Anfang der 1990er Jahre mit der Auflösung der Sowjetunion und dem Ende des Realsozialismus in den osteuropäischen und asiatischen Staaten, kam es zu verschiedenen Maßnahmen, die den schnellen und reibungslosen Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft mit sich bringen sollten; sowie den Übergang von einem totalitären Regime zu einer funktionierenden Demokratie. Unter anderem ist dies mit dem Rückgang von staatlicher Kontrolle und dem staatlichem Auffangnetz verbunden. Diese Prozesse waren vom Westen sowie von einigen Akteuren des Ostens initiiert. Die beschriebenen Prozesse wurden in den ehemals sozialistischen Staaten auf verschiedene Art versucht umzusetzen oder ansatzweise umgesetzt. Dabei kam es während der Transformationsprozesse zu regionalen Unterschieden.
Diese Hausarbeit beleuchtet auf der Mikroebene, die Auswirkungen der Transformationsprozesse. Dabei geht es um die Frage, in wie weit der Aufbau eines NGO - Sektors, einen Einblick in Konzepte wie Zivilgesellschaft und Transformation bietet. Die hier beschriebenen NGOs befinden sich in den Städten der Ukraine und wurden von Frauen im mittleren Alter gegründet und werden bis heute von Frauen geleitet. Für die Frauen ist dies eine Anpassungsstrategie an die finanziellen und auch persönlichen Probleme, die innerhalb der beschriebenen Prozesse entstanden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung.
2. Die Transformationsgesellschaft Ukraine.
3. Zivilgesellschaft in den Transformationsländern.
4. NGO- Mitgliederinnen in der Ukraine.
4.1. Das ethnographische Material.
4.2. Gemeinsame Rahmenbedingungen.
5. Die Arbeitsweise der NGOs, am Beispiel vom Aufbau von Sozialunternehmen.
5.1. Netzwerke zum Austausch von Ressourcen.
5.2. Die Umsetzung von Sozialunternehmen.
5.3. Probleme bei der Umsetzung eines westlichen Unternehmermodells.
6. Eigenwahrnehmung der Frauen.
6.1. Der Diskurs.
6.2. Selbsthilfe durch Hilfe
7. Die Transformationsprozesse und Zivilgesellschaft auf lokaler Ebene.
8. Fazit.
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht auf Mikroebene die Auswirkungen der Transformationsprozesse in der Ukraine und analysiert, inwiefern der Aufbau eines NGO-Sektors Einblicke in Konzepte der Zivilgesellschaft bietet. Im Fokus steht dabei die Frage, wie Frauen im mittleren Alter diese Strukturen als Anpassungsstrategie nutzen, um auf ökonomische und persönliche Herausforderungen nach dem Ende des Staatssozialismus zu reagieren.
- Analyse der Transformationsgesellschaft Ukraine nach 1990
- Konzepte der Zivilgesellschaft in Transformationsländern
- Die Rolle von NGOs als Überlebensstrategie (survival strategies)
- Kapitalformen nach Bourdieu im Kontext des NGO-Sektors
- Gender-spezifische Diskursmuster und Eigenwahrnehmung der beteiligten Frauen
Auszug aus dem Buch
Die Umsetzung von Sozialunternehmen
Counterpart International führt seit 1992 Programme in der Ukraine und anderen postsowjetischen Staaten durch. Das Programm um Sozialunternehmern aufzubauen wurde von Counterpart's Alliance for Partnership (CAP) einer Partnerorganisation von Counterpart durchgeführt (Phillips, 2005: 256).
Von 1999 bis zum Ende des Pilotprogramms 2002 gab es in der Ukraine ein von CAP initiiertes Programm, wobei ökonomisches Kapital wie unverzinsliche Darlehen an NGO DirektorInnen, weitergegeben wurde. Von 45 TeilnehmerInnen an einem Informationsseminar wurden 5 ausgesucht um das Unternehmensaufbautraining mitzumachen. Davon bekamen vier (alles Frauen) 1000 US- Dollar um ein kleinständiges Unternehmen aufzubauen (ebd.: 261). Hier wird verdeutlicht, wie das ökonomische Kapital, sowie kulturelles Kapital, in Form von Wissen zum Aufbau der Unternehmen vom Westen zum Osten weitergegeben wird. Dabei entscheidet die Organisation, wer die 1000 US- Dollar erhält. Neben dem Fluss von kulturellen sowie ökonomischen Kapital, ist in diesem Beispiel auch soziales Kapital von Vorteil gewesen. Da die Organisationen in das Programm aufgenommen wurden, die schon einmal Spenden von CAP erhalten hatten (ebd.: 261).
Die Mercy Charitable Foundation geführt von Natalya erhielt das Darlehen. Die Stiftung mit Sitz in Zhytomyr leitet verschiedene Programme zur Unterstützung von Bedürftigen. Im Jahr 2000 wurde ein Café eröffnet, welches neben dem normalen Cafébetrieb zahlungsunfähigen Kunden ein Essen umsonst anbietet. Dieses Café stellt ein Beispiel für ein Sozialunternehmen dar. Durch dieses sowie andere Unternehmen von Mercy wird die Stiftung vollständig finanziert (Phillips, 2005: 261) Dieses Beispiel bestätigt, wie das ökonomische Kapital von den westlichen Geldgebern an die NGO Mitarbeiterinnen weitergegeben wird. Nach Sampson ist dieses Phänomen generell zu finden, da der Osten die westliche Hilfe benötigt. Im Gegenzug setzt der Westen die Konditionen, unter welchen diese Hilfe weitergegeben wird (Sampson, 1996: 123).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung.: Die Einleitung umreißt die Hintergründe der Transformationsprozesse nach dem Ende des Sozialismus und legt die Forschungsfrage zur Rolle von NGOs als Anpassungsstrategie ukrainischer Frauen fest.
2. Die Transformationsgesellschaft Ukraine.: Dieses Kapitel beschreibt die komplexen sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche in der Ukraine sowie die zunehmende ökonomische Marginalisierung der Bevölkerung.
3. Zivilgesellschaft in den Transformationsländern.: Es erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Zivilgesellschaft und der Kritik am Import westlicher Modelle in postsozialistische Kontexte.
4. NGO- Mitgliederinnen in der Ukraine.: Dieses Kapitel stellt das ethnographische Material vor und analysiert die Hintergründe und Rahmenbedingungen der Frauen, die im NGO-Sektor tätig sind.
5. Die Arbeitsweise der NGOs, am Beispiel vom Aufbau von Sozialunternehmen.: Hier wird anhand von Bourdieu-Kapitaltheorien erläutert, wie Netzwerke und Ressourcen in NGOs funktionieren und welche Herausforderungen bei westlichen Unternehmensmodellen auftreten.
6. Eigenwahrnehmung der Frauen.: Das Kapitel analysiert die Diskurse der Frauen über ihre Arbeit und zeigt auf, wie sie diese Tätigkeiten als Erweiterung ihrer geschlechtsspezifischen Rollen legitimieren.
7. Die Transformationsprozesse und Zivilgesellschaft auf lokaler Ebene.: Es findet eine Synthese statt, welche die lokale Umsetzung der Transformationsprozesse und die Funktion der Frauen als Mittelsmänner in globalen Netzwerken zusammenfasst.
8. Fazit.: Das Fazit bestätigt, dass die Arbeit in NGOs eine überlebenswichtige Anpassungsstrategie darstellt, die trotz fehlendem ökonomischem Ausgleich auf kultureller Ebene Identität stiftet.
Schlüsselwörter
Transformation, Ukraine, Zivilgesellschaft, NGO, Sozialunternehmen, Überlebensstrategie, Gender, Bourdieu, Kapitalformen, Mikroebene, Ethnographie, Diskurs, sozialer Wandel, Marktdemokratie, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der gesellschaftlichen Transformation nach dem Ende der Sowjetunion auf die Lebensrealität von Frauen in der Ukraine und deren Engagement im zivilgesellschaftlichen Bereich.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Transformationsprozesse in postsozialistischen Staaten, die Funktionsweise von NGOs, Konzepte der Zivilgesellschaft und die geschlechtsspezifische Rollenverteilung in Arbeitskontexten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu ergründen, wie ukrainische Frauen im mittleren Alter den Aufbau von NGOs als Anpassungsstrategie nutzen, um mit den wirtschaftlichen und persönlichen Herausforderungen der Systemtransformation umzugehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine ethnologische Arbeit, die auf vorhandenem ethnographischem Material, Literaturrecherche und der Analyse von "life histories" sowie qualitativen Beobachtungen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den theoretischen Grundlagen der Zivilgesellschaft, dem Aufbau von Sozialunternehmen, dem Austausch von Ressourcen (Kapitalformen nach Bourdieu) und den diskursiven Identitätskonstruktionen der Frauen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Transformation, NGO, Überlebensstrategien (survival strategies), Gender-Identität, Zivilgesellschaft und Kapitaltheorien.
Warum spielt die Konzeptherkunft eine so große Rolle?
Die Arbeit hinterfragt kritisch, dass viele zivilgesellschaftliche Modelle aus dem Westen importiert wurden, ohne die spezifischen sozialen und historischen Voraussetzungen der postsozialistischen Gesellschaften ausreichend zu berücksichtigen.
Wie unterscheidet sich die individuelle Wahrnehmung der Frauen von der Theorie?
Während die Theorie (z.B. nach Sampson) NGOs oft als Aufstiegsinstrument für eine neue Elite betrachtet, zeigen die Fallbeispiele, dass viele Frauen trotz ihres Engagements ökonomisch marginalisiert bleiben und die NGO-Arbeit primär als stabilisierende Nische begreifen.
- Arbeit zitieren
- Magister Anja Nikodem (Autor:in), 2008, Die Teilnahme von ukrainischen Frauen an der Zivilgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193329