Bewertung von Freiberuflerpraxen nach dem Bewertungsgesetz (BewG) insbesondere Ingenieurbüros und Steuerkanzleien


Skript, 2012

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Rechtliche Grundlagen
2.1 Rechtliche Grundlagen auf der Bewertungsebene
2.2 Rechtliche Grundlagen auf der Besteuerungsebene

3. Bewertungsanlässe

4. Besonderheiten bei der Bewertung von Freiberuflerpraxen

5. Bewertung von Ingenieurbüros

6. Bewertung von Steuerkanzleien

7. Zusammenfassung

8. Kritik

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Wird ein Unternehmen unentgeltlich oder teilentgeltlich übertragen, stellt dies regel­mäßig einen schenkungssteuer- bzw. erbschaftsteuerpflichtigen Vorgang im Sinne von § 1 Abs. 1 Nr. 1 oder Nr. 2 ErbStG dar. Bei der Schenkung eines Unternehmens unter Lebenden bzw. beim Erwerb eines Unternehmens von Todes wegen, muss sich also das Steuerrecht Gedanken über den Unternehmenswert machen, um eine Besteuerungs­grundlage zu erhalten. Nach § 12 ErbStG richtet sich die Bewertung nach den Vor­schriften des Bewertungsgesetzes (BewG).

Der Verfasser setzt sich in dieser Abhandlung mit den Besonderheiten bei der Be­wertung von Freiberuflerpraxen - insbesondere Ingenieurbüros und Steuerkanzleien auseinander. Er untersucht insbesondere, welche Besonderheiten bei der Bewertung von Freiberuflerpraxen bei Schenkung oder Erwerb von Todes wegen zu berücksichtigen sind. Weiterhin stellt er dar, welche berufsspezifischen Besonderheiten für Ingenieur­büros und Steuerkanzleien gelten. Der Vergleich von Ingenieurbüros mit Steuer­kanzleien erscheint insbesondere deswegen interessant, weil ein „technisch orientierter“ Beruf (Ingenieur) mit einem nichttechnischen verglichen wird. Die für Ingenieurbüros dargestellten Besonderheiten gelten mit Abwandlungen für alle Arten von Ingenieur­büros (also auch Architekturbüros), während die Besonderheiten von Steuerkanzleien im Wesentlichen auf Kanzleien von Wirtschaftsprüfern, Rechtsanwälten und Notaren übertragbar sind. Die Untersuchung von Bewertungsansätzen für heilberufliche Frei­beruflerpraxen (Arzt- und Zahnarztpraxen und ähnliche) ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung.

Den wesentlichen Teil seiner Erkenntnisse zieht der Autor aus seiner langjährigen Tätigkeit als Steuerberater. Im Rahmen dieser Tätigkeit war er häufig mit den Be­wertungsproblemen von freiberuflichen Praxen konfrontiert. Neben der Wertermittlung anlässlich von Schenkungen oder Erbschaftsfällen, war der Autor auch mit der Be­wertung anlässlich von Vermögensauseinandersetzungen bei Ehescheidungen, bei dem Ein- oder Austritt von Sozien oder bei der Ermittlung des Zugewinnausgleichs befasst.

Nicht selten stellt die freiberufliche Praxis eines Steuerberaters oder eines Ingenieurs sein wesentliches Vermögen dar. In solchen Fällen kann ein zu zahlender Zugewinn­ausgleich oder eine festzusetzende Erbschaftsteuer unter Umständen eine existenz­bedrohende Belastung darstellen.

Da, wie im Folgenden gezeigt werden wird, die Bewertung von Freiberuflerpraxen nach dem Bewertungsgesetz sich aktuell noch in der Entwicklung befindet, ist es um so wichtiger bei der steuerlichen Unternehmensbewertung den Besonderheiten der freien Berufe, den Besonderheiten des Bewertungsanlasses und den Besonderheiten des einzelnen Freiberuflers (besondere Arten der Tätigkeiten, besondere Lage, besondere Auftragsstruktur, etc.) Rechnung zu tragen.

2. Rechtliche Grundlagen

2.1 Rechtliche Grundlagen auf der Bewertungsebene

Wie bereits oben aufgeführt, verweist das Erbschaftsteuergesetz in § 12 BewG auf die einschlägigen Bewertungsvorschriften des Bewertungsgesetzes. Der Gesetzgeber war verpflichtet die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichtes nach dem Bundes­verfassungsgerichtsbeschluss vom 07.11.2006[1] im Bewertungsgesetz umzusetzen. Die drei Kernaussagen des Bundesverfassungsgerichtsbeschlusses vom 07.11.2006 waren:

1. Auf der Bewertungsebene muss sich das Erbschafts- und Schenkungssteuerrecht grundsätzlich am gemeinen Wert orientieren.
2. Der Gesetzgeber hat dafür Sorge zu tragen, dass eine strikte Trennung zwischen der Bewertungsebene und der nachfolgenden Besteuerungsebene gegeben ist, da das Bundesverfassungsgericht die Bewertungsebene für außerfiskalische Förderungs- und Lenkungsziele im Erbschafts- und Schenkungssteuerrecht für ungeeignet hält.[2]
3. Der Gesetzgeber wurde aufgefordert ein verfassungskonformes Erbschafts- und Schenkungssteuerrecht bis spätestens 31.12.2008 aufzustellen.

Als Folge der Umsetzung der Forderungen des Bundesverfassungsgerichtes, wie oben beschrieben, wurde die Bewertung von Anteilen von Kapitalgesellschaften, von An­teilen an Personengesellschaften sowie von Einzelunternehmen einheitlich am gemeinen Wert ausgerichtet.[3]

Nach § 11 Abs. 1 BewG sind Anteile an Kapitalgesellschaften, die an einer deutschen Börse notiert werden, mit dem niedrigsten Tageskurs am Bewertungsstichtag zu bewerten.

Sofern es sich nicht um eine Beteiligung an einem börsennotierten Unternehmen handelt, ist gemäß § 11 Abs. 2 BewG der gemeine Wert aus Verkäufen unter fremden Dritten abzuleiten, die weniger als ein Jahr zurück liegen. Diese Bewertungsvorschrift gilt über § 109 Abs. 2 Satz 2 BewG auch für die Bewertung von Betriebsvermögen von Gewerbebetrieben sowie von Freiberuflerpraxen.

Sofern die oben beschriebene Ermittlung des gemeinen Werts aus den Verkäufen inner­halb von einem Jahr nach dem Übertragungsstichtag nicht möglich ist, lässt das Gesetz zwei grundsätzliche Bewertungsmethoden zu.

a) Gemäß § 11 Abs. 2 Satz 2 erste Alternative BewG ist der gemeine Wert unter Berücksichtigung der Ertragsaussichten des Unternehmens zu ermitteln. Diese Methode, Ertragswertmethode, kennt zwei Unterarten.[4]

a a) das branchenübliche Ertragswertverfahren zum Beispiel IDW S 1 oder
a b) das in § 199 bis 203 BewG modifizierte vereinfachte Ertragswertverfahren

Dieses Verfahren soll dem Steuerpflichtigen die einfache und rechtsform­neutrale Bewertung des Unternehmens ermöglichen. Das vereinfachte Ertrags­wertverfahren darf jedoch gemäß § 199 nicht angewendet werden, wenn es zu offensichtlich unzutreffenden Ergebnissen führt. Sowohl das Finanzamt als auch der Steuerpflichtige können die Anwendung des vereinfachten Ertrags­wertverfahrens ablehnen, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Feststellungs­last, ob ein vom vereinfachten Ertragswertverfahren abweichende Be­wertungsmethode zur Anwendung kommen soll, der sich auf die abweichende Bewertungsmethode Berufende trägt.

b) Gemäß § 11 Abs. 2 Satz 2 zweite Alternative BewG kann die Ermittlung des gemeinen Wertes auch mit einer anderen, im gewöhnlichen Geschäftsverkehr üb­lichen Methode ermittelt werden. Dabei ist jedoch die Methode anzuwenden, die ein Erwerber der Bemessung des Kaufpreises zugrunde legen würde.[5]

Als Mindestwert muss gemäß § 11 Abs. 2 Satz 3 BewG die Summe der gemeinen Werte der zum Betriebsvermögen gehörenden Wirtschaftsgüter abzüglich der be­trieblichen Schulden (Substanzwert) angesetzt werden. Diese Wertuntergrenze darf also nicht unterschritten werden. Die Bewertung von Betriebsvermögen stellt sich somit zusammenfassend wie folgt dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: „Bewertung von Betriebsvermögen und Anteilen von Kapital­gesellschaften“

Die Finanzverwaltung sieht sich seit dem Inkrafttreten des neuen Erbschaftsteuer­rechtes am 01.01.2009 damit konfrontiert, dass in Erbschafts- und Schenkungs­steuerfällen Steuerpflichtige ihr Betriebsvermögen nach anerkannten auch im ge­wöhnlichen Geschäftsverkehr für nicht steuerliche Zwecke übliche Methoden be­werten. Die Verwaltung hat unter anderem mit einem Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums der Finanzen vom 30.12.2009[6] reagiert. In diesem wird ein Überblick über die gängigen branchenspezifischen Bewertungsmethoden gegeben. Das Ministerium weist darauf hin, dass es Sache des Anwenders (das können die Finanzverwaltung und der Steuerpflichtige sein) ist, die Eignung des angewendeten Verfahrens im konkreten Fall darzulegen. Weiter weist das Ministerium darauf hin, dass auch wenn branchenübliche Verfahren festgestellt werden, diese nicht zwingend auf einen Betrieb dieser Branche anzuwenden sind, wenn die Anwendung dieses Verfahrens zu einer offensichtlich unzutreffenden Bewertung führt. Für die Praxis bedeutet dies für die Übertragung einer Freiberuflerpraxis was folgt:

Sofern sich gemäß § 11 Abs. 2 Satz 2 BewG eine Wertbestimmung nicht aus Ver­käufen innerhalb des letzten Jahres nach dem Bewertungsstichtag ableiten lässt, wird der Steuerpflichtige regelmäßig mindestens drei Betrachtungen anstellen müssen.

1. Welcher Wert ergibt sich nach der vereinfachten Ertragswertmethode gemäß § 199 bis 203 BewG? Alternativ dazu: Welcher Wert ergibt sich aufgrund eines branchenspezifischen Ertragswertverfahren für das Unternehmen?
2. Welcher Wert ergibt sich für das Betriebsvermögen nach einer anderen anerkannten, auch im gewöhnlichen Geschäftsverkehr für nicht steuerliche Zwecke üblichen Methode?
3. Wie hoch ist der mindestens anzusetzende Substanzwert des Betriebs­vermögens?

Das Bayerische Staatsministerium führt in dem Erlass vom 30.12.2009[7] aus, dass sich die Finanzverwaltungen wohl noch nicht ausreichend mit den außer­steuerlichen Bewertungsverfahren auseinandergesetzt haben, weil diese es bisher gewohnt waren mit steuerspezifischen Bewertungsregeln zu arbeiten. Umso mehr ist deswegen der Steuerpflichtige bzw. sein steuerlicher Berater gefordert, die Bewertung des Betriebsvermögens im oben aufgeführten Sinne zu ermitteln und schlüssig gegenüber der Finanzverwaltung zu erklären. Das Bayerische Staatsministerium der Finanzen führt bezüglich der Anforderungen an die Wert­ermittlung aus: „Bei Wertermittlungen, denen kein tatsächlicher Verkaufs­vorgang vorliegt, ist jedoch eine faktenreiche, folgenrichtig aufgebaute und für einen hinreichend, mit der Materie vertrauten Dritten verständliche, gutachter­liche Darstellung unverzichtbar. Diese ist regelmäßig schriftlich zu erstatten. (§ 36 Abs. 7 AO).“

Die branchenspezifische Bewertung von Ingenieurbüros wird nachfolgend unter Nummer fünf, die Bewertung der Steuerkanzleien wird unter Nummer sechs dargestellt.

[...]


[1] 1 BVL 10/02 Deutsches Steuerrecht 2007, Seite 241.

[2] Bundesverfassungsgericht vom 07.11.2006 1 BVL 10/02 Dt. Steuerrecht 2007, Seite 241 TZ 107.

[3] Heilmann, Annette in: Die Anwendbarkeit betriebswirtschaftlicher Bewertungsmethoden im Erbschafts- und Schenkungssteuerrecht, Seite 38.

[4] Heilmann, Annette, a. a. O., Seite 39.

[5] § 11 Abs. 2 BewG.

[6] FM Bayern 34 - S3715 - 009 - 36659/09.

[7] a. a. O.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Bewertung von Freiberuflerpraxen nach dem Bewertungsgesetz (BewG) insbesondere Ingenieurbüros und Steuerkanzleien
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V192853
ISBN (eBook)
9783656180746
ISBN (Buch)
9783656181446
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bewertung, freiberuflerpraxen, bewertungsgesetz, bewg, ingenieurbüros, steuerkanzleien
Arbeit zitieren
Thomas Siegel (Autor), 2012, Bewertung von Freiberuflerpraxen nach dem Bewertungsgesetz (BewG) insbesondere Ingenieurbüros und Steuerkanzleien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192853

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