„[...] Das 16jährige Mädchen L. I. Meltschukowa führten die Soldaten auf Befehl des
deutschen Offiziers Hummer in den Wald, wo sie es vergewaltigten. Nach einiger Zeit sahen
andere Frauen, die ebenfalls in den Wald geführt worden waren, dass bei den Bäumen Bretter
standen, an denen die sterbende Meltschukowa aufgespießt war. Die Deutschen haben ihr vor
den Augen der anderen Frauen, ..., die Brüste abgeschnitten.“1
„Einige Frauen und junge Mädchen wurden brutal durch eine ganze Gruppe [alliierter
Soldaten] in der Öffentlichkeit vergewaltigt, wobei sich die Soldaten in einer Warteschlange
anstellten. In einigen Fällen wurden die Körper der Frauen vom Magen bis hin zum Anus
aufgeschlitzt oder sie wurden danach getötet.“2
Solche oder ähnliche Abscheulichkeiten geschahen sowohl auf der Seite der Deutschen, als
auch auf der Seite der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit,
auch Nachkrieg genannt. Es waren Zeugenaussagen wie diese, die mich dazu bewogen, mich
mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich kann dafür nur das Wort „Abscheulichkeiten“
finden, weil erstens das Wort „Vergewaltigung“ gerade einmal einen Bruchteil dessen erfaßt,
was Frauen damit angetan wird, und zweitens obige Beschreibungen mehr Grausamkeit
enthalten, als „nur“ den Tatbestand einer Vergewaltigung als solche (die allein schon grausam
genug ist).
[...]
1 Nürnberger Prozeß – Der Prozeß gegen die Hauptverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof,
14.11.1945 – 01.10.1946, Band 7, München, Zürich 1984, Band 7, S. 502 ff.
Zitiert nach: Doris Riemann: „Eingeschrieben in ihre Körper – Eingebrannt in ihre Leiber: Vergewaltigungen
von Frauen im zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach und ihre Wirkungsgeschichte: Beobachtungen und
Anmerkungen“. Hannover: 1998, S. 6.
2 Atina Grossmann: „A Question of Silence: The Rape of German Women by Occupation Soldiers“. Erschienen
in: Robert G. Moeller (Hg.): „West Germany under Construction. Politics, Society, and Culture in the Adenauer
Era“. The University of Michigan Press, 1997, S. 43.
Originaler Wortlaut: „Some women and young girls were brutally gang-raped in public with a line of soldiers
waiting for their turn. In some cases, women’s bodies were slit open from stomach to anus, or they were killed
afterward.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Atina Grossmann: „A Question of Silence: The Rape of German Women by Occupation Soldiers“
3. Ingrid Schmidt-Harzbach: „Eine Woche im April: Berlin 1945. Vergewaltigung als Massenschicksal“
4. Christine Eifler: „Nachkrieg und weibliche Verletzbarkeit. Zur Rolle von Kriegen für die Konstruktion von Geschlecht“
5. Zusammenfassung
6. Fazit
7. Literatur
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit verschiedenen Forschungsansätzen zu den Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der alliierten Besatzungsmächte im Nachkrieg auseinander. Ziel ist es, die Ursachen für dieses Massenphänomen zu hinterfragen, die Rolle der Geschlechterverhältnisse zu analysieren und theoretische Lösungsansätze zur Prävention sexualisierter Gewalt in bewaffneten Konflikten zu erörtern.
- Historische Diskurse über die Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit.
- Die Rolle von Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen in Kriegszeiten.
- Politische und gesellschaftliche Reaktionen auf das Thema Vergewaltigung in BRD und DDR.
- Psychologische Hintergründe und die Bedeutung des „rechtsfreien Raumes“.
- Möglichkeiten zur Prävention und Entmystifizierung sexualisierter Gewalt.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„[...] Das 16jährige Mädchen L. I. Meltschukowa führten die Soldaten auf Befehl des deutschen Offiziers Hummer in den Wald, wo sie es vergewaltigten. Nach einiger Zeit sahen andere Frauen, die ebenfalls in den Wald geführt worden waren, dass bei den Bäumen Bretter standen, an denen die sterbende Meltschukowa aufgespießt war. Die Deutschen haben ihr vor den Augen der anderen Frauen, ..., die Brüste abgeschnitten.“
„Einige Frauen und junge Mädchen wurden brutal durch eine ganze Gruppe [alliierter Soldaten] in der Öffentlichkeit vergewaltigt, wobei sich die Soldaten in einer Warteschlange anstellten. In einigen Fällen wurden die Körper der Frauen vom Magen bis hin zum Anus aufgeschlitzt oder sie wurden danach getötet.“
Solche oder ähnliche Abscheulichkeiten geschahen sowohl auf der Seite der Deutschen, als auch auf der Seite der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit, auch Nachkrieg genannt. Es waren Zeugenaussagen wie diese, die mich dazu bewogen, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich kann dafür nur das Wort „Abscheulichkeiten“ finden, weil erstens das Wort „Vergewaltigung“ gerade einmal einen Bruchteil dessen erfaßt, was Frauen damit angetan wird, und zweitens obige Beschreibungen mehr Grausamkeit enthalten, als „nur“ den Tatbestand einer Vergewaltigung als solche (die allein schon grausam genug ist).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Der Autor führt in die Thematik der Massenvergewaltigungen im Nachkrieg ein und begründet seine Entscheidung, sich mit diesem grausamen Phänomen auseinanderzusetzen.
2. Atina Grossmann: „A Question of Silence: The Rape of German Women by Occupation Soldiers“: Eine kritische Auseinandersetzung mit Grossmanns Diskursanalyse, die das Schweigen über die Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit und die Darstellung der Frauen als Opfer beleuchtet.
3. Ingrid Schmidt-Harzbach: „Eine Woche im April: Berlin 1945. Vergewaltigung als Massenschicksal“: Dieses Kapitel analysiert das Werk von Schmidt-Harzbach, das insbesondere Erlebnisberichte und Tagebücher aus Berlin 1945 in den Fokus rückt.
4. Christine Eifler: „Nachkrieg und weibliche Verletzbarkeit. Zur Rolle von Kriegen für die Konstruktion von Geschlecht“: Eiflers Ansatz zur „Umschrift“ sexueller Gewalt und die Untersuchung von Weiblichkeitskonstruktionen in der DDR werden hier diskutiert.
5. Zusammenfassung: Der Autor zieht Bilanz über die analysierten Forschungsansätze und betont die Notwendigkeit, Vergewaltigung als Angriff auf die Würde der Frau zu begreifen.
6. Fazit: Das Fazit stellt die Ursachen der Gewalt in den Kontext militärischer Strukturen, widersprüchlicher Befehle und der Entmenschlichung der Opfer.
7. Literatur: Auflistung der im Text verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Dokumentationen.
Schlüsselwörter
Vergewaltigung, Nachkrieg, Massenphänomen, Alliierte, Besatzungsmächte, Geschlechterrollen, Nationalsozialismus, Frauenrechte, Kriegsgewalt, Trauma, Erinnerungskultur, Männlichkeitskonstruktion, SED, Besatzungszeit, Gewaltprävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Massenvergewaltigungen durch alliierte Soldaten während und nach dem Zweiten Weltkrieg und setzt sich mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieses Themas auseinander.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die historischen Diskurse, die Wahrnehmung der betroffenen Frauen als Opfer sowie die politischen Implikationen in der BRD und der DDR bezüglich des Umgangs mit diesem Tabuthema.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Zwangsläufigkeit der Gewalt zu hinterfragen, die Rolle der militärischen Indoktrination aufzudecken und den gesellschaftlichen Umgang mit den traumatisierten Frauen zu kritisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine Literatur- und Diskursanalyse durch, indem er die Positionen verschiedener Forscherinnen wie Atina Grossmann, Ingrid Schmidt-Harzbach und Christine Eifler gegenüberstellt und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse spezifischer Forschungsansätze, die Untersuchung des Schweigens in der Nachkriegsgesellschaft und die kritische Betrachtung der Abtreibungspolitik sowie der gesellschaftlichen Konstruktion von Weiblichkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Vergewaltigung, Nachkrieg, Besatzungsmächte, Geschlechterrollen, Trauma und Kriegsverbrechen.
Wie bewertet der Autor die Rolle der SED bei der Aufarbeitung?
Der Autor kritisiert die SED scharf für ihre Ignoranz gegenüber den Vergewaltigungen, die primär aus einer politischen Loyalität gegenüber der Sowjetunion resultierte und zu einem Tabu bzw. Redeverbot führte.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für die moderne Gewaltprävention?
Der Autor fordert eine intensivere Erforschung der psychologischen Prozesse bei Tätern, die Anerkennung von Vergewaltigung als schweres Kriegsverbrechen und eine „Erziehung“ von Soldaten, die nicht auf die Ausübung sexualisierter Gewalt abzielt.
- Quote paper
- Sebastian Wyrobek (Author), 2003, Vergewaltigung im Nachkrieg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19248