Jenseits von Gut und Böse? Doktor Faustus als Nietzscheroman

Der Einfluss von Friedrich Nietzsche in diesem Roman


Hausarbeit, 2003

15 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Thomas Manns Bezug zu Friedrich Nietzsche

2. Die Verknüpfung der Biographie Nietzsches im Doktor Faustus
2.1. Adrian Leverkühn und Friedrich Nietzsche
2.2. Die Krankheit
2.3. Serenus Zeitblom und Friedrich Nietzsche

3. Nietzsches Philosophie im Roman
3.1. Die Vorraussetzungen künstlerischer Inspiration
3.2. Nietzsches Übermensch in der Musik

4. DoktorFaustus als Nietzsche-Roman?

5. Literaturverzeichnis

1. Thomas Manns Bezug zu Friedrich Nietzsche

ln Thomas Manns schriftstellerischen Schaffen wurde er maßgeblich von dem Philosophen Friedrich Nietzsche, dem Künstler Richard Wagner und dem Philosophen Arthur Schopenhauer beeinflusst. Diese drei Persönlichkeiten machten zusammen das »Dreigestirn« von Thomas Manns geistigen Himmels aus1. Friedrich Nietzsche übte dabei den größten Einfluss auf Thomas Manns Spätwerk Doktor Faustus aus. Dies betonte Thomas Mann selbst in einem Brief ein Jahr nach Erscheinen des Doktor Faustus: „Man hat den Faustus einen Nietzsche-Roman genannt, und wirklich enthält das Buch, das den Namen Nietzsches aus guten Gründen vermeidet, viele Anspielungen auf dessen geistige Tragödie, ja direkte Zitate aus seiner Krankheitsgeschichte. Man hat auch gesagt, ich hätte mich in dem Werk zweigeteilt und der Erzähler sowohl wie der Held hätten etwas von mir. Auch daran ist etwas Wahres - obgleich ich nicht an Paralyse leide2.“ Interessanter an diesem Zusammenhang ist eine Beleuchtung des Verhältnisses Thomas Mann zu Nietzsche in der Frage der Ambivalenz. Einerseits die mitunter radikale Ablehnung einiger Gedanken Nietzsches und anderseits die teils bewundernde, teils bemitleidende Verehrung seiner Person und seines leidvollen Daseins. An dieser Ambivalenz mag es gelegen haben, dass Thomas Mann so von diesem Doppelleben Nietzsches fasziniert war. Welche Gedanken ihn letztlich zu einer immerwährenden, ausgiebigen Nietzsche-Lektüre - dies wird durch die Tagebücher bestätigt - veranlassten, bleibt spekulativ3. An Nietzsches Werk schätzte Thomas Mann die psychologisch­kulturkritischen Schriften, die Tragik des Krankseins, wie sie sich in den „von entgleitender Vernunft zeugende[n] Ausschreitungen des Selbstbewusstseins4 “ im Ecce Homo zeigt, und seine Kunsttheorie. Über diese schreibt Thomas Mann schon in Betrachtungen eines Unpolitischen, die bereits im Titel auf ein Nietzschezitat zurückgehen5, „daß all [seine] Begriffe von Kunst und Künstlertum auf immer davon bestimmt, oder [...] beeinflußt wurden - und zwar in einem nichts weniger als herzlich­gläubigen, vielmehr in einem nur allzu skeptisch-verschlagenen Sinn6.“ Dies zeigt deutlich die stets reflektierende Aufnahme der Vorstellungen Nietzsches. Die Kritikpunkte Thomas Manns werden in ihrer gerade für den Doktor Faustus gültigsten Form in dem 1947 gehaltenen Vortrag Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung deutlich, der sowohl Abrechnung mit ihm als auch Bekenntnis zu dem großen Philosophen ist. Auf zwei wesentliche Irrtümer kommt Thomas Mann in seinem Vortrag zu sprechen: Zum einen die „Verkennung des Machtverhältnisses zwischen Instinkt und Intellekt auf Erden7 “. Er wirft Nietzsche vor, er wolle das Leben unbedingt vor einem scheinbaren Übergewicht des Geistes retten. Thomas Mann sieht dagegen, durch die Erfahrung des Nationalsozialismus geläutert, das triebhafte Prinzip als unausrottbar in der Menschheit und herrschend über das Geistig-Moralische, das es zu bewahren gelte. Als den anderen Fehler nennt er die Vorstellung von Leben und Moral als Gegensätze, die nach Mann eine Einheit darstellen: „Ethik ist Lebensstütze und der moralische Mensch ein rechter Lebensbürger8.“ Er erweitert damit die Vorstellung vom rein biologischen Dasein und erklärt die poetische Dimension nicht nur für einen unbestreitbaren, sondern auch erwünschenswerten Bestandteil des Menschen. Für Thomas Mann besteht der wahre Antagonismus zwischen Ästhetik und Moral und dadurch folglich zwischen Schönheit und Leben. Durch diese Ansicht verurteilt er die Überhöhung des Vitalen in Nietzsches Spätwerken. Die Kritik des Werkes greift jedoch nicht auf Nietzsches Person über; diese wird hochgeachtet, geradezu verherrlicht. Er dient Thomas Mann oft als ein ihn immer begleitenden Maßstab der Dinge, ein Prüfstand der Wahrheit, er nennt ihn einen „Heilige[n] des Immoralismus9 “. Dabei geht die Faszination von dem Denker aus, der sich in geistige Höhen begibt, denen er nicht mehr gewachsen ist, der bereit ist, sich durch immer neue Ernüchterungen, aber auch grausamen Schein Leid zuzufügen. Nietzsche wurde durch die andauernden physischen und psychischen Schmerzen zu seinem genialen Schaffen gerade erst befähigt, aber ebenso weiter in den Untergang geführt. Daher ist für Thomas Mann sein unglückliches Schicksal Vorbild für den Doktor Faustus und beispielhaft für die Tragik des Menschseins überhaupt.

2. Dìe Verknüpfung der Biographie Nietzsches im Doktor Faustus

Viele Parallelen zu der Biographie Nietzsches finden wir im Roman Doktor Faustus, vornehmlich in der Person Adrian Leverkühn versammelt. Biographische Lebenseckpunkte und Erlebnisse, wie auch Nietzsches Krankheit bilden Motive und Stoffe in Thomas Manns Doktor Faustus.

2.1. Adrian Leverkühn und Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche Geburt wird auf den I5.0ktober 1844 datiert, er stirbt am 25. August 1900. Adrians Geburt fällt in das Frühjahr 1885, sein Tod auf den 25. August 194010. Ihre Lebensalter sind identisch und ihr Lebensende finden beide am 25. August. Das Bordellabenteuer11 im Doktor Faustus gleicht dem des jungen Nietzsche. Beide erfahren diese Begegnung in ihrer studentischen Existenz um ihr zwanzigstes Lebensjahr. Im Februar 1865 infiziert sich Nietzsche an einer luetischen Infektion, bei Adrian stellt sich das gleiche Phänomen im Mai 1906 ein. Diese Erkrankung ist der Anfang der Entwicklung, die später im paralytischen Zusammenbruch endet. Der Ausbruch der paralytischen Krankheit beginnt bei Nietzsche gut elf Jahre vor seinem Tod. Bei Adrian zeigt sich, dass die Wirkung der Infektion schon Mitte des Jahres 1929 bei der Arbeit des Werkes „Dr. Fausti Weheklag“ einsetzt12. Neben den reinen Fakten der Biographien beider werden Adrian Leverkühn typische Eigenheiten Nietzsches zugeschrieben. Diese Konstruktion Thomas Mann beginnt schon in der Schulzeit Adrians. Wie für Nietzsche stellt auch für Adrian die Schule kein großes Hindernis dar, er durchläuft sie mit guten Leistungen. Beide schreiben sich nach ihrem erfolgreichen Schulabschluss für das Studium der Theologie ein. Auch die Parallele ihr beider begangener Studienwechsel zeigt die Verknüpfung. Nietzsche wechselt zum Studium der Philologie, während Adrian das Studium der Musik ergreift. Adrians zurückgezogenes, fast misanthropisches Leben findet seine Entsprechung bei Nietzsche.

In Nietzsches Jahren als älterer Herr entsprach seine Einsamkeit nahezu einem Eremitendasein. Auffällig an der Person Adrian ist die Montagetechnik Thomas Manns, dieAdrian Zitate von Friedrich Nietzsche in den Mund legt. Ein Beispiel sei hierfür aus dem Brief, den Adrian aus Leipzig an Serenus Zeitblom schreibt, aufgeführt. Gegenstand dieses Briefes ist der erzählte Bordellbesuch Adrians in Leipzig: „Darauf sitzen dir Nymphen und Töchter der Wüste, sechs oder sieben, wie soll ich sagen, Morphos, Glasflügler, Esmaralden, wenig gekleidet, in Tüll, Gaze und Glitterwerk [...] Ich stand und verbarg meine Affekten, sehe mir gegenüber ein offen Klavier, einen Freund, geh über den Teppich drauf los und schlage im Stehen zwei, drei Akkorde an13.“ Hingegen das Original, dass von der Erinnerung Nietzsches spricht: „Ich sah mich [...] plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze, welche mich erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinktmässig auf ein Klavier als auf das einzig seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an14.“

2.2. Die Krankheit

Das Motiv der Krankheit, durch die erst die geniale Kunst entstehen kann, wird schon in Thomas Manns Drei-Zeilen-Plan von 1901 ersichtlich: „Figur des syphilitischen Künstlers: als Dr. Faust und dem Teufel Verschriebener. Das Gift wirkt als Rausch, Stimulans, Inspiration;er darf in entzückter Begeisterung geniale, wunderbare Werke schaffen, der Teufel führt ihm die Hand. Schließlich aber holt ihn der Teufel: Paralyse15.“ Das reale Vorbild dieser Art von Krankheit, künstlerische Genialität, gepaart mit syphilitischer Ansteckung, bildet hier wieder Friedrich Nietzsche. Sofern man von einem wirklichen Modell für die Figur des Adrian sprechen will, so ist es Nietzsche. Das Zusammenspiel von Nietzsches Krankheit und der daraus resultierenden künstlerischen Inspiration wurden von Thomas Mann in der Person Adrians nachgestellt. Wie beim Vorgang der Montage von Nietzsches Zitaten, bleibt auch der Leidensweg Adrians eng mit dem wirklichen Leiden des schweren physischen Zustand Nietzsches verbunden.

[...]


1 Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, XII, S. 72, S. 79.

2 Thomas Mann, Der Eigentliche, S. 78.

3 Ulrike Hermanns, Thomas Manns Roman „DoktorFaustus “ im Lichte von Quellen und Kontexten, S. 249.

4 Thomas Mann, Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, S. 14.

5 Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, XII, S. 143: »[...] Nietzsche, der sich >den letzten unpolitischen Deutschem nannte [...]«.

6 Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, S. 448.

7 Thomas Mann, Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, S. 31.

8 Thomas Mann, Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, S. 32.

9 Thomas Mann, Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, S. 27.

10 Ulrike Hermanns, Thomas Manns Roman „DoktorFaustus " im Lichte von Quellen und Kontexten, S. 252.

11 Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 191 ff.

12 Ulrike Hermanns, Thomas Manns Roman „DoktorFaustus " im Lichte von Quellen und Kontexten, S. 252.

13 Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 191.

14 Paul Deussen, Erinnerungen an Friedrich Nietzsche, S. 97.

15 Siehe Paul Scherrer, der die Aufzeichnung auf das Jahr 1905 datiert ( Thomas Mann und die Wirklichkeit, Lübeckische Blätter, S. 85.).

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Details

Titel
Jenseits von Gut und Böse? Doktor Faustus als Nietzscheroman
Untertitel
Der Einfluss von Friedrich Nietzsche in diesem Roman
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Seminar "Doktor Faustus"
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V193104
ISBN (eBook)
9783656188827
ISBN (Buch)
9783656189572
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doktor Faustus, Thomas Mann, Friedrich Nietzsche, Philosophie, Roman
Arbeit zitieren
Dirk Simon (Autor), 2003, Jenseits von Gut und Böse? Doktor Faustus als Nietzscheroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193104

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