Das Neue Forum nach dem Mauerfall


Hausarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 5.5 (Schweiz)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gründung des Neuen Forums am 9. September 1989
2.1. Das Neue Forum im Kontext der Bürgerbewegungen
2.2. Die Mobilisierung der Massen

3. Nach dem Mauerfall - Partei oder Bürgerbewegung?
3.1. Die Auswirkungen der Grenzöffnung auf die Bürgerbewegungen
3.2. Die Mitwirkung am Runden Tisch - Höhepunkt der politischen Einflussnahme
3.3. „ Wir werden verhaften müssen “ - Die Frage der Machtübernahme
3.4. Die politischen Zukunftsperspektiven des Neuen Forums: „ Wir müssen die Reform mit den Genossen machen “
3.5. Die Frage der Wiedervereinigung
3.6. Bündnisse im Vorfeld der Volkskammerwahlen 1990

4. Die Volkskammerwahlen 1990
4.1. Gründe für das schlechte Abschneiden

5. Das Neue Forum bis heute
5.1. Pr ä senz als Neues Forum
5.2. Als Teil von Bündnis 90/Die Grünen

6. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

Wenn man im März 2011, zu dem Zeitpunkt, als diese Arbeit geschrieben wird, die Zeitung aufschlägt, kommt man an der Atomkatastrophe in Fukushima nicht vorbei.1 Unter den unzähligen Experten, die dazu Stellung nehmen, ist oft Sebastian Pflugbeil in seiner Funktion als Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz.2 Eben dieser Sebastian Pflugbeil war ein Mitbegründer des Neuen Forums, der bedeutendsten Bürgerrechtsbewegung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die im September 1989 gegründet wurde und deren Gründungsaufruf über 200‘000 Menschen unterschrieben haben. Das Neue Forum war entscheidend am Sturz der Alleinherrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) beteiligt und konnte als Träger der Montagsdemonstrationen auf dem Höhepunkt der Protestwelle über eine halbe Million Bürger mobilisieren. Sebastian Pflugbeil war für kurze Zeit auch als Minister in der letzten Regierung des SED unter Hans Modrow tätig. Wie viele der ehemaligen Gründungsmitglieder ist Pflugbeil aber heute nicht mehr in der Politik tätig, sondern zu seiner Tätigkeit als Atomphysiker zurückgekehrt. Das Neue Forum ist nach einem ernüchternden Resultat bei den Volkskammerwahlen 1990 zunehmend in der Versenkung verschwunden.

Wie konnte es passieren, dass diese Bürgerbewegung, die in so kurzer Zeit so viele mobilisieren konnte, so bald wieder in die Bedeutungslosigkeit verschwand? Dies soll die Hauptfrage dieser Arbeit sein. Dabei wird kurz die Gründung und die Mobilisierungsphase betrachtet, danach aber der Hauptfokus auf die Zeit nach dem Mauerfall gerichtet, die sowohl den Höhepunkt der Bewegung darstellte, wie auch entscheidend für deren Niedergang war. Die weitere Entwicklung wird anhand der Volkskammerwahlen 1990 und der unterschiedlichen Präsenz bis heute angeschaut.

2. Die Gründung des Neuen Forums am 9. September 1989

Das Neue Forum wurde am Wochenende vom 9. auf den 10. September in der Wohnung von Katja Havemann, der Witwe von Robert Havemann,3 gegründet. Kurz darauf wurde der Aufruf „Die Zeit ist reif - Aufbruch 89“ veröffentlicht. Dieser wurde von 30 Personen unterzeichnet. Zu diesen Erstunterzeichnern gehörten u.a. Bärbel Bohley, Katja Havemann, Rolf Henrich, Sebastian Pflugbeil und Jens Reich. Im Zentrum dieses Aufrufs stand die Kritik an der gestörten Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft und die damit verbundene Forderung nach einem demokratischen Dialog. Es wurde eine tiefgreifende demokratische Umgestaltung der DDR gefordert. Auf konkrete Forderungen wurde in diesem Aufruf verzichtet.4

Er stiess auf grosse Resonanz und wurde innert weniger Wochen von tausenden Bürgern unterschrieben. Die Gründung des Neuen Forums mit der Verbreitung dieses Aufrufs wird als Startsignal für die sich nun entwickelnde überparteiliche Bürgerbewegung gewertet, die einen massgeblichen Anteil am Sturz des SED-Regimes hatte. Das Neue Forum wurde im November 1989 zum Träger der Montagsdemonstrationen in Leipzig, welches die grössten Massenmobilisierungen der Bürgerbewegungen waren, abgesehen von der Demonstration auf dem Alexanderplatz in Berlin am 4. November 1989.

2.1. Das Neue Forum im Kontext der Bürgerbewegungen

Bürgerbewegungen und oppositionelle Gruppierungen gab es in der DDR schon länger, doch waren diese vor 1989 milieuintern und wurden von der Bevölkerung kaum wahrgenommen.5 In einem Stasi-Bericht über die oppositionellen Kräfte in der DDR vom 1. Juni 1989 steht geschrieben: „Das Gesamtpotential dieser Zusammenschlüsse [...] beträgt insgesamt ca. 2500 Personen [...] während den sogen. harten Kern eine relativ kleine Zahl fanatischer, von sogen. Sendungsbewusstsein, persönlichem Geltungsdrang und politischer Profilierungssucht getriebener, vielfach unbelehrbarer Feinde des Sozialismus bildet.“6

Die Ausreisewelle im Sommer 1989 führte dann „die oppositionellen Gruppen und das gesellschaftliche Protestpotenzial zu einem Aktionsbündnis gegen die Sprachlosigkeit der SED zusammen.“7 Wichtig war dabei auch die Loslösung der oppositionellen Gruppen von der Kirche, die bis anhin die Struktur für die Bewegung bot. Um die notwendige Öffentlichkeit zu erreichen, musste der „Aktionsradius über den kirchlichen Schutzraum hinaus in die Gesellschaft hinein erweitert werden“.8 Dabei gab es Exponenten der bereits bestehenden Bürgerbewegungen, die nun eine Sozialdemokratische Partei gründen wollten, andere wie Bärbel Bohley lehnten dies ab und zogen eine offene Dialogplattform vor. Da es auf Grund zu grosser Differenzen nicht möglich war, die verschiedenen oppositionellen Gruppierungen zu einer gemeinsamen oppositionellen Vereinigung zusammenzuschliessen, kam es im September 1989 zu verschiedenen Neu- gründungen.

Die erste war das Neue Forum am 9. September, kurz darauf folgte Demokratie Jetzt, sowie im Oktober dann die Sozialdemokratische Partei (SDP) und der Demokratische Aufbruch. Das Neue Forum und Demokratie Jetzt waren Dialogplattformen ohne konkrete Ziele, dagegen stand bei dem Demokratischen Aufbruch und der SDP das politische Handeln im Vordergrund. Die SDP war als Partei in dieser Zeit noch illegal.

Diese vier Gruppierungen veröffentlichten am 4. Oktober 1989 zusammen mit der Initiative Frieden und Menschenrechte, die schon 1986 gegründet wurde, eine gemeinsame Erklärung. Sie forderten freie Wahlen unter der Kontrolle der UNO.9 Über diese Erklärung hinaus kam es aber nicht zu einer Vereinigung der verschiedenen Gruppen. Neben dem gemeinsamen Ziel einer Demokratisierung der Gesellschaft gab es auch eine „ausgeprägte Konkurrenz um Medienpräsenz und Mitglieder“.10 Die Neugründungen dieser oppositionellen Bewegungen fanden in Berlin statt und breiteten sich von dort in der ganzen DDR aus. Gleichzeitig fand in Leipzig am 4. September die erste der Montagsdemonstrationen statt.

2.2. Die Mobilisierung der Massen

Der Mobilisierungserfolg der Oppositionsbewegungen ist durch ein Zusammenspiel zwei verschiedener Faktoren zu erklären. Einerseits durch den externen Faktor der Ausreisewelle im Sommer 1989 und der Sprachlosigkeit der SED infolge dieser Krise, andererseits durch die Eigenleistung der Gruppierungen, die „durch ihr Engagement konsensfähige Interpretationen der zeitgenössischen Krise anboten, die Unzufriedenheit bündelten und Perspektiven einer Veränderung aufwiesen.“11 Dabei haben sie keine gezielte Mobilisierungskampagne geführt und sie wurden von ihrem eigenen Erfolg überrascht. Die nur sehr allgemeine und unverbindliche Formulierung der Probleme war für das Neue Forum ein Vorteil. Mit dieser programmatischen Offenheit war es einfacher, verschiedene unterschiedliche Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Wichtig war es auch, nicht sozialismusfeindlich zu sein und die gemeinsame Identität der DDR-Bürger zu betonen. So konnte die Opposition ihre Forderungen als Rettungsmassnahmen für ihre Heimat DDR präsentieren. Das Neue Forum erfüllte diese Voraussetzungen sehr gut und nahm bei der Mobilisierung der Massen eine vorherrschende Stellung ein.

Bei der Mobilisierung spielten die Westmedien eine entscheidende Rolle. Sie wurden gerade auch vom Neuen Forum bewusst genutzt, um möglichst schnell möglichst viel Aufmerksamkeit zu erlangen. So liessen sie den verfassten Aufruf nach der Gründung sofort den westlichen Korrespondenten zukommen. Die Wahrnehmung der oppositionellen Gruppen durch die Bürger der DDR war in erster Linie durch deren Darstellung in den Westmedien geprägt. Dabei wurde diese als einheitliche und gegen die SED gerichtete Bewegung präsentiert. Tatsachen wie die Zersplitterung, die zum Teil sehr primitive Organisation und das ambivalente Verhältnis zur SED wurden bewusst ausgeblendet.

Dies erklärt auch, wieso das Neue Forum von allen Bewegungen die stärkste Aufmerksamkeit bekam, denn sie hatten als Erste einen Gründungsaufruf verfasst und gute Kontakte zu den westlichen Korrespondenten.12

3. Nach dem Mauerfall - Partei oder Bürgerbewegung?

Der Fall der Mauer und die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 war zu einem grossen Teil den Bürgerbewegungen zu verdanken. Doch für diese war die Grenzöffnung ein eher zweitrangiges Ziel. Diese neue Situation brachte eine veränderte Ausgangslage. Das Neue Forum wies kurz nach dem Mauerfall auf die möglichen Gefahren einer offenen Grenze hin. Ausserdem drängten sich nun durch die Schwächung der SED viele konkrete Fragen auf, zu denen das Neue Forum bis anhin nur allgemeine Aussagen machte. Auch musste diskutiert werden, ob das Neue Forum bei allfälligen freien Wahlen als Partei auftreten will oder eine Bürgerbewegung bleiben soll.

3.1. Die Auswirkungen der Grenzöffnung auf die Bürgerbewegungen

Gleich nach dem Mauerfall wies das Neue Forum mit einer Stellungnahme auf mögliche Gefahren der Grenzöffnung hin.13

[...]


1 Die Nuklearunfälle von Fukushima-Daiichi sind eine Reihe von schweren Unfällen und Störfällen im nordost-japanischen Kernkraftwerk Fukushima I (auch Fukushima-Daiichi genannt), die am 11. März 2011 um 15:42 Uhr nach dem Eintreffen des vom Tōhoku-Erdbeben ausgelösten Tsunami begann. (de.wikipedia.org/wiki/Nuklearunfälle_von_Fukushima-Daiichi)

2 vgl. z.B. http://www.focus.de/panorama/welt/tsunami-in-japan/praesident-fuer-strahlenschutz-entscheidung-in-fukushima-bis- samstag_aid_609717.html, konsultiert am 29.03.2011.

3 Robert Havemann, 11.03.1910 - 09.04.1982, war ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und ein Regimekritiker in der DDR.

4 Der Gründungsaufruf im Wortlaut z.B. bei Krone, S.385f. oder Reich, S. 187ff.

5 Timmer, S. 124.

6 http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=244, S. 2, konsultiert am 30.03.2011.

7 Timmer, S. 124.

8 Ebd., S. 128.

9 Die Erklärung im Wortlaut bei Rein, S. 122f.

10 Timmer, S. 140.

11 Ebd., S. 141.

12 vgl. Timmer, S. 148.

13 Die Stellungnahme im Wortlaut bei Reich, S. 202f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Neue Forum nach dem Mauerfall
Hochschule
Universität Basel
Note
5.5 (Schweiz)
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V192894
ISBN (eBook)
9783656180487
ISBN (Buch)
9783656181194
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neues Forum, DDR, Mauerfall
Arbeit zitieren
David Christen (Autor), 2011, Das Neue Forum nach dem Mauerfall, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192894

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