Kritische Analyse der Interpretation Erika Fischer-Lichtes zu Goethes "Iphigenie"

„Goethes ‚Iphigenie’ – Reflexion auf die Grundwidersprüche der Gesellschaft“


Seminararbeit, 2007

14 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit Johann Wolfgang Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und ihrer Rezeption durch Erika Fischer-Lichte „Goethes ‚Iphigenie’ - Reflexion auf die Grundwidersprüche der Gesellschaft“.

In der Arbeit werden zunächst die theoretischen Hintergründe der Interpretation von Fischer-Lichte beleuchtet und ihre Methoden der Analyse erläutert, um nachfolgend ihre Argumentationsstruktur und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen näher zu betrachten.

Abschließend erfolgt eine Beurteilung ihrer Interpretation.

2. Theoretische Hintergründe und Methoden der Interpretation

2.1 Die Kontroverse Ivo/Lorenz und ihre Rezeption durch Fischer-Lichte

Fischer-Lichte bezieht sich auf zwei unterschiedliche Positionen zur Frage des Bildungswertes der „Iphigenie“ als Teil des Deutschunterrichtes. Hubert Ivo vertritt die These, dass „Iphigenie auf Tauris“ den emanzipatorischen Zielen des Bürgertums dient. In ihr werde eine Utopie von gegenseitigem Vertrauen und menschlichem Zusammenleben im Kontrast zur vorherrschenden bürgerlichen Realität der Entfremdung aufgezeigt. Im Vordergrund stehe die Forderung nach der durch die „Iphigenie“ veranschaulichten Verwirklichung der Ideale der bürgerlichen Gesellschaft.1

„Die Utopie als Gegenbild zur bestehenden Praxis, vom brüderlichen, von gegenseitigem Vertrauen getragenem menschlichen Zusammenleben, dürfte in Deutschland am weitesten vorangetrieben, am radikalsten in einem Text gekennzeichnet sein, der in seiner Rezeption fast ausschließlich als unkämpferisch, still, ungeschichtlich, privatistisch interpretiert worden ist, in Goethes ‚Iphigenie’.“2

Fischer-Lichte kritisiert an Ivos Interpretation eine fehlende umfassende Strukturanalyse, die zur Untermauerung seiner These in Bezug darauf nötig sei, dass nachzuweisen wäre, inwiefern nicht der Eingriff des Göttlichen, sondern die Emanzipation des Menschen zur Aufhebung der Entfremdung führt und wie diese im Drama explizit geleistet wird.3

Im Gegensatz dazu steht die Auffassung Rolf Lorenz, der in der „Iphigenie“ ein fern liegendes Idealbild sieht, das keinen Bezug auf sozialrelevante Situationen ermögliche. Somit sei keine Möglichkeit zur Nachahmung gegeben, das Drama besitze keine Handlungsrelevanz.4

Fischer-Lichte beanstandet an dieser These, dass ein „verkürztes Literaturverständnis“5 bestehe: Lorenz gehe von einem „Verhältnis der direkten Abbildung“6 zwischen Literatur und Wirklichkeit aus und lasse dabei das dialektische Verhältnis zwischen Kunst und Realität außer Acht. Dem Rezipienten stelle sich bei der Lektüre des Dramas die Aufgabe, die durch das Werk vermittelte Wirklichkeit - die jedoch nicht der tatsächlichen Realität des Dichters entspricht, sondern vom Betrachter unter dem Einfluss seiner individuellen Erfahrungen wahrgenommen wird - mit „allen Momenten seiner Stellung zur Welt und zur Wirklichkeit“7 zu beantworten.8

2.2 Methoden der Interpretation

Hieraus ergibt sich für Fischer-Lichte die Notwendigkeit der Durchführung einer Strukturanalyse, die vier Thesen bestätigen soll:

„1. inwiefern die „Iphigenie“ eine „Vorwegnahme sozialer Möglichkeiten“ darstellt;
2. inwiefern eine Schullektüre der „Iphigenie“ emanzipatorischen Zielen dient;
3. daß „Iphigenie“ Handlungsrelevanz besitzt;
4. daß „Iphigenie“ an für den Schüler sozialrelevante Situationen anknüpft.“9

Sowohl strukturell wie auch inhaltlich stehen die zwischenmenschlichen Beziehungen in der „Iphigenie“ im Vordergrund. Beide Aspekte sind durch drei „Oppositionspaare“ bestimmt, die im Laufe des Dramas von verschiedenen Personenkonstellationen gebildet werden:

I. fremd vs. vertraut

II. untergeordnet/übergeordnet vs. gleichgeordnet III. handeln vs. sprechen10

Im Verlauf der Strukturanalyse bezieht sich Fischer-Lichte auf die Einteilung in Sprechakte. Diese bestehen jeweils aus einem performativen Satz, der die Beziehung zwischen Sprecher und Hörer bestimmt und einem davon abhängigen, propositionalem Satz, der den inhaltlichen Teil der Kommunikation wiedergibt.11

[...]


1 Vgl. Fischer-Lichte, Erika: Goethes „Iphigenie“. Reflexion auf die Grundwidersprüche der bürgerlichen Gesellschaft. In: Diskussion Deutsch, Jg.6, 1975, H.21, S.1.

2 Ivo, Hubert: Die politische Dimension des Deutschunterrichts. z.B.: Goethes „Iphigenie“. zitiert nach: ebd.

3 Fischer-Lichte 1975, S.2.

4 Vgl. Ebd. S.1f.

5 Ebd. S.2.

6 Ebd. S.2.

7 Mukaŕovskŷ, J.: Ästhetische Funktion. Norm und ästhetischer Wert als soziale Fakten. Zitiert nach: Ebd. S.3.

8 Vgl. Ebd. S.2f.

9 Ebd.S.4.

10 Vgl. Ebd. S.4. 11 Vgl. Ebd. S.4f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kritische Analyse der Interpretation Erika Fischer-Lichtes zu Goethes "Iphigenie"
Untertitel
„Goethes ‚Iphigenie’ – Reflexion auf die Grundwidersprüche der Gesellschaft“
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Iphigenie und Tasso
Note
3,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V192797
ISBN (eBook)
9783656178491
ISBN (Buch)
9783656179863
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessing, Iphigenie auf Tauris, Erika Fischer-Lichte, Interpretation
Arbeit zitieren
Jule Ebbing (Autor), 2007, Kritische Analyse der Interpretation Erika Fischer-Lichtes zu Goethes "Iphigenie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192797

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