Bedurfte es einer "demokratischen" Armee?

Krieg und Revolution in England 1642 - 1660


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Englische Revolution – eine historische Einordnung

3. New Model Army

4. Die Levellers – ihrer Zeit voraus?

5. Bedurfte es einer „demokratischen“ Armee?

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Weltgeschichte hat in ihrem Verlauf bereits viele Revolutionen gesehen. Sie fanden in allen Jahrhunderten und in den verschiedenster Ländern des Erdballs statt. Die Geschichtsschreibung weiß auf allen Kontinenten von Umstürzen zu berichten, welche die weitere regionale und überregionale Entwicklung nachhaltig prägten. Auch die Revolutionen an sich waren äußerst vielfältig. Es gab blutige Revolutionen, wie die bürgerliche Revolution in Deutschland 1948 oder die Französische Revolution in Frankreich 1789. Nicht selten gingen mit ihnen Kriege oder Bürgerkriege einher. Zugleich finden sich in der Geschichte aber auch unblutige Revolutionen, wie der Fall des eisernen Vorhangs und schließlich die deutsche Wiedervereinigung. Viele Revolutionen wurden von den Zeitgenossen nie als solche gesehen, sondern erst von nachfolgenden Generationen oder der Geschichtswissenschaft als solche verstanden. Sie stürzten Herrscher, läuteten das Ende von Staaten ein oder begründeten neue Nationen. Doch allgemein lassen sie sich als Umbruch in einer Gesellschaft verstehen, denn sie zeichnen sich alle durch ein gemeinsames Merkmal aus: die Überwindung eines alten und überholten Systems und die Schaffung etwas von etwas Neuem, das es so bisher noch nicht gab. Revolutionen schufen stets historische Tatsachen und veränderten somit das Gesicht der Welt in ihrer Zeit.

Für die Geschichte der frühen Neuzeit nimmt die Englische Revolution im 17. Jahrhundert mit Sicherheit einen großen Stellenwert ein. Zum einen ist sie die erste große Revolution auf europäischen Boden und zum anderen prägte sie die Entwicklung der späteren Weltmacht Großbritannien über viele Jahrhunderte entscheidend. Dass England zum damaligen Zeitpunkt, als sich die anderen europäischen Länder fest in der Hand absolutistischer Herrscher befanden, schon über eine parlamentarische Tradition verfügte, begründet allein schon die Vorreiterrolle des Inselreichs für die Geschichte Europas. Bereits 1257 sprach man dort von Parlamenten, einer Institution, die sich in ihren Grundzügen bis heute gehalten hat. Doch dass gerade hier ein Bürgerkrieg zwischen der Krone und dem Parlament stattfinden sollte, unterstreicht noch einmal die politische Fortschrittlichkeit Englands gegenüber den anderen europäischen Mächten.

Auch die Rolle der Armeen in diesem Krieg stellte einen großen Gegensatz zu den Söldnerheeren des Dreißigjährigen Krieges auf dem europäischen Festland dar. Doch was waren die Besonderheiten dieser Armee, die nicht mehr an einen Herrscher gebunden war, sondern an eine Institution? Bedurfte das Gelingen der Englischen Revolution einer „demokratischen“ Armee? Diese Fragen sollen den Schwerpunkt dieses Essays bilden und anhand einschlägiger Literatur untersucht werden.

2. Die Englische Revolution – eine historische Einordnung

Der folgende Abschnitt soll weder der chronologische Ablauf der Revolution in England von 1642 bis 1660 wiedergegeben noch eine genaue Schilderung des Kriegsverlaufs bieten. Er soll vielmehr die Gründe, Prinzipien und Ergebnisse des Bürgerkriegs in der Wahrnehmung verschiedener Autoren beleuchten und vergleichen.

Der Historiker Imanuel Geiss beschreibt die Englische Revolution in seinem Werk zur Weltgeschichte als „erste neuzeitliche Revolution […], sozusagen als Ur-Revolution Europas“.[1]

In der Tat gab es in der europäischen Geschichte bis dahin keinen vergleichbaren Umsturz in einem Land, an dem so viele gesellschaftliche Schichten beteiligt waren und der solch tief greifende Veränderungen nach sich zog. Doch was waren die Gründe für Gründe und Motive der beteiligten Parteien?

Michael Maurer schreibt in seinem Buch „Kleine Geschichte Englands“, dass es im Wesentlichen um zwei Dinge gegangen sei: „um die protestantische Religion und um die verfassungsmäßige Freiheit der Engländer“.[2] Diese beiden Motive spielten mit Sicherheit eine große Rolle für die parlamentarische Seite, die sich von der Monarchie in ihren Rechten immer mehr eingeschränkt sah. Doch wenn man dem die Schilderung von Heiner Haan und Gottfried Niedhart gegenüberstellt, stellt man fest, dass der Konflikt weitaus vielschichtiger war. „Verfassungsrechtliche, religiöse und gesellschaftlich-wirtschaftliche Konflikte, in denen nicht nur Eliten kämpften, sondern auch das Volk seine Wünsche artikulierte, überlagerten und verbanden sich, so daß [sic!] die bekannte Benennung der Revolution als Puritanischer Revolution die Komplexität der Entwicklung ungebührlich vereinfacht.“[3] Hier wir gegenüber Maurer deutlich, dass neben der komplexen Religionsfrage und Fragen der politischen Ordnung auch soziale und wirtschaftliche Faktoren eine Rolle gespielt haben. Folgt man Maurers weiteren Ausführungen, merkt man jedoch dass die Historiker in ihren Forschungen immer einen Aspekt der Revolution besonders hervorgehoben haben, um ihm besonderes Gewicht zu verleihen. So hätten etwa R.H. Tawney, Christopher Hill, Lawrence Stone und andere englische Historiker im 20. Jahrhundert versucht, die Konfliktparteien sozialgeschichtlich zu analysieren und den Bürgerkrieg als “Klassenkampf“ zu deuten.[4]

Diese Interpretation wird von Maurer jedoch entkräftet, wenn er schreibt, dass „Angehörige der Aristocracy wie auch der Gentry auf beiden Seiten gekämpft haben“.[5] In der Tat lässt sich die englische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts nicht mit der Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts vergleichen. Sicher gab es verschieden Gruppen, wie den Kleinadel der Gentry oder der Aristocracy, die unterschiedliche politische und wirtschaftliche Interessen verfolgten. Jedoch waren die Übergänge zwischen den Gesellschaftsteilen fließend und viele Adlige wechselten während des Krieges die Seiten. Laut Maurer versuchte man deshalb später mit abgewandelten Modellen, wie dem von H.R. Trevor-Roper innerhalb dieser Gruppen nochmals Unterscheidungen zu finden.[6]

„Auf der einen Seite habe die Mere Gentry gestanden, die infolge der Agrarkonjunktur abstiegsbedroht war, auf der anderen die Court Gentry, die mit ihren herkömmlichen Einkünften solche aus Verbindungen zum Hofe, aus Ämtern, Monopolen usw. zu vereinigen gewußt [sic!] habe. Diese Letztere habe auf seiten des Königs gekämpft; die erstere auf Seiten des Parlaments.“[7]

An dieser Unterteilung wird deutlich, wie vielschichtig allein der englische Adel sich zur damaligen Zeit darstellte. Zu den geburtsrechtlichen Privilegien, die alle Adligen verbanden, traten in der Frühen Neuzeit nun auch ökonomische Differenzierungen. Diese brachten eine kritische Dynamik in die Gesellschaft. Die vom Abstieg bedrohten Gruppen versuchten ihre Macht festzuhalten und die aufstrebenden Gruppen versuchten politischen Einfluss zu gewinnen. Dass auch der ökonomische Aspekt nicht ausreicht, um die Kriegsparteien voneinander abzugrenzen, stellt Michael Mauer in seinen weiteren Ausführungen fest. „Beispielsweise stand der katholische Adel einheitlich im Lager des Königs; umgekehrt waren einige der reichsten Adligen, die ebenfalls dem Hofmilieu zuzurechnen waren, im Krieg im Lager des Parlaments zu finden.“[8] Nimmt man diese Feststellung zusammen mit Maurers treffenden weiteren Unterscheidungen hinsichtlich der Regionen Englands und der generationellen Unterschiede der Konfliktparteien aus neueren historischen Forschungen, dann wird deutlich, dass England zu dieser Zeit wahrscheinlich die komplexeste Gesellschaftsstruktur Europas aufwies. So nimmt es nicht Wunder, dass sich die sozialen Spannungen in einem Bürgerkrieg entluden, dem sich dann auch das einfache Volk nicht mehr entziehen konnte. Imanuel Geiss sieht die gesellschaftlichen Verwürfnisse dieser Zeit sogar als „erste systematische Umsetzung revolutionärer Erfahrungen in moderne politische Theorie.“[9]

Denken wir beispielsweise an den „Krieg aller gegen alle“ aus Thomas Hobbes „Leviathan“ (1651), dann verstehen wir, warum Hobbes die Eindrücke des Bürgerkriegs in seinem bis heute häufig zitierten Werk verarbeitete. Auch andere große Denker ließen den Englischen Bürgerkrieg in ihre Schriften einfließen, so wie James Harrington („Oceana, 1656) oder John Locke („Two Treatises on Government“, 1690). Hier wird deutlich, dass dieser Konflikt auch für die Politikwissenschaft bis heute eine große Rolle spielt. Doch was waren die herausragenden Neuerungen, die einen solch großen Eindruck auf die Zeitgenossen machten?

Auf diese Frage gibt Imanuel Geiss ein breit gefächertes Spektrum von Antworten: „Übergang der Souveränität von der Krone zum Parlament, von der Monarchie zur Republik („Commonwealth“); Präzisierung der Unterschiede zwischen ständischer, absoluter, konstitutioneller und parlamentarischer Monarchie; Ausdehnung und Begrenzung des Wahlrechts; Spannung zwischen Zensur und Pressefreiheit; Toleranz; Polarisierung durch Radikalisierung der Revolution und Abbröckeln ihrer sozialen Basis „links“ und „rechts“; Diktatur der neuen Mitte; wechselnde Stellung der Armee zur Revolution im Revolutionszyklus; weitere Schwächung des Feudalismus; grundsätzliche Infragestellung des hierarchischen Systems;[…].“[10] Wenn wir diese knapp zusammengefasste Darstellung betrachten, finden sich viele Begriffe, wie Pressefreiheit, Polarisierung oder Diktatur, die man eigentlich nicht im 17. Jahrhundert vermuten würde. Doch gerade das macht die elementare Bedeutung der Englischen Revolution für die weitere Geschichte aus. Forderungen, die hier erstmals gestellt worden sind, waren Vorbild für nahezu alle später folgenden Revolutionen Europas. Natürlich wurden sie nicht alle erfüllt, aber sie wurden zum ersten Mal von einer breiten Masse wirkungsvoll artikuliert. Die alte, scheinbar gottgegebene Ordnung der Monarchien wurde erstmals mit Erfolg durchbrochen und, wenn auch nur kurzzeitig, durch etwas Neues ersetzt, das es so bisher noch nicht gab: die Herrschaft eines Parlaments. Auch wenn die „ Restoration “ 1660 viele der politischen Veränderungen wieder rückgängig machte , schaffte es das Königreich noch im selben Jahrhundert mit der „ Glorious Revolution “ 1688 und ein Jahr später mit der „ Bill of Rights “ eine stabile parlamentarische Monarchie zu werden. Diese zukunftsweisende Herrschaftsform wurde zum Vorbild für viele revolutionäre Bestrebungen in den anderen europäischen Staaten und besteht in ihren Grundzügen bis heute. Somit hat Imanuel Geiss mit Sicherheit Recht, wenn er schreibt, dass die Englische Revolution als die Ur-Revolution Europas gelten kann.[11]

[...]


[1] Geiss: Geschichte im Überblick. Daten, Fakten und Zusammenhänge der Weltgeschichte, S. 289.

[2] Maurer: Kleine Geschichte Englands, S. 194.

[3] Haan / Niedhart: Geschichte Englands vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, S. 167.

[4] Vgl. Maurer: Kleine Geschichte Englands, S. 194.

[5] Vgl. Maurer: Kleine Geschichte Englands, S. 195.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Ebd.

[9] Geiss: Geschichte im Überblick. Daten, Fakten und Zusammenhänge der Weltgeschichte, S. 289.

[10] Geiss: Geschichte im Überblick. Daten, Fakten und Zusammenhänge der Weltgeschichte, S. 289.

[11] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Bedurfte es einer "demokratischen" Armee?
Untertitel
Krieg und Revolution in England 1642 - 1660
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Historisches Institut, Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V192998
ISBN (eBook)
9783656182986
ISBN (Buch)
9783656183679
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Geschichte, England, Revolution, Oliver Cromwell, 1642, 1660, Levellers
Arbeit zitieren
Master of Arts (M.A.) Nico Bäro (Autor:in), 2008, Bedurfte es einer "demokratischen" Armee?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192998

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