Klatsch und Serialität in der Serie »Gossip Girl«

Eine strukturelle Analyse der erfolgreichen US-Fernsehserie


Seminararbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Fernsehen als neue Lesepraxis

Die Stimme des Klatsches

Das Glied in der Kette

Serialität und Serie

Das Ende des Klatsches

Bibliographie

Fernsehen als neue Lesepraxis

Das Fernsehen befindet sich in einer Zeit des Wandels. Vor dem Hintergrund des kommerziellen Erfolges hochqualitativer Pay-TV-Sender finden sich im ge- hobenen Feuilleton seit Beginn des Jahrtausends mit zunehmender Tendenz Diskurse, die Wert und Qualität neuerer, meist US-amerikanischer Serien he- rausstellen. Im Fokus dieser Betrachtungen stehen u. a. Sendungen wie die Sopranos, The Wire, The West Wing, O. C. California, Damages oder Gossip Girl, um nur eine Auswahl zu nennen.

All den genannten Serien gemein ist, dass ihnen ein mitunter äußerst kom- plex gestaltetes Narrationsmuster zu Grunde liegt. Es scheint geradezu so, als wolle sich das Fernsehen von seinem „großen“ Bruder Kino emanzipieren und nun damit beginnen, die dem Format Serie eigenen Möglichkeiten und Freiräu- me auszuschöpfen. Diese „neuen“ Serien arbeiten oftmals nicht länger mit in sich geschlossenen Episoden, sondern mit weiten, teils staffelübergreifenden Handlungsbögen. Im Vergleich zu den klassisch geschlossenen Serie-Episoden, wie man sie etwa in Krimi- und Detektivserien der 60er und 70er Jahre findet, nehmen die Subplots einen zunehmend größeren Raum ein. In vielen Fällen ver- sagt sogar eine solche Main-/Subplot-Unterscheidung vollständig. Nicht von un- gefähr sieht etwa Nicholas Kulish, einflussreicher Kolumnist der New York Ti- mes, die Serien US-amerikanischer Pay-TV-Sender von allen Formen des Beweg- tbildes am komplementärsten zur literarischen Tiefe und Differenzierung des Romans1. Jason Mittell, amerikanischer Film- und Fernsehwissenschaftler, ist überzeugt davon, dass sie sich vor diesem Hintergrund neuen Verfahren und Re- zeptionsformen wie etwa dem close reading öffnen2.

In der nachfolgenden Arbeit möchte ich mich der Serie Gossip Girl von Josh Schwartz und Stephanie Savage nähern. Von dem Piloten ausgehend werde ich dessen Eröffnungssequenz analysieren und überprüfen, auf welche Weise die Serie den ihrem Titel immanenten Klatsch auch thematisch in den Mittelpunkt rückt. In einem zweiten Schritt werde ich versuchen, darzustellen, auf welche Weise Gossip Girl Struktur und Funktionsweise des Klatsches ästhetisch nachbildet und in einem Raum des Kinematographischen überführt. Anschließend soll untersucht werden, ob und inwiefern Klatsch und das Format der Serie selbst auf einer Meta-Ebene strukturverwandt sind.

Die Stimme des Klatsches

Die Eröffnungssequenz des Piloten wird durch eine wahre Flut an Bildern einge- leitet, die durch schnelle rhythmisierte Schnitte bestimmt wird. Durch eine Se- rie von Super-Totalen und Panorama-Einstellungen wird raumzeitlich der Stadt- raum New York etabliert. Obwohl die einzelnen Einstellungen mit unter einer Sekunde Dauer extrem kurz sind, funktioniert diese Setzung, da die gezeigten Motive einen durchaus ikonographischen Charakter haben: Freiheitsstatue, Ma- dison Avenue, Times Square, Central Park und Brooklyn Bridge werden mit der New Yorker Skyline verschnitten (Abb. 1). Untermalt wird dieser Bilderreigen mit einem einsetzenden Pop-Song, auf dessen Beat geschnitten wird. Montiert werden die einzelnen Bilder vornehmlich mit Reißschwenks und Jump Cuts. Vor diesem Hintergrund lässt sich sagen, dass die erste Bilder-Reihe in doppelter Hinsicht als Establishing-Shot fungiert: Denn zum einen wird nicht nur der Stadtraum New York etabliert, sondern vielmehr auch ein populargeschichtli- cher Referenzrahmen, in dem sich die Serie ansiedelt3.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Erster Bilderreigen

Diese erste Bilderreihe findet ihren Ruhepol in einer Halbnahen Einstellung, in der eine junge Frau - Serena Van der Woodsen (Blake Lively) - durch das Fenster eines fahrenden Hochgeschwindigkeitszuges zu sehen ist. Die Frau blickt lethargisch nach draußen. Ihre Augen fokussieren nicht die vorbeiziehende Landschaft, die sich auf ihrem Gesicht in der Scheibe spiegelt, sondern bleiben starr und nach innen gekehrt. Der Zug fährt in die Stadt ein und in der darauf folgenden Einstellung begleitet die Kamera die junge Frau, wie sie die Eingangshalle der Grand Central Station betritt.

Dies ist der erste von zwei Schlüsselmomenten, die zusammengenommen in wenigen Augenblicken eine Art Ouvertüre der ganzen Serie aufspielen: Zu Be- ginn der Einstellung ist die junge Frau der Kamera zu gewandt im Halb-Profil zu sehen (Abb. 2). Mit dieser Einstellung setzt das Voice-Over einer jungen Frauen- stimme ein (Kristen Bell), die sich selbst als „Gossip Girl“ vorstellt: Das Voice- Over spricht direkt den Zuschauer an und verspricht ihm, große Neuigkeiten preis zu geben, die sie von einer ihrer vielen verschiedenen Quellen erhalten hat. Dabei spricht sie - wie auch im weiteren Verlauf der Serie - stets von einem af- firmativen „Wir“, das den Zuschauer mit einschließt. Der Zuschauer darf sich also im Kreise der „Informierten“ wähnen. Dies ist insofern von Bedeutung, dass Brigitte Weingart es als grundlegendes Merkmal des Klatsches bezeichnet, dass sein Bezugspunkt, das Klatschobjekt also, allen Gesprächsteilnehmern be- kannt ist. Es wird sich also nur innerhalb eines spezifischen sozialen Netzwerks ausgetauscht. Der Klatsch hat dabei Auswirkungen auf die Verbindungen inner- halb dieses Netzwerkes, indem er diese auf spezifische Weise aktualisiert4. Gos- sip Girl arbeitet also sowohl auf diegetischer als auch metadiegetischer Ebene mit Mitteln der Ein- und Ausgrenzung. Der Klatsch, der in der virtuellen (da nur rein stimmlich in Erscheinung tretende) Figur des Gossip Girl seinen Brenn- punkt findet, aktualisiert sowohl auf diegetischer Ebene die Beziehungen der Protagonisten untereinander, als auch auf einer metadiegetischen Ebene die Be- ziehung des Zuschauers zu den Figuren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Handlung A - Serenas Ankunf in der Central Station

Die Kamera, die anfangs noch die junge Frau aus dem Zug verfolgt bleibt ste- hen, als diese an einer zweiten, dunkelhaarigen Frau vorbeiläuft, die ein Handy in der Hand hält (Abb. 2). Gossip Girl bezeichnet die zweite Frau mit dem Pseudonym Melanie_91. Wir sehen den Blick der dunkelhaarigen Quelle, die Se- rena verfolgt, und nehmen ihren Blick in einer klassischen PoV-Struktur auf. Auffällig ist dabei, dass diese Blickkonstruktion gedoppelt wird: Melanie photo- graphiert Serena. Bei Melanies zweiter Subjektiven ist ihre ausgestreckte Hand während des photographischen Aktes zu sehen: Serena taucht dabei nur als Ab- bild auf dem Handy-Bildschirm auf. Ihr tatsächlicher Körper, das Signifikat so- zusagen, bleibt hingegen unscharf (Abb. 3). Mit einer anschließenden Schärfe- verlagerung verändern sich die Vorzeichen: Während das Photo verschwimmt, ist lediglich der reale Referent zu sehen, der photographiert wird. Das Voice-O- ver kommentiert dies aus dem Off mit den Worten: „If you don‘t believe me, see for yourselfs. Lucky for us Melanie_91 sent proof“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Handlung B - Melanies PoV

Direkt im Anschluss ist die zweite Einstellung zu sehen, der in meinen Augen eine Schlüsselrolle zukommt: Aus dem gedoppelten PoV kommend sehen wir zunächst Melanie_91, die nach dem gelungenen Schnappschuss zufrieden auf ihr Mobiltelephon blickt. Danach geht es zurück auf das Objekt dieses photogra- phischen Blickes: Serena, die noch immer, auf einer höheren Ebene stehend, mit ihren Blicken die unter ihr liegende Bahnhofshalle absucht, ehe sie zur Seite hin abgeht. Die Kamera folgt ihr jedoch nicht, sondern bleibt stehen. Aus der Menge der vorbeiziehenden Passanten nimmt schließlich ein älterer Mann Mitte Ende 40 Serenas Platz ein: Dan Humphrey. Auch er blickt suchend nach unten in die Empfangshalle. In der folgenden Einstellung sehen wir schließlich das Objekt seines Blickes: Es sind seine beiden Kinder Dan und Jenny.

Von einer Schlüsselrolle dieser Einstellung kann man insofern sprechen, als das hier eine explizite Umadressierung stattfindet: Zwischen zwei von einander zunächst losgelösten Handlungssträngen - der Ankunft Serena und der Ankunft von Rufus Kindern - eine Verbindung stattfindet, indem sich beide Ebenen in einer Einstellung ablösen. Weingart beschreibt die Praxis des Klatsches als Dialog über einen „abwesend-anwesenden“ Dritten:

Abwesend-anwesend gilt dabei dem Umstand, dass diese ausgeschlossenen Dritten eingeschlossen sind, insofern die Beziehungen zu ihnen beim Sprechen über sie auf spezifische Weise aktualisiert werden, wenngleich in Form einer Umadressierung, bei der der Klatschempfänger als Platzhalter fungiert5.

Dem Klatsch werden dabei bestimmte soziale Funktionen zugeschrieben: Neben der Strukturierung von Sozialität über Inklusion/Exklusion, die sich in der Trennung von Wissen/Nichtwissen bzw. Teilhabe/Ausgrenzung realisiert, handelt es sich dabei nach Weingart vor allem um die gemeinsame Bewältigung und Ausarbeitung eines „gruppenspezifischen Unbewussten“6. Klatsch entsteht zunächst aus Geheimnissen und ungeklärten Situationen. In der Eröffnungsse- quenz artikuliert sich dies in den Überlegungen des Gossip Girls hinsichtlich Serenas mysteriöser Vergangenheit: „Was it only a year ago our It-Girl myste- riously disappeared for a ,boarding school‘? And just as suddenly she‘s back“. Aus dem, was bekannt ist, wird versucht, sich dem Unbekannten zu nähern. Wein- gart spricht hier von einer Hermeneutik, „die das Ungesagte aus dem Gesagten, das Private aus dem, was an die Öffentlichkeit gelangt“, herausliest7.

[...]


1 Nicholas Kulish, Television You Can ’ t Put Down. www.nytimes.com/2006/09/10/opinion/10sun3.html, (Zugriff am 27.08.2011)

2 Alexander Starre, Seriele Formen. http://www.zfmedienwissenschaft.de/index.php?TID=9 (Zu- griff am 27.08.2011).

3 Diesen Referenzrahmen könnte man wahrscheinlich treffend mit einer Musikvideo/MTV-Äs- thetik beschreiben.

4 Weingart, » Wilde « Ü bertragung. S. 58f.

5 Weingart, » Wilde « Ü bertragung. S. 58.

6 Ebd.

7 Ebd. S. 60.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Klatsch und Serialität in der Serie »Gossip Girl«
Untertitel
Eine strukturelle Analyse der erfolgreichen US-Fernsehserie
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Gossip - A Match Well Made - A Job Well Done
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V192903
ISBN (eBook)
9783656180678
ISBN (Buch)
9783656181279
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Enthält eine Analyse der Pilotfolge der Serie Gossip Girl
Schlagworte
Gossip Girl, Gossip, Klatsch, Analyse, Filmanalyse, Serialität, Serie, Fernsehserie
Arbeit zitieren
Florian Norbert Bischoff (Autor), 2011, Klatsch und Serialität in der Serie »Gossip Girl« , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192903

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