Erlebnispädagogik in der Schule

Integration erlebnispädagogischer Ansätze in den Schulsport als Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher


Examensarbeit, 2011

72 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Sozialisationstheoretische Rahmenkonzeption
2.1 Grundlegende Begrifflichkeiten
2.1.1 Jugend
2.1.2 Persönlichkeit
2.2 Jugendliche Sozialisation
2.2.1 Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
2.2.2 Konzept der Entwicklungsaufgaben
2.2.3 Sozialisation als Bewältigungsverhalten
2.3 Selbstkonzept - Indikator der Persönlichkeitsentwicklung

3 Grundlagen der Erlebnispädagogik
3.1 Erlebnispädagogik - Gegenstand und Begriff
3.2 Vom Erlebnis zur Pädagogik
3.2.1 Gesellschaftlicher Erlebnisbegriff
3.2.2 Pädagogische Bedeutung von Erlebnissen
3.3 Erlebnispädagogik im schulhistorischen Kontext
3.3.1 Reformpädagogik - Kurt Hahn
3.3.2 Leitideen der Erlebnispädagogik in der Schule
3.4 Erlebnispädagogische Wirksamkeit
3.4.1 Lernzonenmodell
3.4.2 Transfermodelle
3.4.3 Einblicke in die Forschungslage
3.5 Kritik der Erlebnispädagogik
3.6 Zwischenbetrachtung

4 Erlebnisreicher Schulsport
4.1 Sport als Ressource zur Persönlichkeitsentwicklung
4.1.1 Sport im Kontext jugendlicher Sozialisation
4.1.2 Sport und Selbstkonzept
4.2 Sportpädagogisches Erlebnis
4.2.1 Selbstkonzept & „pädagogische Perspektiven“
4.2.2 Erlebnis & Wagnis im Schulsport
4.3 Das Wagnis im Sportunterricht
4.3.1 Konzeption der Wagniserziehung
4.3.2 Didaktisch-methodische Hinweise

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Periodisierung des Jugendalters

Abb. 2: Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz nach Havighurst - Übergang zwischen Kindheit und frühen Erwachsenenalter

Abb. 3: Belastungs-Bewältigungs-Modell

Abb. 4: Problemkonstellation der Entwicklungsaufgaben und ihre angemessene oder unangemessene Bewältigung

Abb. 5: Bewältigungsmodell

Abb. 6: Hierarchisches Modell des Selbstkonzepts

Abb. 7: Das erlebnispädagogische Säulenmodell

Abb. 8: Das Lernzonenmodell

Abb. 9: Mögliche Wirkweisen von Sport

Abb. 10: Sport im Bewältigungsmodell

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Soziale und personale Ressourcen zur Lösung von Entwicklungs- aufgaben im Kindes- und Jugendalter

1 Einleitung

Die Erlebnispädagogik ist derzeit geprägt durch eine Vielzahl von theoretischen Überle- gungen und praktischen Ausführungen. Fast überall, wo mit Kindern und Jugendlichen pädagogisch gearbeitet wird, kommt dieser Begriff zumindest zur Sprache. In der außer- schulischen Jugendarbeit ist Erlebnispädagogik zu einem festen Bestandteil geworden. Aber auch in Bereichen der Erwachsenenbildung und an Hochschulen hat sie eine wahre Wiederentdeckung erfahren. Ihren Ursprung hat die Erlebnispädagogik als reformpädago- gisches Konzept in der Schule. Erlebnispädagogische Ansätze haben sich bis heute theore- tisch und praktisch weiterentwickelt und unterschiedliche Ausprägungen und Formen angenommen. Was heute unter dem Begriff Erlebnispädagogik verstanden wird und welche Möglichkeiten das Konzept für die Schule resp. den Schulsport eröffnet, wird in den folgenden Ausführungen dargelegt. Das Erkenntnis leitende Interesse umfasst den persönlichkeitsbildenden Anspruch von erlebnispädagogischen Aktivitäten. Das Thema dieser Arbeit lautet:

Erlebnispädagogik in der Schule - Integration erlebnispädagogischer Ansätze in den Schulsport als Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher Untersucht wird zum einen, unter welcher Legitimation erlebnispädagogische Ansätze in den Sportunterricht integriert werden können und zum anderen, welchen Beitrag erlebnispädagogisches Handeln zur Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher leistet.

Für die Analyse der Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter bedarf es einer interdis- ziplinären Rahmenkonzeption. Soziologische, psychologische und pädagogische Theorien und Modelle werden in einem sozialisationstheoretischen Ansatz integriert. Die interdiszi- plinär ausgerichtete Sozialisationstheorie bietet einen guten Rahmen für den Untersu- chungsgegenstand dieser Arbeit. Das Individuum ist charakterisiert als Produkt und Produzent seiner Entwicklung. Wird dieser Ansatz auf die Lebensphase Jugend übertragen, stehen die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und die Identitätsbildung im Mittel- punkt.

Da sich das Erkenntnisinteresse auf den pädagogischen Kontext richtet, liegt der Fokus, in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter, auf dem Bewältigungsverhalten resp. der Stärkung von Ressourcen. Theorien dieser Ausrichtung harmonieren mit den zentralen Annahmen der Sozialisationstheorie und sind somit zur Untersuchung der o. g. These gut geeignet. Bewältigungstheorien beschäftigen sich damit, wie Menschen mit

Anforderungen umgehen und welche Folgen eine erfolgreiche oder nicht erfolgreiche Ver- arbeitung nach sich zieht. Jugendliche haben innerhalb einer kurzen Zeitspanne eine Fülle von Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Das Bewältigungsverhalten, das im Jugendalter erlernt wird, setzt sich vielfach in späteren Lebensabschnitten fort. Um Jugendliche in dieser Phase zu unterstützen, sind die inneren und äußeren Anforderungen und Ressourcen zu berücksichtigen. Untersucht wird somit explizit, welchen Beitrag erlebnispädagogische Ansätze im Sportunterricht zur Stärkung personaler und sozialer Ressourcen leisten, und somit zur Bewältigung von Alltagsanforderungen und Entwicklungsaufgaben beitragen.

Im zweiten Kapitel wird dieser Zusammenhang mit Hilfe von Theorien und Modellen im konzeptionellen Rahmen der Sozialisationstheorie verdeutlicht. Integriert sind das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung nach Hurrelmann, das Stufenmodell der psycho- sozialen Entwicklung nach Erikson und das Konzept der Entwicklungsaufgaben nach Havighurst. Diese Ansätze werden in einem Bewältigungsmodell zusammengeführt. Zur Konzeptualisierung von Persönlichkeit wird das Selbstkonzept herangezogen. Es ist für die pädagogische Arbeit und Forschung geeignet, da kognitive Persönlichkeitsmerkmale eher beeinflussbar sind als Traits. Das Selbstkonzept wird sowohl im sportwissenschaftlichen als auch im erlebnispädagogischen Bereich für empirische Untersuchungen eingesetzt.

Der Schwerpunkt im dritten Kapitel liegt auf der Erlebnispädagogik. Zunächst werden die Begriffe »Erlebnispädagogik« und »Erlebnis« ausführlich und unter Rückgriff auf histori- sche Quellen beleuchtet. Zudem werden die schulhistorischen Wurzeln aufgezeigt und beschrieben, unter welchen Leitideen die Erlebnispädagogik in der heutigen Zeit ihre Berechtigung in der Schule findet. Hierzu werden theoretische Fundierungen dargelegt, ein Einblick in die empirische Forschungslage wird gegeben und auf die Kritik der Erlebnis- pädagogik eingegangen. In der Zwischenbetrachtung wird diskutiert, warum gerade die Erlebnispädagogik eine sinnvolle Methode für Jugendliche und für die Schule darstellt.

Im vierten Kapitel werden die erarbeiteten Inhalte der vorherigen Kapitel zusammengefügt. Die Konstrukte Sozialisation und Selbstkonzept werden im Zusammenhang mit Sport betrachtet und auf die Erlebnispädagogik bezogen. Ein sportorientierter erlebnispädagogischer Ansatz ist das Konzept der Wagniserziehung. Untersucht wird, welche Ressourcen durch erlebnisreichen Sportunterricht gestärkt werden, wie diese mit den Zielen im Lehrplan harmonieren und didaktisch-methodisch umgesetzt werden können. Die Arbeit endet mit einer kurzen Schlussbetrachtung.

2 Sozialisationstheoretische Rahmenkonzeption

Für die Analyse der Persönlichkeitsentwicklung in der Lebensphase Jugend bietet die interdisziplinär ausgerichtete Sozialisationstheorie einen geeigneten Rahmen. Sozialisation ist der „Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit in Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Anforderungen“ (Hurrelmann, 2010, S. 49). Die »inneren« Anforderungen umfassen Körper und Psyche, die »äußeren« Anforderungen die soziale und physische Umwelt. Persönlichkeitsentwicklung ist somit als wechselseitiger Anpassungsprozess von Person und Umwelt zu verstehen. Innere und äußere Realität stehen in einer aktiven Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig (ebd., S. 49 f.).

Zunächst werden die Begriffe »Jugend« und »Persönlichkeit« erläutert (Kapitel 2.1). Es wird ein Überblick über die Lebensphase Jugend gegeben und aufgezeigt, warum das Jugendalter zu einer immer längeren und wichtigeren Phase im Lebenslauf wird. Die Persönlichkeitsentwicklung nimmt gerade im Jugendalter einen besonderen Stellenwert ein. In Kapitel 2.2 folgt eine theoretische Fundierung des sozialisationstheoretischen Rahmens. Hierzu werden bewährte, klassische Theorien vorgestellt und in einem Bewältigungsmodell zusammengeführt. Abschließend wird in Kapitel 2.3 das Selbstkonzept als Indikator der Persönlichkeitsentwicklung dargelegt.

2.1 Grundlegende Begrifflichkeiten

2.1.2 Jugend

Der Begriff »Jugend« weist eine Vielzahl von Bedeutungen auf. Die Dimensionen erstre- cken sich von Jugend als eigenständige Gruppe von Menschen, über Jugend als Kohorten im zeitgeschichtlichen Wandel, bis hin zu Jugend als Leitbild bzw. Ideal (Oerter & Dreher, 1998, S. 311). In dieser Arbeit liegt der Fokus auf Jugend als Entwicklungsstadium im in- dividuellen Lebenslauf. Die Entwicklung im Jugendalter ist eine Phase, die durch biologi- sche, kognitive und soziale Veränderungen gekennzeichnet ist und daher auf multidisziplinäres Interesse stößt. Die Ansätze aus u. a. Soziologie, Psychologie, Pädago- gik und Biologie weisen unterschiedliche Perspektiven und Konzepte auf, um Jugend zum Gegenstand von Analyse und Forschung zu machen. Im Folgenden wird die Entwicklung im Jugendalter weiter spezifiziert und es werden für diese Arbeit geeignete theoretische Konzepte dargelegt.

Lebensphase Jugend

Im Laufe des gesellschaftlichen Wandels hat sich die Jugend zu einer eigenen Lebensphase herauskristallisiert. Hurrelmann (2010, S. 18) konstatiert, dass sie nicht mehr den Charak- ter einer Übergangsphase inne hat, sondern zu einer in sich gefügten eigenständigen Lebensphase geworden ist. Diese Phase hat sich in den letzten fünfzig Jahren stark ausge- dehnt und umfasst im Durchschnitt eine Spanne von fünfzehn Lebensjahren (ebd., S. 41). Die Jugendphase nimmt daher eine Schlüsselstellung im menschlichen Lebenslauf ein und hat großen Einfluss auf nachfolgende Lebensphasen. Merkmale und Probleme der Jugend- phase spiegeln sich in der künftigen Gesellschaft wider, da sich die Persönlichkeits- und Gesellschaftsentwicklung in wechselseitiger Abhängigkeit befinden (ebd., S. 8).

Interne Strukturierung der Lebensphase Jugend

Die Perioden innerhalb der Jugendphase werden mit Hilfe von Altersmarkierungen, die helfen sollen entwicklungsbedingte Unterschiede zu kennzeichnen, strukturiert. Die ent- wicklungspsychologischen Zeitabschnitte des Jugendalters konzentrieren sich auf den Altersbereich zwischen ca. 10-25 Jahren. Durch die immer früher einsetzende biologische Reife (Pubertät) sowie gesellschaftlicher Veränderungen, wie z. B. der Selbstgestaltung des eigenen Lebens und verlängerte Ausbildungszeiten, haben sich die Anforderungen für Jugendliche verändert und die Dauer der Adoleszenz hat sich verlängert (Oerter & Dreher, 1998, S. 310 ff.). Die biopsychosozialen Veränderungen erstrecken sich über mehrere Pha- sen: ‚Pubertät’ (ca. 10-11 Jahre) mit Übergang in die ‚frühe Adoleszenz’ (11-13 Jahre), die ‚mittlere Adoleszenz’ (14-17 Jahre) und die ‚späte Adoleszenz’ (18-22 Jahre).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Periodisierung des Jugendalters (angelehnt an Oerter & Dreher, 1998, S. 312)

Bei den Altersmarkierungen ist die geschlechtsspezifische Differenz zu berücksichtigen, da die biologischen Veränderungen der Pubertät bei Mädchen durchschnittlich zwei Jahre früher auftreten als bei Jungen. Die interne Strukturierung des Jugendalters dient weniger der starren Abgrenzung von Altersabschnitten, sie kennzeichnet viel mehr Bereiche mit rasanter Veränderung biologischer, kognitiver und emotionaler Dimension sowie bereichs- spezifische Entwicklungslinien. Die Abbildung 1 zeigt die beschriebene Periodisierung des Jugendalters.

Psychosoziale Entwicklung im Jugendalter

Wie sich die psychosoziale Entwicklung in dieser Zeit vollzieht, wird mit Hilfe von Eriksons Stufenmodell verdeutlicht. Erikson (1973, zit. n. Montada, S. 64 f.) unterscheidet in seinem Modell der psychosozialen Entwicklung acht Hauptstadien während des Lebenslaufs, die er alle als spezifische Krisen charakterisiert. Als zentrale Krise resp. Aufgabe des Jugendalters formuliert er das Ausbilden der eigenen Identität. Durch die Bewältigung psychosozialer Herausforderungen entsteht eine individuelle Persönlichkeitsstruktur, welche die Basis für die Ausbildung der Identität darstellt.

Die »Identität« beschreibt ein Konzept der Selbstkonsistenz, also eine Kontinuität des Selbsterlebens über verschiedene Handlungssituationen und unterschiedliche Entwick- lungsphasen hinweg. Es beschreibt ein Erleben des Sich-Selbst-Gleichseins, das sich in kritischer und selbstkritischer Reflexion mit den gesellschaftlichen Anforderungen als auch mit der eigenen Kompetenz einstellt (Hurrelmann, 2010, S. 30). Jugendliche formen ein facettenreiches Selbstkonzept, um dieses in ein persönliches Selbstbild aufzunehmen (Oerter & Dreher, 1998, S. 65). Dieser Prozess beruht auf der „Bewältigung von Anforde- rungen, die aus der Einbettung des Individuums in eine Sozialordnung resultieren“ (ebd., S. 322). Jugendliche werden mit komplexen Anforderungen konfrontiert und müssen diese, in Hinblick auf ihre eigenen Werte und die Ansprüche der Gesellschaft, bewältigen. Cha- rakteristisch in dieser Phase ist, Widersprüchlichkeiten der äußeren Realität mit der eige- nen Selbstdefinition zu vereinbaren. Die Identität ist der ausschlaggebende Faktor für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Je mehr Kompetenzen und Fertigkeiten ein Indivi- duum zur Bewältigung psychischer und sozialer Probleme besitzt und je besser es in einer sicheren sozialen Struktur eingebunden ist, desto günstiger sind die Voraussetzungen für ein positives Selbstwertgefühl und eine stabile Identität. Gelingt es nicht, entwicklungsspe- zifische Krisen zu bewältigen, sind bleibende Persönlichkeitsstörungen die Folge (Hurrel- mann, 2010, S. 157 ff.).

Jugend heute

Der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung erstreckt sich über die gesamte Lebensspanne, erfolgt in der Jugendphase aber in besonders intensiver Form. Jugendliche müssen wesent- liche Veränderungen der biologischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung bewältigen. Die Anforderungen der körperlichen und psychischen Innenwelt und der sozia- len und physischen Außenwelt sind so zu bewältigen, dass eigene Wege der individuellen Entfaltung (Individuation) und der sozialen Integration gefunden werden. Zugleich ist der Spielraum für selbstbestimmtes Handeln relativ groß. Jugendliche finden eine Struktur vor, die ihnen breite Entfaltungs- und viele Wahlmöglichkeiten eröffnet. Von ihnen wird früh verlangt einen eigenen Lebensplan zu definieren. Eine individuelle Lebensgestaltung er- fordert ein hohes Maß an persönlicher und biographischer Selbstorganisation (Hurrelmann, 2010, S. 9). Für die Gestaltung und Sinngebung des eigenen Lebens werden Jugendlichen erhebliche persönliche Definitions- und Eigenleistungen abverlangt.

Indessen rückt der Schritt in die ökonomische Selbstständigkeit immer weiter nach hinten. Die Ausbildungszeiten haben sich erheblich verlängert und für viele Jugendliche stehen keine Arbeitsplätze zur Verfügung (ebd., S. 22). Hierdurch kommt es zu einer Mischung aus Eigenständigkeit und Abhängigkeit sowie Selbst- und Fremdbestimmung. Die vielsei- tigen Anforderungen und Herausforderungen in dieser Lebensphase erfordern von den Jugendlichen anspruchsvolle Problemlösungs- und Bewältigungsstrategien. Entwicklungs- probleme im Jugendalter lassen sich oft auf die misslungene Auseinandersetzung mit den Entwicklungsaufgaben zurückführen. „Viele, wahrscheinlich sogar die meisten, der sozial, psychisch und körperlich ‚auffälligen’ Verhaltensweisen sind Symptome für Überfor- derungen“ (ebd., S. 10). Es handelt sich u. a. um Probleme mit der Veränderung der kör- perlichen Erscheinung, der Entfaltung von Individualität und Identität sowie der sozialen Integration. Es besteht das Risiko einer psychisch und gesundheitlich unbefriedigten Persönlichkeitsentwicklung.

Durch die längeren Ausbildungszeiten haben die Bildungseinrichtungen an Einfluss gewonnen. Lehrkräfte sollten eine unterstützende Rolle bei der Bewältigung von Entwick- lungsaufgaben einnehmen und „Jugendliche in ihrer Selbstverantwortung für die Gestal- tung der Lebensphase Jugend [zu] stärken“ (ebd., S. 25). Um Schülerinnen und Schüler in ihrem Entwicklungsprozess zu unterstützen, müssen die inneren und äußeren Anforderun- gen und Ressourcen berücksichtigt werden. Das im Jugendalter erlernte Bewältigungs- verhalten bleibt beständig und setzt sich vielfach in späteren Lebensabschnitten fort.

2.1.2 Persönlichkeit

Persönlichkeit ist ein komplexes Konstrukt, das verschiedene Aspekte beinhaltet und je nach Disziplin unterschiedlich ausgelegt werden kann. Daher gibt es bis heute keine allgemein gültige Definition von Persönlichkeit. Die Begriffsbestimmungen variieren je nach Forschungsrichtung und -interesse.

Den Rahmen dieser Arbeit bildet ein Modell der Sozialisationstheorie, welches von der These ausgeht, dass sich ein Individuum ein Leben lang mit den inneren und äußeren Anforderungen auseinander setzt und dabei seine eigene Persönlichkeit formt. Die sozialisationstheoretische Perspektive beschreibt Persönlichkeit als das „unverwechselbare Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Handlungskompetenzen […], das sich auf der Grundlage der biologischen Ausstattung als Ergebnis der Bewältigung von Lebensaufgaben eines Menschen ergibt“ (Hurrelmann, 2002, S. 16). Persönlichkeit stellt somit die individuelle Besonderheit in Abgrenzung zu anderen Personen dar und kann als Wegbereiter und Resultat von Sozialisation betrachtet werden.

Die Persönlichkeitsentwicklung bezeichnet die Veränderung von individuellen Merkmalsbesonderheiten im Verlauf des Lebens. Veränderungen sind von den individuellen Herausforderungen eines Menschen und dessen Bewältigungsstrategien abhängig. Die Grundstruktur der Merkmale bleibt dabei konstant, nur Teilelemente des Systems werden durch neue Verarbeitungsstrategien umgestaltet und in ein andersartiges Gesamtgefüge eingebettet (ebd.). Stabile Persönlichkeitsmerkmale sorgen dafür, dass sich Menschen zwar im Laufe ihres Lebens ändern und sich den Anforderungen des Lebens anpassen, jedoch noch bleiben wer sie sind (Neyer & Lehnart, 2008, S. 82). Der Begriff der Persönlichkeitsentwicklung wird als Definitionsbestandteil von Sozialisation verwendet. Die Sozialisationstheorie fasst Erklärungen und Aussagen zusammen, die sich mit der menschlichen Persönlichkeitsbildung befassen. Die zentrale Annahme lautet:

Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen wird in jedem Lebensabschnitt durch eine ‚produktive’ Auseinandersetzung mit den äußeren, sozialen und physischen Umweltbedingun- gen und zugleich den inneren, psychischen und körperlichen Vorgaben beeinflusst. (Hurrel- mann, 2010, S. 7)

Der Sozialisationsbegriff beschreibt Persönlichkeitsentwicklung als lebenslangen Vorgang der Auseinandersetzung eines Individuums mit den inneren und äußeren Anforderungen. »Produktiv« verweist auf die aktive Gestaltung des eigenen Lebens und der Einflussnahme auf den individuellen Lebenslauf.

Bei der Persönlichkeitsentwicklung handelt es sich um einen real existierenden dynamischen Prozess, der jedoch in der Realität einen schwer greifbaren Untersuchungsgegenstand darstellt. Für erkenntnisleitende Erklärungen ist das Konstrukt begrifflich und inhaltlich zu strukturieren und somit greifbar zu machen.

In der Literatur (Neyer & Lehnart, 2008, S. 82 f.) wird zwischen basalen und adaptiven Persönlichkeitsmerkmalen unterschieden. Als relativ stabil gilt das Modell der fünf Fakto- ren (Big Five) Extraversion, Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit, aus denen ein wesentlicher Teil der alltagspsychologisch repräsentierten Persön- lichkeitsbereiche abgebildet wird (Asendorpf, 2004, S. 148). Neyer & Lehnart (2008, S. 83) zählen das Selbstkonzept zu den adaptiven Merkmalen der Persönlichkeit, welche durch Motivation und Kognition stärkeren Veränderungen unterliegen. Sie reagieren somit sensitiver auf Einflüsse aus der Umwelt. Das Selbstkonzept wird in unterschiedlichen disziplinären Ausrichtungen zusammen mit der Persönlichkeitsentwicklung thematisiert. Sowohl im sportwissenschaftlichen als auch im erlebnispädagogischen Bereich wird es für empirische Untersuchungen eingesetzt. In dieser Arbeit wird das Selbstkonzept als Indika- tor für die Persönlichkeitsentwicklung herangezogen (Kapitel 2.3).

2.2 Jugendliche Sozialisation

Für die Analyse der Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter bedarf es einer interdis- ziplinären Rahmenkonzeption. Es werden verschiedene Aspekte aus soziologischen, psy- chologischen und erziehungswissenschaftlichen Theorien herangezogen und in einem sozialisationstheoretischen Ansatz integriert. In diesem Kapitel wird der sozialisations- theoretische Rahmen zur Persönlichkeitsentwicklung mit Annahmen und Aussagen gefüllt und zu einem in sich schlüssigen Konzept abgefasst. Es werden bewährte, klassische Theo- rien vorgestellt, die anschließend in einem Bewältigungsmodell zusammengeführt werden. Sozialisation kann so als Bewältigungsverhalten verstanden werden. Ausschlaggebend für einen gelingenden Sozialisationsprozess ist die Bewältigung spezifischer Entwicklungs- aufgaben im Jugendalter. Unzureichende Bewältigungskompetenzen werden auf unzu- reichende personale und soziale Ressourcen zurückgeführt und führen zu erheblichen Belastungen. Ressourcenorientierte Ansätze harmonieren mit den Annahmen der Sozialisa- tionstheorie und sind somit für diese Arbeit gut geeignet. Als Indikator der Persönlich- keitsentwicklung wird abschließend das Selbstkonzept dargelegt.

2.2.1 Modell der produktiven Realitätsverarbeitung

Hurrelmann (2002, S. 23 ff.; 2004, S. 19 ff.) fasst in sieben Thesen bzw. acht Maximen zusammen, an welchen Annahmen, Analyseebenen und Disziplinen sich eine Soziali- sationstheorie orientiert. Im Folgenden werden in Thesenform die acht Maximen der sozialisationstheoretischen Jugendforschung nach Hurrelmann (2010, S. 63 ff.) dargelegt. Einige Thesen wurden bereits in vorangegangenen Abschnitten angesprochen und werden daher nur kurz erläutert.

(1) Wie in jeder Lebensphase gestaltet sich im Jugendalter die Persönlichkeitsentwick- lung in einem Wechselspiel von Anlage und Umwelt. Hierdurch werden auch die Grundstrukturen für Geschlechtsmerkmale definiert.

Es wird von der Hypothese ausgegangen, dass etwa die Hälfte der Persönlichkeitsmerkma- le eines Individuums auf seine genetische Ausstattung und die andere Hälfte auf die soziale und physische Umwelt zurückzuführen sind. Die genetischen Anlagen wie z. B. Ge- schlecht, körperliche Konstitution, Intelligenz, Temperament und Psyche stellen Möglich- keitsräume dar, die durch Umwelteinflüsse aktiviert und geformt werden. Zu den Umweltbedingungen zählen u. a. Familie, Freunde, Wohnsituation, Kultur- und Bildungs- angebote sowie finanzielle Ressourcen. Im Jugendalter wird dieses Wechselspiel besonders bei der Ausprägung des Geschlechts deutlich. Der Köperbau und die hormonelle Ausstat- tung sind genetisch bedingt und werden durch kulturelle Vorstellungen überformt.

(2) Im Jugendalter erreicht der Prozess der Sozialisation, verstanden als dynamische und produktive Verarbeitung der inneren und äußern Realität, eine besonders inten- sive Phase und zugleich einen für den ganzen weiteren Lebenslauf Muster bildenden Charakter.

Gerade im Jugendalter ist die Dichte der Entwicklungsaufgaben sehr hoch und erfordert konstruktive Bewältigungsformen und Strategien zur Selbstorganisation. Veränderungen von Elementen der inneren und äußeren Realität werden sensibel aufgenommen, reflektiert und auf das eigene Handeln abgestimmt. »Produktiv« verweist auf die aktive, den indivi- duellen Voraussetzungen und Bedürfnissen angepasste Gestaltung des eigenen Lebens. Die in dieser Phase erlernten Strategien werden meist im weiteren Lebenslauf beibehalten.

(3) Menschen im Jugendalter sind schöpferische Konstrukteure ihrer Persönlichkeit mit der Kompetenz zur eigengesteuerten Lebensführung.

Jugendliche probieren Verhaltensmöglichkeiten aus, tasten sich an neue Bereiche heran und erproben ihre Einflussnahme in der Umwelt. Hierdurch wird eine eigene Lebensführung mit selbstgesetzten Zielen und Sinngebungen möglich. In dieser Zeit werden die Muster für eine lebenslange Persönlichkeitsentwicklung angelegt.

(4) Die Lebensphase Jugend ist durch die lebensgeschichtlich erstmalige Chance ge- kennzeichnet, eine Ich-Identität zu entwickeln. Sie entsteht aus der Synthese von Individuation und Integration, die in einem spannungsreichen Prozess immer wieder neu hergestellt werden muss.

In dieser Lebensphase konstruieren Individuen zum ersten Mal ein Identität stiftendes Selbstbild. Über soziale Interaktionen werden Werte und Normen der Gesellschaft mit den eigenen Interessen und Neigungen in Verbindung gebracht und ein reflexives Bild wird von sich selbst aufgebaut. Die Integration umfasst den Prozess der Vergesellschaftung des Menschen (soziale Identität) und die Individuation den Aufbau einer individuellen Persön- lichkeitsstruktur (personale Identität). Die Überwindung des Spannungsverhältnisses der beiden Prozesse ist entscheidend für die Stabilität und Belastbarkeit der Persönlichkeit.

(5) Der Sozialisationsprozess im Jugendalter kann krisenhafte Formen annehmen, wenn es Jugendlichen nicht gelingt, die Anforderungen der Individuation und Integ- ration aufeinander zu beziehen und miteinander zu verbinden. In diesem Fall wer- den die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters nicht gelöst und es entsteht Entwicklungsdruck.

In der Jugendphase ist sowohl ein positives Stimmungspotential, als auch ein hohes Belastungspotenzial vorhanden. Persönlichkeitsformungen implizieren Veränderungen der psycho-physischen Disposition und sozialkulturelle Anpassungen, die mit dem Selbstbild in Verbindung gebracht werden. Personale und soziale Ressourcen helfen, die Vielfalt und Dichte von Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Durch unzureichende Bewältigungskompetenzen können Belastungen und Überforderungen, die soziale und gesundheitliche Entwicklungsstörungen nach sich ziehen, entstehen.

(6) Um die Entwicklungsaufgaben zu bewältigen und das Spannungsverhältnis von Individuation- und Integrationsanforderungen abzuarbeiten, sind neben individuel- len Bewältigungsfähigkeiten („personale Ressourcen“) auch soziale Unterstützun- gen durch die wichtigsten Bezugsgruppen („soziale Ressourcen“) notwendig.

Die inneren und äußeren Anforderungen weisen Inkonsistenzen und Widersprüchlichkei- ten, welche die permanente Neuorganisation der Persönlichkeitsstruktur Jugendlicher er- schwert, auf. Jugendliche brauchen die Unterstützung ihrer sozialen Umwelt. Spielräume für unterschiedliche Lösungsansätze sollten eröffnet werden und das Erproben von Verhal- tensweisen müsste erlaubt sein. Jugendliche werden bei dieser Art von Unterstützung in der Fähigkeit zur Selbstorganisation gestärkt. Gleichzeitig sollte neben diesen Spielräumen ein Konsens über die Mindeststandards von sozialen Beziehungen vereinbart werden.

(7) Neben der Herkunftsfamilie sind Schulen, Ausbildungsstätten, Gleichaltrige und Medien als „Sozialisationsinstanzen“ die wichtigsten Vermittler und Unterstützer im Entwicklungsprozess des Jugendalters. Günstig für die Sozialisation sind sich ergänzende und gegenseitig anregende Impulse dieser Instanzen.

Aufgabe der Sozialisationsinstanzen ist es, Jugendliche beim Aufbau von Kompetenzstruk- turen im Hinblick auf ihren zukünftigen Erwachsenenstatus zu unterstützen, um damit auch das gesellschaftliche System zu sichern. Hierzu ist es erforderlich, ein ausgewogenes Ver- hältnis von individuellen Freiheitsgraden und Entfaltungsräumen mit notwendigen Anpas- sungs- und Verhaltenserwartungen zu verbinden. Zu große Handlungsspielräume führen zu Orientierungslosigkeit, zu enge wirken restriktiv. Neben den öffentlichen Sozialisationsin- stanzen (Schulen und Ausbildungsstätten) wird der Einfluss von Gleichaltrigen, Freizeit- angeboten und Massenmedien immer größer. Da diese eher informellen Instanzen sehr wirkungsvoll sind, ist eine gegenseitige Ergänzung, Verstärkung und Kontrolle mit den formellen Instanzen sinnvoll und wichtig.

(8) Die Lebensphase Jugend muss unter den heutigen historischen, sozialen und öko- nomischen Bedingungen in westlichen Gesellschaften als eine eigenständige Phase im Lebenslauf identifiziert werden. Sie hat ihren früheren Charakter als Übergangsphase vom Kind zum Erwachsenen verloren.

Die Jugendphase ist durch schulische und berufliche Bildung geprägt. In dieser lang ge- streckten, eigenständigen Phase im Lebenslauf verbinden sich die Komponenten der Tran- sition (Strategie des raschen, zielstrebigen Übergangs in den Erwachsenenstatus) und des Moratoriums (Strategie des langsamen Übergangs mit vorübergehenden Rückzug in den Schonraum Jugend). Jugendliche, als Produzenten ihrer eigenen persönlichen Entwicklung, können verschiedene individuelle Kombinationen dieser Konzeptionen realisieren.

2.2.2 Konzept der Entwicklungsaufgaben

Jugendliche haben innerhalb einer kurzen Zeitspanne eine Fülle von Entwicklungsaufgaben zu bewältigen.

Eine ‚Entwicklungsaufgabe’ ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem bestimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt, während ein Misslingen zu Unglücklichsein, zu Missbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt. (Göppel, 2005, S. 71 f. zit. n. Havighurst, 1956, S. 215)

Entwicklungsaufgaben definieren in jeder Kultur die Anforderungen, die Jugendliche unter bestimmten Lebensbedingungen erfüllen müssen. Typische Aufgaben sind das Akzeptieren körperlicher Veränderungen, der Aufbau von Peerbeziehungen, die emotionale Lösung von den Eltern und die Identitätsentwicklung. Havighurst erarbeitete das Konzept der Entwick- lungsaufgaben und beschrieb den Entwicklungsprozess eines Menschen als lebenslangen Lernprozess. Im Kontext realer Anforderungen werden Kompetenzen und Fertigkeiten aufgebaut, die zur weiteren Bewältigung des Lebens beitragen (Oerter & Dreher, 1998, S. 326). Eine Entwicklungsaufgabe stellt ein Bindeglied zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Anforderungen dar. Als Quellen der Entwicklungsaufgaben werden somit neben physischen Reifungsprozessen auch gesellschaftliche Erwartungen und indi- viduelle Zielsetzungen postuliert. Es handelt sich somit um eine „charakteristische Kons- tellation von Anforderungen und Ressourcen […] der sich ein Individuum gegenübersieht“ (Hurrelmann, 2006, S. 130).

Die Abbildung 2 zeigt die Entwicklungsaufgaben, die Havighurst der mittleren Kindheit, der Adoleszenz und dem frühen Erwachsenenalter zuordnet. Die Einbettung macht den Stellenwert innerhalb der Lebensphase deutlich. Keine Entwicklungsaufgabe ist isoliert zu sehen, die Verbindungslinien weisen auf vorgelagerte und anknüpfende Inderdependenzen hin. Aus der Abbildung wird deutlich, „daß [sic] es sich um eine konzentrierte Phase multipler Bewältigungsleistungen handelt“ (Oerter & Dreher, 1998, S. 328).

Werden die Verhaltensanforderungen als Herausforderungen interpretiert und erfolgreich bewältigt, führt dies zu einer positiven Persönlichkeitsdynamik. Die Bewältigung der Anforderungen führt zum Aufbau von Fähigkeiten und Kompetenzen und geht mit psychischem Wohlbefinden und gesellschaftlicher Akzeptanz einher.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz nach Havighurst - Übergang zwischen Kindheit und frühen Erwachsenenalter (Oerter & Dreher, 1998, S. 328)

Die Entwicklungsaufgaben sind häufig nicht leicht zu bewältigen, da sie komplex vernetzt sind. Aber auch ungünstige gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wie z. B. zu wenig Ausbildungsplätze, wirken erschwerend (Pinquart & Silbereisen, 2007, S. 65). Ein Nicht- gelingen der Entwicklungsaufgaben ist mit negativen Affekten für die Persönlichkeitsent- wicklung verbunden. Ressourcen bilden eine wichtige Basis für die Entwicklung im Jugendalter. Jedes Individuum verfügt über unterschiedliche Ressourcen um Anforderun- gen zu bewältigen. Als personale Ressourcen können körperliche Gesundheit, emotionale Stabilität und kognitive Fähigkeiten gelten, als soziale Ressourcen z. B. soziale Unterstützung. In der folgenden Tabelle sind soziale und personale Ressourcen, die im Jugendalter bei der Lösung von Entwicklungsaufgaben helfen, aufgelistet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Soziale und personale Ressourcen zur Lösung von Entwicklungsaufgaben im Kindes- und Jugendal- ter (Blanz, Remschmidt, Schmidt und Warneke, 2006, S. 543)

2.2.3 Sozialisation als Bewältigungsverhalten

Sozialisation kann als Bewältigungsverhalten aufgefasst werden, indem die Bedingungen und Folgen einer gelingenden oder nicht gelingenden Bewältigung von Lebensanforderun- gen im Vordergrund stehen. Unter »Bewältigung« wird die Anstrengung eines Menschen verstanden, die an ihn gestellten Anforderungen und Belastungen zu begegnen und mög- lichst zu überwinden (Hurrelmann, 2002, S. 269). Werden Entwicklungsaufgaben und All- tagsanforderungen nicht bewältigt, kann es zu „Störungen der Persönlichkeitsentwicklung im sozialen, psychischen und körperlichen Bereich kommen“ (ebd.). Ist die Bewältigung erfolgreich, sind die Voraussetzungen für eine weiterhin produktive Verarbeitung der inne- ren und äußeren Realität mit gesunder Persönlichkeitsentwicklung gegeben.

Belastungs-Bewältigungs-Modell

Die Realitätsverarbeitung bezieht sich auf die Systeme Körper, Psyche, soziale und physi- sche Umwelt, die sich gegenseitig beeinflussen und bestimmend für die Persönlichkeits- entwicklung sind. Die Anforderungen dieser Systeme müssen lebenslang immer wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden (Hurrelmann, 2006, S. 129). Stehen Systeme dauerhaft in Widerspruch zueinander, kann es zu keiner produktiven Verarbeitung kommen. Produk- tive Realitätsverarbeitung umfasst somit die Fähigkeit, die vier Teilsysteme aufeinander abzustimmen, um positive Impulse für die Entwicklungsdynamik zu geben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Belastungs-Bewältigungs-Modell (modifiziert nach Hurrelmann, 2006, S. 132 & Hurrelmann, 2002, S. 271)

Die Abbildung 3 zeigt, dass die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben als Konstellation von Anforderungen und Ressourcen aus den vier Systemen der äußeren und inneren Reali- tät verstanden wird. Werden die Entwicklungsaufgaben in den Teilsystemen angemessen bewältigt resp. produktiv verarbeitet, kommt es zu einer positiven Persönlichkeitsdynamik. Wie gut die Entwicklungsaufgaben gelöst werden können, hängt ebenfalls von der äußeren und inneren Realität ab. Die personalen Anforderungen ergeben sich aus dem biologischen Bereich (genetische Disposition, körperliche Konstitution, Immunsystem, Nervensystem und Hormonsystem) und dem psychischen Bereich (Persönlichkeitsstruktur, Temperament und Belastbarkeit). Diese Anforderungen stellen zugleich die Ressourcen dar, mit denen den äußeren Anforderungen begegnet wird. Die sozialen Anforderungen umfassen die sozioökonomische Lage, das ökologische Umfeld, Wohnbedingungen, Bildungsangebote, Arbeitsbedingungen und die soziale Einbindung (Hurrelmann, 2006, S. 142). Auch diese Anforderungen stellen wiederum Ressourcen dar, um den inneren Anforderungen erfolg- reich zu begegnen.

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Details

Titel
Erlebnispädagogik in der Schule
Untertitel
Integration erlebnispädagogischer Ansätze in den Schulsport als Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher
Hochschule
Universität Paderborn  (Sport und Gesundheit)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
72
Katalognummer
V192679
ISBN (eBook)
9783656178576
Dateigröße
920 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erlebnispädagogik, schule, integration, ansätze, schulsport, beitrag, persönlichkeitsentwicklung, jugendlicher
Arbeit zitieren
Christina Müller (Autor), 2011, Erlebnispädagogik in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192679

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Titel: Erlebnispädagogik in der Schule



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