die eigenen Gewalthandlungen - oft im Nachhinein - gegenüber seiner Umgebung, aber auch gegenüber sich selbst zur Erhaltung des Selbstbilds zu rechtfertigen und als „alltäglich“ einzustufen (Kunczik & Zipfel, 2002).

2.5 Suggestionsthese

Die Suggestionsthese beschreibt den sogenannten „Werther-Effekt“, d.h. Nachahmungstaten, die damals bei der Veröffentlichung von Goethes Werk in Form von Selbstmorden eingetreten sein sollen. Diese nach Kunczik & Zipfel (2006) eher simpel gehaltene These, die besagt, dass die Beobachtung von Mediengewalt zwangsläufig zu einer direkt anschließenden Nachahmungstat führt, wird in der heutigen Medienwissenschaft jedoch kaum noch vertreten, u.a. da zu viele Messfehler und methodische Schwierigkeiten bei früheren Studien, welche die Selbstmordrate nach Rezeption von Soap Operas und deren kausalen Zusammenhang zu erfassen versuchten, auftraten (Scheidel, 2008).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Filmanalyse American History X unter Betrachtung von Medienwirkungsthesen
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Gewalt im Spielfilm
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V192445
ISBN (eBook)
9783656173946
ISBN (Buch)
9783656174387
Dateigröße
780 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
filmanalyse, american, history, betrachtung, medienwirkungsthesen
Arbeit zitieren
Natalie Metzinger (Autor), 2012, Filmanalyse American History X unter Betrachtung von Medienwirkungsthesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192445

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