„Um Gotteswillen, das macht man doch nicht.“ – mit diesen Worten kommentiert Richter Brack den Selbstmord Hedda Gablers am Ende der gleichlautenden Inszenierung von Thomas Ostermeier (Premiere: 26. Oktober 2005 im Saal B der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin). Es sind gleichzeitig die Worte, die am stärksten auf das um eine „heile Fassade“ bemühte Selbstverständnis jenes Bürgertums zurückweisen, wie man es zur Zeit Henrik Ibsens vorfand.
Ostermeier indes verlegt das ursprüngliche Setting Ibsens vom 19. Jahrhundert ins Hier und Jetzt der Gegenwart: Die Protagonisten bewegen sich im Berliner „Mitte-Loft“, die Duellpistolen des alten General Gablers sind Kleinkaliberwaffen gewichen, die Notizzettel modernen Notebooks. Die dramatische Vorlage in der zeitgemäßen Übersetzung Hinrich Schmidt-Henkels wurde entsprechend modernisiert und verdichtet.
Hedda Gabler die zweite von drei Ibsen-Inszenierungen durch Ostermeier. Allen drei Arbeiten gemein ist die Zusammenarbeit zwischen Ostermeier und dem Bühnenbilder Jan Pappelbaum. Pappelbaum arbeitet in allen drei Inszenierungen mit einem freistehenden, drehbaren Podest im „leeren Raum“ der Schaubühne.
Die nachfolgende Arbeit untersucht, inwiefern Pappelbaums Bühne Wohlstands- und Selbstinszenierung im Alltag bedingt bzw. in ihrer Funktionalität auf eine solche hin angelegt ist. Hierzu werden zunächst die intermedialen Verflechtungen zwischen Bühnenbild der Inszenierung und der klassischen modernen Architektur des 20. Jahrhunderts offengelegt. Auf eine nähere Betrachtung der Bedeutung und Funktion des Wohnens unter Rückbezug auf die Ausführungen Bazon Brocks folgt schließlich die Erörterung der These, dass sich Pappelbaums „Bühnenskulptur mit fehlenden Fassaden“ als eine zentrale Chiffre der vorliegenden Inszenierung verstehen lässt.
Inhaltsverzeichnis
Um Gotteswillen, das macht man doch nicht.
Einfluss der klassischen Moderne der Architektur
Fehlende Fassaden – das Bühnenbild als Chiffre der Inszenierung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die funktionale Gestaltung des Bühnenbildes von Jan Pappelbaum für die Ibsen-Inszenierung "Hedda Gabler" durch Thomas Ostermeier und analysiert, inwiefern dieses die bürgerliche Selbstinszenierung im Alltag widerspiegelt.
- Intermediale Verflechtungen zwischen Theaterbühne und Architektur der klassischen Moderne.
- Die Bedeutung von Wohnraum und Architektur unter Rückbezug auf Bazon Brock.
- Analyse des Bühnenbildes als Chiffre für soziale Konditionierung und Ich-Schwäche.
- Untersuchung der "fehlenden Fassaden" als Ausdruck eines permanenten Ausgestellt-Seins.
- Kritik an der "Hochglanzästhetik" moderner Wohnwelten im Kontext des Theaters.
Auszug aus dem Buch
Fehlende Fassaden – das Bühnenbild als Chiffre der Inszenierung
Konkrete Anleihen für das Bühnenbild in Hedda Gabler sind einer Arbeit des Architekten Mies van der Rohe entnommen. Dieser begann bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit variablen Grundrissen, Stahltragwerken und Glasfassaden. Pappelbaum selbst verweist auf den Einfluss van der Rohes Arbeiten, indem er im Gespräch mit Journalisten eine Anekdote über dessen „Farnsworth-House“ bemüht. Von dessen Gestaltung hat er sich bei den Arbeiten zu Hedda Gabler inspirieren lassen, „weil sich die Situationen ähneln, die von Ibsens Protagonistin Hedda Gabler und die von Miss Farnsworth, Mies van der Rohes Bauherrin“.
Die wohlhabende Ärztin Miss Farnsworth beauftragte 1945 van der Rohe mit der Gestaltung eines gleichnamigen Wochenendhauses in der Nähe des Fox Rivers, südlich der Stadt Plano in Bundesstaat Illinois. 1951 wurden die Bauarbeiten zum Farnsworth-House abgeschlossen – es entstand ein etwa eineinhalb Meter von Erdboden abgehobener Glaskubus, dessen Innenraum ca. 140m2 misst und dank eines selbsttragenden Stahlskeletts ohne weitere stützende Konstruktionen oder Trennwänden auskommt. Van der Rohe verwirklichte mit seiner auf das absolute Minimum reduzierten Konstruktion das von ihm formulierte Grundprinzip „less is more“, welches seine Entwürfe und Arbeiten bereits seit den frühen 20er Jahren begleitete. Kerngedanke dieser Arbeit war, ein Wochenendhaus zu schaffen, welches seiner Bewohnerin als eine Art meditatives Refugium im Sinne eines locus amoenus dienen sollte.
Bei dem Wochenendhaus wechselt es [das Individuum, d. V.] aus dem Moloch der Großstadt in eine gestaltete und heitere Landschaft und findet zu sich selbst. Das war ein großes Versprechen an die Bewohner, die mit allen ihren Sinnen, Licht, Farben und selbst Gerüche durch die ungebrochenen Fensterfronten erleben sollten.
Van der Rohe erschuf vor diesem Hintergrund durch den fließenden Grundriss und die gläsernen Außenwänden eine „universale Transparenz, die es ermöglicht die Natur in ihrer Ganzheit wahrzunehmen“.
Zusammenfassung der Kapitel
Um Gotteswillen, das macht man doch nicht.: Dieses Kapitel führt in die Inszenierung von Thomas Ostermeier ein und verdeutlicht das moderne Setting als Angriff auf die bürgerliche Fassade.
Einfluss der klassischen Moderne der Architektur: Hier werden die Referenzen des Bühnenbildners Jan Pappelbaum zum Bauhaus und zur modernen Architektur sowie die funktionale Gestaltung des Raumes dargelegt.
Fehlende Fassaden – das Bühnenbild als Chiffre der Inszenierung: Dieses Kapitel analysiert das Farnsworth-House als architektonische Vorlage und deutet die Transparenz und Offenheit des Bühnenbildes als Ausdruck der gesellschaftlichen Zwangslage der Figuren.
Schlüsselwörter
Hedda Gabler, Thomas Ostermeier, Jan Pappelbaum, Bühnenbild, Architektur, Moderne, Farnsworth-House, Mies van der Rohe, Bazon Brock, Selbstinszenierung, Wohnen, Gesellschaftskritik, Transparenz, Theateranalyse, bürgerliche Fassade.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Bühnenbild der Ibsen-Inszenierung "Hedda Gabler" von Thomas Ostermeier und dessen Bezug zur Architektur der Moderne.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Architekturtheorie, Theaterwissenschaft und eine soziologische Analyse des bürgerlichen Wohnens und der Selbstinszenierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Bühnenbild als funktionale Chiffre für die soziale Konditionierung und Ich-Schwäche der Figuren dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine mediale Aufführungsanalyse in Verbindung mit architekturtheoretischen Diskursen (insbesondere Bazon Brock) angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Einfluss der Architektur der Moderne auf Pappelbaums Bühnenarbeit sowie die Funktion des Wohnens als Identitätsangebot untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Selbstinszenierung, fließender Grundriss, soziale Konditionierung und das Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit.
Inwiefern beeinflusst das Farnsworth-House das Bühnenbild?
Das Farnsworth-House dient als direktes architektonisches Vorbild für das Konzept der Transparenz und das Verschwinden privater Rückzugsräume.
Welche Rolle spielt die Figur der Hedda Gabler im Bühnenkontext?
Hedda Gabler agiert in einem Raum, der ihre eigene Tendenz zur Manipulation und Selbstinszenierung durch die architektonische Offenheit noch verstärkt, bis sie schließlich aus diesem Raum ausbricht.
- Arbeit zitieren
- Florian Norbert Bischoff (Autor:in), 2009, Die Bühnenbilder des Jan Pappelbaum. Eine Analyse der bürgerlichen Selbstinszenierung am Beispiel der Produktion »Hedda Gabler«, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192896