Geschlechtstypische sprachliche Sozialisation in der Eltern-Kind-Kommunikation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Typisch Mutter - Typisch Vater?

II. Sprechen mit Mädchen und Jungen
2.1 Unterschiede im Spracherwerb von Mädchen und Jungen
2.2 Die Sprache von Erwachsenen gegenüber Kindern
2.3 Der sprachliche Kontext
2.4 Jungen und Mädchen im Gespräch

III. Eltern-Kind-Kommunikation
3.1 Befehlsformen
3.2 Partnerschaftliches Verhalten
3.3 Vorurteile der Eltern
3.4 Sprechakte
3.4.1 Ergebnisse

IV. Schlusswort

V. Literatur

I. Typisch Mutter - Typisch Vater?

Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind ein immer wiederkehrendes Thema im privaten Alltag und werden mittlerweile auch zunehmend in der Wissenschaft thematisiert. Selbsternannte Komiker wie Mario Barth, die diese vermeintlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf humorvolle Weise herausstellen wollen, füllen Stadien mit zahlenden Zuschauern, private Fernsehsender strahlen zur besten Sendezeit Unterhaltungsformate mit dem Titel Typisch Mann - Typisch Frau aus und machen hiermit Quote.

In der Wissenschaft sind Geschlechterunterschiede in vielen wissenschaftlichen Disziplinen ein Thema. Wo diese vermutete Differenz der Geschlechter ihren Anfang nimmt, soll unter anderem Thema der vorliegenden Arbeit sein, verfolgt wird ein sprachsoziologischer Ansatz, der versucht zu erklären, wie Mädchen und Jungen sprachlich geprägt werden. Wodurch werden Kinder in ihre jeweilige Geschlechtsrolle gepresst? Untersuchungen zeigen, dass die schulische Erziehung für Mädchen und Jungen unterschiedliche Maßstäbe ansetzt. Innerhalb von Peergroups herrschen jeweils andere Umgangsformen in Mädchen-, Jungen- und gemischtgeschlechtlichen Cliquen. Medien vermitteln den Geschlechtern ein sehr unterschiedliches Idealbild von „dem Mann“ und „der Frau“. Doch im Alter des Schuleintritts, der Herausbildung von Cliquen und der aktiven Auseinandersetzung mit den Medien, weisen Kinder bereits deutliche Unterschiede in ihrem sprachlichen Verhalten auf.

Die vorliegende Arbeit verfolgt eine soziolinguistische Theorie, die davon ausgeht, dass der kindliche Erwerb von geschlechtstypischer Sprache in direkter Weise mit dem sprachlichen Umfeld der Kinder verbunden ist, genauer mit der Sprache der Eltern, der Sprache von Mutter und Vater. Es muss angenommen werden, dass die ersten Bezugspersonen eines Kindes - die Eltern - einen entscheidenden Einfluss auf die sprachliche Sozialisation von Jungen und Mädchen nehmen. Die vorliegende Arbeit trägt daher den Titel Geschlechtstypische sprachliche Sozialisation in der Eltern-Kind-Kommunikation. Im Verlauf der Arbeit wird erläutert werden, inwiefern Eltern ihre Kinder sprachlich beeinflussen und mit Mädchen möglicherweise anders sprachlich interagieren als mit Jungen. Von zentralem Interesse ist die Frage, ob Mütter mit ihren Kinder anders sprechen als Väter und welchen Einfluss das Geschlecht des Kindes auf die Kommunikation zwischen Elternteilen und ihren Kindern hat.

Dazu soll anhand von Studien zunächst der Spracherwerb der Kindern angesprochen werden und mögliche Unterschiede in diesem Bereich gezeigt werden, um eine Verständnis des kindlichen Spracherwerbs zu schaffen. Im weiteren Verlauf wird durch das Beispiel der Unterbrechung erklärt werden, wie sich Erwachsene in der Kommunikation mit Kindern verhalten. Anschließend soll auch die Wichtigkeit des Kontextes zur Analyse der Eltem-Kind-Kommunikation herausgestellt werden. Den Abschluss des ersten Teils dieser Arbeit bildet die Vorstellung von Untersuchungen zum Sprachverhalten von Jungen und Mädchen untereinander.

Im zweiten Teil soll es dann detailliert um die Eltern-Kind-Kommunikation gehen. Hier können deutliche Unterschiede in der Sprache beider Geschlechter gezeigt werden, wenn sie sich in der Rolle der Eltern befinden. Am Beispiel der Befehlsformen konnten Forscher die Unterschiede in der Mütter- und Vätersprache aufzeigen. Der Einfluss von Vorurteilen der Eltern und das partnerschaftliche Verhalten zwischen Eltern und ihren Kindern bilden einen weiteren Untersuchungsgegenstand. Im letzten Teil der Arbeit soll konkret auf die Unterschiede in einzelnen Sprechakten eingegangen werden.

Die übergreifende Hauptthese dieser Arbeit ist es, dass ein signifikanter Unterschied zwischen väterlicher Kommunikation mit Kindern und mütterlicher Kommunikation mit Kindern existiert und dieser sich auch deutlich auf das Kind auswirkt. Zudem muss davon ausgegangen werden, dass es auch einen Unterschied zwischen Männer- und Frauensprache und Väter- und Müttersprache gibt.

Die Forschungslage zu diesem Thema ist im deutschsprachigen Raum kaum fortgeschritten, während das Thema im englischsprachigen Ausland sehr viel öfter und differenzierter behandelt wird. Claudia Kuzla, eine der wenigen deutschen Autorinnen zum Thema, weist ebenfalls auf die geringe Anzahl der Publikationen hin und nennt hier vor allem Ursula Pieper als Referenz für ihre eigene Forschung (vgl. Kuzla 2001, 27). Diese Arbeit greift deshalb einige englischsprachige Studien auf, die sich trotz sprachlicher Unterschiede weitestgehend auf das Deutsche übertragen lassen.

II. Sprechen mit Mädchen und Jungen

2.1 Unterschiede im Spracherwerb von Mädchen und Jungen

Forscher der University of Chicago untersuchten die Beziehung zwischen Spracherwerb und Geschlecht. Janellen Huttenlocher will klären, ob es einen angeborenen, biologischen Unterschied in der Kapazität zum Spracherwerb bei Mädchen und Jungen gibt, der sich in den ersten Monaten des Spracherwerbs (etwa 14 bis 26 Monate) des Kindes auswirkt oder ob soziologische Faktoren vermeintliche Unterschiede beeinflussen. Dabei gehen die Forscher lediglich von der lexikalischen Ebene aus und vernachlässigen den syntaktischen Bereich. Dies hängt möglicherweise mit der

Tatsache zusammen, dass die untersuchten Mutter-Kind-Interaktionen lediglich mit Probanden durchgeführt wurden, die an der Schwelle zur ersten Produktion von deutlich erkennbaren Wörtern standen, syntaktische Überlegungen und grammatikalische Sätze können Kinder hingegen erst später bilden.

Das Ziel der Studie ist es zu klären, ob und in welchem Maße es nicht vielleicht vor allem Mütter sind, die diese unterschiedlichen kindlichen Kapazitäten zum Erlernen von Sprache beeinflussen. „The relation between amount of parent speech and vocabulary growth, we argue, reflects parent effects on the child, rather than child-ability effects on the parent or hereditary factors“(Huttenlocher u.a. 1991, 236). Damit wird jedoch nur eine Aussage zum generellen Worterwerb bei Kindern getroffen, den die Eltern positiv beeinflussen, jedoch keine Grundlage zur Untersuchung von vermeintlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern gegeben. Die Forscher gelangen zu dem Ergebnis, dass „[...] a substantial relation between differential exposure to speech and rate of early vocabulary growth“ (Huttenlocher u.a. 1991, 245) besteht, stellen aber auch deutlich heraus, dass Mütter nicht (wie zuvor von Cherry und Lewis 1978 vermutet) mehr oder anders mit Mädchen als mit Jungen sprechen ( vgl. Huttenlocher u.a. 1991, 245). Zwar wird nichts über den sprachlichen Anteil, den Väter zum Spracherwerb ihrer Kinder beitragen, erwähnt, es muss aufgrund des Ergebnissesjedoch davon ausgegangen werden, dass falls tatsächlich Unterschiede in der sprachlichen Kapazität von Jungen und Mädchen bestehen, diese nicht durch die Mutter - vermutlich auch nicht durch den Vater - bedingt sind. Die Forscher können die These vom angeborenen Unterschied in der sprachlichen Kapazität von Kindern damit zwar weder widerlegen, noch stützen, jedoch zeigen, dass in den ersten Monaten des Spracherwerbs von den Eltern kein Unterschied zwischen Söhnen und Töchtern gemacht wird.

In ihrer Vorlesung an der Freien Universität Berlin untersuchte Gisela Klann-Delius das Stereotyp, dass Frauen besser sprechen als Männer, indem sie vor allem auf die Unterschiede im semantischen Bereich eingeht und herausarbeiten möchte, dass die bestehenden Unterschiede als Differenz, nicht als Defizit anzusehen sind (vgl. Klann-Delius 1981, 1). Zu klären ist dabei vor allem, wie das Wort "besser" im vorherrschenden Stereotyp zu definieren ist. Die normative Sichtweise auf das Sprechen, die auch heute in der öffentlichen Wahrnehmung dominiert, muss dabei zunächst durch einen deskriptiven Ansatz ersetzt werden, um die Differenzhypothese zu stützen. „Could it be the case that the stereotype ("girls and women speak better"), merely expresses the fact that women and girls speak in a different way, but not better or worse than men and boys?" (Klann-Delius 1981, 2). Klann-Delius betrachtet die Sprachentwicklung von Mädchen und Jungen zunächst chronologisch. Obwohl sie dabei zahlreiche sich widersprechende Studien analysiert, die sich mit der Schnelligkeit des Spracherwerbs beschäftigen und die Tendenzen, dass Mädchen Sprache schneller erlernen, anerkennt, kommt sie zu dem Schluss, dass eine höhere sprachliche Produktivität der Mädchen innerhalb der frühen Kindheit nicht ausreichend belegt werden kann (vgl. Klann-Delius 1981, 4). Im Weiteren beschäftigt sie sich mit Teilbereichen der Sprachentwicklung, beispielsweise den phonologischen-, syntaktischen-, lexikalischen- und in semantischen Teilbereichen. In der Phonologie sieht sie die Mädchen dabei im Vorteil: ,,[...] current studies seem to confirm a female superiority: girls acquire the phonological system of their language faste than boys"(Klann-Delius 1981, 4). Beim Erlernens der Syntax einer jeweiligen Sprache, zeigen sich nur marginale Unterschiede in der Art und Weise, wie Jungen und Mädchen zu den korrekten Formen gelangen. Letztendlich kann auch hier nicht von Vor- oder Nachteilen für Mädchen und Jungen gesprochen werden (vgl. Klann-Delius 1981, 6).

Auch im Bereich des Wortschatzes sieht Klann-Delius in den vorliegenden Studien keinen hinreichenden Beweis für eine Überlegenheit eines der Geschlechter in der Verwendung oder im Erwerb von Sprache. Zwar führt sie eine Studie von von Sause an, die angeblich belegen soll, dass Jungen aggressiver seien und ein höheres Interesse für das Selbst zeigen, Mädchen wiederum ein höheres Interesse an Wörtern, die mit Kleidung zu tun haben, zeigen, spricht sich jedoch letztendlich gegen die angeführte Studie aus, da sie höchst subjektiv interpretiert worden sei (vgl. Klann-Delius 1981, 6).

Insgesamt weist Klann-Delius also die Beweislage für Unterschiede in den genannten Bereichen als nicht hinreichend aufschlussreich zurück. ,,[...] We have to admit that previous empirical investigations do not allow a definite and well-founded answer to the question whether and where sex influences the child's acquisition oflanguage"(Klann-Delius 1981, 11).

Beim ersten Spracherwerbs scheint der soziale Einfluss von Mutter und Vater sich also nicht so deutlich auszuwirken, wie in den späteren Lebensmonaten der Kinder, wie vor allem im zweiten Teil dieser Arbeit gezeigt werden kann.

2.2 Die Sprache von Erwachsenen gegenüber Kindern

Dass Sprache als ein Schlüssel zur Sozialisation von Kindern angesehen werden kann, bestätigt die Studie von Esther Blank Greif, die sich mit der Sprache von Erwachsenen in der Interaktion mit Kindern beschäftigt, genauer: mit Unterbrechungen des Gesprächspartners und dem gleichzeitigen Sprechen innerhalb dieser Interaktion. Greif untersuchte 16 Kinder - die Hälfte davon Mädchen, die andere Hälfte Jungen - jeweils gemeinsam mit einem Elternteil in einer halbstündigen Spielsituation in Laborräumen. Das Alter der Kinder wird mit zwei bis fünf Jahren angegeben, die untersuchten Familien entstammen der Mittelschicht (vgl. Blank Greif 1980, 254). Zahlen liegen sowohl für Unterbrechungen, als auch für simultanes Sprechen für unterschiedliche Gruppierungen vor. Zum einen lassen sich dadurch Rückschlüsse auf den Umgang von Erwachsenen mit Kindern ziehen, zum anderen finden sich hier erste deutliche Unterschiede im Umgang von Müttern und Vätern mit ihren Kindern. Generell sprechen Eltern in der Kommunikation mit den Kindern mehr als die Kinder. Angeführt wird das Feld dabei von den Müttern, die sowohl mit ihren Söhnen, als auch mit ihren Töchter in etwa gleich viele Wörter äußern, auch Väter richten etwa gleich viele Wörter an ihre Söhne und Töchter, dennoch insgesamt weniger als die Mütter. Auf Seiten der Kinder zeigt sich ein differenziertes Bild: Die meisten Wörter äußern Töchter gegenüber ihren Vätern, gefolgt von der Kommunikation mit der Mutter, in der sowohl Töchter als auch Söhne etwa gleich viele Wörter äußern. Am wenigsten wird demnach von den Söhnen gegenüber ihren Vätern geäußert.

Zwar kann nicht davon ausgegangen werden, dass diese Studie repräsentativ für das Kommunikationsverhalten aller Familien steht, dennoch sind die aufgezeigten Tendenzen interessant und zeigen einen großen Unterschied zu den Ergebnissen von Huttenlocher, in denen eine unterschiedliche Quantität der Sprache von Müttern nicht nachgewiesen werden konnte.

Im zweiten Untersuchungsbereich von Blank Greif, dem gleichzeitigen Sprechen, fällt das Ergebnis etwas weniger eindeutig aus. Gleichzeitiges Sprechen tritt insgesamt häufiger auf, als Unterbrechungen und es kann klar gezeigt werden, dass ,,[...] there was a tendency for fathers to interrupt more than mothers, and for both parents to interrupt girls more than boys“ (Blank Greif 1980, 256). Die Seite der Kinder wird von der Autorin nicht näher beleutet, es zeigt sich in den Ergebnissen jedoch, dass auch Söhne häufiger unterbrechen als Töchter, dies allerdings entgegen der naheliegenden Vermutung eher gegenüber Vätern als gegenüber Müttern tun. Auch hier darf über die Ursache spekuliert werden. Möglicherweise wird hier ein männliches Dominanzverhalten in beiden Männergenerationen gezeigt. Ähnlich wie bei den Unterbrechungen, zeigt sich auch hier, dass besonders Mädchen innerhalb der Konversation mit ihren Eltern im Nachteil sind, was die Gesprächsführung betrifft.

Auch über das Weiterführen des Gespräches nach einem solchen simultanen Sprechen, gibt Blank Greifs Studie Auskunft, demnach übernehmen die Eltern häufiger das Gespräch, in etwa einem Viertel aller Fälle, sprechen beide Parteien weiter (vgl. Blank Greif 1980, 256). Am häufigsten führt jedoch der Vater im Gespräch mit dem Sohn das Gespräch weiter. Auch die Mutter führt das Gespräch häufiger weiter, wenn der Sohn der Gesprächspartner ist. Sieht man sich die Zahlen zu den Unterbrechungen an, verwundert dies, da hier die Töchter etwas weniger benachteiligt zu sein scheinen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Geschlechtstypische sprachliche Sozialisation in der Eltern-Kind-Kommunikation
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Sprache und Geschlecht
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V192867
ISBN (eBook)
9783656185048
ISBN (Buch)
9783656185451
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachliche sozialisation, sprache und geschlecht, männersprache, frauensprache, eltern-kind-kommunikation
Arbeit zitieren
Selina Kunz (Autor), 2011, Geschlechtstypische sprachliche Sozialisation in der Eltern-Kind-Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192867

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