Seit der Einführung als philosophische Disziplin durch Aristoteles hat sich Ethik als ein Teilgebiet der praktischen Philosophie etabliert, das sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst.
Die Nikomachische Ethik, als eine bedeutende von Aristoteles verfasste ethische Schrift, orientiert sich an der Natur des Menschen und den für die Qualität einer Handlung relevanten Umständen. Das hintergründige Ziel ist die Glückseligkeit des Menschen.
Diese Arbeit gibt einen Überblick über unterschiedliche verfasste Ethiken, angefangen bei der antiken Tugendethik des Aristoteles über die Pflichtethik Kants und utilitaristische Nützlichkeitsprinzipien bis hin zu ethischen Konzepten moderner Philosophien des 20. Jahrhunderts.
Die einzelnen Ethikkonzepte werden jeweils in ihren Grundzügen dargestellt und zueinander abgegrenzt. Aufgrund der aktuellen Renaissance tugendethischer Konzepte liegt das Hauptaugenmerk auf der Tugendethik des Aristoteles. Diese antike Ethikkonzeption schenkt der persönlichen Lebenssituation des einzelnen Menschen besondere Beachtung. In dieser Hinsicht bietet sie eine tragfähigere Grundlage für die Bewältigung individueller Problemstellungen als dies abstrakte universale Vernunftethiken von ihrem jeweiligen Grundansatz aus vermögen.
Trotz dieser in modernen kommunitaristischen Konzepten dargestellten Bedeutung tugendethischer Ansätze für aktuelle das einzelne Individuum betreffende Fragestellungen gilt es u. a. der relativistischen Kritik der Tugendethik zu begegnen. Sind Tugenden nichts anderes als Widerspiegelungen von Traditionen und Werten in unterschiedlichen kulturellen Kontexten oder können sie dieser relativistischen Kritik widerstehen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und thematische Grundlegung
1.1 Einführung
1.2 Ethik der Antike
1.2.1 Tugend, gutes Leben und Glückseligkeit
1.2.2 Freundschaft und Gemeinschaft in der Polis
1.3 Einflussreiche ethische Positionen vom Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert
1.3.1 Synthese von Vernunft und Glauben
1.3.2 Willensfreiheit und kategorischer Imperativ
1.3.3 Grundlegung des Utilitarismus
2. Hauptteil und Diskussion
2.1 Ethische Entwürfe des 20. Jahrhunderts
2.1.1 Analytische Ethik
2.1.2 Verantwortungsethik
2.1.3 Kommunitarismus
2.2 Aktueller Stellenwert tugendethischer Ansätze
2.2.1 Relativierung tugendethischer Positionen
2.2.2 Nicht-relative Tugenden
3. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stellenwert tugendethischer Positionen vor dem Hintergrund verschiedener Ethikkonzeptionen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit tugendethische Ansätze in einer durch Individualisierung geprägten Moderne noch Relevanz besitzen und ob sie einer relativistischen Kritik standhalten können.
- Historische Herleitung von Tugendethik und Glücksbegriff
- Gegenüberstellung von Vernunftethik (Kant) und Utilitarismus
- Analyse moderner ethischer Strömungen des 20. Jahrhunderts
- Diskussion des Kommunitarismus als Gegenentwurf zum Liberalismus
- Kritische Auseinandersetzung mit der Relativierung moralischer Werte
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Tugend, gutes Leben und Glückseligkeit
Der Begriff „Tugend“ kann als „Terminus der Ethik zur Bezeichnung der vorzüglichen Haltung einer Person in einem spezifischen Bereich menschlichen Könnens und menschlicher Erfahrung“ definiert werden.
Platon hatte seine Tugendlehre auf parallele Unterteilungen der Seele und der Gesellschaft gegründet. Neben Klugheit (Herrscherstand), Tapferkeit (Kriegerstand) und Besonnenheit (Erwerbsstand) galt die Gerechtigkeit als Tugend, die alle Stände umgreift und die anderen drei Tugenden koordiniert. Dieses platonische Prinzip der Tugendlehre wird von Aristoteles „zugunsten der Unterscheidung zwischen dianoetischen oder Verstandestugenden und Charaktertugenden bestritten“. Gleich zu Beginn der „Nikomachischen Ethik“ wird der Adressat der Abhandlung, der gebildete Polis-Bürger und der auf eine Handlungsorientierung ausgerichtete Zweck benannt. Das Gute beschreibt Aristoteles als „Tätigkeit der Seele aufgrund ihrer besonderen Befähigung“, während die Tugenden nach Ausschluss von Leidenschaften und Fähigkeiten zu den Eigenschaften der Seele gezählt werden.
In Abgrenzung von der sokratischen bzw. platonischen Auffassung, dass der Charakter vom Wesen her durch das Wissen um Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit und Klugheit geprägt ist, stellt Aristoteles die von Jugend an zu übende Handlung in den Vordergrund. Alle Tugenden müssen erworben und gelernt werden: die Verstandestugenden durch Belehrung und Unterricht, die Charaktertugenden durch angeleitete Gewöhnung. Aristoteles sieht den richtigen Maßstab für gutes Handeln in der „Vorstellung der Mitte“ (Mesotes-Lehre). Die Tugend sucht nach der Mitte als dem Besten zwischen zwei unangemessenen Extremen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und thematische Grundlegung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der Individualisierung ein und erläutert die Relevanz der Tugendethik als gemeinschaftsorientierter Gegenentwurf zu ökonomisch geprägten Menschenbildern.
2. Hauptteil und Diskussion: Hier werden ethische Entwürfe des 20. Jahrhunderts analysiert, darunter die analytische Ethik, die Verantwortungsethik und der Kommunitarismus, bevor die relativistische Kritik an tugendethischen Ansätzen diskutiert wird.
3. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel rekapituliert die zentralen Erkenntnisse der Arbeit von der Antike bis hin zu zeitgenössischen Ansätzen und unterstreicht die Notwendigkeit eines integrativen ethischen Diskurses.
Schlüsselwörter
Tugendethik, Aristoteles, Nikomachische Ethik, Verantwortungsethik, Kommunitarismus, Kategorischer Imperativ, Utilitarismus, Eudaimonia, Metaethik, Relativismus, Praktische Vernunft, Gesellschaftsethik, Individuelle Autonomie, Hans Jonas, Moralische Werte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Stellenwert tugendethischer Konzepte in einer modernen Gesellschaft und setzt diese in Bezug zu anderen bedeutenden philosophischen Ethiktraditionen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der antiken Tugendlehre, den deontologischen und teleologischen Ethikkonzepten der Neuzeit sowie deren Rezeption im 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die aktuelle Relevanz tugendethischer Aspekte zu bewerten und der Frage nachzugehen, ob Tugenden lediglich kulturell relative Werte sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-systematische Analyse, indem sie historische Positionen und moderne Theorieentwürfe vergleichend gegenüberstellt und kritisch diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung analytischer Ethiken, der Verantwortungsethik und des Kommunitarismus sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Relativierung moralischer Tugenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Tugendethik, Aristoteles, Verantwortungsethik, Kommunitarismus, Utilitarismus, kategorischer Imperativ und die Frage nach nicht-relativen Tugenden.
Wie steht Aristoteles zur Rolle der Gemeinschaft?
Aristoteles sieht das Menschsein als untrennbar an die Gemeinschaft (Polis) gebunden, da der Mensch biologisch und moralisch auf soziale Bindungen angewiesen ist.
Was kritisiert Hans Jonas am klassischen kategorischen Imperativ?
Jonas kritisiert, dass Kants Imperativ nur den individuell Handelnden in seiner unmittelbaren Gegenwart anspricht und somit die langfristigen Folgen für zukünftige Generationen vernachlässigt.
Welchen Stellenwert räumt Martha Nussbaum den Tugenden ein?
Nussbaum argumentiert gegen einen reinen Relativismus und postuliert, dass bestimmte Tugenden aus menschlichen Wesensmerkmalen resultieren, die transkulturell gültig sind.
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- Dr. med. Norbert Bradtke (Author), 2012, Stellenwert tugendethischer Positionen vor dem Hintergrund differenter Ethikkonzeptionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192446