Analyse von Schuberts "Taubenpost" aus dem Zyklus "Schwanengesang"


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1.) Einleitung:

Franz Schubert war ein ungemein produktiver Liedkomponist – während seines kurzen Lebens schuf er mehr als 600 Lieder, darunter auch die kurz vor seinem Tod komponierten Gesänge des Zyklus‘ Schwanengesang, in dem vierzehn Lieder nach Textvorlagen der Dichter Rellstab, Heine und Seidl ihre musikalische Entsprechung finden.[1]

Der Verleger Tobias Haslinger brachte ein Jahr nach Schuberts Tod im Jahre 1828 dessen dreizehn letzte hinterlassene Lieder und dem Titel Schwanengesang als letztes Werk des Künstlers heraus. Der Komponist selbst plante wohl eine Veröffentlichung der sieben Rellstab-Gesänge als Bestandteil eines neuen Zyklus‘ mit der Ergänzung um ein weiteres Lied namens Lebensmut. Auch die Heine-Lieder sollten, um einige vermehrt, als eigenständige Liedgruppe herausgebracht werden; auch dieses Vorhaben blieb jedoch unvollendet. Haslinger verband diese beiden Fragmente und fügte die – zahlreichen Wissenschaftlern zufolge – in Sinn und Charakter nicht zugehörige Taubenpost[2] hinzu.[3] Im Folgenden soll eben dieses letzte Lied des Schwanengesangs einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Nachdem ein Blick auf Johann Gabriel Seidls Gedichtvorlage geworfen wurde steht eine analytische Betrachtung der Taubenpost im Mittelpunkt der Arbeit. Hierbei werden zunächst einige allgemeine Feststellungen zum Lied und seiner Charakteristik getätigt; anschließend sollen anhand einer detaillierten, chronologischen Untersuchung am Notentext[4] Aussagen über Schuberts Umsetzung und musikalische Interpretation der Textvorlage getroffen werden. Abschließend wird das Lied im Rahmen der allgemeinen Problematik des Zyklusgedanken vergleichend in den Kontext der anderen Lieder des Schwanengesangs gesetzt.

1.1) Die Textvorlage:

1.1.1) Johann Gabriel Seidl:

Es war Schubert eigen, dass er die Texte, welche er für eine Vertonung in Betracht zog, sehr sorgfältig auswählte.[5] Aus diesem Grund sollen an dieser Stelle einige Bemerkungen zu Johann Gabriel Seidl und seinem Gedicht Die Taubenpost nicht fehlen:

Seidl wurde im Jahre 1804 in Wien geboren und starb 1875. Leben und Werk Seidls standen in Kontrast zu anderen von Schubert vertonten Dichtern, wie zum Beispiel Heine. In der Zeit des Vormärz führte Seidl das Leben eines gemütlichen, konservativen Bürokraten und arbeitete als Lehrer und Mitglied der Regierung. Als Autor war Seidl äußerst produktiv und vielfältig; am erfolgreichsten war er jedoch mit seinen Gedichten. Nicht überraschend ist es daher, dass sein Gedicht Gott erhalte, Gott beschütze in Kombination mit Haydns Musik zur österreichischen Nationalhymne wurde. Seidl und Schubert kannten sich persönlich; der Autor verfasste ihm zu Ehren das Klagelied Meinem Freunde Franz Schubert: Am Vortrage seines Begräbnisses. Insgesamt wurden fünfzehn Gedichte Seidls von Schubert vertont.[6]

Zu welchem Zeitpunkt Die Taubenpost genau entstand, ist nicht bekannt; in einer umfassenden Gedichtsammlung von 1826 ist es nicht zu finden. Schubert erhielt es aller Vermutung nach als Manuskript von Seidl, womöglich verfasste es der Poet sogar mit dem Gedanken an eine Vertonung durch Schubert.[7]

1.1.2) Das Gedicht:

Ich hab eine Brieftaub' in meinem Sold, Bei Tag, bei Nacht, im Wachen, im Traum[8]
Die ist gar ergeben und treu, Ihr gilt das alles gleich,
Sie nimmt mir nie das Ziel zu kurz, Wenn sie nur wandern, wandern kann,
Und fliegt auch nie vorbei. Dann ist sie überreich!

Ich sende sie viel tausendmal Sie wird nicht müd, sie wird nicht matt,
Auf Kundschaft täglich hinaus, Der Weg ist stets ihr neu;
Vorbei an manchem lieben Ort, Sie braucht nicht Lockung, braucht nicht Lohn
Bis zu der Liebsten Haus. Die Taub‘ ist so mir treu.

Dort schaut sie zum Fenster heimlich hinein, Drum heg ich sie auch so treu an der Brust,

Belauscht ihren Blick und Schritt, Versichert des schönsten Gewinns;
Gibt meine Grüße scherzend ab Sie heißt – die Sehnsucht!
Und nimmt die ihren mit. Kennt ihr sie? – Die Botin treuen Sinns.

Kein Briefchen brauch ich zu schreiben mehr,
Die Träne selbst geb ich ihr:
Oh, sie verträgt sie sicher nicht,

Gar eifrig dient sie mir.

In Johann Gabriel Seidls Textvorlage wird das Motiv der Brieftaube aufgegriffen, die in dieser Zeit tatsächlich eine starke Verbreitung fand. Das lyrische Ich berichtet von seiner treuen Taube; er sendet sie als Botin zum Haus seiner Geliebten. Am Schluss der Taubenpost wird verraten, dass die Brieftaube symbolisch für „die Sehnsucht“ (Strophe 7, Vers 3) des Protagonisten nach der Angebeteten steht.

Das Gedicht umfasst insgesamt sieben Strophen bestehend aus vier Versen. Der Reim ist hier nicht konstant; bei diesem unvollständigen Kreuzreim beziehen sich jeweils der zweite und vierte Vers aufeinander (a, b, c, b). Die Metrik des Gedichts ist ein unregelmäßiger Daktylus.

Der allgemeine Eindruck des Textes ist von eher heiterer Art. Verstärkt wird dies durch die Verwendung positiv konnotierter Wörter wie „scherzend“ (Strophe 3, Vers 3) oder „schönsten“ (Strophe 7, Vers 2). Dies lässt vorgreifend auf Schuberts Vertonung vermuten, dass auch das Lied keine düstere Grundstimmung aufweist, wie sie beispielsweise in den vorangestellten Heine-Liedern zu finden ist.

Trotz dieses generell munteren Charakters ist der Anklang eines subtilen und dennoch nicht von der Hand zu weisenden Gefühls von Sehnsucht des lyrischen Ichs nicht zu leugnen: Die Heiterkeit des Protagonisten ist nicht gänzlich unbefangen; der Schmerz über die Abwesenheit der Geliebten scheint präsent zu sein.

Während die erste Strophe des Gedichtes sich der Lobpreisung der treuen Brieftaube widmet, lässt die zweite das tiefe Sehnsuchtsgefühl des Liebenden schon erahnen: Er sendet die Botin „viel tausendmal“ (Vers 1) zum Haus der Angebeteten.

In Strophe drei fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf die Anwesenheit der Taube bei der Geliebten; sie „schaut zum Fenster heimlich hinein“ (Vers 1).

Der Eindruck einer leichten, von Sehnsucht geprägten Melancholie verfestigt sich in der vierten Strophe: Das lyrische Ich überreicht seiner Botin nicht etwa Briefe, sondern seine Tränen. Der Schmerz über die Abwesenheit der Geliebten ist hier deutlich präsent.

Die fünfte Strophe widmet sich wieder ganz der Lobpreisung der tüchtigen Brieftaube, die „bei Tag, bei Nacht, im Wachen“ und auch im „Traum“ fliegt. Hier wird möglicherweise bereits der surreale Aspekt dieser Liebesbotin angedeutet, welcher sich – nach einem erneuten Lob der Taube in Strophe fünf – in der letzten, siebten Strophe verfestigt und aufklärt:

Die Brieftaube steht hier sinnbildlich für die Sehnsucht des Protagonisten nach seiner Geliebten.

[...]


[1] Fischer-Dieskau, Dietrich: Auf den Spuren der Schubert-Lieder. Werden – Wesen – Wirkung. Mit 76 Abbildungen, Wiesbaden 1972, S. 9.

[2] Vgl. S. 13 ff.

[3] Genau genommen ist der Schwanengesang kein Zyklus im eigentlichen Sinne, da er zwar Lieder aus Schuberts letzter Schaffensperiode bezeichnet, jedoch erst nach dessen Tod zusammengestellt und benannt wurde. Chusid, Martin: A Companion to Schubert’s Schwanengesang. History, Poets, Analysis, Performance, New Haven [u.a.] 2000, S. 7.

[4] Notentext: Schubert, Franz: Neue Ausgabe sämtlicher Werke. Herausgegeben von der internationalen Schubert-Gesellschaft [Ed.-Ltg.: Walter Dürr], Serie IV, Band 14/2, Kassel [u.a] 1988.

[5] Chusid 2000, S. 34.

[6] Chusid 2000, S. 36ff.

[7] Youens, Susan: Schubert's late lieder: Beyond the song-cycles, Cambridge [u.a.] 2002, S. 404.

[8] Text der Seite: http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=14766 entnommen.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Analyse von Schuberts "Taubenpost" aus dem Zyklus "Schwanengesang"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V193328
ISBN (eBook)
9783656182641
ISBN (Buch)
9783656183891
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwanengesang, Schubert, Lied, Liedzyklus
Arbeit zitieren
Henriette Schwarz (Autor), 2009, Analyse von Schuberts "Taubenpost" aus dem Zyklus "Schwanengesang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193328

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