Als »globale Wachstumslokomotive« (Hürtgen u.a. 2009a) in wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen betitelt, erfährt die internationale Branche der Informationstechnik in Bezug auf die rasanten Veränderungen von Produktions- und Unternehmensmodellen große Bedeutsamkeit. Sie gilt, gekleidet im Gewand der «New Economy» (vgl. Boes 2003),geradezu als das Entstehungsfeld neuer Strukturen der Arbeitsorganisation und globalisierter Produktion. In den globalen Netzwerken der IT-Branche werden jedoch die neuartigen Produktionsmethoden sowie die tiefgreifenden Umbrüche in der Arbeitsorganisation an sich selten genauer betrachtet. So konnte sich fast unbemerkt im Schatten von global agierenden Markenunternehmen das relativ junge Modell der Kontraktfertigung herausbilden. Neue internationale Produktionsstrukturen werden zwar gegenwärtig in aktuellen Debatten um Globalisierung einer Bedrohung der Fertigungsbasis an Hochlohnstandorten gleichgesetzt,wenig werden jedoch die arbeitspolitischen und -organisatorischen Auswirkungen für die Beschäftigten in den Niedriglohnländern thematisiert. Warum diese Ausblendung erfolgt, auf welchen Voraussetzungen und Kennzeichen globale Produktionsnetzwerke basieren, wie innovative Produktionsstrukturen, wie die Kontraktfertigung, entstehen und welche Arbeitsstrukturen innerhalb dieser zu finden sind, ergründet die vorliegende Arbeit. Am Ende soll die Arbeit folgende Fragestellungen beantwortet haben: Wie lässt sich im Kontext der
globalen Produktionsnetzwerke die Entstehung neuerer Strukturen unternehmensübergreifender Wertschöpfungsprozesse, wie der IT-Kontraktfertigung, erklären? Und welche Auswirkungen haben solche Strukturen auf die Arbeitsverhältnisse in dieser Produktionsform?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische und historische Hinführung
2.1 Definitionen und gegenwartsdiagnostische Überlegungen zu dem Begriff des Netzwerkes
2.2 Historische Rahmenbedingungen auf außer- und innerbetrieblicher Ebene
2.3 Globale Warenketten nach der Theorie von Gay Gereffi und Miguel Korzeniewicz
3. Veränderungen der Arbeitsorganisation und deren institutionelle Regulationen
3.1 Mechanismen marktgetriebener Steuerung und Organisation als zentrale Form organisatorischer Neuorientierung
3.2 Standortverlagerung im weltweiten Wettbewerb
4. Die Kontraktfertigung in der internationalen Branche der Informationstechnik
4.1 Die IT- Industrie als Antriebskraft für Fortschritt und Umbruch
4.2 Kontraktfertiger – „No-Name“-Unternehmen in multinationaler Position
5. Die Beschäftigungsfrage: Arbeiten in der IT- Kontraktfertigung
5.1 Das Produktionsregime des Neotaylorismus
5.2 Ansatzpunkte institutioneller und politischer Regulation
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung neuer Strukturen unternehmensübergreifender Wertschöpfungsprozesse, wie der IT-Kontraktfertigung, im Kontext globaler Produktionsnetzwerke und analysiert deren Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse in dieser spezifischen Produktionsform.
- Entwicklung und Dynamik globaler Produktionsnetzwerke und Netzwerkkapitalismus.
- Strukturelle Transformationen der IT-Industrie durch Desintegration und Kontraktfertigung.
- Rolle von Kontraktfertigern („No-Name“-Unternehmen) im globalen Wettbewerb.
- Auswirkungen der Produktionsformen auf Arbeitsbedingungen und Beschäftigte.
- Produktionsregime des flexiblen Neotaylorismus und Mangel an industriellen Regulierungen.
Auszug aus dem Buch
4.2 Kontraktfertiger – „No-Name“-Unternehmen in multinationaler Position
Namentlich in den 1989ern in den berühmten Silicon Valley (USA) entstanden, geht die Kontraktfertigung auf die Form der „desintegrierten Produktion in einer horizontal gegliederten Branche“ (Hürtgen u.a. 2009a: 23) zurück, was bedeutet, dass „Computer und andere IT-Systeme…heute kaum noch von vollständig integrierten Großherstellern produziert [werden und], stattdessen eine Vielzahl relativ unabhängiger Branchensegmente bestimmte Komponenten (z.B. Chips, Festplatten, Modems oder Grafikkarten) [liefert]“ (Hürtgen 2005: 109). Einhergehend mit der Ausdifferenzierung der Märkte bedeutet diese vertikale Desintegration der Industriestrukturen eine Entkopplung von Produktentwicklung und Fertigung: Die Ablösung industrieller Wertschöpfung erfolgt an Niedrigkostenstandorte, wodurch sich (Groß)Unternehmen auf die Forschung und Entwicklung neuer Module und Anwendungsbereiche der IT-Technik konzentrieren und neue Technologien und Produktmonopole definieren können.
Im Rahmen dieser radikalen Restrukturierung vergaben neue »fabriklose Unternehmen« (Hürtgen u.a. 2009a: 23) Produktions- und zunehmend Entwicklungsaufträge an große, schnell wachsende Kontrakt- oder Auftragsfertiger auf Basis neuer Konkurrenz- und Vertragsverhältnisse. Das Aufkommen von Kontraktfertiger signalisiert damit eine besonders einschneidende Veränderung industrieller Produktion, die weit über Verlagerungsaktivitäten von Teilprozessen hinausgeht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle der Informationstechnik als „Wachstumslokomotive“ und identifiziert die Kontraktfertigung als bisher wenig beachtetes, zentrales Modell globaler Produktionsstrukturen.
2. Theoretische und historische Hinführung: Dieses Kapitel verortet die Entwicklung der Unternehmensnetzwerke in einem historischen und theoretischen Rahmen, insbesondere durch das Konzept der Global Commodity Chains.
3. Veränderungen der Arbeitsorganisation und deren institutionelle Regulationen: Hier werden die Mechanismen marktgetriebener Dezentralisierung und die Gründe für Standortverlagerungen als Antwort auf die Krise des fordistischen Großunternehmens analysiert.
4. Die Kontraktfertigung in der internationalen Branche der Informationstechnik: Das Kapitel untersucht die spezifische Dynamik der IT-Industrie und definiert die Rolle der „fabriklosen“ Markenhersteller sowie der Kontraktfertiger.
5. Die Beschäftigungsfrage: Arbeiten in der IT- Kontraktfertigung: Hier steht die soziologische Analyse des „flexiblen Neotaylorismus“ sowie die Notwendigkeit politischer Regulierungen und globaler Arbeitsstandards im Mittelpunkt.
6. Fazit: Das Fazit fasst die paradoxe Struktur der IT-Industrie zusammen und betont die Dringlichkeit gewerkschaftlicher Vertretung und sozialer Absicherung in globalen Netzwerken.
Schlüsselwörter
Kontraktfertigung, globale Produktionsnetzwerke, IT-Industrie, flexibler Neotaylorismus, Standortverlagerung, globale Warenketten, Wertschöpfungskette, industrielle Regulation, Arbeitsorganisation, Global Sourcing, Arbeitsverhältnisse, Unternehmensvernetzung, Markenhersteller, vertikale Desintegration, prekäre Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die internationale IT-Branche und untersucht, wie globale Produktionsnetzwerke die Arbeitsorganisation und die Beschäftigungsverhältnisse durch das Modell der Kontraktfertigung verändern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie globaler Warenketten, die vertikale Desintegration der IT-Industrie, das Konzept des flexiblen Neotaylorismus und die Herausforderungen für die industrielle Regulierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu erklären, wie neue Strukturen unternehmensübergreifender Wertschöpfung entstehen und welche Auswirkungen diese auf die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten in der IT-Kontraktfertigung haben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer theoretisch-historischen Diskursanalyse, die aktuelle soziologische Konzepte und ökonomische Theorien zu Globalisierung und Unternehmensstrukturwandel verknüpft.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil widmet sich der Funktionsweise der Kontraktfertigung, dem Aufstieg der „No-Name“-Unternehmen und der Analyse der Arbeitsbedingungen unter dem Regime des Neotaylorismus.
Welche Keywords charakterisieren diese Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören Kontraktfertigung, globale Produktionsnetzwerke, flexibler Neotaylorismus und industrielle Regulation.
Was sind „Tarnkappenproduzenten“ im Kontext dieser Arbeit?
Dies ist die Bezeichnung für Kontraktfertiger, die zwar umfangreiche Koordinationstätigkeiten ausüben und eine zentrale Rolle in der Produktion spielen, aber keine eigenen Markennamen führen und gegenüber der Öffentlichkeit verborgen bleiben.
Warum wird die Situation in der Kontraktfertigung als „arbeitspolitisches Roll Back“ bezeichnet?
Der Begriff beschreibt die Rückkehr zu tayloristischen Rationalisierungs- und Massenproduktionsmethoden, jedoch in einer neuen, hochflexiblen und prekären Form innerhalb einer global vernetzten Wirtschaft.
- Arbeit zitieren
- Patricia Weber (Autor:in), 2011, Die IT-Kontraktfertigung im Kontext globaler Produktionsnetzwerke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192805