Das ästhetische Programm des Friedrich Justin Bertuch. Eine epistemische Analyse


Seminararbeit, 2010

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Bertuch als konservativer Visionär

Paradigmenwechsel und die Pluralisierung von Wissen

Unterricht durch‘s Auge

Literaturverzeichnis

Bertuch als konservativer Visionär

Das 19. Jahrhundert war nicht nur Schauplatz gewaltiger Veränderungen, etwa in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, sondern auch einer kulturgeschichtlichen Krise, die „zu den folgenreichsten der Moderne“ gehört. Diese Krise, so heißt es in der Einleitung zu dem Symposiums-Band Romantische Wissenspoetik, fußte auf der Einsicht, dass die erkenntnistheoretischen Mittel der Aufklärung, „ratio“ und systematische Ordnung von Wissen, der modernen Welt des 19. Jahrhundert nicht länger gerecht werden konnten.

Es ist der historische Augenblick, wo die Formen und Möglichkeiten der Kunst, wo also Einbildungskraft und Phantasie, als gleichgewichtige Kräfte der Welt- und Menschenerkenntnis den systematischen Mitteln der Vernunft und des Verstandes an die Seite treten […]1.

Seine Schatten voraus warf dieser Paradigmenwechsel auf die Unternehmungen des Weimarer Herausgebers und Verlegers Friedrich Justin Bertuch. Unter anderem tätig als Dichter, Übersetzer, Kunstblumen-Produzent und Verwalter der fürstlichen Privatschatulle war Bertuch sowohl ein sehr beschäftigter als auch beschäftigender Mann und eine zentrale Figur im Weimar zur Zeit Goethes, Herders, Wielands und Schillers. Die bloße Anzahl von über 20.000 Briefen, die heute im Goethe- und Schiller-Archiv lagern, geben beredet Zeugnis von Bertuchs Arbeitsamkeit und seiner Rolle für das Weimar um 1800.

Im Zentrum seines Schaffens standen seine Aktivitäten als Verleger und He- rausgeber, deren größter Erfolg mit 40.000 Seiten und 15.000 Kupfertafeln das „Journal des Luxus und der Mode“ war2. Bertuchs überragender Erfolg gründet sich nicht zuletzt auf spezifischen Umbrüchen seiner Zeit. Die Französische Re- volution und die Herrschaft Napoleons veränderten die Welt nachhaltig, ebenso die Entwicklung neuer Technologien, die zum Beginn des Industriezeitalters führ- ten. Walter Steiner und Uta Kühn-Stillmark formulieren in ihrer Bertuch-Biogra- phie die These, dass sich durch alle diese Ereignisse ein neues Persönlichkeitsbild [ausformte], das Bertuch schließlich in geradezu exemplarischer Weise verkörperte. Aus dem aufgeklärten fortschrittlichen Bürger wurde der kenntnisreiche freie Unternehmer, der Erfolg zu haben hatte3.

Bertuch wurde zunächst durch die Produktion von Kunstblumen, welche nicht nur bei Goethes Mutter reißenden Absatz fanden, später durch die verlegerischen Tätigkeiten und das Kommissionsgeschäft mit fremden Waren zum reichsten Bewohner Weimars4. Dieser Umstand trug ihm einerseits Anerkennung ein […] Andererseits geriet er durch Mißgunst und Unverständnis gegenüber seiner „modernen“ merkantilistischen Tätigkeiten und der oft falsch gedeuteten Vielfalt seiner Erfolgsversuche, auch auf schriftstellerischem Gebiet, in Kritik5.

Trotz aller konservativen, beinahe reaktionären Züge, die man Bertuch - mit- unter zurecht - anlasten mag, war die Ausrichtung und Umsetzung seines verlegerischen und journalistischen Schaffens geradezu visionär. Visionär ver- standen insofern, dass das Bertuchsche Verlagsprogramm bereits Entwicklungen aufgriff, die sich in Weimar bzw. Deutschland erst später in voller Breite Bahn brechen sollten.

Im Folgenden sollen zwei wesentliche Punkte eben dieser von Brandstetter und Neumann beschriebenen „Krise“ - namentlich die Rekonfigurationen von Wissen und Erkenntnis - näher untersucht werden und inwiefern sie Eingang in die verle- gerische Praxis Bertuchs gefunden haben. Neben dem bereits angeführten Journal des Luxus und der Moden soll dabei das Bilderbuch für Kinder als exemplarischer Untersuchungsgegenstand fungieren. Da die Erschließung des Bertuschschen Ver- lagsprogrammes noch andauert und die Forschung auf diesem Gebiet noch eher am Anfang steht - verwiesen sei hier auf das Erschließungs- und Forschungspro- gramm der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und den herausragenden Tagungs- band Friedrichs Justin Bertuch von Gerhard Kaiser und Siegfried Seifert - kann diese Arbeit nur einen Ausblick auf einen noch näher zu untersuchenden Sachverhalt geben.

Paradigmenwechsel und die Pluralisierung von Wissen

Die Vorstellung des Idealismus von dem Verhältnis einzelner Teiler zu ihrem Gan- zen.

Just as for Kant the mind had to be more than the sum of its sense-impressi- ons, so for Coleridge, the British avatar of German Idealism, any living ‚whole‘ - whether a plant, a poem, or a nation - was always more than a mere aggregation of its constituent parts6.

Diese Unterscheidung ist grundlegend für die Kritik des romantischen Idealis- mus an der empiristischen, kühl verstandesrationalen Denkweise des 18. Jahrhun- derts. Es begründet die Opposition zwischen den leblosen Einzelteilen, dem Me- chanischen, und dem lebenden Ganzen, dem Organischen und wird von einer breiten Masse namhafter Philosophen um die Jahrhundertwende als ein grundle- gendes Prinzip proklamiert.

In der Ästhetik des englischen Dichters und Philosophen Samuel Taylor Cole- ridge (1772-1834) manifestiert sich der Gegensatz zwischen dem mechanischen Einzelnen und dem organischen Ganzen in der Unterscheidung zwischen Phanta- sie (fancy) und Vorstellungskraft (imagination). Während die Phantasie lediglich bereits bestehenden Erinnerungen und Eindrücke neu zusammensetzt, verändert die Vorstellungskraft bestehende Bilder und fügt sie in einer organischen Instanz zusammen.

The Fancy brings together images which have no connection natural or mo- ral, but are yorked together by the poet […] The Imagination modifies i- mages, and gives unity to variety; it sees all things in one, il più nell‘ uno7.

Friedrich Schiller verbindet, vor dem Hintergrund der gescheiterten französi- schen Revolution und ihren jakobinischen Auswüchsen, diese ästhetisch Position mit politischen Überzeugungen: Im seiner Abhandlung über Die ä sthetische Er- ziehung des Menschen entwirft er ein ganzheitliches Bild des Menschen und sieht die Kunst als Heilmittel für die zunehmend fragmentierte Gesellschaft seiner Zeit. Vor dem Hintergrund einer fortgeschrittenen Arbeitsteilung, sieht Schiller den Menschen nur noch als verkrüppeltes Fragment. Die Gesellschaft könne deshalb in Folge nicht mehr sein als die monströse Anhäufung lebloser, mechanischer Einzelteile.

Verständnis und Organisation von Wissen wurden in besonderem Maße von diesen Vorstellungen beeinflusst und waren im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein- schneidenden Veränderungen unterworfen. Dies war nicht zuletzt vor dem Hinter- grund einer starken quantitativen Zunahme und Ausdifferenzierung von Wissen sowie der stetig zunehmenden Geschwindigkeit dieses Prozesses nötig geworden. „Was um 1800 Wissenschaft genannt wurde, hatte nur noch wenig mit dem ge- mein, was hundert Jahre später mit dem gleichen Wort bezeichnet wurde“, heißt es bei Angela Schwarz8. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war ein Groß- teil der modernen Wissenschaftsdisziplinen in ihren Umrissen bereits zu erkennen. Der quantitativen wie qualitativen Pluralisierung von Wissen folgte ein immer weiter voranschreitender Spezialisierungsprozess einzelner wissenschaftlichen Disziplinen. Dieser Prozess war zur Zeit Shelley bereits fortgeschritten. Die Bild des Naturphilosophen hatte fortan ausgedient:

Wenn der „Naturphilosoph“ sich vor dieser Zeit noch mit Aspekten aus den unterschiedlichsten Bereichen der natürlichen Welt befassen konnte und da- bei über den naturwissenschaftlichen Fragen auch philosophische und ethi- sche nicht vernachlässige, so blieb dem Wissenschaftler, dem „scientist“, angesichts der Ausdifferenzierung und Zunahme des Wissens sowie der da- raus resultierenden Spezialisierung meist nur noch die Konzentration auf einige naturwissenschaftliche Disziplinen, zunehmend nur noch auf eine, nämlich die des eigenen Tätigkeitsbereiches, und schließlich sogar nur noch auf einen Ausschnitt aus dieser9.

[...]


1 Gabriele Brandstetter/Gerhard Neumann, Romantische Wissenspoetik, S. 9.

2 Walter Steiner/Uta Kühn-Stillmark, Friedrich Justin Bertuch. S. 94.

3 Steiner/Kühn-Stillmark, Friedrich Justin Bertuch. S. 3.

4 Vgl. Gerhard R. Kaiser, Friedrich Justin Bertuch - Versuch eines Protraits. In: Friedrich Justin Bertuch (1747-1822). S. 20f.

5 Steiner/Kühn-Stillmark, Friedrich Justin Bertuch. S. 3.

6 Chris Baldick, In Frankensteins Shadow. S. 34.

7 Samuel Taylor Coleridge, Specimens of the Table Talk of the late Samuel Taylor Coleridge, 2. Bd., S. 331.

8 Angela Schwarz, Der Schl ü ssel zur modernen Welt, S. 48.

9 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das ästhetische Programm des Friedrich Justin Bertuch. Eine epistemische Analyse
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Fashion as Performance
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V192910
ISBN (eBook)
9783656180630
ISBN (Buch)
9783656182078
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertuch, Friedrich Justin Bertuch, Weimar, Weimarer Klassik, Goethe, Bild, Pluralisierung, Wissen, Erkenntnis, 1800, 19. Jahrhundert, Wissenspoetik, Romantik, Romantische Epoche, Verlag, Verleger, Verlagswissenschaft, Journal des Luxus und der Moden
Arbeit zitieren
Florian Norbert Bischoff (Autor), 2010, Das ästhetische Programm des Friedrich Justin Bertuch. Eine epistemische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192910

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