Anna Seghers ist eine Schriftstellerin, zu der leicht Zugang zu finden ist. Ihre einfache, ausdrucksstarke Sprache und ihre abwechslungsreichen Erzählmethoden machen selbst das trostloseste Arbeitermilieu in ihren Büchern erlebenswert. Ihre Leser, die dieses Umfeld kennen, interessiert die Authentizität mit der es dargestellt ist, und Leser, denen es fremd ist, können sich leicht mit ihm vertraut machen. Aber auch Sagenhaftes verarbeitet die Seghers in ihren Texten, macht es zu Zeitgeschehen.
In der neueren Forschung werden hauptsächlich die großen Romane der Schriftstellerin beachtet, allen voran "Das siebte Kreuz".
In dieser Hausarbeit, die im Rahmen des Proseminars Über die „Kraft der Schwachen“. Die Erzählerin Anna Seghers entstand, soll nun eine Novelle beleuchtet werden, die ein eindrucksvolles Zeugnis Anna Seghers’ Auffassung der Bedeutung des einzelnen Menschen im Nationalsozialismus und zugleich ein Aufruf wider das Vergessen ist: „Der Ausflug der toten Mädchen“.
Inhaltsverzeichnis
„[...] eine der schönsten Erzählungen der modernen deutschen Literatur.“1
Thema und Arbeitsziel
„Nein, von viel weiter her. Aus Europa.“3
Leben, Exil und Erzählung
Erinnerung an eine Zukunft21
Die erzählte Zeit
„[...] denn ich spürte jetzt einen unermesslichen Strom von Zeit, unbezwingbar wie die Luft.“31
Die Bedeutung von Zeit
„Erzählen, was mich heute erregt ...“43
Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen
„Plötzlich fiel mir der Auftrag meiner Lehrerin wieder ein, den Schulausflug sorgfältig zu beschreiben.“82
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Anna Seghers’ Novelle „Der Ausflug der toten Mädchen“ unter besonderer Berücksichtigung der erzählerischen Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen im Nationalsozialismus und der Perspektive der Autorin aus dem Exil. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie autobiografische Elemente und spezifische Erzähltechniken – insbesondere der Umgang mit Zeitebenen – zur kritischen Reflexion über Schuld, Haltung und das Schicksal des Individuums in Zeiten der Diktatur beitragen.
- Analyse der Verwebung von Zeitebenen als künstlerisches Verfahren zur Vergegenwärtigung von Geschichte.
- Untersuchung des autobiografischen Hintergrunds und der Exilsituation der Autorin.
- Betrachtung von Identitätsbildung und Charakterentwicklung der Figuren im Kontext von Mitläufertum und Widerstand.
- Die Funktion von Erinnerung als politisch-moralisches Instrument gegen das Vergessen.
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung von Zeit
Anna Seghers’ „Ausflug der toten Mädchen“ basiert ganz auf dem Vergleich, auf der Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart. Das Erleben der Kindheit, kontrastiert mit dem Wissen der Zukunft, lässt eine neue Realität entstehen.
Was ist die Funktion dieser neuen fiktionalen Wirklichkeit? Durch eine Gegenwart, bei der die Zukunft mitgedacht wird, versucht Anna Seghers Hinweise und Anspielungen auf die spätere Rolle, die die Figuren der Erzählung im Nationalsozialismus spielen, schon auf dem Schulausflug zu entdecken. Durch die Fiktionalität, die dadurch entsteht, dass Anna Seghers Erlebtes in Kunst verwandelt, die auch dem nicht unmittelbar Erlebten gleichberechtigt Raum bietet, gewinnt die Erzählerin die Möglichkeit, anzuzweifeln, dass zum Beispiel Marianne Leni verraten hat. Obwohl sie durch Berichte weiß, was geschehen ist, kommt es ihr aufgrund der harmonischen Kindheitsgegenwart unwirklich vor: „ Dann legte sie einen Arm um Lenis Hals und zupfte ihr behutsam Halme aus dem Haar. Mir kam jetzt alles unmöglich vor, was man mir über die beiden erzählt und geschrieben hatte.“ Umgekehrt erscheint es der Erzählerin genauso paradox, dass die beiden Freundinnen in Anbetracht des zukünftigen Freundschaftsbruchs ein so herzliches Verhältnis haben. Wo liegt der Wendepunkt? Was bedingt ihn?
Allgemein gewinnen die Figurenbeziehungen im Rückblick eine ganz neue Qualität. So kann sich die Erzählerin nicht mehr über Fräulein Mees’ Gang lustig machen, da sie diese jetzt wegen ihrer festen Haltung gegen den Nationalsozialismus um so mehr achtet.
Zusammenfassung der Kapitel
„[...] eine der schönsten Erzählungen der modernen deutschen Literatur.“: Dieses Kapitel definiert das Thema und die Arbeitsziele der Untersuchung, insbesondere die Analyse der erzählerischen Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte in Seghers' Novelle.
„Nein, von viel weiter her. Aus Europa.“: Der Abschnitt beleuchtet die biografischen Hintergründe von Anna Seghers, ihre Erfahrungen im Exil und wie diese die Erzählung beeinflussten.
Erinnerung an eine Zukunft: Hier wird die Funktion der erzählten Zeit analysiert, die als technisches Strukturprinzip und inhaltliche Messlatte für zeitgeschichtliche Ereignisse dient.
„[...] denn ich spürte jetzt einen unermesslichen Strom von Zeit, unbezwingbar wie die Luft.“: Dieses Kapitel untersucht die Bedeutung von Zeit für die Konstruktion der fiktionalen Wirklichkeit und die Bewertung von Figurenbeziehungen.
„Erzählen, was mich heute erregt ...“: Der Autor setzt sich mit der Rolle des Schriftstellers, der Realismus-Debatte und der moralischen Haltung zur Zeit auseinander.
„Plötzlich fiel mir der Auftrag meiner Lehrerin wieder ein, den Schulausflug sorgfältig zu beschreiben.“: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, wie Seghers durch die Erzählung zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und zur Hoffnung auf ein umformbares Deutschland anregt.
Schlüsselwörter
Anna Seghers, Der Ausflug der toten Mädchen, Exil, Zeitgeschichte, Nationalsozialismus, Erinnerung, Zeitebenen, Erzähltechnik, Identität, Schuld, Widerstand, Heimat, Fiktionalität, Literaturwissenschaft, deutsche Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ von Anna Seghers und untersucht, wie die Autorin ihre eigene Exilerfahrung und die Zeitgeschichte des Nationalsozialismus erzählerisch verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Gestaltung von Zeit, die Verbindung von autobiografischen Elementen mit Fiktion, die Rolle des Einzelnen im Nationalsozialismus sowie Fragen von Schuld und moralischer Haltung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Seghers durch die Verwebung mehrerer Zeitebenen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen ermöglicht und das Schicksal des Einzelnen im Kontext des NS-Terrors beleuchtet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Analyse, verknüpft mit biografischen Aspekten der Autorin und dem Kontext der zeitgenössischen Exilliteratur und Realismus-Debatte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Struktur der erzählten Zeit, der Einfluss des Exils auf die Perspektive der Erzählerin, die Charakterisierung der Figuren sowie die moralische Bedeutung des Erzählens im Kampf gegen das Vergessen detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind u.a. Anna Seghers, Exil, Zeitgeschichte, Nationalsozialismus, Erinnerung und Erzähltechnik.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen der Rolle von Netty und Anna?
Die Arbeit erläutert, dass Netty für die Kindheitserinnerung und Geborgenheit steht, während Anna die reife Exilantin repräsentiert; die Erzählerin ist ein Verschmelzungsprodukt beider, das zwei zeitliche Blickwinkel einnimmt.
Welche Rolle spielt die Landschaft in der Novelle laut der Analyse?
Die Landschaft dient als Spiegel des Seelenzustands der Erzählerin; insbesondere der Kontrast zwischen der mexikanischen Exilprärie und der Rheinlandschaft verdeutlicht die existenzielle Zerrissenheit zwischen Heimatverlust und Distanz zur deutschen Geschichte.
- Arbeit zitieren
- Anne Grabinsky (Autor:in), 2000, Der Blick aus dem Exil: Anna Seghers’ erzählerische Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte untersucht an der Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192943