Family Health Nurse. Ein neues Berufsbild in der professionellen Pflege und gemeindeorientierten Gesundheitsversorgung


Diplomarbeit, 2001
97 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen

1 Einleitung

2 Literaturanalyse

3 Das Family Health Nurse Konzept im Kontext der internationalen und europäischen Gesundheitspolitik der World Health Organization (WHO)
3.1 Überblick über die Strukturen und Aufgaben der WHO
3.2 Die Europäische Region der WHO und das Rahmenkonzept Gesundheit21 der europäischen Gesundheitspolitik
3.3 Basiselemente der europäischen Gesundheitspolitik
3.4 Verbindungen zwischen den globalen Zielen: "Gesundheit für alle – GFA" und den regionalen Zielen: Gesundheit21 mit den wichtigsten Umsetzungs-strategien
3.5 Von Alma-Ata über Wien nach München: Ein historischer Überblick und seine Bedeutung für die Entwicklung des Pflege- und Hebammenwesens
3.5.1 Wien 1988: Erste Europäische WHO-Ministerkonferenz Pflege- und Hebammenwesen
3.5.2 München 2000: Zweite WHO-Ministerkonferenz Pflege- und Hebammenwesen

4 Neue Wege in der Pflege: Rolle und Aufgaben der Family Health Nurse – Fachkraft der primären Gesundheitsversorgung
4.1 Rolle der Family Health Nurse
4.2 Aufgabenprofil der Family Health Nurse
4.3 Theoretischer Kontext des FHN-Konzeptes: Family Nursing
4.3.1 Konzept Familienbegriff
4.3.2 Grundannahmen
4.4 Family Health Nurse im Rahmen von Gesundheitsförderung und Public Health
4.5 FHN-Konzept im Kontext von Primary Health Care
4.6 Ausbildung: theoretischer Rahmen und curriculare Anforderungen zum Family Health Nurse Konzept
4.6.1 Zugangsvoraussetzungen und Struktur des Curriculums
4.6.2 Ausbildungsinhalte und -ziele
4.7 Pflegeszenario 2020 in Deutschland
4.8 Spannungsfelder und Diskussion im Rahmen der Realisierung des Konzepts
4.8.1 Bedarf, Chancen und Grenzen
4.8.2 Finanzierung
4.8.3 Mögliche Finanzierungsformen und fiktive Anknüpfung des Family Health Nurse Konzeptes an bestehende Infrastrukturen
4.8.3.1 Beispiele aus dem GKV Reformgesetz 2000
4.8.3.2 Beispiele aus der Pflegeversicherung, SGB XI
4.8.4 Exemplarische Anknüpfung an bestehende Weiterbildungen der Pflege mit möglicher Umsetzung in Deutschland Einige Ausblicke für Deutschland:
4.9 Entwicklung einer Strategie zur Umsetzung des Family Health Nurse Konzepts
4.9.1 Standortbestimmung für die professionelle Pflege
4.9.2 Ausführungen zur Umsetzungsstrategie

5 Fazit

Literaturverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung:

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit der Arbeit wurde im Text jeweils die männliche oder weibliche Form gewählt, je nach Bezug; diese schließt stets die weibliche oder männliche Form mit ein.

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen

Abb. 1: Literaturanalyseprozess

Abb. 2: Europa

Abb. 3: Basiselemente des Rahmenkonzeptes Gesundheit21

Abb. 4: Rollen und Aufgaben der Family Health Nurse unter dem Schirm von Public Health und primärer Gesundheitsversorgung

Abb. 5: Die Familie und die Family Health Nurse als Systeme in einer Umwelt

Abb. 6: Struktur des FHN-Curriculums: Modul 1 – 7

Abb. 7: Einbindung und Settings der Family Health Nurse im chronologischen Verlauf am Beispielszenario

Abb. 8: Fachweiterbildungen Gemeindepflege, ambulante Pflege und Pflegestudiengänge in Deutschland

1 Einleitung

Auf der Zugreise begegnete ich Frau G., und wie das manchmal so ist, öffnet man sich, auch zur eigenen Überraschung, Fremden in einer vorübergehenden Gesprächssituation leichter als vielleicht Freunden und Angehörigen.

Begegnung im Zug

Frau G. beginnt zu erzählen, wie einige der Beziehungen in ihrem Leben sich verändert hatten: "Meine Bekannten rufen nicht mehr an. Ich werde nicht mehr zum Kaffee oder Mittagessen eingeladen. Ich bin isoliert. Es kommt mir so vor, als würde jeder das Thema vermeiden. Gleichzeitig wollen alle, dass ich mich toll fühle. Wenn ich einmal nicht so gut drauf bin, gibt es niemanden, mit dem ich darüber sprechen kann." Sie war sehr verärgert über die behandelnden Ärzte, den Pfarrer und den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. "Diese Leute sollten doch wissen, wie man mit Jemanden umgehen muss, der so wie ich, an Krebs erkrankt ist. Es gibt kein Verständnis, nicht den geringsten Kontakt oder das geringste Mitgefühl, sie haben alle keine Zeit, schieben Termine vor, verbergen sich hinter ihrer Fachsprache oder berufen sich auf ihre Paragraphen."

Frau G. leidet an Morbus Hodgkin (Lymphogranulomatosis maligna). Sie ist Anfang sechzig, verwitwet, hat keine Kinder und lebt allein. Familienangehörige gibt es an ihrem Wohnort nicht, denn Frau G. und ihr Mann sind vor 3 Jahrzehnten aus Berlin nach Lengerich gezogen. Hinter der zu bewältigenden Krebsdiagnose verbirgt sich nicht nur eine spezifische Krankheit, sondern auch alle kulturellen Interpretationen und Stigmata, mit denen diese in unserer Gesellschaft behaftet ist. Krebskranke Menschen müssen ihr Kranksein nicht nur für sich, sondern auch für ihreMitmenschen erträglich machen.

Frau G. berichtet über ihre Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem, den Brüchen in der Versorgungskette, dem mangelnden professionellen Verständnis und den fehlenden Infrastrukturen: "Wissen Sie, ich war immer jemand, der großen Wert auf seine Unabhängigkeit gelegt hat. Diese vielen Chemotherapien, damit meine ich, die wechselnde ambulante und stationäre Behandlung, die Operation, ich konnte wochenlang nichts Festes essen. Mein postoperativer Zustand war sehr schwankend. Bücken, mein Bett machen oder die Wohnung in Ordnung halten, dass ging nicht, weil ich mich so elend fühlte. Wenn ich in die Arztpraxis komme, haben die Damen wenig Zeit. Für mehr als 'Guten Tag' und 'Nehmen sie im Wartezimmer Platz, es dauert noch', reicht es meist nicht. Der Arzt sagt mir nur, wie ich meine Medikamente nehmen soll 'Pinseln Sie den Mund aus, essen Sie nichts Hartes; die Wunde sieht gut aus'. Sie macht eine Pause, um ihre Gefühle zu unterdrücken. Er fragt nicht 'Wie geht es Ihnen, wie kommen sie zurecht?' Nein, er fragt nur 'Was kann ich für Sie tun?'"

Frau G. lächelt und fragt: "Kennen Sie Richard Kimbel auf der Flucht? Ein Fernsehfilm, der vor vielen Jahren im Fernsehen lief und von einem Arzt handelt: So kommen mir die Ärzte vor, auf der Flucht vor ihren Patienten. Kaum betreten sie das Zimmer, schon sind sie wieder verschwunden. Im Krankenhaus war das auch nicht anders. Die könnten ja eine Frage stellen, die einer Erläuterung bedarf und Mitgefühl voraussetzt. Er oder der Pfarrer haben mich nicht darauf hingewiesen, das es die Möglichkeit der ambulanten Pflege gibt. Wo ich doch in meiner Situation, noch nicht einmal in der Lage war, mein Bett zu machen oder mir einen Tee zu kochen. Von der Katzenwäsche ganz zu schweigen! Und ich weiß, wovon ich spreche, meine Mutter war Ärztin und ich habe meinen krebskranken Mann viele Jahre gepflegt."

Frau G. kann ihre Enttäuschung und Wut nicht verbergen. "Da liest man, dass unsere deutsche medizinische und pflegerische Versorgung gut sein sollen und dass jeder die Hilfe bekommt, die er benötigt. Ja, an den grünen Tischen und in den politischen Gremien gibt es die, aber in der Realität?"

Sie macht eine nachdenkliche Pause und fährt fort: "Ich frage mich manchmal, was machen die Menschen, die nicht in der Lage sind, sich über ihre Krankheit zu informieren, zu lesen und ihre Rechte in Anspruch zu nehmen oder wie z.B. heute im Zug, den Schaffner um Hilfe zu bitten. Ich frage Sie, wer kümmert sich darum, wie man vom Krankenhaus nach Hause kommt oder in die Praxis. Wie es zuhause weitergeht, ob man einkaufen kann, die Wäsche waschen kann oder wer die Termine für einen vereinbart, weil der persönliche Zustand so miserabel ist? Wen kann man ansprechen? Wer hört einem zu? Wer informiert einen, wenn man nicht weiter weiß? Der Hausarzt sicherlich nicht, dann schon eher die Schwester vom ambulanten Pflegedienst, aber leider kommt sie nicht mehr. Die Gutachter von der Krankenkasse haben beschlossen, dass ich keine Ansprüche mehr aus der Pflegeversicherung abe. Wissen Sie, meine Pension ist bescheiden, auch wenn ich Beamtin war. Es reicht für die Putzfrau und mein Hobby, ich reise gern. Keine großartigen Reisen, aber ich liebe die Nord- und Ostsee und lese gern über fremde Kulturen und Länder."

Frau G. überlegt: "Ach ja, ich wollte von Schwester M. erzählen. Schwester M. hatte eine Zeitvorgabe und musste dann zum nächsten Patienten. Hin und wieder trank sie mit mir eine Tasse Tee, hörte mir zu und für sie war es in Ordnung, wenn es mir nicht so gut ging. Sie war sehr fürsorglich, obwohl es nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehörte, nahm sie meinen Müll mit hinaus und stellte die Mülltonne an den Straßenrand. Sie gab mir Tipps zur Ernährung oder zu Verhaltensweisen und beantwortete mir sehr verständlich Fragen zu meiner Krankheit. Sie rief für mich beim Arzt an, um ein Rezept für mich ausstellen zu lassen oder einen Termin zu vereinbaren." Ihre Gesichtszüge nehmen einen entspannten Ausdruck an und sie spricht über ihre Vergangenheit: "Wissen Sie, ich erinnere mich an meine Mutter und ihre Arbeit als Landärztin. Sie besuchte ihre Patienten zuhause, nahm Anteil, hörte zu oder organisierte mit Schwester E. Hilfe. Als Kind freute ich mich immer über die selbstgemachte Marmelade, die leckeren Äpfel oder die Erdbeeren aus den Gärten der Patienten, die sie als Dank bekam. Manchmal konnten Patienten die Behandlung nicht bezahlen, dann zahlten sie mit Naturalien. Ach ja, Schwester E., die gute alte Gemeindeschwester kam regelmäßig zu meiner Mutter. Sie sprachen dann über die Patienten. Manchmal holte sie meine Mutter noch am Abend. Schwester E. unterstützte meine Mutter, ich kann mich noch erinnern, wie sie mich impfte. Und wie ich sie nach der Sexualität fragte, weil ich mich nicht traute, meine Mutter anzusprechen. Damals wurden diese Themen noch nicht zwischen Mutter und Tochter besprochen. Alle kannten sie und konnten sie immer ansprechen, auch wir Kinder. Ich weiß, diese vergangenen Zeiten kommen nicht zurück, aber für die Patienten wären solche Persönlichkeiten sehr wichtig!"

Die kurzen Ausschnitte aus der Lebens- und Krankengeschichte von Frau G. veranschaulichen Defizite und Missstände des deutschen Gesundheitssystems. Besonders die Schnittstellenproblematik zwischen dem stationären, ambulanten und dem öffentlichen Sektor wird aus der Betroffenenperspektive geschildert. Die Erzählung illustriert einerseits das persönliche Leid, dass durch komplexe Faktoren determiniert wird. Zum Beispiel durch soziokulturelle Normen, fehlende sozialpsychologische und kommunikative Kompetenzen der Gesundheitsberufe, mangelnde

vernetzte Strukturen, unzureichende bedarfsorientierte Planung und Steuerung der Gesundheitsversorgung sowie durch neue berufliche Anforderungen und Rollen und ungleiche Zugangsmöglichkeiten. Andererseits beschreibt sie den notwendigen Reform- und Handlungsbedarf und gibt eine gesundheitspolitisch wichtige und einfache Lösung für das Problem der Diskontinuität und der fehlenden gemeindenahen Infrastrukturen vor. Die der guten alten Gemeindeschwester, die in Kooperation mit dem Hausarzt zum Wohle der Patienten/Klienten[1] zusammenarbeitet. Ohne, dass Frau G. die gesundheitspolitische Ausrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kennt, beschreibt sie die Bedeutung der primären Gesundheitsversorgung mit einem integrierten Familien- und Gemeindeansatz sowie das Family Health Nurse Modell.

Einen besonderen Raum in dem Strategiepapier "Gesundheit21", dem gesundheitspolitischen Rahmenprogramm der Europäischen Weltgesundheitsorganisation, nehmen Überlegungen ein, wie man die Gesundheit der Bevölkerung unter dem

Aspekt den zur Verfügung stehenden Ressourcen anhaltend verbessern kann. In diesem Zusammenhang werden die Schwerpunkte:

Priorität für die Gesundheitsförderung

Vernetzung der Gesundheitsdienste

Entwicklung der Humanressourcen, in quantitativer und qualitativer Hinsicht, mit effektivem Einsatz der einzelnen Gesundheitsfachberufe betont.

Im Aufgabenkreis der Pflege wird ein Konzept empfohlen, das der Berufsgruppe eine Schlüsselposition zuweist. Vor dem Hintergrund der Rationalisierungspotentiale können die potentiellen Kompetenzen der Pflegenden im Bereich der Gesundheitsförderung und der Vernetzung bzw. der integrierten Versorgung zweckentsprechender genutzt werden. Vorgeschlagen wird das Konzept der Family Health Nurse (FHN), eine Fachkraft der primären Gesundheitsversorgung (Public Health Schwester), das ein Dienstleistungsspektrum von der Pflege über Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention, Beratung und Koordination, Public-Health-Aufgaben und Gesundheitsbedarfsermittlung gewährleisten soll. Wenn es sich um die Planung der Betreuung handelt, kann die Einschätzung des Gesundheitsbedarfs auf der individuellen Ebene oder für die Familie vorgenommen werden. Der Bedarf kann auf der Ebene der Gemeinde eingeschätzt werden, wenn es sich um die Planung von Gesundheitsdiensten und Public-Health-Programmen handelt, welche die Gesundheit der Bevölkerung verbessern sollen.

Ziel dieser Diplomarbeit ist es, auf der Suche nach neuen Ansätzen für die Pflege, das WHO-Konzept der Family Health Nurse als eine mögliche Lösungsalternative für Versorgungsformen vorzustellen, die den zukünftigen gesellschaftlichen und gesundheitlichen Anforderungen entsprechen.

Abschließend einige Worte zum Aufbau der Arbeit. Auf diese Einleitung folgt die Literaturanalyse. Daran schließt sich im dritten Teil der Arbeit die Bedeutung der Weltgesundheitspolitik an. Aufgaben und Ziele der WHO einschließlich des globalen Handlungsprogramms sowie die Verbindung zu der europäischen Ausrichtung "Gesundheit21" werden erläutert, die für die Entwicklung der Primärversorgung und für das Family Health Nurse Konzept von Bedeutung sind. Ein historischer Rückblick über vorausgegangene gesundheitspolitische Aktivitäten und Meilensteine vermittelt einen

Überblick bis in die Gegenwart. Im vierten Abschnitt folgen Ausführungen zum Family Health Nurse Konzept der WHO, u.a. Aufgaben, Rolle, Ausbildungsprofil und Arbeitsfeld. Eine selbstentwickelte Vision im Jahre 2020 eines Beispielszenarios soll die in der Einleitung beschriebene Ist-Situation als zukunftsweisender Ausblick ergänzen. Die Spannungsfelder, Bedarf und Finanzierung sowie Chancen und Grenzen werden erörtert, in wie weit ein solches Modell für derzeitige und zukünftige Entwicklungen seine Berechtigung hat. Mögliche exemplarische Anknüpfungspunkte an Infrastrukturen im deutschen Gesundheitswesen und im deutschen Weiterbildungssystem werden skizziert. Darüber hinaus wird eine Umsetzungsstrategie entwickelt, die eine Realisierung im deutschen Pflegewesen ermöglicht. Last end but not least werden die Hauptgedanken dieser Arbeit in einem abschließenden Fazit noch einmal übersichtlich zusammengefasst.

2 Literaturanalyse

Dem Sachstandsbericht zur Literaturanalyse soll eine Definition vorangestellt werden und das systematische Vorgehen anhand der Grafik skizziert werden. Unter Literaturanalyse soll hier das systematische Sammeln von veröffentlichter und nicht veröffentlichter Literatur zu einem speziellen Thema, mit einer auf das Thema bezogener Merkmalsermittlung und Klassifizierung bestimmter Eigenschaften verstanden werden.

Abb. 1: Literaturanalyseprozess

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

Nach der Odyssee, auf der Suche nach der spezifischen und gruppierten (klassifizierten) Literatur in den verschiedensten nationalen und internationalen pflegerelevanten Fachdatenbanken (CINAHL, MEDLINE, CareLit, SOMED), Bibliotheken und Bibliotheksverbünden etc. sowie im World Wide Web anhand der Stichwörter bzw. Schlagwörter: Family Health Nurse, Familiengesundheitsschwester, Family Nursing (Family Health Nursing), Education Nursing – Trends, Public Health, Public Health und Pflege bzw. Public Health and Nursing, Primary Health Care Konzept, WHO – Weltgesundheitsorganisation, führte die Fülle beschreibender, aktueller und vergleichender Informationen zu einer Vielzahl von Ergebnissen. Einen Einblick in die recherchierte quantitative und qualitative Literatur vermittelt die Tabelle 1 exemplarisch an der Datenbank "CINAHL".

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Besonderheiten der qualitativen Analyse, bezogen auf die Ermittlung eines

Literaturprofils für das Diplomthema "Das WHO-Konzept der Family Health Nurse (FHN)" bestanden in einem konzeptionell neuen Handlungsfeld für die Pflegeberufe. Denn dieses Berufsprofil ist in Deutschland noch völlig unbekannt, entsprechende Veröffentlichungen, Ausbildungsstrukturen sowie wissenschaftliche Arbeiten existieren zu diesem speziellen Thema nur spärlich. In Pennsylvania an der University of Pennsylvania School of Nursing (Quelle: Emailkontakt mit Margaret Cotroneo und Mathew McHugh von der University of Pennsylvania) und in Edinburgh/Schottland an der Sterling University (Informationen von Susanne Kean, University of Edinburgh) wird dieses neue Berufskonzept in WHO-Pilotstudien bereits erprobt bzw. das Modellkonzept erarbeitet. Das WHO-Regionalbüro, Abteilung Pflege- und Hebammenwesen baut ein Netzwerk für Pilotstudien zum FHN-Konzept auf. Von daher gibt es, speziell zu diesem Konzept, noch keine evaluierten internationalen Berichte. Erfahrungswerte bzgl. Public Health Nurses z.B. "Health Visitors" in England oder "Child Health Care Nurses" in Schweden reichen weiter. Die gesichtete Literatur zum Konzept der Family Health Nurse wurde vorwiegend von der europäischen World Health Organization (WHO) veröffentlicht. Die Analyse zu den Kontextthemen: WHO, Primary Health Care, Family Nursing, Gesundheitsförderung und Public Health hingegen war ergiebiger. Jedoch war das Konzept von Primary Health Care (PHC) mit den Eigenheiten "antiker oder älter" und "medizindominiert" belegt. Das PHC-Konzept wurde 1978 mit der Alma-Ata Deklaration der Weltgesundheitsorganisation ins Leben gerufen. Seitdem wurden vor allem in den 80er Jahren unzählige Publikationen, z.B. grundlegende wissenschaftliche Arbeiten, Lehrbücher und Erfahrungsberichte der unterschiedlichsten Settings veröffentlicht. Family Nursing oder Family Health Nursing, die Familiengesundheitspflege (eine Übersetzung des englischen Begriffs) ist ein nordamerikanisches Konzept und meint ein Spezialgebiet der Pflege. Dieses pflegewissenschaftliche Gebiet erforscht und beschreibt die gemeindenahe und familienorientierte Pflege und die Beziehungen zwischen Familien, Gesundheit und Pflege. Diese pflegewissenschaftliche Disziplin ist in Deutschland ein sehr junges Gebiet. Vor diesem Hintergrund gibt es vorwiegend angloamerikanische Publikationen und nur wenig originär deutsche Literatur. Mittlerweile gibt es einige Netzwerke (z.B. Family Nursing Network/Edinburgh, Dr. Dorothy Whyte) und Zeitschriften (z.B. Journal of Family Nursing von Sage), die sich dem Thema "Family Nursing"widmen.

3 Das Family Health Nurse Konzept im Kontext der internationalen und europäischen Gesundheitspolitik der World Health Organization (WHO)

Seit der UN-Deklaration der Menschenrechte von 1948, in der das Recht auf Gesundheit und gesundheitliche Versorgung als ein Menschenrecht und Grundbedürfnis aller Menschen dieser Erde von vielen Staaten anerkannt wurde, gilt das Interesse der Weltgesundheitsorganisation der Entwicklung der Gesundheitssysteme, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen zu können. Die Wertprinzipien des weltgesundheitspolitischen Konzepts "Gesundheit für alle (GFA)" basieren auf den Erkenntnissen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa und den USA gewonnen wurden. Diese Erkenntnisse umfassen die Einflussfaktoren auf Gesundheit und Krankheit. Faktoren wie unzureichende soziale, ökonomische und politische Rahmenbedingungen, Armut, mangelnde Bildung und Information, Rechtlosigkeit, fehlende Befriedigung existentieller Grundbedürfnisse, determinieren Krankheit. Aber auch das soziale und ökonomische Gefälle innerhalb einer Gesellschaft, insbesondere das Fehlen von zugänglichen Gesundheitsdiensten, beeinflussen Krankheit und Armut (Hackenbruch, 1998, 56 f.). Das Menschenrecht auf Gesundheit ist unabdingbar für das globale friedliche Zusammenleben der Menschen in sozialer Gerechtigkeit.

Die WHO weist den Pflegenden[2] und Hebammen neben den Hausärzten eine zentrale Rolle in der Entwicklung der gemeindenahen Gesundheitsdienste und in der Umsetzung der Weltgesundheitspolitik zu. Die regelmäßige Evaluation mit kontinuierlichem Erfahrungsaustausch betreffend der Zielerreichung der internationalen sowie regionalen Gesundheitsprogramme bestätigen die Strategie, die Humanressourcen zu entwickeln. Mit ca. 6 Mio. Pflegenden[3], über 10 Mio. anderer Gesundheitsfachberufe und ca. 1,5 Mio. Ärzten in der Europäischen Region stellen die Humanressourcen einen überaus wichtigen Faktor dar (alle Angaben nach dem WHO-Rahmenkonzept: Gesundheit21 1999, 165). In den Mitgliedsstaaten lassen sich unterschiedliche Trends beobachten. So hat eine Reihe von Ländern trotz einem Überangebot an Medizinern ("Ärzteschwemme") immer noch Schwierigkeiten, Ärzte für die ländlichen Gebiete zu gewinnen. Die Ausbildung der Gesundheitsfachkräfte ist in einigen Mitgliedsstaaten aus dem Gleichgewicht geraten: einerseits fehlen bedarfsgerecht ausgebildete Hausärzte und Pflegfachkräfte der primären Gesundheitsversorgung, während andererseits nicht ausreichend qualifizierten Pflegefachkräfte und überspezialisierte Ärzte ausgebildet werden (a.a.O. 165 ff.). Die Qualifizierung ist immer noch auf ein krankheitsorientiertes und biomedizinisches Paradigma statt auf eine erweiterte Perspektive von Krankheit und Gesundheit ausgerichtet sowie auf eine Krankenhausversorgung mit akuter und hochspezialisierter Versorgung. Das Ausbildungssystem der Gesundheitsfachberufe ist als monodisziplinäres System aufgebaut, weshalb die Auszubildenden in den wenigsten Fällen eine gemeinsame praktische Ausbildung und theoretische Ausbildung, dort wo es Themenüberschneidungen gibt, erhalten. Teamarbeit, kommunikative sowie kooperierende und soziale Fähigkeiten werden so nur unzureichend erlernt (a.a.O. 161 - 170). Dies umfasst m.E. die Fähigkeit, vor allem zum Wohle des Klienten die eigene Perspektive für die Aufgaben und Belange der anderen Berufsgruppen zu öffnen und die gemeinsame Arbeit und Verantwortung im Kontext eines Gesamtsystems zu verstehen.

Die Pflegenden stellen die größte Gruppe der Gesundheitsfachkräfte in der Europäischen Region dar und erbringen den Hauptanteil der unmittelbaren Gesundheits- und Pflegeleistungen. Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung hängen daher wesentlich von der Qualität und Effizienz der Pflege ab. Gesundheit21, das Rahmenprogramm „Gesundheit für alle“ für die Europäische Region der WHO appelliert an die zuständigen Gesundheitsminister und Verantwortlichen, die Aus- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe, insbesondere die des Pflegepersonals, zu reformieren und die Kompetenzen zu erweitern (a.a.O. 168). Damit die Pflege sich aktiv am Prozess der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Qualität, gestützt auf dokumentierte Ergebnismessungen und eine evidenzbasierte Praxis, stärker beteiligen kann. Unterstützt werden die Appelle durch die Educational Strategy der WHO "Pflegende und Hebammen für Gesundheit: Eine WHO-Strategie für die Ausbildung von Pflegenden und Hebammen in Europa" und die Weiterbildungsstrategie "Die Family Health Nurse – ein neues Qualifikationsprofil", denn die Ausbildung und Situation der Pflegenden und Hebammen befinden sich in der Europäischen Region in den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien. Ausdrücklich fordert die Ausbildungsstrategie der WHO, die Regierungen auf, die Ausbildung der Pflegefachkräfte an den europäischen Standard anzupassen d.h., in das tertiäre Bildungssystem aufzunehmen (WHO 2000, EUR/00/5019309/15, 10 f.). Der Sachverständigenrat der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen konstatiert ebenfalls in seinem Jahresgutachten 2000/01 die deutsche Pflegeausbildung zu reformieren und ihre Integration in das tertiäre Bildungssystem zu prüfen (SVR: Gutachten 2000/01, 56 f.).

Trotz mehrerer Resolutionen der Weltgesundheitsversammlung und regionaler Strategien, fehlt die Stärkung des Berufsstatus des Pflege- und Hebammenwesens sowie der sinnvolle Einsatz dieser Berufsgruppen. Es fehlt an gemeindenah entwickelten Infrastrukturen in allen Settings der Gesundheitsversorgung. In vielen Ländern wird ihre Rolle durch einen niedrigen sozialen Status, fehlende Autonomie, restriktive Gesetzgebung und unzureichende Ausbildung eingeschränkt. Eine solche Einschränkung stellt eine Verschwendung von personellen und finanziellen Ressourcen dar (Cark 2000, 1, Buchan 2000, 1 - 4). Aus diesem Grund erhält das Ziel 15 i.V.m. Ziel 18 eine besondere Bedeutung im europäischen Gesundheitsprogramm "Gesundheit21", denn die notwendigen gemeindenahen Strukturen in allen Settings sollen durch die Familie Health Nurse und den Primärarzt entwickelt werden. Diese beiden Berufsgruppen werden aus einem multidisziplinären Team von Gesundheitsfachkräften hervorgehoben. Ihre Arbeit soll wesentlich dazu beitragen, die in den Grundsatzzielen angestrebten Ergebnisse in der Gesundheitsversorgung zu erreichen (a.a.O. 167 ff., WHO 2000, EUR/00/5019309/13, 1).

Ziel 15 definiert die Anforderungen an einen integrierten Gesundheitssektor, denn:

"Bis zum Jahr 2010 sollten die Menschen in der Region einen wesentlich

besseren Zugang zu einer familienorientierten und gemeindenahen primären Gesundheitsversorgung haben, unterstützt durch ein flexibles und reaktionsschnelles Krankenhaussystem" (a.a.O. 144).

Ziel 18 definiert die Kriterien für die Ausbildung bzw. Qualifizierung von Fachkräften für gesundheitliche Aufgaben, denn:

"Bis zum Jahr 2010 sollen die Mitgliedstaaten dafür Sorge tragen, dass sich Fachkräfte im Gesundheitswesen und in anderen Sektoren die zum Schutz und zur Förderung der Gesundheit erforderlichen Kenntnisse, Einstellungen und Kompetenzen aneignen" (a.a.O. 166).

Im Allgemeinen bedeutet das, ausreichende Humanressourcen für die Gesundheitsversorgung sicher zu stellen, um den zukünftigen Entwicklungen rechtzeitig zu begegnen und sich auf die ökologischen, ökonomischen und sozialen Anforderungen vorausschauend einzustellen. Im Speziellen bedeutet dies ein Umdenken in der Bedarfsplanung und inhaltlichen Gestaltung der Curricula für die Aus-, Weiter- und Fortbildung von Managern, Pflegenden, Ärzten und anderen Gesundheitsfachberufen. Dabei sind die Bildungsstrukturen interdisziplinär und sektorübergreifend auszurichten (a.a.O. 164 –178)[4]. Die notwendigen Qualifikationen und Kompetenzen sollen GFA-bezogen auf die Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention und die Primärversorgung mit gleichzeitiger ökologischer und ökonomischer Perspektive vermittelt werden. Die WHO konstatiert, GFA-orientiert ausgebildete Pflegefachkräfte, wie die Family Health Nurse und der Hausarzt für den primären Bereich bilden den "Angelpunkt des Leistungsnetzes" für derzeitige und zukünftige Entwicklungen zwischen der primären, spezialisierten und stationären Versorgung und dem öffentlichen Gesundheitssektor (a.a.O. 169). An dieser Stelle geht es um die Qualifikation dieser beiden Berufsgruppen, insbesondere um die erweiterte Rolle der Pflegefachkräfte, denn:

"Die Familiengesundheitsschwester kann dem einzelnen Menschen und ganzen Familien helfen, mit Krankheit und chronischer Behinderungen fertig zu werden und in Stresssituationen zurechtzukommen, indem sie einen großen Teil ihrer

Arbeitszeit im Zuhause der Patienten und mit deren Familie verbringt. Diese

Pflegefachkräfte können sinnvolle Ratschläge zu Fragen der Lebensweise und verhaltensbedingten Risikofaktoren erteilen und den Familien in gesundheitlichen Anliegen zur Seite stehen. Sie können die gesundheitlichen Probleme der Familie schon früh erkennen und damit gewährleisten, dass sie auch frühzeitig behandelt werden. Mit

Ihrem gesundheitswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Ausbildungshintergrund und ihrer Kenntnis anderer für Sozialfragen zuständiger Stellen können sie Auswirkungen sozioökonomischer Faktoren auf die Gesundheit einer Familie

erkennen und die Familie an die richtige zuständige Stelle überweisen. Durch häusliche Pflege können sie eine frühzeitige Entlassung aus dem Krankenhaus erleichtern, sie können als Verbindungsglied zwischen Familie und Hausarzt dienen und an die Stelle des Arztes treten, wenn eindeutig eher pflegerische Sachkenntnis gefordert wird."

Quelle: Gesundheit21: WHO 1999, Dokument EUR/RC48/10, S. 169 – 170.

In einer Zeit des tiefgreifenden demografischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Wandels in der Europäischen Region, insbesondere mit Blick auf das deutsche Gesundheitssystem sind neue Strategien erforderlich. Kliniken, Gesundheitsämter, niedergelassene Ärzte, Pflegedienste und Therapeuten agieren singulär, der

Kooperationsmangel verstärkt eine Segmentierung und ein kurativ statt präventiv ausgerichtetes System intensiviert m.E. die Problematik im deutschen Gesundheitssystem. In den letzten Jahrzehnten konzentrierten sich die Gesundheitsreformen eher auf Sachthemen wie, z.B. marktwirtschaftliche Ausrichtung und Kostendämpfung als auf die Förderung der Gesundheit. Vor dem Hintergrund der begrenzten finanziellen Mittel, der Neuordnung der Krankenhausfinanzierung mit Verweildauerverkürzungen, den gesundheitspolitischen Maximen "ambulant vor stationär" und "Beitragsstabilität der Lohnnebenkosten", fehlen unterstützende gemeindenahe Strukturen zur Entlastung des stationären Sektors. In den 50er bis 70er Jahren fand der sogenannte "Austrocknungsprozeß der Gemeindepflege" statt (Moers 1997, 104). Trotz eines Innovationsschubes für die Sozialstationen - in den 70er und 80er Jahren - wurden gleichzeitig die mehrdimensionalen Anforderungen (langfristige, gemeindenahe, psychosoziale Aspekte, etc.) der Gemeindepflege vernachlässigt. Seitdem fehlt es an geeigneter Koordination und Vernetzung der Gesundheitsleistungen (Moers 1997, 102 f., Rosenbrock 1998, 123 ff.). Hier setzt m.E. die gesundheitspolitisch wichtige Strategie der WHO an, indem sie u.a. die gemeindenahe und familienorientierte Versorgung mit dem FHN-Konzept als Lösungsalternative zusätzlich zu der sich verstärkenden Diskussion der Steuerungs- und Vernetzungsmodelle empfiehlt[5]. Darüber hinaus betonen nicht nur der demografische und epidemiologische Bedarfanstieg, sondern auch der qualitative Anforderungswandel (chronische und multimorbide Krankheitsgeschehen, Verlust der Alltagskompetenz u.s.w.) den Handlungsbedarf. Auch ist die Situation der Pflege und ihrer Wissenschaft geprägt von einer vielfältigen Diskussion über die Professionalität der Pflegefachkräfte und einer angemessenen Betreuung der Klienten sowie den praktischen Bemühungen um eine Verbesserung der Pflegequalität. Ein Rahmenkonzept wie das der Family Health Nurse kann m.E. sowohl die Qualitäts- und Professionalisierungsbemühungen der Pflege als auch eine flächendeckende Vernetzung einzelner Versorgungsleistungen (der stationären, teilstationären und ambulanten Gesundheitsversorgung) unterstützen.

3.1 Überblick über die Strukturen und Aufgaben der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation ist die größte internationale Fachorganisation für Gesundheit im Verbund der Vereinten Nationen (UN oder UNO), die sich in erster Linie mit internationalen Gesundheitsfragen und der öffentlichen Gesundheit befasst. 1946 wurde sie als Sonderorganisation der United Nation (UN) gegründet. Die WHO setzt sich mittlerweile aus 192 Mitgliedsländern zusammen. Ihre Statuten traten am 7. April 1948 in kraft, anlässlich dieses Datums wird jährlich am 7. April der Weltgesundheitstag unter ein spezielles Thema[6] gestellt. Sitz der WHO ist Genf. Hauptanliegen der WHO ist die Mission, allen Menschen der Erde einen höchstmöglichen Gesundheitszustand zu gewährleisten, der ihnen erlaubt, ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben zu führen. Nach dem Verständnis der WHO ist Gesundheit als Zustand eines umfassenden psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens zu verstehen und nicht nur durch Abwesenheit von Krankheit und Gebrechlichkeit definiert. Der Begriff der Gesundheit wurde 1948 von der WHO definiert und bewusst weiter gefasst, er schließt geistige und soziale Aspekte mit ein (a.a.O. 256, 258).

Die Aufgaben der Weltgesundheitsorganisation liegen in einer beratenden und technisch helfenden Funktion. Zu ihren Arbeitsgebieten gehören bspw. die Ausbildung medizinischen Personals und das Bemühen, den Wissens- und Erfahrungsaustausch durch Vertreter der Gesundheitsberufe und –wissenschaften zu optimieren. Weiterhin beziehen sich ihre Aktivitäten auf die Verbreitung von Wissen über Infektionskrankheiten und nichtübertragbare Krankheiten, die Gesundheitsvorsorge und Krankheitsprävention sowie eine Fülle von Fachprogrammen zu Ernährungs-, Bevölkerungs- und Hygieneproblemen. Außerdem betreibt die WHO Forschungseinrichtungen, Dokumentationszentren und Datensysteme und sie bemüht sich um die Ausrottung von Massenkrankheiten. Erfolge erzielte sie u.a. im Bereich der Seuchenbekämpfung, bei der Verringerung der Kindersterblichkeit, beim Ausbau von medizinischen Versorgungseinrichtungen und bei der Standardisierung von Arzneimittellisten (a.a.O. 1 – 8, Achenbach 2000, 20 f.) Die WHO strukturiert sich in 6 Regionalbüros: Südostasien, den östlichen Mittelmeerraum, Europa, Afrika, Amerika und den westlichen Pazifik. Jede Region hat eigene, auf die Gesundheitsbedürfnisse der Region abgestimmte, gesundheitspolitische Programme entwickelt (a.a.O. 1 - 8).

Die Bundesrepublik Deutschland[7], vertreten im Bereich des Gesundheitswesens durch das Bundesministerium für Gesundheit, ist seit 1951 Mitglied und eins der 51 Mitgliedstaaten der europäischen WHO. Zu den wichtigen Steuerungsgremien und Organen der WHO zählen der Beratende Ausschuss, der Exekutivrat, das Regionalkomitee Europa und die jährlich tagende Weltgesundheitsversammlung. Daneben sind ein halbjährlich zusammentretender Exekutivrat aus 31 von der Versammlung gewählten Mitgliedern und ein Sekretariat mit Generaldirektor Teil ihrer Struktur. Die WHO ernennt Kollaborationszentren (wissenschaftliche Einrichtungen mit international anerkannter Reputation) für wichtige Bereiche im Gesundheitswesen, die eine beratende und wissenschaftsintegrative Aufgabe wahrnehmen. Sie arbeitet bilateral mit staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen (NGO) sowie multilateral mit internationalen Organisationen im Bereich der Gesundheitsentwicklung zusammen[8]. Durch die Schaffung von Partnerschaften und Kooperationsnetzen möchte sie auf der internationalen Ebene, das Prinzip der multisektoralen Zusammenarbeit stärken und den Wissenstransfer leisten. Darüber hinaus sollen alle am reichhaltigen Erfahrungsschatz partizipieren (WHO 1998, EUR/RC48/REC/1, 2, a.a.O. 1-8, Achenbach 2000, 20 f.).

3.2 Die Europäische Region der WHO und das Rahmenkonzept Gesundheit21 der europäischen Gesundheitspolitik

Die Europäische Region der WHO vereint 51 Mitgliedsländer mit 870 Millionen Menschen - in einem Gebiet von Grönland im Norden, dem Mittelmeer im Süden bis zu den Küstengebieten der Russischen Förderation am Pazifik -.

Abb. 2: Europa

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Microsoft Weltatlas, 1988-1997 (CD-Rom Publikation)

Die Europäische Region ist eine Region starker Kontraste, in der die reichen Länder an die ärmsten Nationen angrenzen. Daher konzentriert sich die europäische Gesundheitspolitik sowohl auf die Probleme in den Industriestaaten als auch auf die Probleme in den neuen „Demokratien“. Das europäische Regionalkomitee mit Sitz in Kopenhagen stützt seine gesundheitspolitische Ausrichtung “Gesundheit21“ für das 21. Jahrhundert im Rahmen der globalen WHO-Gesundheitspolitik “Gesundheit für alle (GFA)“ auf drei Schwerpunkte. Die drei Bereiche umfassen die gesunde Lebensweise, eine gesunde Umwelt und bedarfsgerechte Dienste zur Prävention, Kuration, Rehabilitation und Gesundheitsversorgung (a.a.O. 1-8). Die WHO Europa verfolgt mit der Gesundheitsagenda die öffentliche und individuelle Gesundheitsförderung und -entwicklung der 870 Mio. Menschen in Europa. Sie versucht soziale Ungleichheiten d.h. schlechte Lebensbedingungen z.B. Armut - der größte Risikofaktor für die Gesundheit - zu mindern. Aber auch innerhalb einer Gesellschaft stellen einkommens- und ausbildungsbedingte Unterschiede in den reichsten Ländern der Region wichtige Einflussfaktoren auf die Gesundheit und die Lebensqualität dar (Siegrist 1998, 96 ff.). Gesundheit21 betont, dass Pflegende und Hebammen zu den wichtigsten Gesundheitsfachkräften zählen und den Angelpunkt der Gesundheitsdienste bilden, die für die Verwirklichung der Vorgaben und Ziele der Gesundheitsagenda erforderlich sind. Sie besitzen die Potentiale um die oben genannten Determinanten auf die Gesundheit zu verbessern (Warrier 2000, 2 ff, Crown u. Andrews 2000, 2-12).

Das in Gesundheit21 aufgestellte, 20 Jahre umfassende Programm für gesundheitliche Verbesserungen orientiert sich an den Wertprinzipien der 10 globalen Ziele und Prioritäten sowie an den Erfahrungen und Ergebnissen der letzten 15 Jahre. Das neue strategische Konzept trägt den sozialen Determinanten der Gesundheit Rechnung und akzentuiert die Bedeutung der sektorübergreifenden Zusammenarbeit. Dabei impliziert es die Prämisse, dass die Förderung der Gesundheit nicht mehr nur in die alleinige Verantwortung der Gesundheitspolitik fällt, sondern auch in die Zuständigkeiten aller staatlichen Ressorts. Gesundheit21 bildet den Handlungsrahmen, der von 51 Mitgliedsländern gebilligt wurde und verpflichtet diese, die zur Erfüllung der Zielvorgaben auf Länder- und Gemeindeebene erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen (WHO 1998, EUR/RC48/9, 1 ff., a.a.O. 1 ff., 139-178, 188 - 209). Einige wichtige Parameter der Gesundheitspolitik betreffen:

den Ausbau von Public Health Infrastrukturen (a.a.O. 175 -179)

die multisektorale Vernetzung von allen Gesellschaftsebenen (a.a.O. 142 ff.)[9]

die systematische Ermittlung des Gesundheitsbedarfs und bedarfsorientierter, statt nachfrageorientierter Gesundheitsversorgung (a.a.O. 117 f., 145 ff. u. 199 ff.,

Billingham 2000, 3 –14, Perälä 2000, 3, 8 ff.)

die Stärkung der gemeindenahen Primärversorgung mit einem integrierten stationären Gesundheitssektor. Den Kern der Primärversorgung soll ein Pflege- und Ärzteteam bilden. Dieses Team setzt sich aus einer gut ausgebildeten Pflegefachkraft und einem Primärarzt zusammen. Die Pflegfachkraft soll für die Betreuung, Beratung, Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention und Koordination von Dienstleistungen zuständige sein. Der Hausarzt und die Family Health Nurse verständigen sich gemeinsam mit den zuständigen kommunalen Behörden über die Gesundheitsprobleme in der Gemeinde. Sie planen entsprechende gesundheitsfördernde Aktionen für Individuen oder Gruppen, führen sie durch und evaluieren sie (WHO 1998 EUR/RC48/9,13 f.).

die Akzentuierung von bedarfsgerechter Forschung und einem verbesserten

Austausch von Forschungsdaten (a.a.O. 182 - 188)

Kooperationsnetze von den nationalen bis hin zur regionalen und internationalen Ebene auszubauen (a.a.O. 188 - 201)[10]

nicht zuletzt, das politische Engagement und die politische Verantwortung für eine transparente und zukunftsweisende Gesundheitspolitik etc. (a.a.O. 139 - 178, 188 - 192, 201 - 209).

Das Bundesministerium für Gesundheit, unter der Leitung der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, arbeitet in den grundsätzlich wichtigen Steuerungsgremien, z.B. im Beratenden Ausschuss, im Exekutivrat und im Regionalkomitee der europäischen WHO, mit. Einmal jährlich finden unter der Teilnahme aller Mitgliedsstaaten die Weltgesundheitsversammlungen im Mai statt. Im September treffen sich die Mitgliedsländer der WHO-Regionalkomitees, um die Aktivitäten und den Haushalt für die jeweilige Region zu verabschieden. Mit insgesamt 52 WHO-Kollaborationszentren partizipiert Deutschland an einem weltweiten Forschungsverbund. Der Deutsche Berufsverband der Krankenpflege (DBfK) ist im Bereich der Pflege eines der WHO – Kollaborationszentren für Deutschland (Achenbach 2000, 20 ff.).

3.3 Basiselemente der europäischen Gesundheitspolitik

Die in Gesundheit21 aufgezeigte Politik bietet m.E. den Verantwortlichen sowie Akteuren auf den verschiedensten Ebenen eines Gesellschaftssystems ein facettenreiches strategisches Modell zur nachhaltigen Förderung der Gesundheit aller Menschen. Die Bedeutung der Gesundheitsagenda liegt darin, eine breite Palette von Partnern unter einer Reihe von Rahmenbedingungen des täglichen Lebens sowie auf verschieden

Managementebenen – bundesweit bis hin zur Kommune[11] - für die Sache der Gesundheit zu sensibilisieren und zu gewinnen. Der Einsatz für mehr gesundheitliche Chancengleichheit sowie der Focus auf die nötigen Maßnahmen erfordern langwierige entschlossene Bemühungen seitens vieler Partner.

Solange es keine schriftlich fixierten, länderspezifischen Gesundheitsziele und Grundsatzpapiere gibt, die meines Erachtens, aufgegriffen, gelesen, erörtert und auch kontrovers diskutiert werden können, werden die zahlreichen Partner, die einbezogen werden müssen, nicht genau verstehen, weshalb sie für die Gesundheit zusammenarbeiten sollen oder was ihr spezieller Beitrag umfassen könnte.

Ziele wirken wie Orientierungspunkte auf einer Landkarte, die allen Partnern ein klares Verständnis von der Dimension der Politik, von dem Sinn für bestimmte Aktionen und der Rollen der Beteiligten vermitteln (a.a.O. 203 ff.). Deshalb ist es wichtig die Ziele zu kennen und nicht wie in der nachstehenden Analogie, ziellos darauf los zu reiten:

"Ein Reiter jagte mit seinem Pferd über Reisfelder. Er trieb es immer wieder zu hoher Geschwindigkeit an. Ein Bauer, der dies sah, rief dem Reiter zu: "Wohin reitet ihr?"

Dieser antwortete: "Fragt nicht mich, fragt mein Pferd!"

Anne Schreyer-Schubert

Quelle: BMFSFJ (Hrsg.): Leitfaden für Qualitätsbeauftragte, 83.

Die Entwicklungen in der deutschen Gesellschaft bzgl. der Wertepluralität,

Individualisierung und des beschleunigten Veränderungstempos, Zunahme der Lebenserwartungen, Abnahme der Geburtenraten, Veränderung des Krankheitspanoramas, Liberalisierung des Gesundheitsmarktes u.s.w. führen meines Ermessens zur Orientierungslosigkeit und Verunsicherung. Um so wichtiger wird es für die "Reiter" das Ziel zu kennen. Die 21 Gesundheitsziele bieten die erforderliche Orientierung, um das Menschenrecht auf Gesundheit zu verwirklichen.

[...]


[1] Der favorisierte Identifikationsbegriff "Patient", wird abgeleitet von lat. pati: (er)dulden, leiden. Der Begriff verdeutlicht das hierarchische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Behandelten und Behandelnden, aber auch die gesellschaftliche Werthaltung, welche die Rolle der Betroffenen prägt. Der Begriff "Klient" leitet sich ab von lat. clinare, cliens, der Auftraggebende. Er eignet sich m. E. für ein modernes und verändertes Patientenverständnis eher, denn er beschreibt einen Pflegeempfänger, der selbstbestimmt und aktiv an seinem Gesundungsprozess mitarbeitet. In den folgenden Ausführungen wird deshalb die Bezeichnung "Klient" verwendet.

[2] In den folgenden Ausführungen wird der Begriff der Krankenpflege durch Pflege und der Begriff Krankenschwester durch Pflegefachkraft ersetzt, denn für die verschiedenen Ausprägungen von beruflicher Pflege (Kranken-, Kinderkranken-, Alten-, Familienpflege, Geburtshilfe etc.), als eine gesellschaftlich wertvolle und gewünschte Aufgabe wird in der Fachdiskussion zunehmend der Begriff Pflegefachkraft benutzt. Pflege ersetzt den Begriff der Krankenpflege, dessen krankheitsorientiertes- und biomedizinisches Paradigma durch ein gesundheitsorientiertes sowie ein weitgefassteres Pflegeverständnis abgelöst wird (Schaeffer et al 1994, 159 ff.).

[3] Da Krankenpflegefachkräfte in Deutschland rechtlich nicht als eigenständige Profession gelten, besteht für sie keine Registrierungspflicht, entsprechend gibt es in Deutschland keine konkreten Daten. Die durchschnittliche Zahl der Pflegekräfte befindet sich nach Schätzungen im

Durchschnitt der Europäischen WHO Region (Europäisches Observatorium für Gesundheitssysteme 2000, 81, BMG: Daten des Gesundheitswesens 1999, 237).

[4] Ein Beispiel für eine interprofessionelle Weiterbildung: Die Fachhochschule Hannover bietet ab August 2001 weiterbildende Studien für Beschäftigte im Gesundheitswesen an. Das Studienmodell "Management im Gesundheitswesen" ist berufsübergreifend orientiert und vermittelt Managementkompetenzen für Pflegeberufe und Ärzte (Pflege Aktuell: Kurznachrichten, 2000, 697).

[5] Steuerungs- und Vernetzungsmodelle, die im deutschen Gesundheitssystem immer mehr diskutiert werden sind z.B.: Case Management, Disease Management, Pathway Management, Überleitungspflege. Gemeinsam ist all diesen Konzepten, dass sie aus unterschiedlicher Perspektive und mit unterschiedlichen Schwerpunkten eine effektive und zugleich effiziente Versorgung gewährleisten wollen.

[6] Thema des Weltgesundheitstags 2001 ist die psychische Gesundheit. Die WHO erwartet, dass im 21. Jahrhundert Depressionen zu den 3 häufigsten nichtübertragbaren Krankheiten in den entwickelten Ländern gehören (http:www.who.int/world-health-day/index.en.html 18.03.2001).

[7] Mit einem Pflichtbeitrag von rd. 40 Mio. Dollar (rd. 80 Mio. DM) ist Deutschland derzeit der drittgrößte Beitragszahler der WHO (http://www.bmgesundheit.de/presse/2000/2000/14.htm 22.05.2000).

[8] Die WHO kooperiert u.a. mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, der Weltbank und dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, der Europäischen Union, der Organisation für Zusammenarbeit und Sicherheit in Europa, dem Europarat und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (a.a.O. 5 f., 197 ff.)

[9] Der Sachverständigenrat der konzertierten Aktion im GW (SVR) konstatiert in seinem Gutachten 2000/01 die Wichtigkeit von regionalen und überregionalen, institutionen- und hierarchienüber-greifender Koalitionen für die Gesundheit im deutschen Gesellschaftssystem (SVR: Gutachten 2000/01, 23 ff.).

[10] Beispiele: "Region für Gesundheit", "Gesunde Städte", "Gesundheitsfördernde Schulen", "Gesundheitsförderung im Krankenhaus" oder Verbundprojekte bezogen auf Infektionsprogramme u.s.w..

[11] Nordrhein-Westfalen verabschiedete 1994 als erstes Bundesland 10 Gesundheitsziele, die einigen der GFA-Zielen der WHO folgen, aber spezifischer die Verantwortlichkeiten der beteiligten Institutionen und Gruppen erläutern. Andere Bundesländer haben seit 1997/1998 begonnen,

eigene Gesundheitsziele zu entwickeln (Europäisches Observatorium für Gesundheitssysteme 2000, 121f; http://www.nrw.de/aktuell/presse/pm99/798_991029.htm). Die Bundesregierung bzw. das BMG begann im Jahre 2000 mit der bundesweiten Diskussion sowie dem bundesweiten

Definitions- und Gestaltungsprozess von Gesundheitszielen

(http://www.bmgesundheit.de/presse/2001/2001/38.htm).

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Family Health Nurse. Ein neues Berufsbild in der professionellen Pflege und gemeindeorientierten Gesundheitsversorgung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (FB 12)
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
97
Katalognummer
V19306
ISBN (eBook)
9783638234597
ISBN (Buch)
9783638781695
Dateigröße
1188 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Family, Health, Nurse, Berufsbild, Pflege, Gesundheitsversorgung
Arbeit zitieren
Gabriele Achenbach (Autor), 2001, Family Health Nurse. Ein neues Berufsbild in der professionellen Pflege und gemeindeorientierten Gesundheitsversorgung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19306

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