Die DDR-Pädagogik in den Jugendwerkhöfen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Jugendwerkhof

3. Geschichte und Struktur der Jugendwerkhöfe

4. Einweisung in die Jugendwerkhöfe
4.1 Schwererziehbarkeit als Einweisungsgrund

5. Umerziehung
5.1 Sozialistische Erziehung
5.1.1 Kollektiverziehung
5.1.2 Arbeitserziehung
5.1.3 Erziehung zur bewussten Disziplin
5.1.4 Politisch-ideologische Erziehung
5.1.5 Nachbetreuung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall spielt die Pädagogik der ehemaligen DDR immer noch eine große Rolle, denn sie hat an den Menschen, die sie erfahren haben, ihre Spuren hinterlassen. Nach und nach werden Stimmen laut, die nach Rehabilitierung verlangen, um dem Leiden der Jugendlichen in den Jugendwerkhöfen Rechnung zu tragen.

In dieser Arbeit möchte ich auf die besondere DDR-Pädagogik in den Jugendwerkhöfen eingehen mit dem Ziel herauszufinden, was die Jugendlichen dort durchmachen mussten, sodass sie heute noch an den Folgen ihres Aufenthaltes dort leiden. Dazu werde ich zunächst den Begriff Jugendwerkhof definieren und dann auf die Geschichte und die Struktur der Jugendwerkhöfe eingehen. Der Grund der Einweisung wie z.B. Schwererziehbarkeit wird von mir ebenfalls beleuchtet. Einen wichtigen Teil macht dann die Umerziehung in den Werkhöfen aus. Inhalte der Umerziehung sind die sozialistische Erziehung mit ihren Eckpfeilern, der Kollektiverziehung, der Arbeitserziehung, der Erziehung zur bewussten Disziplin und zuletzt der Politisch-ideologische Erziehung. Im letzten Teil, der Nachbetreuung, wird dann deutlich werden, ob die DDR-Pädagogik der Jugendwerkhöfe ihr Ziel erreichte oder nicht.

2. Definition Jugendwerkhöfe

Unter Jugendwerkhöfe versteht man Spezialheime der DDR zur Umerziehung schwererziehbarer Jugendlicher im Alter von 14 bis 18 Jahren, mit dem Ziel, sie mit Hilfe der „kollektiven Methode“ nach sowjetischem Vorbild wieder zu „vollwertigen“ Mitgliedern der Gesellschaft zu machen (vgl. Jahn 2009, S. 35).

„Jede Form der speziellen pädagogischen Einflussnahme – ob im Spezialkinderheim … oder die Umerziehung im Jugendwerkhof – sind günstige Bedingungen, die unser Staat geschaffen hat. Sie sind darauf gerichtet, auch für diese Mädchen und Jungen, die schulpolitische Aufgabenstellung, jedem Kind eine hohe Bildung und kommunistische Erziehung zu sichern, zu verwirklichen“ (Jahn 2010, S. 54 zitiert nach Bundesarchiv Berlin, DR 2/ 12293, 1984, Bl. 7.)

Die Jugendwerkhöfe und Spezialkinderheime waren den Räten der Bezirke, Abteilung Volksbildung unterstellt, während die Aufnahmeheime, der geschlossene Jugendwerkhof Torgau und die Sonderheime der Jugendhilfe der Zentralstelle für Spezialheime beim Ministerium für Volksbildung unterstanden. Erstere war auch zuständig für „die Anleitung und Aufsicht, die Besetzung mit Lehrern, Erziehern und Lehrausbildern und die materielle Ausstattung und Versorgung der Spezialkinderheime und Jugendwerkhöfe“ (Jahn 2010, S. 54).

3. Geschichte und Struktur der Jugendwerkhöfe

Die Geschichte der Jugendwerkhöfe nahm ihren Anfang mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Anfang der 50er Jahre. Zu dieser Zeit litten viele Jugendliche und Kinder unter von Bombenkrieg, Evakuierung, Flucht und Vertreibung, sodass es allein in der Sowjetischen Besatzungszone etwa 200 000 verwahrloste Kinder gab, die sich teils prostituieren mussten, um zu überleben. Als Konsequenz ihrer Armut und Traumatisierung begangen sie Diebstähle, betrugen oder trieben Schwarzhandel. Die Jugendämter waren mit der Situation hoffnungslos überfordert, die „kriminell gefährdeten und sich herumtreibenden Jugendlichen zu betreuen (Jahn 2009, S. 36), sodass sie aufgrund des Mangels an Heimplätzen nichts anderes mehr tun konnten als die Jugendlichen wieder zu entlassen.

Hinzukam, dass die meisten pädagogischen Einrichtungen, die bis dahin bestanden, mit den Jugendlichen nicht zurechtkamen. Aufgrund dessen sollten neue Heime errichtet werden mit gut ausgebildeten, „befähigten“ (Jahn 2009, S. 36) Erziehern. In diesen Jugendwerkhöfen sollten die Jugendlichen eine Chance auf eine vernünftige Ausbildung erhalten und ihre Freude an der Arbeit und einem geordnetem Leben wiederentdecken. In der Freizeit waren Sport, Spiel und Kulturveranstaltungen sowie politische Vorträge vorgesehen. Um die vernachlässigten Schulkenntnisse wollte man sich ebenfalls kümmern (vgl. Jahn 2009, S. 36). Per Befehl der SMAD am 25. Juli 1946 war die Hauptaufgabe der Spezialheime „die Erziehung der Kinder im demokratischen Sinne und frei von allen Rassen-, faschistischen, militärischen und anderen reaktionären Ideen und Tendenzen“ (Jahn 2009, S. 36).

Nach der Gründung der DDR veränderten sich diese Ziele deutlich. Die DDR-typische Heimerziehung hatte zum Ziel, „die Erziehung der Jugend zu aktiven Erbauern eines geeinten demokratischen und friedliebenden Deutschlands, zu Kämpfen für den Frieden und zu Freunden aller friedliebenden Völker mit der Sowjetunion an der Spitze“ (Jahn 2009, S.36).

Nach 1951 änderte sich die Jugendhilfe erneut, denn während vorher noch der Grad der Erziehungsprobleme des jeweiligen Jugendlichen ausschlaggebend für die Wahl der Einrichtung war, so stand ab 1951 das Angebot an Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Vordergrund. Seitdem wurde nach sogenannten „Normalkinderheimen, Spezialkinderheimen, Aufnahme- und Beobachtungsheimen, Jugendwerkhöfen, Jugendwohnheimen, Heime für schwererziehbare, bildungsfähige und schwachsinnige Jugendliche sowie Durchgangsstationen“ (Jahn 2009, S.36) unterschieden und damit nach Zweckbestimmung sowie nach Ausbildungsmöglichkeiten differenziert.

Demnach sollten in der Kategorie A Jugendliche einen Platz finden, die auf dem Wissensstand der sechsten bis achten Klasse waren, während in der Kategorie B Schüler waren, die das Wissen bis einschließlich der fünften Klasse hatten. Ziel der Jugendwerkhöfe war die Erreichung der achten Klasse für die Schüler beider Kategorien. Die heimeigenen Werkstätten der Kategorie A dienten so der Berufsfindung; die der Kategorie B dagegen der Berufsfindung und der wirtschaftlichen Unterstützung des Jugendwerkhofes selbst. Dieses Konzept der Aufteilung in zwei Kategorien konnte jedoch in der Tat nicht umgesetzt werden, da viele Jugendliche nur ein- bis anderthalb Jahre im Jugendwerkhof verbrachten und somit die achte Klassenstufe oder eine Berufsausbildung, die über zwei bis drei Jahre ging, nicht abschließen konnten. Aus diesem Grund entschied das Volksbildungsministerium, den Fokus auf die produktive Arbeit und damit auf eine „zielgerichtete berufliche Ausbildung oder Qualifizierung“ (Jahn 2010, S. 55) zu legen.

Anfang der 60er Jahre wurde jedoch erneut massive Kritik an den Jugendwerkhöfen geübt, die sich auf „gravierende Mängel in den Einrichtungen selbst, in der Belegungspraxis, aber auch in der konzeptionellen und pädagogischen Grundlegung und der Anleitung und Kontrolle durch die zuständige Referate“ (Jahn 2010, S. 55) bezog. „Die Erzieher haben es nicht verstanden, positive Jugendliche vor der Brutalität anderer Heimzöglinge zu schützen. So beging eine FDJ-Leitungsmitglied einen Selbstmordversuch, weil er die dauernden Repressalien von Seiten seiner Brigademitglieder nicht mehr ertragen konnte“ (Jahn 2010, S. 55). Teilweise musste festgestellt werden, dass „gegenwärtig nicht einmal die elementaren Bedingungen der Ordnung und Disziplin gewährleistet sind, geschweige denn ein Umerziehungseffekt gegeben ist“ (Jahn 2010, S. 56)

Dies machte eine Neustrukturierung erforderlich, denn man wollte verhindern eine Angriffsfläche für politische Unruhen zu bieten. So wurde am 28. Mai 1964 eine Einteilung in die Jugendwerkhöfe Typ I und Typ II durchgeführt. Typ I war gedacht für eine „kurzfristige Disziplinierung“ (Jahn 2010, S.58) ohne berufliche Qualifizierung der Jugendlichen, „bei denen es auf eine schockartige Unterbrechung ihres Lebensweges und nicht auf den zwangsweisen Neubeginn ankommt“ (Jahn 2010, S. 58f. zitiert nach Bundesarchiv Berlin, DR 2/ 23477, 1964, Bl.2.). Die Abschaffung dieses Jugendwerkhoftyps erfolgte bald, denn es stellt sich heraus, dass eine Verhaltens- und Motivationsänderung bei einem so kurzen Aufenthalt nicht eintrat.

In den Jugendwerkhof des Typs II sollten Jugendliche eingeliefert werden, die „eine[n] hohen Grad an Fehlentwicklung“ (Jahn 2010, S. 59) zeigten. Hier sollten sie eine berufliche Qualifizierung erlangen, die an eine „sinnvolle Freizeitgestaltung und einer straffen Heimordnung“ (Jahn 2010, S. 59) gekoppelt war. Innerhalb dieser Typisierung wurde auch die Unterteilung in Jugendwerkhöfe für Normalschüler (A) und für Hilfsschüler (B) vorgenommen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die DDR-Pädagogik in den Jugendwerkhöfen
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V193382
ISBN (eBook)
9783656184317
ISBN (Buch)
9783656185123
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ddr-pädagogik, jugendwerkhöfen
Arbeit zitieren
Ulla Nachtigall (Autor), 2011, Die DDR-Pädagogik in den Jugendwerkhöfen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193382

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