Stellenwert tugendethischer Positionen vor dem Hintergrund differenter Ethikkonzeptionen


Studienarbeit, 2012
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und thematische Grundlegung ... 3

1.1 Einführung ... 3

1.2 Ethik der Antike ... 4
1.2.1 Tugend, gutes Leben und Glückseligkeit ... 4
1.2.2 Freundschaft und Gemeinschaft in der Polis ... 6

1.3 Einflussreiche ethische Positionen vom Mittelalter bis in das 19. Jahr­hundert ... 7
1.3.1 Synthese von Vernunft und Glauben ... 7
1.3.2 Willensfreiheit und kategorischer Imperativ ... 8
1.3.3 Grundlegung des Utilitarismus ... 10

2 Hauptteil und Diskussion ... 11

2.1 Ethische Entwürfe des 20. Jahrhunderts ... 11
2.1.1 Analytische Ethik ... 11
2.1.2 Verantwortungsethik ... 12
2.1.3 Kommunitarismus ... 14
2.2 Aktueller Stellenwert tugendethischer Ansätze ... 15
2.2.1 Relativierung tugendethischer Positionen ... 15
2.2.2 Nicht-relative Tugenden ... 17

3 Zusammenfassung ... 18

4 Literatur ... 20

1. Einleitung und thematische Grundlegung

1.1 Einführung

Die in modernen Gesellschaften zunehmende Individualisierung schafft nicht nur größtmögliche individuelle Freiheitsräume, sondern bedeutet auch eine Freisetzung aus traditionellen sozialen Bindungen, Glaubens- und Wertvorstellungen. Tugendethische Konzepte mit den bereits in der antiken Philosophie geprägten Begriffen wie Tugend, gutes Leben, Glückseligkeit, Freundschaft oder Gemeinschaft helfen unter anderem Vertretern des Kommunitarismus bei der Ausformung eines gemeinschaftsorientierten Menschenbildes – als Gegenentwurf zu neoliberalistischen Konzepten einer globalisierten Wirtschaft mit einem stark am ökonomischen Denken orientierten Menschenbild.

Aristoteles hat in seiner „Nikomachischen Ethik“ eine bekannte und einflussreiche Darstellung einer antiken Tugendethik verfasst. In Abgrenzung von der platonischen Ideenlehre [1], die er für das ethische Handeln als bedeutungslos erachtete, zielt das Werk auf praktisch realisierbare Tugenden, die ein Mensch aufgrund freier Entscheidung erwerben und besitzen kann. Einflussreiche, mit seinem Werk verbundene oder sich davon abgrenzende, differente Ethiken werden umrissen und in ihren jeweiligen Grundkonzepten dargestellt.

Im Hauptteil dieser Arbeit werden exemplarisch ethische Konzeptionen des 20. Jahrhunderts vorgestellt und die relativistische Kritik tugendethischer Positionen einer näheren Betrachtung unterzogen. In diesem Rahmen wird folgenden Fragestellungen zur aktuellen Relevanz der Tugendethik nachgegangen:

1. Welche Bedeutung haben tugendethische Aspekte in ethischen Entwürfen des 20. Jahrhunderts?

2. Können tugendethische Positionen der relativistischen Kritik widerstehen oder sind Tugenden nichts anderes als Widerspiegelungen von Traditionen und Werten in unterschiedlichen kulturellen Kontexten?

1.2 Ethik der Antike

1.2.1 Tugend, gutes Leben und Glückseligkeit

Der Begriff „Tugend“ kann als „Terminus der Ethik zur Bezeichnung der vorzüglichen Haltung einer Person in einem spezifischen Bereich menschlichen Könnens und menschlicher Erfahrung“ [2] definiert werden.

Platon hatte seine Tugendlehre auf parallele Unterteilungen der Seele und der Gesellschaft gegründet. Neben Klugheit (Herrscherstand), Tapferkeit (Kriegerstand) und Besonnenheit (Erwerbsstand) galt die Gerechtigkeit als Tugend, die alle Stände umgreift und die anderen drei Tugenden koordiniert. Dieses platonische Prinzip der Tugendlehre wird von Aristoteles „zugunsten der Unterscheidung zwischen dianoetischen oder Verstandestugenden und Charaktertugenden bestritten“. [3] Gleich zu Beginn der „Nikomachischen Ethik“ wird der Adressat der Abhandlung, der gebildete Polis-Bürger und der auf eine Handlungsorientierung ausgerichtete Zweck benannt. Das Gute beschreibt Aristoteles als „Tätigkeit der Seele aufgrund ihrer besonderen Befähigung“ [4], während die Tugenden nach Ausschluss von Leidenschaften und Fähigkeiten zu den Eigenschaften der Seele gezählt werden. [5]

In Abgrenzung von der sokratischen bzw. platonischen Auffassung, dass der Charakter vom Wesen her durch das Wissen um Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit und Klugheit geprägt ist, stellt Aristoteles die von Jugend an zu übende Handlung in den Vordergrund. Alle Tugenden müssen erworben und gelernt werden: die Verstandestugenden durch Belehrung und Unterricht, die Charaktertugenden durch angeleitete Gewöhnung. Aristoteles sieht den richtigen Maßstab für gutes Handeln in der „Vorstellung der Mitte“ (Mesotes-Lehre). Die Tugend sucht nach der Mitte als dem Besten zwischen zwei unangemessenen Extremen. [6]

Aristoteles räumt ein, dass es nicht einfach ist eine tugendhafte Mitte einzuhalten und zudem die „Mitte“ manchmal eher in die Richtung des Extrems zu suchen ist, welches der Neigung entgegengesetzt ist.

Die durch Überlegung gesteuerte richtige Wahl bestimmter Handlungen beruht einerseits auf der Einsicht oder Erkenntnis erstrebenswerter Ziele und andererseits auf einer den Willen formenden charakterlichen Grundhaltung. Diese Einsicht bezeichnet Aristoteles als Klugheit (phronesis). Die zu den Verstandestugenden (dianoetischen Tugenden) zählende Klugheit entspricht einem Wissen darüber, was im Allgemeinen für den Menschen gut ist und im Speziellen als eine situationsangemessene Handlung gelten kann. [7]

Erfahrung, Situationserfassung, Urteilsfähigkeit und Voraussicht zählen zur Klugheit. Die eigentliche menschliche Tugend entsteht durch die Verbindung der dianoetischen Tugend der Klugheit mit den ethischen Tugenden wie u.a. Tapferkeit, Besonnenheit, Sanftmut oder Gerechtigkeit.

Aristoteles betrachtet, wie auch schon Platon, ein gut gelingendes Leben im Kern als ein tugendhaftes Leben. Während für Sokrates der Verlust äußerer Güter oder gar des eigenen Lebens einem tugendhaft realisierten guten Leben nicht entgegensteht, sieht Aristoteles Glück an gewisse materielle Bedingungen gebunden. [8]

Aristoteles greift die Frage nach dem obersten Ziel eines guten Lebens bereits im ersten Buch der Nikomachischen Ethik auf und benennt es mit dem Begriff „eudaimonia“. „Im Namen stimmen wohl die meisten überein. Glückseligkeit nennen es die Leute und die Gebildeten, und sie setzen das Gut-Leben und Sich-gut-Verhalten gleich mit dem Glückseligsein.“ [9]

Gemäß Aristoteles lassen sich das gute Leben und die Glückseligkeit auf eine Entfaltung der besten Befähigungen (arete) zurückführen. Menschliche Glückseligkeit entfaltet sich in der Ausübung der ethischen Tugenden, wenn sie im Zusammenleben in der Familie, der Gemeinschaft und der Polis praktiziert werden. Das höchste Glück empfängt der Mensch jedoch in der betrachtenden Erkenntnis des philosophischen Geistes, die keinen anderen Zweck hat außer sich selbst. „Die Vernunft nämlich ist das Vornehmste in uns und die Objekte der Vernunft sind wieder die vornehmsten im ganzen Bereich der Erkenntnis.“ [10]

1.2.2 Freundschaft und Gemeinschaft in der Polis

Aristoteles erachtet Freundschaft (philia) als ein tragendes Element menschlicher Gemeinschaften. Freundschaften fördern in einem Gemeinwesen die Eintracht und wirken dadurch Streit oder gar gewaltsamen Auseinandersetzungen der Bürger entgegen. Aristoteles unterscheidet wahre und tragfähige Freundschaften der Tugendhaften von Freundschaften, die nur dem Vergnügen oder einem Zweck dienen. Wahre Freundschaft zwischen guten Charakteren erfordert, wie andere Tugenden, Beständigkeit im gegenseitigen Wohlwollen. [11]

Eine solche Freundschaft würde nicht nur wesentlich zu einem geglückten Leben beitragen, sie wäre auch eine ideale Grundlage für ein tugendhaftes menschliches Miteinander in der Gemeinschaft und der Polis. Aristoteles erachtet die Polis als natürliche Gemeinschaft mit dem Ziel eines gelungenen Zusammenlebens – in bewusster Abgrenzung zu der Darstellung einiger Sophisten, welche die Polis als Übereinkunft einer Mehrheit von Individuen betrachten. Aristoteles sieht das Menschsein an die Gemeinschaft gebunden, da der Mensch biologisch, sozio-ökonomisch und geistig-moralisch auf die Gemeinschaft angewiesen ist.

Die Tugend der Gerechtigkeit beschreibt er als eine, die verschiedenen Lebensbereiche der Polis umfassende, entscheidende ethische Tugend mit den Elementen einer gerechten Gesetzgebung, Gleichbehandlung und gerechten Güterverteilung (ausgleichende Gerechtigkeit bei Rechtsverletzungen, austeilende Gerechtigkeit von Vergünstigungen je nach persönlichem Verdienst). „Das eigentlich Gerechte ist unter Menschen, die unter sich ein Gesetz haben. [...] Darum lassen wir auch keinen Menschen regieren, sondern das Prinzip, weil der Mensch für sich handelt und Tyrann wird.“ [12]

Diese an die Gemeinschaft in der Polis gerichteten Ausführungen weisen wiederum auf die Adressaten des Textes hin. Die gebildeten Polis-Bürger sollen sich ihrer Pflicht bewusst werden, um für die Polis nützliche Regeln und Gesetze auf den Weg zu bringen.

Für die Aristoteles nachfolgenden Schulen der hellenistischen Philosophie stellt die Ordnung der Polis keinen für die Lebensgestaltung verbindlichen Bezugspunkt mehr dar. Von der mittels körperlicher und geistiger Askese angestrebten Autarkie des Kynismus, über den das persönliche Glück des Einzelnen als Ideal anstrebenden Epikureismus, bis hin zur Schule der Stoa und Skepsis reichen bekannte Grundpositionen der hellenistischen Philosophie. Aus den Vorstellungen eines absolut gültigen Weltgesetzes des Logos (lex aeterna) entwickelt die Stoa eine von der Struktur der griechischen Polis unabhängige, umfassende Staats- und Rechtslehre mit nachhaltigem Einfluss auf die Rechtstheorie und Theologie.

Mit der Gleichheitstheorie aller Menschen hebt die Stoa den noch von Aristoteles betonten Unterschied von Sklave und Herr auf und geht damit weit über das zeitgenössische Moral- und Rechtsdenken hinaus. [13]

1.3 Einflussreiche ethische Positionen vom Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert

1.3.1 Synthese von Vernunft und Glauben

Die Schriften des Thomas von Aquin sind „Ausdruck der im 12. Jahrhundert einsetzenden scholastischen Bemühungen, die christliche Religion für jedermann auf der Grundlage der Vernunft einleuchtend zu machen.“ [14]

Seine christliche Ethik integriert Einflüsse der antiken Philosophie, wobei die Schriften des Aristoteles eine besondere Wirkung entfalten. Nach Thomas von Aquin wird das Leben in der Gemeinschaft durch die menschliche Vernunft geleitet, die die Normen des menschlichen Handelns formuliert. Das Christentum muss darüber hinaus nur das gebieten, was den Menschen in die Gnade Gottes einführt oder was notwendig zur Erfahrung der Gnade Gottes gehört.

Mit Aristoteles unterscheidet Thomas von Aquin die dem wissenschaftlichen Denken zuzuordnende theoretische Vernunft von der praktischen Vernunft. Diese vermag das konkrete Handeln mit Klugheit zu leiten, um eine ethisch sinnvolle Orientierung zu schaffen. In Anlehnung an die Schule der Stoa formuliert Thomas von Aquin ein „Ordnungsgesetz der Schöpfung“ (lex aeterna), in welches allein der Mensch als einziges Geschöpf Einsicht hat. Diese Teilnahme am ewigen Gesetz nennt er „lex naturalis“. Thomas von Aquin entwickelt ausgehend von Platon und Aristoteles eine Tugendlehre, die dem Menschen hilft sich in der Gesellschaft zu orientieren und seinen Weg zu Gott zu finden. Nach Übernahme der, auf eine umfassende Vollendung des Menschen zielenden, vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung fügt er die dem Menschen von Gott geschenkten drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe hinzu. Trotz seiner Vernunftnatur und seiner Einsicht in das ewige Gesetz handelt der Mensch oft nicht tugendhaft, weil er nicht die Vollkommenheit Gottes besitzt. Das Gewissen ist autonom und fungiert gleichsam als „Befehl der Vernunft“ die menschliche Teilhabe am ewigen Gesetz (lex naturalis) zu erfüllen. Die integrative Leistung der Schriften des Thomas von Aquin besteht in der Anerkennung der philosophischen Ethik als einer Wissenschaft, die auch im theologischen Kontext ihre eigene Perspektive behält. [15]

1.3.2 Willensfreiheit und kategorischer Imperativ

Der Mensch hat die Möglichkeit sich zu entscheiden, weil er als Mensch frei ist sich zu entscheiden. Die Freiheit des Willens ist nach Kant der wertvollste Besitz des Menschen. Sie ist geradezu das, was ihn erst als Menschen charakterisiert. Diese Freiheit fordert aber auch eigene Entscheidungen. Daher suchen Menschen nach Richtlinien und Regeln, die ihnen das Entscheiden erleichtern. Kant kritisiert die Gebote unterschiedlicher Moralsysteme als auf Erfahrung beruhende Produkte der jeweiligen gesellschaftlichen Systeme. Da sich diese Regeln stark unterscheiden und zum Teil sogar widersprechen liegt auf der Hand, dass sich aus derartigen heteronomen Ethiken keine letztgültigen Regeln für das Handeln ableiten lassen. Es bedarf daher eines autonomen, durch ein eigenes Gesetz bestimmten, obersten Prinzips des Handelns, welches unabhängig von der Zufälligkeit der Erfahrung allein durch die Vernunft bestimmt wird.

Kant sucht nach einem obersten Grundsatz des Handelns, der für alle Menschen allgemein und unbedingt gelten soll: „Endlich gibt es einen Imperativ, der, ohne irgend eine andere durch ein gewisses Verhalten zu erreichende Absicht als Bedingung zum Grunde zu legen, dieses Verhalten unmittelbar gebietet. Dieser Imperativ ist kategorisch. Er betrifft nicht die Materie der Handlung und das, was aus ihr erfolgen soll, sondern die Form und das Prinzip, woraus sie selbst folgt, und das Wesentlich-Gute derselben besteht in der Gesinnung, der Erfolg mag sein, welche er wolle.“ [16]

Eine Handlung erweist sich nicht deshalb als moralisch, weil sie erwünschte Folgen zeigt. Sie ist es dann, wenn sie aus der richtigen ethischen Gesinnung heraus erfolgt. Kant nennt diese Gesinnung den „guten Willen“.

„Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zur Erreichung irgendeines vorgesetzten Zwecks, sondern allein durch das Wollen, d.i. an sich, gut [...].“ [17]

Im Gegensatz zu einer teleologischen folgenorientierten Ethik geht es Kant um das Prinzip, das nicht inhaltlich bestimmt sein kann, sondern rein formal sein muss.

Dieser nach Kant allein Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit beanspruchende kategorische Imperativ lautet in seiner ersten Formulierung: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ [18]

Dieser rein formalen Aussage ohne inhaltliche Bestimmung haftet nichts Empirisches mehr an. Sie gibt keine konkreten Ziele und keine konkreten Güter an, die eine Handlung erstreben soll. Kant geht jedoch noch weiter und postuliert, dass der Mensch niemals zum bloßen Mittel für die Erlangung anderer Zwecke degradiert werden darf: „Der Mensch, und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen.“ [19]

Wenn jeder Mensch einen absoluten Zweck an sich hat, sollte nicht nur der einzelne nach der eigenen Vollkommenheit streben, sondern gleichzeitig dazu beitragen das Wohl der anderen zu fördern: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchtest.“ [20]

Die Bedeutung dieses Satzes trägt weit und greift tief auch in soziale Interaktionen moderner Gesellschaftsformen hinein.

1.3.3 Grundlegung des Utilitarismus

Im Utilitarismus kommt eine zur Ethik Kants gegensätzliche Konzeption zum Tragen. Kant formulierte seine deontologische Ethik mit einem unbedingt verpflichtenden Maßstab einer Handlungsbeurteilung, unabhängig von Umständen und Folgen. Demgegenüber richtet sich die teleologische Ethik der Utilitaristen auf die Ziele und Folgen einer Handlung aus.

Jeremy Bentham gründet auf dem „Prinzip Nützlichkeit“ ein Moralsystem, das dazu beitragen soll „Gewinn, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück hervorzubringen“. [21]

Er argumentiert, dass das Interesse einer Gemeinschaft nichts weiter sei als die Summe der Interessen der verschiedenen Glieder. Außerdem würden sich die meisten Menschen das Prinzip der Nützlichkeit ohnehin zu Eigen machen, ihr Handeln danach ausrichten und das Handeln der Mitmenschen dahingehend überprüfen (hedonistisches Kalkül). „Von einer Handlung, die mit dem Prinzip der Nützlichkeit übereinstimmt, kann man stets entweder sagen, sie sei eine Handlung, die getan werden soll, oder zum Mindesten sie sei keine Handlung, die nicht getan werden soll.“ [22]

Auch John Stuart Mill unterstützt zunächst das Prinzip nach dem „die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist.“ [23]

Entgegen dem Einwand, dass der Hedonismus den Menschen auf bloße Lustbefriedigung reduziere, betont Mill die Präferenz geistiger Freuden gegenüber der bloßen Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse. Aufgrund der Kritik an dem utilitaristischen Konzept von Bentham nimmt Mill entscheidende Ergänzungen vor, die sich am Glück aller Betroffenen orientieren, Handlungsregeln und Nutzenkalkulationen umfassen. „Der Utilitarist fordert von jedem Handelnden, zwischen seinem eigenen Glück und dem der Anderen mit ebenso strenger Unparteilichkeit zu entscheiden wie ein unbeteiligter und wohlwollender Zuschauer.“ [24]

[...]


[1] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, Artemis & Winkler Verlag 2005: I 4: 1097a – 1097b: „Man sieht auch nicht, was ein Weber oder Schreiner für einen Nutzen in seiner eigenen Kunst davon haben soll, dass er das Gute an sich kennt, oder wie einer ein besserer Arzt oder Feldherr wird, wenn er die Idee des Guten betrachtet hat.“

[2] Roughley, Neil: Tugend (Stichwortabschnitt) in Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Hrsg. Jürgen Mittelstraß Band 4, S. 344, Verlag J.B. Metzler, Sonderausgabe 2004

[3] Vergleiche Roughley, Neil: Tugend (Stichwortabschnitt) in Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, s.o. , S. 345 – 346 (Zitat S. 346)

[4] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, Artemis & Winkler Verlag 2005: I 6: 1098a: „[...], wenn das alles so ist, dann ist das Gute für den Menschen die Tätigkeit der Seele aufgrund ihrer besonderen Befähigung und wenn es mehrere solche Befähigungen gibt, nach der besten und vollkommensten; und dies auch noch ein volles Leben hindurch.“

[5] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, s.o., II 4: 1105b-1106a: „Was nun die Tugend ist, müssen wir jetzt betrachten. Wenn es in der Seele drei Dinge gibt, die Leidenschaften, Fähigkeiten und Eigenschaften, so wird die Tugend eins von diesen dreien sein. [...] Wenn also die Tugenden weder Leidenschaften noch Eigenschaften sind, so bleibt nur, dass sie Eigenschaften sind.“

[6] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, Artemis & Winkler Verlag 2005: II 6: 1106: „Die Tugend ist also ein Verhalten der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Überlegung bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.“

[7] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, s.o., VI 8 1141a-1141b: „Die Klugheit aber betrifft das Menschliche und jene Dinge, die man überlegen kann. [...]. Auch betrifft die Klugheit nicht nur das Allgemeine, sondern muss auch das Einzelne kennen. Denn sie ist handelnd, und das Handeln betrifft das Einzelne.“

[8] Vergleiche Roughley, Neil: Tugend (Stichwortabschnitt) in Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Hrsg. Jürgen Mittelstraß Band 4, S. 346, Verlag J.B. Metzler, Sonderausgabe 2004

[9] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, Artemis & Winkler Verlag 2005 (s.o.): I 2: 1095a

[10] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, Artemis & Winkler Verlag 2005: X 7: 1177a

[11] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, (s.o.): VIII 4, 1156a-1156b: „Jene aber, die den Freunden das Gute wünschen um der Freunde willen sind im eigentlichen Sinne Freunde [...]. Ihre Freundschaft dauert solange sie tugendhaft sind. Die Tugend ist aber beständig und jeder von beiden ist an sich gut und gut für den Freund.“

[12] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, (s.o.): V 9: 1134a-1134b.

[13] Vergleiche Gatzemeier, Matthias: Stoa (Stichwortabschnitt) in Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Hrsg. Jürgen Mittelstraß, Band 4, S. 99, Verlag J.B. Metzler, Sonderausgabe 2004

[14] Engelen, Eva-Maria; Schwemmer, Oswald: Thomas von Aquin (Stichwortabschnitt) in Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Hrsg. Jürgen Mittelstraß, Band 4, S. 300, Verlag J.B. Metzler, Sonderausgabe 2004

[15] Vergleiche Engelen, Eva-Maria; Schwemmer, Oswald: Thomas von Aquin (Stichwortabschnitt) in Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Hrsg. Jürgen Mittelstraß, Band 4, S. 302, Verlag J.B. Metzler, Sonderausgabe 2004

[16] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 4507, S. 46, gemäß Akademieausgabe S. 415-416 (2. Hartknoch-Auflage), 2008

[17] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, s.o., S. 16, gemäß Akademieausgabe S. 393-394.

[18] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 4507, S. 53, gemäß Akademieausgabe S. 420-421, 2008

[19] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, s.o., S. 63, gemäß Akademieausgabe S. 427-428

[20] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, s.o., S. 65, gemäß Akademieausgabe S. 429

[21] Bentham, Jeremy: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung, zitiert nach Otfried Höffe (Hrsg.): Einführung in die utilitaristische Ethik, Franke Verlag Tübingen, S. 56, 1992

[22] Bentham, Jeremy: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung, zitiert nach Otfried Höffe (Hrsg.): Einführung in die utilitaristische Ethik, Franke Verlag Tübingen, S. 58, 1992

[23] Mill, John Stuart: Der Utilitarismus, zitiert nach der Übersetzung von Dieter Birnbacher, Reclam Verlag Stuttgart, S. 12, 2000

[24] Mill, John Stuart: Der Utilitarismus, s.o., S. 30

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Stellenwert tugendethischer Positionen vor dem Hintergrund differenter Ethikkonzeptionen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin)
Veranstaltung
Weiterbildender Masterstudiengang Medizinethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V192446
ISBN (eBook)
9783656173939
ISBN (Buch)
9783656174356
Dateigröße
1199 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit als Modulabschlussarbeit, Modul I: Ethische und wissenschaftstheoretische Grundlagen der modernen Medizin
Schlagworte
Tugendethik, Aristoteles, Thomas von Aquin, Kant, Utilitarismus, Verantwortungsethik, Analytische Ethik, Kommunitarismus, Liberalismus, relativistische Kritik, Quante, Nussbaum
Arbeit zitieren
Dr. med. Norbert Bradtke (Autor), 2012, Stellenwert tugendethischer Positionen vor dem Hintergrund differenter Ethikkonzeptionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192446

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