Mowgli und Orientalismus? Wahrnehmung und Deutung indischer Wolfskinder in der britischen Publizistik


Bachelorarbeit, 2009

53 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG: MOWGLI UND ORIENTALISMUS
1.1 EINFÜHRUNG IN DIE AUFGABENSTELLUNG DER BAKKALAUREATS-ARBEIT
1.2 SAID, BHABHA UND CO.: DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN DER BAKKALAUREATS-ARBEIT

2. THE INDIANS ARE „IN EVERY WAY DIFFERENT.“ DAS BRITISCHE INDIENBILD VON DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19. BIS ANFANG DES 20. JAHRHUNDERTS

3. “INDIA’S WOLF-CHILDREN FOUND IN CAVES.” INDISCHE WOLFSKINDER IN DER BRITISCHEN BERICHTERSTATTUNG VON 1850 BIS 1930
3.1 EINE KURZE EINFÜHRUNG IN DIE BEKANNT GEWORDENEN FÄLLE VON INDISCHEN WOLFSKINDERN
3.2 ART UND WEISE DER THEMATISIERUNG DER FERAL CHILDREN IN DER SACHLICHEN BERICHTERSTATTUNG

4. EIN „MOWGLI, [], DER AUF EINEN KIPLING WARTET[?]“ INDISCHE WOLFSKINDER IN DER BRITISCHEN BELLETRISTIK ENDE DES 19./ANFANG DES 20. JAHRHUNDERTS
4.1 DIE WOLFSJUNGEN DES RUDYARD KIPLING: INDISCHE FERAL CHILDREN IN DEN MOWGLI-GESCHICHTEN DER JUNGLE BOOKS (1894/5) UND IN DER KURZGESCHICHTE IN THE RUKH (1893)
4.2 VASHTI ODER DAS BIEST: DER INDISCHE PANTHERJUNGE IN SEXTON BLAKE’S ADVENTURES IN INDIA (1905) VON WILLIAM MURRAY GRAYDON
4.3 JUNGLE BOOK, RELOADED? JUNGLE-BORN (1925) VON JOHN SEYMOUR EYTON

5. DIE ‚WILDEN‘ UND DIE ‚ZIVILISIERTEN‘. ABSCHLIEßENDE BEWERTUNG DES BRITISCHEN WOLFSKIND- DISKURSES IM 19./20. JAHRHUNDERT
5.1 DIE SPEZIFISCHEN CHARAKTERISTIKA DES DISKURSES: ERGEBNISSE DES VERGLEICHS ZWISCHEN SACHLICHER BERICHTERSTATTUNG UND BELLETRISTIK
5.2 DIE VERGESSENEN FERAL CHILDREN INDIENS - EIN AUSBLICK

6. BIBLIOGRAFIE
6.1 QUELLEN
7.2 SEKUNDÄRLITERATUR

7. ANHANG

Der Anhang wurde aus urheberrechtlichen Gr ü nden f ü r die Ver ö ffentlichung entfernt.

1. Einleitung: Mowgli und Orientalismus

1.1 Einführung in die Aufgabenstellung der Bakkalaureats-Arbeit

„Da wir bisher keinen Flek der Erde entdeckt haben, wo noch völlige Naturmenschen anzutreffen wären, […] [d]a keine Überlieferung oder Sage der Vorwelt, uns eine Beschreibung davon macht, so müssen wir das Nöthige, zu einem richtigen Originale dazu, von den vorher angeführten Verwilderten […] hernemen.“1

Derart äußert sich der Kulturhistoriker Gebhard Wendeborn in seinen 1807 publizierten Vorlesungen über die Geschichte des Menschen zu den sogenannten Wolfskindern - das heißt Kindern, die aus unterschiedlichsten Gründen ohne bzw. mit minimalem menschlichen Kontakt aufgewachsen sind und von Tieren aufgezogen wurden oder auf sich allein gestellt überlebt haben.2 Die pragmatische Art und Weise, mit welcher der Wissenschaftler die Existenz dieser wilden Menschen als glücklichen Zufall beschreibt, da diese ihm als Beweis für seine Theorie über Naturvölker in der Frühgeschichte der Menschheit dienen können, ist indes kein Einzelfall.3 Gerade im Zuge der Aufklärung geraten die Wolfskinder verstärkt in den Fokus von Philosophen und Pädagogen - oft mit dem Fernziel, die Frage nach der Beschaffenheit des menschlichen Naturzustandes zu klären bzw. die rudimentären Eigenschaften des Homo sapiens jenseits des Einflusses der menschlichen Zivilisation auszumachen.4 Während die wilden Kinder vor dem 18. Jahrhundert noch als Monstren oder Wesen zwischen Mensch und Tier aufgefasst worden sind, werden sie nun zum Beweis für Ideologien einzelner Gelehrter, die sich bezüglich ihrer Positionen vereinfacht ausgedrückt in zwei Lager aufspalten lassen:5 Zum einen betrachtet man die Wolfskinder in ihrer Tierähnlichkeit als Beleg für die These, dass menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten alleine der Erziehung und der Sozialisation in menschlicher Gesellschaft zu verdanken seien - eine Auffassung, die unter anderem von dem französischen Aufklärer Etienne Bonnot de Condillac in seinem 1746 veröffentlichten Essai sur l’origine de connaissances humaines vertreten wird, der für seine Beweisführung den Fall eines litauischen Bärenjungen, den man 1694 aufgefunden hat, zitiert.6 Zum anderen werden die wilden Kinder allerdings auch umgekehrt als Missbildungen oder Menschen mit angeborenem Schwachsinn aufgefasst, welche daher zu keinen eindeutigen Aussagen über das Fehlen oder Vorhandensein von einer angeborenen menschlichen Natur führen könnten. Diese Meinung wird meist von Gelehrten geäußert, die ohnehin von dem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier fest überzeugt sind - wie etwa von dem Göttinger Professor und Arzt Johann Friedrich Blumenbach, der 1811 in seiner Sammlung Beyträge zur Naturgeschichte den 1724 bei Hameln aufgefundenen ‚Wilden Peter’ mit den Worten „nichts weiter, als ein stummer, blödsinniger Tropf“ bezeichnet.7 Was bei einer Betrachtung dieser vollkommen gegensätzlichen Meinungen zu den Wolfskindern - die so oder ähnlich auch noch im 20. Jahrhundert auftauchen - insbesondere deutlich werden dürfte, ist, dass die Interpretation der wilden Kinder stark abhängig bleibt von dem Bezugssystem und der Weltanschauung des jeweiligen Wissenschaftlers. Somit bilden Wolfskinder nicht nur für die Erziehungswissenschaft, die Anthropologie oder die Psychologie ein interessantes Forschungsobjekt. Vielmehr wird den verschiedenen Diskursen, die sich rund um die einzelnen Fälle entwickeln, auch innerhalb der Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten zu Recht verstärkt Beachtung geschenkt. Selbst wenn die Wolfskind-Forschung in dieser Hinsicht längst kein Randgebiet mehr darstellt, sondern die historiografische Fachliteratur - mit den Worten des Historikers Hansjörg Bruland - eher „kaum mehr zu überblicken“ ist,8 fällt dennoch nicht nur auf, dass sich entsprechende Einzelstudien auf bestimmte Fälle wie Jean Itards Victor von Aveyron oder Kaspar Hauser beschränken.9 Vielmehr liegt der Fokus insgesamt - selbst in den entsprechenden Kompendien - eindeutig auf den Diskussionen um jene wilden Kinder in der Frühen Neuzeit, die im europäischen Raum aufgefunden worden sind. Sträflich vernachlässigt wird dabei jedoch die Tatsache, dass die Thematik der europäischen Wolfskinder in der Publizistik seit dem 19. Jahrhundert zwar stark an Bedeutung verliert, das europäische Interesse an außereuropäischen wilden Kindern jedoch gleichzeitig eindeutig im Wachstum begriffen ist.10 Diesem Forschungsdesiderat möchte diese Bakkalaureats-Arbeit wenigstens stellenweise Abhilfe verschaffen. Angeregt durch das Kapitel Passage nach Indien in dem einschlägigen Überblickswerk von Blumenthal, das eindrücklich die Vielzahl der im 19. und 20. Jahrhundert bekannt gewordenen Fälle von indischen Wolfskindern deutlich macht, wird die Wahrnehmung und Darstellung dieser auf den folgenden Seiten genauer untersucht werden.11 Um das Thema einzugrenzen, soll dabei lediglich die Thematisierung und Deutung der indischen Wolfskinder in der britischen Publizistik aus der zweiten Hälfte des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts im Zentrum stehen. Diese Fokussierung ist aus zwei Gründen besonders sinnvoll und vielversprechend: Zum einen erscheint der geografische Schwerpunkt auf Großbritannien plausibel, da indische feral children von den 1850er Jahren bis in die 1920er tatsächlich überwiegend in britischen Medien - Zeitungen, Magazinen, Reiseberichten und der Belletristik - auftauchen und in der Publizistik anderer Ländern kaum erwähnt werden.12 Zum anderen ist die Konzentration auf Sichtweise und Deutungsstrategien der Kolonialherren - ein großer Teil Indiens befindet sich bekanntermaßen seit 1859 nicht mehr in der Hand der Britischen Ostindiengesellschaft, sondern im Besitz der britischen Krone - allein deshalb interessant, weil sich hierbei die Gelegenheit bietet, die Thematisierung der Wolfskinder im Licht der postkolonialen Studien zu untersuchen und diese zwei Forschungszweige zweckmäßig miteinander zu verknüpfen.13

Der für die Bakkalaureats-Arbeit insgesamt und die Orientalismusdebatte im Besonderen grundlegende Begriff ‚Kolonialismus‘ wird dabei in dieser Untersuchung als Terminus zur Bezeichnung der Situation in den Kolonien bzw. Name zur Beschreibung des Aktes der Verpflanzung von Siedlungen in ein entlegenes Territorium verwendet werden; während der Begriff ‚Imperialismus‘ die politischen aber auch kulturellen und sozialen Praktiken, Verhaltensstile und Theorien eines großstädtischen Zentrums bezeichnen soll, mittels welcher der Kolonialismus hergestellt und begründet wird.14 Welche Schlüsseldokumente der noch sehr jungen Disziplin der postkolonialen Studien die theoretischen Grundlagen meiner Arbeit bilden werden und wie auf Basis dieser in der Untersuchung vorgegangen werden soll, wird im Folgenden erörtert werden.15

1.2 Said, Bhabha und Co.: Die theoretischen Grundlagen der Bakkalaureats- Arbeit

„ […] Orientalism can be discussed and analyzed as the corporate institution for dealing with the Orient - dealing with it by making statements about it, authorizing views of it, describing it, by teaching it, settling it, ruling over it: in short Orientalism as a Western style for dominating, restructuring and having authority over the Orient.”16

Mit diesen Worten beschreibt der Literatur- und Kulturwissenschaftler Edward W. Said 1978 in seinem berühmten Gründungswerk der postkolonialen Theorie, Orientalism, den Umgang des Okzidents mit dem Orient: Ausgehend von den Kulturkontakten der Staaten Westeuropas mit Afrika, Indien und Ländern des Fernen und Nahen Ostens seit Beginn des 18. Jahrhunderts beschäftigt er sich in seinem interdisziplinär angelegten Werk mit der Bildung von westeuropäischen Auto- und Heterostereotypen im Rahmen der kolonialen Diskurse.17 Unter dem Begriff des ‚Orientalismus’ wird in dem gleichnamigen Werk von Said die spezifische Wahrnehmung, bzw. Konstruktion der östlichen Welt durch die westliche Hemisphäre und deren Instrumentalisierung durch die westeuropäischen Länder subsumiert: Indem die britischen und französischen Kolonialherren die jeweiligen unterworfenen Völker in den entsprechenden Schriften des 19. und 20. Jahrhunderts als minderwertig beschrieben, bzw. mit der Zweiteilung in Ost und West als Gegensatz zu sich selbst verstehen würden, könne die Kolonialherrschaft - laut Said - dank dieser Projektion legitimiert und ideologisch abgesichert werden.18 Auf das Thema dieser Arbeit bezogen bedeutet das also, dass im Folgenden im Zuge der Untersuchung des britischen Sprechens über indische Wolfskinder darauf geachtet werden soll, inwiefern hier kulturelle Stereotype - im Folgenden verstanden als verallgemeinernde, emotional aufgeladene Werturteile, die kontextgebunden sind, apriorischen Charakter haben und die für eine ‚imagined community‘ als Abgrenzungs- und Integrationsmittel fungieren - aufgegriffen werden, die dazu dienen, das Volk der Inder als ein unterlegenes zu kennzeichnen.19 Dennoch wird nicht allein Saids Orientalism als theoretische Fundierung der vorliegenden Analyse und Interpretation fungieren, da auch diese Schrift in mancherlei Hinsicht problematisch erscheint und die Einwände und konstruktiven Vorschläge von Saids zahlreichen Kritikern berücksichtigt werden sollten.20 Um nicht Gefahr zu laufen, die Heterogenität und Komplexität des britischen Indiendiskurses zu unterschätzen, werden dabei insbesondere die Anmerkungen von Homi K. Bhabha von Interesse sein, welche vor allem in seinem Sammelband The Location of Culture von 1994 entwickelt worden sind.21 Im Gegensatz zu Said, der sich zwar auf Foucaults Diskursbegriff - mit besonderer Berücksichtigung von dessen spezifischen Ausformungen in L'Archéologie du savoir (1969) und Surveiller et punir (1975) - bezieht, aber dennoch entscheidende Modifikationen vornimmt; gelingt es Bhabha so eher, das ursprüngliche Konzept des französischen Philosophen auf die kolonialen Kommunikationsprozesse zu übertragen und diese damit adäquater zu erfassen.22 Während der Autor von Orientalism den Zuschreibungsprozess im Rahmen der kolonialen Diskurse als bewusst und intendiert versteht,23 berücksichtigt der Literaturtheoretiker Bhabha - vollkommen zu Recht - auch die „psychodynamische Komplexität des wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisses von Kolonisator und Kolonisiertem.“24 Durch die Miteinbeziehung der Überlegung, dass die Kolonialherren in der Konstruktion ihrer kolonialen Identität stets von äußeren Faktoren abhängig sind und durch die Betonung des Umstandes, dass koloniale Vorstellungen von dem ‚Anderen‘ immer zuallererst Ausdruck einer unterschwelligen Angst vor dem eigenen Autoritätsverlust sind, stellt Bhabha die Fragwürdigkeit einer vollkommenen Macht der Imperialisten über den kolonialen Diskurs heraus.25 Dieser Tatbestand sei insbesondere an der Ambivalenz der Stereotypen über die Kolonialisierten zu bemerken, die mit einem Freudschen Fetisch verglichen werden könnten, da sie sowohl die Furcht vor als auch das Begehren nach dem Anderen widerspiegelten.26

Der berechtigte Widerwille Bhabhas gegenüber einer künstlich konstruierten Dichotomie zwischen machtvollen Kolonialherren und machtlosen Kolonialvölkern soll im Folgenden in dieser Untersuchung zum Tragen kommen. Denn berücksichtigt man die Beobachtung des Autors von The Location of Culture, dass die Konstruktion der Fremdbilder stets vom Verhalten des unterdrückten Volkes abhäng ist, ergeben sich völlig neue Zugriffsarten auf das verstärkte Auftauchen der indischen Wolfskinder in der britischen Publizistik gegen Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts.27 Bildet eine Synthese der Thesen Saids und Bhabhas sozusagen das theoretische Hauptfundament dieser Untersuchung, werden andere postkolonialistische Theoretiker - insbesondere Orientalismusforscher wie Lisa Lowe, welche die Erkenntnisse der Geschlechtergeschichte mit in die Debatte einbeziehen - ebenfalls gegebenenfalls bei der Analyse der entsprechenden Texte berücksichtigt werden.28 In Bezug auf die Vorgehensweise ergibt sich dementsprechend aufgrund der aufgestellten Leitfragen und des bisherigen Forschungsstandes folgendes ‚Grundgerüst‘ für die vorliegende Bachelorarbeit: Im ersten inhaltlich relevanten Punkt werden zunächst nach einigen knappen Anmerkungen zum historischen Kontext - sprich dem Verhältnis Großbritanniens zu Indien im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts - die bisherigen Forschungen zum britischen Indienbild in besagtem Zeitraum im Zentrum stehen. Denn da es - wie Bhabha treffend bemerkt - von entscheidender Bedeutung ist, das „Wahrheitssystem [der kolonialen Macht] zu (rekonstruieren“ um deren Gedankenwelt zu verstehen, wird dieses Kapitel helfen, in die zeitgenössischen Fantasien und Vorstellungen Großbritanniens von dem Subkontinent einzuführen.29 Mit dem dritten Punkt wird das eigentliche Anliegen der Bachelorarbeit fokussiert: Nach einer kurzen Vorstellung der vorhandenen realen Fälle über indische Wolfskinder im anvisierten Zeitraum und einer Einführung in die diesbezügliche Quellenlage wird die Art und Weise, wie in den britischen Sachpublikationen von den indischen Wolfskindern gesprochen wird, genauer untersucht werden - insbesondere um in einem Vergleich mit den bereits angesprochenen wissenschaftlichen und populären Deutungen ‚echter‘ Wolfskinder in der Frühen Neuzeit das Spezifische an diesem britischen Diskurs über indische Wolfskinder herauszustellen. Vor allem aufgrund des bereits von Michael Newton bemerkten Umstands, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts auffällig viele fiktionale Wolfskinder - etwa die heute bekanntesten Versionen vom Mythos des wilden Kindes, Tarzan und Mowgli, - aufgetaucht seien, lohnt es sich anschließend, einen Blick in die britische Belletristik zu werfen, in der die indischen Wolfskinder eine vergleichsweise wichtige Rolle gespielt haben.30 Als Quellen konnten dabei neben den 1894 und 1895 erschienenen Jungle Books und der ebenfalls zu dem Mowgli-Zyklus gehörenden, 1893 in dem Sammelband Many Inventions veröffentlichten Kurzgeschichte In the Rukh von Rudyard Kipling noch zwei weitere fiktive Texte - zum einen die 1905 in dem Groschenheft Union Jack new series erschienene Detektivgeschichte The Jungle Boy: or, Sexton Blake's Adventures in India, von William Murray Graydon; zum anderen der 1924 in London erschienenen Roman Jungle-Born von John Eyton - ausfindig gemacht werden, in welchen wilde Kinder Indiens auftauchen.31 Wichtig erscheint bei der Analyse dieser belletristischen Werke vor allem, die vielfältigen Arten, wie indische Wolfskinder in der Literatur dargestellt werden, genauer zu systematisieren und zu interpretieren - wobei immer die Frage im Hintergrund steht, welches Indienbild, welche Indiensehnsucht und welche geheimen britischen Ängste vor dem Anderen die Gestalten verkörpern. Abschließend soll noch genauer geklärt werden, warum die indischen Wolfskinder Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts in den britischen Medien eine so große Bedeutung gewinnen und wie der Rückgang des Stellenwerts der wilden Kinder in der Publizistik nach den 1920ern erklärt werden kann. Hinweise auf weitere Forschungslücken und Fragen für weitergehende Untersuchungen werden gegen Ende der Bachelorarbeit ebenfalls angesprochen werden. Denn es geht nicht darum, mit dieser Abschlussarbeit das Thema vollständig zu bearbeiten, sondern Anregungen für weitere Untersuchungen zu liefern. Diese Schrift möchte dementsprechend nur einen ersten Schritt in die entsprechende Richtung wagen, um zu zeigen, dass Imperialismus keine Ideologie darstellt, die nur ein „product of political philosophers working away in secluded cloisters“ ist,32 sondern eine Weltanschauung darstellt, die als eine der bedeutendsten, zeitgenössischen „clusters of ideas, beliefs, opinions, values and attitudes usually held by identifiable groups“ selbst in scheinbar abgelegenen Diskursen wie den Texten über Wolfskinder aufgefunden werden kann.33

2. The Indians are „in every way different.“ Das britische Indienbild von der zweiten Hälfte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts

„India has captured 34 the British imagination in a way that no other part of the Empire ever managed to do.”35

Derart pauschalisierend beschreibt der Literaturwissenschaftler Ralph Crane in seinem Überblicksband Inventing India die Bedeutung Indiens für die britische Vorstellungswelt und führt die besagte ‚Faszination Indien‘ auf die Vielfalt und besonders das Alter der indischen Kultur und Zivilisation zurück, die bereits vor ihrer ‚Entdeckung‘ durch die Briten auf eine mehrere tausende Jahre alte Geschichte zurückblicken könnte.36 Obwohl es durchaus richtig ist, dass der Subkontinent als „jewel in the Crown of England“ für die britische Fantasie besonders um die Jahrhundertwende eine wichtige Rolle spielt,37 unterliegen der Stellenwert Indiens in der Vorstellungswelt der Briten sowie die Gründe für das Interesse an dem orientalischen Land einem ständigen Wandel - ein Umstand, der im Folgenden mit Schwerpunkt auf dem für diese Arbeit relevanten Zeitraum, der zweiten Hälfte des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts, genauer untersucht werden soll.

Beginnt man die Geschichte der britisch-indischen Beziehungen für gewöhnlich mit der Gründung der British East India Company im Jahre 1600, so bleibt diese doch im 17. Jahrhundert in Bezug auf das indische Gebiet noch hinter der niederländischen Konkurrenz zurück, bis die Umstellung des Handels auf Textilien die territoriale Ausweitung des Kolonialstaates der Ostindiengesellschaft im 18. Jahrhundert einleitet.38 Bezogen auf diese Phase lässt sich jedoch ein recht paradoxes Verhältnis beobachten: Auch wenn die Inder in den eroberten Gebieten hohe Steuern an ihre britischen Territorialherren zahlen und in der britischen Armee dienen müssen, so dass das britisch-indische Verhältnis eher als eines der Ausbeutung und Unterdrückung bezeichnet werden kann, erreicht die frühe anglo-indische Gesellschaft in der Hochphase der britischen Ostindiengesellschaft 1750 bis 1820 einen bisher nie wieder erreichten Grad an interkulturellem Austausch und gesellschaftlichen Kontakten, bei dem auch Mischehen zwischen Indern und Briten keine Seltenheit sind.39 Dies erklärt sich vor allem dadurch, dass die Interessen an Indien in dieser Zeit vonseiten der East India Company in erster Linie ökonomisch geprägt sind.40 Während Indien seit den 1750ern zwar auch schon teilweise als großes, verwildertes und an das indische Volk ‚verschwendetes‘ Land, das der britischen Verwaltung und Herrschaft bedarf, angesehen wird,41 existiert von den 1760ern bis zu dem frühen 19. Jahrhundert eine „kustodiale Betrachtungsweise“, das heißt ein regelrechter britischer Enthusiasmus für Indien bei gebildeten Briten.42 Diese Begeisterung vor allem für die indische antike Kultur vor der Ankunft der Muslime, die teilweise sogar als Ursprung der ägyptischen Kultur angesehen wird sowie für den indischen Hinduismus, dessen alte Schriften zu Beweisen für die Richtigkeit und Authentizität des Bibeltextes stilisiert werden, spiegelt sich auch in der Gründung der Asiatic Society 1784 in Calcutta wider.43 Die von deren erstem Präsident William Jones 1786 entdeckte Verwandtschaft zwischen Sanskrit, Latein und Griechisch - erster Versuch der Behauptung einer gemeinsamen indoeuropäischen Sprachfamilie - ist ebenfalls als Produkt besagter „British Indomania“ zu bewerten.44 Mit dem zunehmenden Machtverlust der britischen East India Company und der Umstrukturierung, bzw. Öffnung dieser für andere wirtschaftliche Interessengruppen Großbritanniens Ende des 18. Jahrhunderts bis 1856 ändert sich diese britische Haltung gegenüber Indien jedoch radikal: Die Politik der Nichtintervention in die privaten Belange der Eingeborenen wird nach der Ausschaltung der wichtigsten europäischen und indischen militärischen Konkurrenten ersetzt durch einen Ausbau der britischen Herrschaft und der Verwaltung sowie einem damit einhergehenden Anspruch auf die Missionierung des Landes zum Christentum und zum britischen Lebensstil.45 Die Indophobie, eine neue Abneigung gegen die indische Kultur und Zivilisation, wird nicht nur auf dem indischen Subkontinent, sondern auch im Mutterland durch Schriften wie den christlich geprägten Aufsatz von Charles Grant von 1796 mit dem sprechenden Titel Observations on the state of society among the Asiatic subjects of Great Britain, particularly with respect to morals; and the means of improving it verbreitet - ein Werk, welches die Fremdartigkeit des indischen Volkes, das „in every way different“ sei, betont und dessen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist, weil es den britischen Herrschaftsapparat in Indien bis 1947 maßgeblich beeinflusst.46 Ein nicht minder prägender Text für die britische Sicht auf Indien stellt das 1817 erschienene Werk A history of British India von James Mill dar, in dem er Indien als „barbarous [nation]“47 charakterisiert, die auf einem sehr niedrigem Zivilisationsstand sei - eine Aussage, mit der er sich in bester Gesellschaft mit einer Vielzahl britischer Gelehrter zu Beginn des 19. Jahrhunderts befindet.48 Neben dieser imperialen Sichtweise, welche vor allem als Rechtfertigung für die Anwesenheit der Briten auf dem Kontinent dienen soll, kommt es in Großbritannien selbst - vollkommen konträr zur ‚indischen Renaissance‘ in anderen europäischen Staaten wie Deutschland - gleichzeitig zu einer wachsenden Marginalisierung des Themas ‚Indien‘, das noch im späten 18. Jahrhundert eine zentrale Rolle in der britischen kulturellen und intellektuellen Beschäftigung gespielt hat. Möglicherweise ist diese Entwicklung als Konsequenz der zunehmenden Bürokratisierung und Spezialisierung auf dem Subkontinent zu sehen, deren trockene statistische Fakten das öffentliche Interesse schwer erregen können.49 Aus dieser wachsenden Interesselosigkeit heraus erklärt es sich auch, dass viele Briten noch 1841 einen sehr niedrigen Informationsstand über die realen indischen Verhältnisse besitzen und Indien eher als ein Land der Wunder und Fabeln oder als einen Ort, an dem ihre Angehörigen ein Vermögen machen können, betrachten50 - und das, obwohl Indien im 19. Jahrhundert zum Herzstück des Empire wird, so dass die Entmachtung der East India Company nach einer sukzessiven Verstärkung der staatlichen Kontrolle und einer Ausweitung der Herrschaft Großbritanniens in der ersten Jahrhunderthälfte nur noch bloße Formsache ist.51 Diese Gleichgültigkeit gegenüber Indien verschwindet allerdings spätestens mit dem indischen Aufstand 1857/8, der in mehrfacher Hinsicht als Zäsur oder „Wendepunkt“ im britisch- indischen Verhältnis bezeichnet werden kann.52 Bei der fälschlicherweise mit dem Begriff der ‚Mutinity‘ belegten Revolte handelt es sich nur zu Beginn um eine innermilitärische Meuterei im herkömmlichen Sinne, als drei Regimenter in Meerut am 10.5.1857 die Befehle verweigern, ihre britischen Offiziere umbringen, in Delhi möglichst viele Europäer töten und die Wiedereinsetzung der Mogulherrscher fordern.53 Anlass des Aufstands ist die Einführung neuer Patronen in der britischen Armee, zu deren Ladung die Soldaten mit tierischem Fett in Kontakt kommen müssen, was gegen die religiösen Reinheitsgebote sowohl der muslimischen als auch der hinduistischen Sepoys verstößt und dementsprechend als Affront aufgefasst wird.54 Tiefer liegende Ursachen für die heftige Reaktion auf den angeblichen Versuch der Briten, die indischen Soldaten zum Christentum zu bekehren, sind allerdings die durch die Perfektionierung der imperialistischen Verwaltung schon seit Längerem sich entwickelnde Entfremdung zwischen den beiden Kulturen55 sowie die Unzufriedenheit der Mehrheit der indischen Bevölkerung mit den durch die Briten forcierten Reformen und der angestrebten Modernisierung bzw. Europäisierung - was schließlich auch der Grund dafür ist, dass sich ein nicht geringer Teil der ländlichen Bevölkerung dem Aufstand anschließt und dieser sich schließlich über ein Gebiet, das von Westbengalen bis hin zu Pandschab reicht, ausbreitet.56 Die ein Jahr andauernde Niederschlagung der Kämpfe, welche längerfristig zum Ruin der Ostindischen Gesellschaft und der Übernahme des indischen Gebiets durch den britischen Staat bzw. der Errichtung des indischen Kaiserreichs unter Königin Victoria führt,57 erreicht - wie bereits erwähnt - vor allem im Sommer 1857 das Publikum des englischen Mutterlandes. Damit führt im Prinzip also erst die ‚Mutinity‘ - wie es die Historikerin Runge-Beneke formuliert - „nach der Annexionspolitik der vergangenen Jahrzehnte […] [zur] psychologische[n] Aneignung der indischen Kolonie durch die britische Öffentlichkeit.“58 Bei den exzessiven Grausamkeiten, die auf britischer Seite naturgemäß vor allem den Rebellen zugeschrieben werden, ist es allerdings kein Wunder, dass das Bild des Inders als Kontrastentwurf zur überlegenen englischen Rasse 1857/8 endgültig mit negativen Zuschreibungen belegt wird: Vonseiten der Briten, die dieser Krieg die Geldsumme von 50 Millionen Pfund und das Leben von 11 000 britischen Soldaten kostet, werden kurioserweise nicht diese Verluste,59 sondern vor allem die Gerüchte von den Verbrechen der Inder an europäischen Frauen und Kindern mit Wut und Schrecken vernommen. Die 48 Britinnen, die laut Presseberichten in Delhi von den Rebellen in den ersten Tagen des Aufstandes vergewaltigt werden, bevor man sie umbringt, brennen sich in das öffentliche Gedächtnis als ‚wahre Begebenheit‘ ein, auch wenn spätere Texte eine Falschmeldung aufdecken60 - was sich vielleicht auch dadurch erklärt, dass die Frau und Mutter als ‚Engel des Hauses‘ einen besonderen Status im viktorianischen England besitzt und stets als besonders schutzbedürftig dargestellt wird.61 Dass der Aufstand schon von den Zeitgenossen als außergewöhnliches Ereignis verstanden wird, ist an der Flut von detaillierten Veröffentlichungen über die indische Rebellion, die in Form von Geschichtsbüchern, Memoiren und Berichten erscheinen, zu erkennen, welche den Vorfall in der Regel nicht als rechtmäßiges Aufbegehren einer unterdrückten Bevölkerung, sondern als Betrug an den britischen Herren beschreiben.62 Die ‚Mutinity‘ bleibt schließlich noch Jahrzehnte nach dem Ereignis als Trauma im kollektiven Gedächtnis Großbritanniens präsent und prägt die weitere Sicht auf die Einwohner des Subkontinents. Trotz des Versuchs der Rückkehr zum Alltagsleben ist das Verhältnis zwischen den Kolonialherren und Kolonisierten auf Seiten der Briten von einer versuchten Ausblendung der einheimischen Bevölkerung und ihrer Kultur geprägt. Auf Gleichstellungsbemühungen der Inder wie die Ilbert Bill von 1883 - eine Verordnung, mit der indischen Richtern in ländlichen Gebieten die Befugnis zugestanden werden soll, in Prozessen auch über Briten zu urteilen - reagieren die Engländer in der Regel mit Furcht und Bedrohungsgefühlen bzw. Protesten.63 Der erstarkende indische Nationalismus - gespalten in eine liberale konstitutionelle Ausprägung, für die vor allem die Gründung des Indischen Nationalkongresses in Bombay 1885 bedeutsam ist und eine national-revolutionäre Tendenz, welche eine Befreiung von der britischen Fremdherrschaft fordert, - trägt natürlich einiges dazu bei, diese negativen Emotionen und Ängste zu verstärken.64 Insbesondere die Schreckensvorstellung des wilden, sexuell aggressiven Inders mit einer angeborenen Grausamkeit, der eine Gefahr für weiße Frauen und Kinder darstellt und der seine ‚Natur‘ auch durch den dünnen Firnis von europäischer Sitte und Bildung nicht verleugnen kann,65 taucht immer dann auf, wenn sich die Briten in ihrer kolonialen Autorität bedroht fühlen: Als der Rowlatt Act 1919 die in der Kriegszeit gültigen Sicherheitsmaßnahmen in Britisch-Indien auf unbestimmte Zeit verlängert und als Reaktion darauf Demonstrationen und Unruhen in Punjab und anderen Provinzen stattfinden, die teilweise zu blutigen Massaker der britischen Armeen an den unbewaffneten Protestlern ausarten, werden so alte Ängste vor einem Aufstand des unterdrückten Volkes wieder wach. Und nicht zufällig äußern sich diese Bedrohungsgefühle der Briten durch ein erneutes Aufgreifen des Vergewaltigungsmotiv der ‚Mutinity‘, das in den 1920ern etwa in Edward Morgan Forsters Roman A Passage to India von 1924 noch einmal thematisiert wird.66

Eine weitere Reaktion auf den Schock der Rebellion 1857/8 besteht zu guter Letzt auch in dem Festhalten bzw. der Versteifung auf die Idee der Superiorität der angelsächsischen Rasse, die vor allem in der Hochphase des Imperialismus, dem „age of Empire“, eine wichtige Rolle spielt.67 Theoretisch fundiert durch die in Europa Ende des 19. Jahrhunderts populär werdenden Strömungen des Sozialdarwinismus und des Rassismus bringt die seit den 1870er Jahren intensivere Thematisierung des Empire durch die britischen Imperialisten - welche das englische Kolonialreich durch den Wettstreit um Kolonien mit anderen europäischen Mächten bedroht sehen - dementsprechend eine Beförderung der sehr negativen Darstellung des indischen Volkes mit sich.68 Wie nun die indischen Wolfskinder, die vor allem seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftauchen, in diese Indienvorstellungen einzuordnen sind und welche Bedeutung ihre verstärkte Thematisierung bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts haben könnte, soll nun im Folgenden, beginnend mit den Fällen der realen indischen Wolfskinder, erörtert werden.

3. “India’s Wolf-Children found in Caves.” Indische Wolfskinder in der britischen Berichterstattung von 1850 bis 1930

3.1 Eine kurze Einführung in die bekannt gewordenen Fälle von indischen Wolfskindern

„It seems that wolves 69are very numerous about Cawnpore and Lucknow, and that children are constantly carried off by them. Most of these have, of course, served as dinners for their captors, but some have been brought up and educated by them after their own fashion.”70

So äußert sich Captain Egerton in dem im Februar 1852 im Chambers’s Edinburgh journal erschienenen Artikel Children suckled by wolves über das Auftreten von wilden Kindern in Indien, über deren Existenz in England es bereits seit 1851 Gerüchte gibt.71 Die in einem der ersten Berichte über indische Wolfskinder beschriebene Häufigkeit des Phänomens scheint sich in den Folgejahren für die britische Öffentlichkeit zu bestätigen: In den 1840er Jahren werden sechs Wolfskinder von Colonel William Henry Sleeman im Königreich von Oudh entdeckt und auch in den 1850ern und 1860ern treten zahlreiche Phänomene dieser Art auf, die von George dem Vorwurf der Vergewaltigung einer Britin konfrontiert wird. (Vgl. Forster, Edward Morgan: A passage to India. New York 1924.)

[...]


1 Wendeborn, Gebhard Friedrich August: Vorlesungen über die Geschichte des Menschen und seine natürliche Bestimmung. Hamburg 1807, S.156.

2 Vgl. zu einer Definition des Begriffs ‚Wolfskinder‘: Malson, Lucien: Die wilden Kinder. In: Malson, Lucien (Hg,): Die wilden Kinder. Frankfurt am Main 1972, S.10. Eine brauchbare Begriffsklärung liefert auch die ausgezeichnete Internetseite FeralChildren.com, die Wolfskinder thematisiert. (http://www.feralchildren.com/de/index.php (aufgerufen am 8.2.2009.))

3 Vgl. Wendeborn, Gebhard Friedrich August:: Vorlesungen, S.157 f.

4 Vgl. dazu u.a. Newton, Michael: Savage Girls and Wild Boys. A History of Feral Children. Zweite Auflage. London 2003, S.199. Vgl. Koch, Friedrich: Das wilde Kind. Hamburg 1997, S.14 f.

5 Vgl. Pethes, Nicolas: Zöglinge der Natur. Der literarische Menschenversuch des 18. Jahrhunderts. Göttingen 2007, S.63.

6 Vgl. Blumenthal, P.J.: Kaspar Hausers Geschwister. Auf der Suche nach dem wilden Menschen. Zweite Auflage. Wien; Frankfurt 2003, S.24.

7 Blumenbach, Johann Friedrich: Beyzträge zur Naturgeschichte. Zweyter Theil Vom HOMO sapiens ferus LINN, und namentlich vom Hamelschen wilden Peter. Göttingen 1811, S.27. Einen Überblick über die Meinung Blumenbachs und die zeitgenössischen Forschungen zum ‚Wilden Peter‘ bietet Bruland. (Vgl. Bruland, Hansjörg: Wilde Kinder in der Frühen Neuzeit. Geschichten von der Natur des Menschen. Stuttgart 2008, S.190 ff., S.377-398.)

8 Bruland, Hansjörg: Wilde Kinder in der Frühen Neuzeit, S.44.

9 Unter den entsprechenden Einzelstudien sind die Werke von Gineste, Werner und Weckmann besonders hervorzuheben. (Vgl. Gineste, Thierry: Victor de l’Aveyron. Dernier enfant sauvage, premier enfant fou. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris 2004. Vgl. Werner, Birgit: Die Erziehung des Wilden von Aveyron. Ein Experiment auf der Schwelle zur Moderne. Frankfurt am Main 2004. Vgl. Weckmann, Berthold: Kaspar Hauser. Die Geschichte und ihre Geschichten. Würzburg 1993.)

10 Vgl. Malson, Lucien: Die wilden Kinder, S.47.

11 Vgl. Blumenthal, P.J.: Kaspar Hausers Geschwister, S.166-177. Vgl. ebd., S.178-195 und S.210-228.

12 Vgl. Newton, Michael: Savage Girls and Wild Boys, S.188.

13 Eine knappe Einführung in den historischen Kontext bietet Rothermund. (Vgl. Rothermund, Dietmar: Geschichte Indiens. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München 2002, S.62.)

14 Hier verwende ich ein Amalgam aus den Definitionen Reinhards, Saids und Wendts. (Vgl. dazu Reinhard, Wolfgang: Kleine Geschichte des Kolonialismus. Zweite, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart 2008, S.1-3. Vgl. Said, Edward W.: Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht. Frankfurt am Main 1994, S.44 ff. Vgl. Wendt, Reinhard: Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Europa und die Welt seit 1500. Paderborn; München; Wien; Zürich 2007, S.17.)

15 Vorläufer der postkolonialen Studien ist die literarische Imagologie, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, v.a. nationale Stereotype in literarischen Werken zu untersuchen. (Fischer, Manfred: Literarische Imagologie am Scheideweg. Die Erforschung des ‚Bildes vom anderen Land‘ in der Literatur-Komparatistik. In: Blaicher, Günther (Hg.): Erstarrtes Denken. Studien zu Klischee, Stereotyp und Vorurteil in englischsprachiger Literatur. Tübingen 1987, S.55-71.)

16 Said, Edward W.: Orientalism: Western conceptions of the Orient. Dritte Auflage. London 1991, S.3.

17 Vgl. Hestermann, Sandra: Meeting the Other - Encountering Oneself. Paradigmen der Selbst- und Fremddarstellung in ausgewählten anglo-indischen und indisch-englischen Kurzgeschichten. Aus der Reihe: Neuere Studien zur Anglistik und Amerikanistik. Band 88. Frankfurt am Main 2003, S.47 f.

18 Vgl. dazu: Loomba, Ania: Colonialism/Postcolonialism. Zweite Auflage. London; New York 2005, S.45. Vgl. Varela, Maria do Mar Castro; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld 2005, S.31-36.

19 Vgl. Hahn, Hans Henning; Hahn, Eva: Plädoyer für eine historische Stereotypenforschung. In: Hahn, Hans Henning (Hg.): Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen. Frankfurt am Main 2002, S.21 f., S.25, S.27 f.

20 Einen kurzen Überblick über die Kontroverse um Saids Orientalism bieten Dubiel, Varela und MacKenzie. (Vgl. Dubiel, John: Dialektik der postkolonialen Hybridität. Die intrakulturelle Überwindung des kolonialen Blicks in der Literatur. Bielefeld 2007, S.31 f. Vgl. Varela, Maria do Mar Castro; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie, S.38 f. Vgl. MacKenzie, John M.: Orientalism. History, theory and the arts. Manchester; New York 1995, S. 1-19.)

21 Vgl. Bhabha, Homi K.: Die Verortung der Kultur. Zweite Ausgabe. Tübingen 2007.Viele der in diesem Hauptwerk Bhabhas zu findenden Artikel wurden bereits im Vorfeld abgedruckt und erscheinen in The Location of Cuture in stark überarbeiteter Form. (Vgl. Varela, Maria do Mar Castro; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie, S.84.)

22 Vgl. Said, Edward W.: Orientalism, S.94. Seine kritische Einschätzung von Saids Umgang mit Foucault spricht Bhabha in Die Frage des Anderen selbst an. (Vgl. Bhabha, Homi K.: Die Verortung der Kultur, S.106 f.)

23 Vgl. Varela, Maria do Mar Castro; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie, S.37.

24 Kreutzer, Eberhard: Bhabha, Homi K. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Dritte, aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart; Weimar 2004, S.61.

25 Vgl. Varela, Maria do Mar Castro; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie, S.86-92.

26 Vgl. Bhabha, Homi K.: Die Verortung der Kultur, S.107. Vgl. Dubiel, John: Dialektik der postkolonialen Hybridität, S.37,

41.

27 Vgl. Varela, Maria do Mar Castro; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie, S.86.

28 Vgl. Lowe, Lisa: Critical Terrains. French and British Orientalisms. Ithaca; London 1991.

29 Bhabha, Homi K.: Die Verortung der Kultur, S,98.

30 Vgl. Newton, Michael: Savage Girls and Wild Boys, S.182.

31 Vgl. Kipling, Rudyard: The Jungle Books. Edited with an introduction and notes by Daniel Karlin. London 2000. Vgl. Kipling, Rudyard: In the Rukh. (1893). In: Kipling, Rudyard: The writings in prose and verse. Band 6. Jungle Book. New York 1920, S.298-341. Vgl. Graydon, William Murray: The Jungle Boy: or, Sexton Blake's Adventures in India. In: Union Jack new series, Band 4, Nr. 85 (1905). Zitiert nach: http://www.erbzine.com/mag18/jungleboy.html (aufgerufen am 20.2.2009.) Vgl. Eyton, John: Jungle-Born. London 1924. Zitiert nach: http://www.p-synd.com/wild/jungleborncont.html (aufgerufen am

21.2.2009.) Die Texte von Graydon und Eyton sind aufgrund der schlechten Zitierbarkeit der Internetdokumente in den Anhang gestellt.

32 Bell, Duncan: The Idea of Greater Britain. Empire and the Future of World Order 1860-1900. Princeton; Oxford 2007, S.21.

33 Freeden, Michael: Ideology, Political Theory and Political Philosophy. In: Gaus, Gerald; Kukathas, Chandran (Hg.): Handbook of Political Theory. London 2004, S.6.

34 Grant, Charles: Observations on the state of society among the Asiatic subjects of Great Britain, particularly with respect to morals; and on the means of improving it. (1796) Facsimile reprint. Irish University Press Series of British Parliamentary Papers. Band 5. Colonies: East India. Shannon 1970, S.82.

35 Crane, Ralph J.: Inventing India. A History of India in English-Language Fiction. New York 1992, S.3.

36 Vgl. ebd., S.3.

37 Disraeli, Benjamin. Zitiert nach: Cain, P.J.; Hopkins, A. G.: British Imperialism 1688-2000. Zweite Auflage. London 2002, S.275. Vgl. ebd., S.275-284.

38 Vgl. Rothermund, Dietmar: Geschichte Indiens, S.53-60.

39 Vgl. Runge-Beneke, Regina: Indien in britischen Augen. Über den Zusammenhang von Frauenbildern, Indienprojektionen, Herrschaftsphantasien und Männlichkeitsvorstellungen. Zur Kritik der Geschichtsschreibung. Band 7. Göttingen; Zürich 1996, S.45 ff. Vgl. zu dieser Zeit auch: Parsons, Timothy: The British Imperial Century, 1815-1914. A World History Perspective. Lanham; Boulder; New York; Oxford 1999, S.33, S.26.

40 Vgl. Runge-Beneke, Regina: Indien in britischen Augen, S.47.

41 Vgl. Nayar, Pramod K.: English writing and India, 1600-1920. Colonizing aesthetics. London; New York 2008. S.5.

42 Sen, Amartya: Indische Traditionen und die westliche Imagination. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Heft 1 (1999), S.600. Vgl. ebd., S.598, S.600 f.

43 Vgl. Trautmann, Thomas R.: Aryans and British India. Berkeley; Los Angeles; London 1997, S.2, S.62-98.

44 Ebd., S.62. Vgl. ebd., S.28-S.61.

45 Vgl. Runge-Beneke, Regina: Indien in britischen Augen, S.48-53.

46 Grant, Charles: Observations on the state of society among the Asiatic subjects of Great Britain, S.82.

47 Mill, James: A history of British India (1820). With Notes and continuation by Horace Hayman Wilson. Fifth edition. Facsimile reprint with introduction by John Kenneth Galbraith. Volume 2. New York 1968, S.105.

48 Vgl. Trautmann, Thomas R.: Aryans and British India, S.99-130. Informationen über Mill und dessen Einfluss auf das britische Denken im 19. Jahrhundert liefern u.a. Belliappa und Eckel. (Vgl. Belliappa, K.: The Image of India in English Fiction. Studies in Kipling, Myers and Raja Rao. New World Literature. Series 28. New Delhi 1991, S.3. Vgl. Eckel, Winfried: Die Imagologie Indiens zwischen Postkolonialismusdiskurs und interkultureller Hermeneutik. Eine Einführung. In: Eckel, Winfried; Hilmes, Carola; Nell, Werner (Hg.): Projektionen - Imaginationen - Erfahrungen. Indienbilder der europäischen Literatur. Aus der Reihe: Komparatistik im Gardez! Band 6. Remscheid 2008, S.12 f.)

49 Franklin, Michael J.: General introduction and [meta]historical background [re]presenting ‘The palanquins of state; or, broken leaves in a Mughal garden’. In: Franklin, Michael J. (Hg.): Romantic Representation of British India. London; New York 2006, S.17 ff. Vgl. v.a. aber Porter, Bernard: The Absent-Minded Imperialists. Empire, Society, and Culture in Britain. New York 2004, S.2-38.

50 Vgl. James, Lawrence: The Making and Unmaking of British India. London 1997, S.278.

51 Vgl. Schweinitz Jr., Karl de : The Rise and Fall of British India. Imperialism as inequality. London; New York 1983, S.176. Siehe auch dazu: Wende, Peter: Das Britische Empire. Geschichte eines Weltreichs. München 2008, S.145-160.

52 Wende, Peter: Das Britische Empire, S.161. Vgl. James, Lawrence: The Making and Unmaking of British India, S.282.

53 Zu Entstehung und Niedergang des Mogulreiches (1526-1758): Vgl. Kulke, Hermann: Indische Geschichte bis 1750. München 2005, S.76-96.

54 Vgl. ebd., S.161 f.

55 Vgl. Runge-Beneke, Regina: Indien in britischen Augen, S.53.

56 Vgl. Wende, Peter: Das Britische Empire, S.162.

57 Vgl. Rothermund, Dietmar: Geschichte Indiens, S.62.

58 Runge-Beneke, Regina: Indien in britischen Augen, S.57.

59 Vgl. Parsons, Timothy: The British Imperial Century, S.46.

60 Vgl. Wende, Peter: Das Britische Empire, S.163. Vgl. James, Lawrence: The Making and Unmaking of British India, S.287.

61 Dies vermutet zumindest Wende. (Vgl. Wende, Peter: Das Britische Empire, S.163.) Zur Idealisierung der Frau im Viktorianismus: Vgl. Gelfert, Hans-Dieter: Kleine Kulturgeschichte Großbritanniens. Von Stonehenge bis zum Millenium Dome. München 1999, S.252-256.

62 Vgl. Herbert, Christoph: War of No Pity. The Indian Mutinity and Victorian Trauma. Princeton; Oxford 2008, S.134-143.

63 Vgl. Runge-Beneke, Regina: Indien in britischen Augen, S.58-62.

64 Vgl. Rothermund, Dietmar: Delhi, 15.August 1947. Das Ende kolonialer Herrschaft. München 1998, S.21-23.

65 Vgl. Wende, Peter: Das Britische Empire, S.163.

66 Vgl. Sharpe, Jenny: Allegories of Empire. The Figure of Woman in the Colonial Text. Minneapolis; London 1993, S.2 f. Forsters Roman spielt im Britisch-Indien der 1920er Jahre. Die Handlung dreht sich um einen indischen Arzt, Dr. Aziz, der mit

67 So der Titel von Hobsbawms bedeutendem Werk. (Hobsbawm, Eric: The age of Empire 1875-1914. London 1987.) Die zunehmende Popularität einer rassistischen Einstellung gegenüber Indien - auch in Gelehrtenkreisen - zeigt sich an der im Rückgang begriffenen Zahl der Wissenschaftler, die der Auffassung sind, dass die als überlegen eingeschätzten Arya die ‚Rassevorfahren‘ der Inder gewesen sein sollen. (Vgl. Trautmann, Thomas R.: Aryans and British India, S.190-216, v.a. aber S.191-194.)

68 Vgl. Porter, Bernard: The Absent-Minded Imperialists, S.164-193. Der Aufstieg des Rassismus, bzw. Sozialdarwinismus wird bei Schöllgen überblicksartig behandelt. (Vgl. Schöllgen, Gregor: Das Zeitalter des Imperialismus. Dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage. München 1994, S.12-14.)

69 Anonym: India’s Wolf-Children found in Caves. In: Literary Digest. Band 95 (8.10.1927), S.54-56.

70 Anonym: Children suckled by wolves. In: Chambers’s Edinburgh journal, Heft 425 (Februar 1852), S.122.

71 Vgl. Murchison, Roderick I.: A communication from Capt. the Hon. F. Egerton, R.N. In: Annals and Magazine of Natural History. Band 8 (1851), S.153 f.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Mowgli und Orientalismus? Wahrnehmung und Deutung indischer Wolfskinder in der britischen Publizistik
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,00
Autor
Jahr
2009
Seiten
53
Katalognummer
V193153
ISBN (eBook)
9783668314795
ISBN (Buch)
9783668314801
Dateigröße
913 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Anhang wurde aus urheberrechtlichen Gründen für die Veröffentlichung entfernt.
Schlagworte
mowgli, orientalismus, wahrnehmung, deutung, wolfskinder, publizistik
Arbeit zitieren
Carola Katharina Bauer (Autor:in), 2009, Mowgli und Orientalismus? Wahrnehmung und Deutung indischer Wolfskinder in der britischen Publizistik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193153

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