Zigarren verändern die kleine Welt

Ländliche Industrialisierung der Pfalz und ihre sozialen Auswirkungen im 19. und 20. Jahrhundert im Einzugsgebiet von Mannheim am Beispiel der Zigarrenfabriken in Rödersheim-Gronau


Fachbuch, 2012
122 Seiten

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Vorwort, Fragestellung und geografische Situation

2. Zeittafel: Ortsgeschichte, Tabak und Zigarrenfabriken

3. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
3.1. Der Rhein als Lebensader und Mannheim als Motor der pfälzischen Wirtschaft im 19. Jahrhundert – und ihrer Zigarrenindustrie
3.3. Bevölkerungsexplosion: Deutliche Zunahme der Einwohnerzahl ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis ca. 1925
3.3. Kleinflächige Parzellierung der Landwirtschaft als ein Effekt der ländlichen Industrialisierung
3.4. Von Mannheim in die Vorderpfalz - nach Rödersheim und Alsheim
3.5 Industrierelevante Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur im Ort

4. Sozialer Wandel
4.1. Die Entwicklung im Überblick
4.2. Wandel des sozialen Systems

5. Vertiefende Betrachtung einzelner Ausprägungen des gesellschaftlichen Lebens
5.1. Werkmeister steuern die Veränderung
5.2. Freizeit und Vereinsleben
5.3. Die Zigarrenarbeiterin
5.4. Heimarbeit und Kleinfabrikanten
5.5. Gewerkschaften
5.6. Arbeit und Leben im Alltag Arbeitszeit – Wohnsituation – Entlohnung – Ernährung – Berufskrankheiten – Arbeitsschutz und Fabrikaufsicht

6. Eine Zigarre entsteht – Produktionsschritte in den Zigarrenfabriken von Rödersheim und Alsheim
6.1. Tabak vom Feld in die Fabrik
6.2. Schritt 1: Tabakvorbereitung mit Reißen und Entrippen
6.3. Schritt 2: Wickeln
6.4. Schritt 3: Rollen
6.5. Schritt 4: Konfektionieren

7. Fabrikstandorte und auswärtige Hersteller in Rödersheim und Alsheim

8. Jüdische Firmen mit Betrieben in Rödersheim und Alsheim

Literaturverzeichnis/Quellen/Bildnachweise

1. Vorwort, Fragestellung und geographische Situation.

„Der Tabak hat eine weltgeschichtliche Bedeutung. Jeder muss ihm das zuerkennen, ob er ihn für gesund oder schädlich hält, ihn liebt oder verabscheut.“

Hoffmann v. Fallersleben (nach Aschenbrenner/Stahl Vorwort)

Der Raum „Vorderpfalz“, eingegrenzt durch den Rhein im Osten, den Mittelgebirgszug der Haardt im Westen, das rheinhessische Hügelland im Norden und die französische Grenze im Süden zeigt eine ganz eigene Siedlungsstruktur. Sie ist gekennzeichnet durch die morgendlichen Autokolonnen mit vollen Bussen und Zügen sowie Stau auf der Autobahn A650: Angestellte und Arbeiter aus den Dörfern und Städten der Region fahren in das Zentrum der Metropolregion Rhein-Neckar, nach Mannheim und Ludwigshafen – und abends wieder zurück. Die Städte und Dörfer liegen relativ dicht gedrängt in der Rheinebene um das Zentrum herum.

Wie Beck (S. 13) beschreiben viele Autoren die morphologische Gestalt der Vorderpfalz mit den vier Hauptzonen (vom Rhein bis zum Haardtrand): Stromaue, Terrassenriedelland, Vorhügelzone und vordere Gebirgszone des Pfälzer Waldes.

Der Bereich Mittelhaardt weißt dabei höchst unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten auf, die heute in den groben Agrarzonen Rheinauen, Weinbau, Gemüsebau, Waldflächen vereinfacht dargestellt werden. Die „Böhler Platte“ liegt dabei als höchst fruchtbare Lößfläche im Gebiet der Vorhügelzone und zeichnet sich entsprechend durch eine hohe – seit der Römerzeit nachgewiesene – Besiedlungsdichte aus.

Östlich am Rhein werden die Zonen durch den Rhein und das Zentrum der Metropolregion Rhein-Neckar – Mannheim/Ludwigshafen – mit ihrer hohen Industriedichte begrenzt. Dort finden sich seit dem 20 Jahrhundert auch die Mehrzahl der Arbeitsplätze der Region.

Ein dichtes Verkehrswegenetz ermöglicht kurze Anfahrtszeiten an den Arbeitsplatz und so ein Leben außerhalb des städtischen Zentrums „auf dem Land“. An der Schnittstelle zwischen dem „Gemüsegarten Deutschlands“ und der „exklusiven“ Weinregion Mittelhaardt – wie das pfälzische Regionalmarketing die Region derzeit positioniert – liegt mit rund 3000 Einwohnern die Gemeinde Rödersheim-Gronau.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Rödersheim-Gronau liegt im Mittelpunkt des Dreiecks der pfälzischen Städte Ludwigshafen, Neustadt an der Weinstraße und Bad Dürkheim, am Schnittpunkt zwischen dem Weinbaugebieten an der Weinstraße und dem Obst- und Gemüseanbau im Terrassen-Riedelland zum Rhein hin. Ludwigshafen/Mannheim ist ca. 20 km entfernt.

Die Ortsteile Rödersheim und Alsheim (vorher auch Alsheim bei Gronau mit Bezug auf die abgegangene Burg Gronau, ab 1921 Alsheim-Gronau, nach Volkert S. 515 ) entstanden - höchstwahrscheinlich im 6. Jahrhundert - als typische Bauernsiedlungen, deren Strukturen fast 1500 Jahre durch die Landwirtschaft bestimmt wurden. Erst vor nicht einmal 150 Jahren änderte sich dies innerhalb weniger Jahre grundlegend:

Heute ist der Ort im Wesentlichen ein Wohnort ohne Industrie und nur wenigen ortsansässigen Gewerbebetrieben. Rödersheim-Gronau zeigt sich als eine typische Wohnsiedlung der Vorderpfalz, deren Menschen vor allem in den Zentren der Metropolregion arbeiten, dagegen im Ort wohnen und viel von ihrer Freizeit verbringen.

Bis vor wenigen Jahren galt der Ort als klassisches „Anilinerdorf" (Aniliner ist die volkstümliche Bezeichnung für Mitarbeiter der BASF, früher benannt als Badische Anilin- und Sodafabrik), das vom Arbeitsrhythmus der Industrie geprägt war.

Die technisch hochgerüstete Landwirtschaft ist hier ausgeprägt und bestimmt das Landschaftsbild außerhalb der Siedlungen, betrifft jedoch nur noch eine sehr kleine Zahl von Einwohnern: Die Ackerflächen machen zwar 91,4% der Gemarkung aus, jedoch werden diese 2009 nur noch von 15 Haupt-und Nebenerwerbslandwirten bewirtschaftet (Online-Datenbestand des Statistisches Landesamtes 2010). Ein großer Anteil der landwirtschaftlichen Flächen wird von auswärtigen Landwirtschaftsunternehmen bewirtschaftet.

Die Einwohner pendeln somit zum größten Teil täglich zu den Arbeitsstätten in den Zentren der Umgebung und verbringen ihre Freizeit am Ort.

Mit einer guten Versorgungsinfrastruktur und umfassendem Vereinsleben ist der Ort auch für junge Familien interessant, da Eltern ihren Kindern ein „behütetes“ Leben und Aufwachsen bieten können.

Noch vor rund einhundertfünfzig Jahren waren die Einwohner fast ausschließlich – unmittelbar oder mittelbar – von der Landwirtschaft abhängig, die Gesellschaft durch die Landwirtschaft bestimmt. Das Leben auf und mit dem Feld bestimmte den Lebens-Rythmus und die soziale Stellung in der Gesellschaft. Nur wenige Einwohner arbeiteten als Handwerker am Ort und in den umliegenden Gemeinden, noch weniger waren als Händler oder anderen Dienstleistungsbranchen tätig. Wer in der Landwirtschaft kein Auskommen fand, sei es in der Bauernfamilie, als Knecht/Magd oder Tagelöhner, war zum Auswandern gezwungen.

Die Epoche der Zigarrenmacher brachte die erste grundlegende Veränderung dieser seit Gründung der Orte im Frühmittelalter bestehende Ordnung. Die Fabrikansiedlung stand in keinem Zusammenhang mit der örtlichen landwirtschaftlichen Produktion – der Tabakbau hatte zu diesem Zeitpunkt keine Bedeutung mehr am Ort.

Mit den Zigarrenfabriken im Ort entwickelte sich eine neue, industriell bestimmte Kultur in Rödersheim-Gronau. Sie prägte einige Jahrzehnte das Ortsbild mit eigenen Statussymbolen und Werthorizonten parallel zur traditionellen Bauernkultur, übernahm einige Elemente und verdrängte letztendlich die alten bäuerlichen Traditionen und Strukturen.

Damit bringt diese Epoche nach über 1150 Jahren den ersten grundlegenden gesellschaft-lichen Wandel im Dorf – in Rödersheim konnte weder die Reformation, noch der Dreißigjährige Krieg oder die Säkularisation einen auch nur ähnlichen grundlegenden Wandel erzeugen.

Diesen Wandel gab es auch in den anderen Gemeinden der Vorderpfalz – wenn auch mit anderen Industriezweigen wie der Schuhproduktion, Eisenverarbeitung oder der Weberei, bei denen die Industrie zu ähnlichen kulturellen Veränderungen führte. Auch dort bedeutet die ländliche Industrialisierung die Übergangsphase zur heutigen Wohn- und Freizeitkultur, die das Leben in den Gemeinden prägt. Die ländliche Industrie ist zurückgegangen, die Betriebe sind im Wesentlichen auf die rheinanliegenden Gemeinden und punktuelle Industriezentren wie Kaiserslautern konzentriert.

Die Arbeiter folgten jedoch der Industrie nicht, blieben mehrheitlich „auf Ihrer Scholle“ und pendelten täglich zur Arbeit „in die Stadt“. Dieses Verhalten begründet die eigentümliche, heute noch stark flächenorientierte Siedlungsstruktur des Rhein-Neckar-Dreiecks als Zentrum der Metropolregion Rhein-Neckar mit den Kernstädten Mannheim und Ludwigshafen.

Die Gründe für diese untypische Entwicklung und ihre sozialen Auswirkungen im Zuge der Industrialisierung werden am Beispiel von Rödersheim-Gronau deutlich.

Leider ist die Datenlage für die Zigarrenindustrie im Gebiet des linksrheinischen Gebietes der Pfalz, die nach der napoleonischen Zeit als „Rheinkreis“ Bayern zugeschlagen (und ab 1837 seitens der bayerischen Verwaltung den Namen Pfalz erhielt) und im Gegensatz zur rechtsrheinischen „Kurpfalz“ in der damaligen Literatur oft bayerische Pfalz genannt wurde, nicht sehr detailliert. Die bayerische Regierung hatte wohl wenig Interesse an der Erhebung entsprechender Daten. So wurden laut Wágner (S. 143) ab 1878 keine spezifischen statistischen Werte für die Tabakverarbeitung mehr erhoben. Dies scheint an der agrarisch orientierten Politik der bayerischen Regierung gelegen zu haben. Dagegen stehen für die badische Pfalz, deren Regierung die Industrialisierung und den Handel stark förderte, wesentlich umfangreichere Daten, Informationen und Auswertungen zur Verfügung. Die sozialen Auswirkungen der Industrialisierung in Baden können jedoch für die bayerische Pfalz als weitgehend analoge Effekte gesehen werden, da die soziodemographischen Strukturen und Ausgangssituationen weitgehend identisch waren.

Diese Arbeit kann somit einen Beitrag leisten für die Begründung der heutigen gesellschaftlichen Situation und damit auch für die Vorausschau der gesellschaftlichen Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten in der Pfalz, wenn durch steigende Energiekosten die Mobilität der Bevölkerung wieder eingeschränkt ist.

Schon heute wird deutschlandweit wieder ein Trend zur „Landflucht“ beobachtet. Wieweit wird sich dies in der Vorderpfalz auswirken? Der Blick in die Geschichte kann hier die Grundlage für die Antworten geben. Ein Blick in die Geschichte der Zigarrenmacher als eine der bedeutendsten Arbeitergruppen in der Pfalz um 1900.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Standesbewusste Arbeiter und Arbeiterinnen - Belegschaft Betrieb Brückelmayer vor 1914, Hauptstraße 179, links außen der Betriebsgründer, rechts außen dessen Vater.

2. Zeittafel: Übersicht der Zigarrenmacher-Epoche in Rödersheim und Alsheim-Gronau

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 3: Eine Gruppe Arbeiterinnen und Arbeiter des Betriebes Friedhofstraße 8,

Fa. Brunner&Schweitzer, ca. 1912.

Bis 1648

Die Nachbargemeinden Rödersheim und Alsheim sowie die benachbarte Burg Gronau werden mit den unterschiedlichen Herrschaften nicht nur politisch, sondern auch kulturell getrennt: Burg Gronau und Alsheim werden als kurpfälzische Besitztümer evangelisch geprägt, das Leben in Rödersheim als Besitz des Hochstiftes zu Speyer dagegen bis Mitte des 20 Jahrhundert von den katholischen Werthorizonten bestimmt. Bei beiden Orten bleibt jedoch die bäuerliche Kultur Grundlage des gemeinschaftlichen Lebens.

1737/1739

Erster urkundlicher Nachweis des Tabakanbaus in Rödersheim. Zunächst erscheint der Tabak in den Bestimmungen zur Abgabe des Zehnten. Zwei Jahre später ist vermerkt, dass Bauern mit der Bezahlung des ersteigerten Bauholzes vom Kirchenneubau warten können, bis sie ihren Tabak und Wein verkauft haben (Zech 1978).

1788

Erste deutsche Zigarrenfabrik in Hamburg. Die Hafenstädte Hamburg und Bremen waren erste Zentren der Zigarrenfabrikation.

1795

Die Burg Gronau wird zerstört und in Folge abgetragen.

1798

Die linksrheinische Pfalz Ende der Zugehörigkeit von Rödersheim zum Domkapitel/Hochstift Speyer nach mehr als 940 Jahren. Bereits mit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 858 ist die Zugehörigkeit des Ortes zum Speyerer Dom als Guts- und Zehnthof belegt. Noch 1952 erfolgt anlässlich einer Glockenweihe ein „Treuegelöbnis des Volkes zum Bischof“

(Zech 1989 S. 75)

N ach 1800

Mannheim wird Hauptumschlagplatz für die süddeutschen Tabakanbaugebiete und Ausgangspunkt der regionalen Zigarrenfabrikation.

Ab ca.1820

Ausbreiten der Zigarrenfabrikation vor allem in der Kurpfalz und den badischen ländlichen Gebieten. Zunächst wird die Produktion als Ergänzung zu den anderen Tabakfabrikaten wie Pfeifen oder Kautabak betrieben. Verwendet werden vor allem die örtlichen angebauten Tabake. Die Nachfrage für die vergleichsweise teuren Stücke erscheint eher gering.

Ab 1805 bis 1871

Der schrittweise Wegfall von Zollschranken und die Verringerung der Transportkosten insbesondere über den Rhein ermöglicht Zug um Zug die wirtschaftliche Einfuhr von zigarrenspezifischen Auslandstabaken und damit die Produktion von hochwertigen Zigarren. Züchtung und Anbau heimischer Zigarrentabaksorten wie Geudertheimer und Lorscher Deckblatt sowie Anbau außerregionaler, geeigneter Sorten wie Goundie unterstützen die Preisreduzierung.

Ab ca. 1840

Mannheim steigt mit der wachsenden Bedeutung des Hafens zur Handelsmetropole auf. Die jüdischen Makler entdecken das Geschäft mit der Zigarre.

1857

August Becker beschreibt in seinem Buch "Die Pfalz und die Pfälzer" (S. 54) u.a. Rödersheim und Alsheim Gronau als "Getreide- und Tabakbau- Gemeinden." Die "Blätter für Landwirtschaft und Gewerbewesen" verzeichnen für dieses Jahr für Rödersheim und Alsheim-Gronau eine Jahresproduktion an Tabak von insgesamt 980 Tonnen der Sorten Ammerforter, Friedrichsthaler und Goundie.

Mit der neuen chemischen Düngung und dem chemischen Pflanzenschutz verliert der Tabakbau aber innerhalb weniger Jahrzehnte an Bedeutung zugunsten lohnenderer Feldfrüchte. Ende des 19.Jahrhunderts ist über den Eigenbedarf hinaus kein Tabakanbau in den Orten mehr festzustellen.

Ca. 1865 bis 1870

Die Entwicklung der Hanauer Pressformen bringt eine deutliche Preissenkung der Zigarre.

Ab ca. 1870

Zigarrenrauchen wird Mode: Passionierte Zigarrenraucher wie Bismarck geben den Trend vor. Vom Luxusobjekt des Adels wandelt es sich zum Kennzeichen des bürgerlichen Wohlstands. Die Pfeife wird Kennzeichen des „Armen Mannes“.

1878

Mit Zugenfuß, Schneider (Hördt) erste derzeit bekannte Betriebsanmeldung einer Zigarrenfabrikation am Ort.

1883

Gesetz zur Krankenversicherung der Arbeiter, in den Gemeindekassen werden Krankenversicherungskassen eingerichtet (Ortskrankenkassen).

1887

Friedrich Maurer siedelt den Betrieb Brunner&Schweitzer, Mannheim von Alsheim nach Rödersheim in firmeneigene Gebäude um und wird dort „1.Werkmeister“. Die Zigarrenfabrikation überflügelt schnell die Landwirtschaft und nimmt in der wirtschaftlichen Bedeutung die zentrale Stelle im Ort ein.

Gründung des Männergesangvereins Frohsinn als Gesangverein der Zigarrenmacher. Weitere Vereine, die von den Zigarrenmachern mindestens stark beeinflusst wurden (durch überproportionale Vertretung der Zigarrenmacher in der jeweiligen Vorstandschaft), entstanden in den Folgejahren beispielsweise 1897 der Turnverein Rödersheim e.V.,1898 der sozialcharitative St.Elisabethenverein e.V. Rödersheim oder 1899 der Kirchenchor St. Leo Rödersheim.

1912

„Glanzzeit der Rödersheimer Zigarrenmacher“: 4 Fabrikbetriebe in Rödersheim erwähnt, Nennung der Beschäftigtenzahl rund 800 (allein Brunner&Schweitzer bis 300) – bei einer Einwohnerzahl von 1250. In Alsheim werden bei 350 Einwohner rund 150 Arbeiter in den örtlichen Fabrikationsbetrieben gezählt.

1914

Zusammenlegung der Ortskrankenkassen zu den AOK: Der Streit zur Einrichtung einer Betriebskrankenkasse für Brunner&Schweitzer zur Entlastung der Ortskrankenkasse erübrigt sich.

Ausbruch es ersten Weltkrieges: Die Männer werden für körperlich schwere Arbeiten oder an der Front benötigt - die Frauen bestimmen endgültig das Bild der örtlichen Fabrikarbeit.

1918

Besatzungszone und wirtschaftliche Abschottung: Mit dem Rhein als Grenze können die Mannheimer Firmen den Betrieb nicht mehr aufnehmen. Erst Jahre später werden Mannheimer Firmen wieder hier fertigen.

1927

Nur noch rund 200 Beschäftigte arbeiten in den Rödersheimer Zigarrenfabriken, vor allem Frauen. Einige Zigarrenarbeiterinnen und -arbeiter pendeln täglich bis nach Mannheim und Kaiserslautern. Die meisten männlichen Arbeiter pendeln nach Ludwigshafen zur besser bezahlten Arbeit in anderen Branchen, immer mehr in die BASF.

Alsheim bei Gronau wird umbenannt in Alsheim-Gronau.

1933

Maschinenverbotsgesetz: Die Automatisierung des Zigarrenmachens wird verboten. Landwirtschaft wird vom Deutschen Reich stark subventioniert, auch im Ort gründen sich neue Landwirtschaftsbetriebe.

1936

Rödersheim wird als „Dorado der Zigarrenmacher“ bezeichnet.

1941 bis 1945

In der Kriegswirtschaft sind praktisch alle Betriebe stillgelegt. Ab 1945 Wiederaufnahme der Produktion, vor allem in Kleinbetrieben

Ab 1948

Größter Zigarrenbetrieb in Alsheim-Gronau und Rödersheim ist die Fa. Wolff, Oggersheim mit bis zu 170 Mitarbeiter in Alsheim-Gronau

1958

Aufhebung des Maschinenverbotsgesetzes, Beginn einer Automatisierungswelle in der Zigarrenfabrikation und damit Konzentration der Fertigung an den Unternehmens-Standorten. In Rödersheim und Alsheim-Gronau halten sich nur noch Kleinbetriebe.

1966

Die letzte Betriebsstätte – Zigarrenfabrik Rudolf Hetterich – in Rödersheim-Gronau schließt.

1968

Zwangsweiser Zusammenschluss von Rödersheim und Alsheim-Gronau zu Rödersheim-Gronau

1987

100-Jahr-Feier des früheren Zigarrenmacher-Gesangvereins MGV Frohsinn, heute größter Verein im Ort mit über 500 Mitgliedern

2009

Einweihung des Zigarrenfabrikmuseums im „Neuen Schulhaus“ von 1910.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 4: 1887 wurde die neue Zigarrenfabrik der Mannheimer Tabak und Zigarrenhandelsfirma Brunner & Schweitzer in Rödersheim eingeweiht: Erste Fabrik und Ausgangspunkt der Industrialisierung und der Zigarrenindustrie im Ort.

3. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

3.1. Der Rhein als Lebensader und Mannheim als Motor der pfälzischen Wirtschaft im 19.Jahrhundert – und ihrer Zigarrenindustrie

„Beim Handel und der Verarbeitung des Pfälzer Tabaks spielen die Plätze Mannheim – neben Bremen heute größter Handels- und Stapelplatz für Tabak und Tabakwaren –, Speyer, Germersheim und Landau die Hauptrolle.“ (Hartig 1930, S.40)

Grundvoraussetzung für die Ansiedlung der Zigarrenindustrie war nicht der Tabakanbau vor Ort. Pfälzer Tabakbau hat eine lange Tradition. Schon 1573 sollen im pfälzischen Dörfchen Hatzenbühl durch den Dorfpfarrer Anselm Anselmann die ersten Tabakpflanzen auf deutschem Boden angebaut worden sein (nach Aussage der Gemeindeverwaltung). Der Anbau brachte zwar eine örtliche Tabakverarbeitung mit sich. Da sich die deutschen Tabake des 19. Jahrhunderts jedoch für bessere und hochwertige Zigarren nur als Einlage eigneten (Schreiber 1850 S. 49f), war die Zigarrenfabrikation auf Importtabak aus Mittel- und Nordamerika angewiesen. Die Produktion war somit zunächst dort am Günstigsten, wo die Übersee-Tabake an Land kamen. So entstand die erste Zigarrenfabrik auf deutschem Boden 1788 in Hamburg (Schreiber 1850, S.192), später in Bremen, das im Laufe der Jahrzehnte Hamburg als wichtigste deutsche Zigarrenhandelsstadt und auch für Mannheim als süddeutsches Zentrum des Tabakhandels und der Tabakindustrie wesentliche Impulse setzte (vgl. S. 34f dieser Arbeit).

Schreiber berichtet 1850 über die Einführung der Zigarre als Marketing-Effekt: „Im Jahre 1788 errichtete der Tabakfabrikant H. Schlottmann zu Hamburg die erste Cigarrenfabrik...anfänglich wollten seine Cigarren keine Käufer finden und er mußte sie wegschenken...Als mehrere Schiffe in der Folge Cigarren aus Amerika mitbrachten und diese in Parthien verkauft wurden, ging es bald besserIn den Jahren 1797 und 1797 wurde das Cigarrenrauchen in Hamburg zur Mode und bald ein wahres Bedürfnis...bis endlich die Cigarrenproduktion einer der wichtigsten Industriezweige Hamburgs geworden ist. Sie beschäftigt mehr als 10.000 Personen, größtentheils Frauenzimmer und Kinder, und erzeugt jährlich 150 Millionen Cigarren...so dass jährlich 168 Millionen Cigarren vom Hamburger Handel umgesetzt werden, von denen ongefähr 153 Millionen ausgeführt und ongefähr 15 Millionen in Hamburg consumiert werden...“

Selbstverständlich wurden die badischen und pfälzer Tabake auch exportiert. Als wichtiger Umschlagplatz bot sich hier Mannheim an, da dort die Ware sowohl über den Neckar wie über den Rhein verschifft werden konnte. Zudem war ab hier der Rhein den Großteil eines Jahres schiffbar.

Mannheim war nach ihrer Glanzzeit als Festungs- und Residenzstadt der Pfälzer Kurfürsten, nach den Zerstörungen in den Revolutionskriegen und schließlich nach der Abtrennung von den linksrheinischen Gebieten der Pfalz zu Beginn des 19.Jahrhunderts in einen biedermeierlich-beschaulichen Ruhezustand gefallen, wie sie typisch ist für schlichtweg unbedeutende Städte.

Jedoch wurde die Stadt durch eine Reihe von Ereignissen im 19 Jahrhundert neu geweckt und erlebte in der Folge einen rasanten Aufstieg als Handels- und später Industriestadt. Von diesem Sog profitierte die ehemalige rechtsrheinische Anlandung der Stadt, die sogenannte Rheinschanze, heute Ludwigshafen am Rhein.

Begründet wurde der neue Aufschwung mit der Lage am Zusammenfluss von Rhein und Neckar. Dies war zunächst nicht besonders von Bedeutung. Im 19. Jahrhundert änderte sich jedoch die Bedingungen der Rheinschiffahrt von Grund auf.

Zunächst hatte der Rheintransport insbesondere den Vorteil, dass die Transporte wesentlich sicherer und zuverlässiger waren als der Landtransport. Und schließlich war es bis zum Aufkommen der Eisenbahn die einzige Alternative zum Pferdefuhrwerk über Land.

Dafür jedoch war der Rheintransport nicht gerade billig. Als Beispiel dienen kann hier eine Kalkulation für den Getreidetransport

Kalkulation für Transportkosten, hier für „600 Malter Getreide“ 1655

ab Alzey nach Holland (Ackermann S. 72):

Landfracht Alzey/Bingen 200 Gulden

Schiffsfracht Bingen/Köln 320 Gulden

Umschlagkosten und Spesen 68 Gulden

Zölle bis Köln 613 Gulden

Damit übertrafen die Transportkosten den damaligen Getreidepreis in der Pfalz von einem Gulden pro Malter um das Viereinhalbfache. Die Zollgebühren waren dazu noch höher als alle anderen Kosten zusammengenommen. Ein Getreidetransport nach Holland war damit uninteressant. Für den Tabaktransport kann dies als analog angenommen werden, eher jedoch war der Zoll noch höher anzusetzen.

Zu den Zollschranken gab es als weitere Hemmung das Stapelrecht der Städte Mainz und Köln: Alle Schiffsladungen mussten an deren Häfen an Land gebracht und dort zum Verkauf angeboten werden. Übrigens erhielt auch Mannheim zwischen 1804 und 1829 das Stapelrecht – als Wirtschaftsförderungsmaßnahme der badischen Regierung.

So war der Transport des Tabaks von den Überseehäfen nach Mannheim eine teure Angelegenheit. Die ersten Zigarren wurden entweder in die Pfalz als Luxusware importiert – oder aus heimischem Tabak wurden in geringerer Stückzahl Zigarren minderer Qualität als Ergänzung zu den Hauptprodukten Pfeifen- Kau- oder Schnupftabak hergestellt.

Die Transport- und Zollkosten sowie der regionale Bedarf selbst machten eine Verarbeitung vor Ort lohnend: „Auf dem einheimischen Tabakanbau fußend, besaß die Tabakindustrie in der Pfalz eine lange Tradition. 1820 ist dieser Produktionsbereich schon mit 16 Betrieben vertreten und damit neben den Papiermühlen der stärkste Industriezweig überhaupt in der Pfalz.”

(Geiger S. 293).

Die wirtschaftlichen Hemmnisse der Rheinschiffahrt wurden im 19.Jahrhundert in langwierigen und zähen Verhandlungen Schritt für Schritt reduziert.

Bewegung kam durch die

- Napoleonischen Regulierungen des Rheinzolls (Rhein-Schiffahrts-Oktroi von 1804), die
- Rheinschiffahrtsakte von Mainz 1831, den
- Beitritt Bayerns und Badens in den deutschen Zollverein 1834, bis schließlich mit der
- revidierten Rheinschiffahrtsakte im Jahr 1868

die völlige Abgabenfreiheit erzielt wurde (Ackermann S. 82f).

Zu diesem Zeitpunkt war der Rheinschifffahrt durch die Eisenbahn eine so starke Konkurrenz erwachsen, dass den Rheinstaaten wenig andere Möglichkeiten blieb, die Zölle abzuschaffen und so zumindest ihre Häfen wirtschaftlich betreiben zu können (Osswald 1903, S7f).

Oberhalb Mannheims ersetzte die Eisenbahn ab 1855 die Rheinschifffahrt, die erst mit der Rheinregulierung ab 1907/1914 wieder wettbewerbsfähig wurde. Mit dieser Maßnahme konnten auch größere Frachtschiffe bis Karlsruhe, Straßburg und Basel fahren. Bis dahin wurden die Schiffsladungen in Mannheim auf die Eisenbahn umgeladen (Osswald 1910, S.12),

die ab Mannheim-Ludwigshafen günstiger und schneller transportieren konnten. Jedoch blieb der Eisenbahn die wichtige Funktion des Güterverkehrs in die flußabseits gelegenen Industriezentren wie Kaiserslautern oder Pirmasens. So wurde die Bahnstrecken ab Mannheim das Rückgrat der Güterverteilung in Südwestdeutschland. (Vgl. Gothein 1903, S.278f) und ermöglichte auch eine Zigarrenfabrikation abseits der Rheinebene in Gebieten, die für den Karrentransport von Tabak weniger rentabel waren – zum Beispiel in Kaiserslautern.

Zu den wirtschaftlichen Verbesserungen traten zwei wesentliche technische Leistungen und Innovationen, die letztendlich die zentrale Bedeutung des Mannheim-Ludwigshafener Handelsplatzes: Die Rheinregulierung und das Aufkommen der Dampfschleppschifffahrt.

Bislang nutzte die Rheinschifffahrt Treidel- oder Segelschiffe mit Ladekapazitäten von bis zu 150 t. Dazu gab es gerade am Mittelrhein noch ein Reihe von Hemmnissen. So mußte oftmals am Binger Loch die Ladung gelöscht und weiter rheinaufwärts wieder aufgeladen werden. Ab Mannheim rheinaufwärts galt es in der Regel, die Ladung auf kleinere Schiffe mit Kapazitäten bis 100 t umzuladen. Demgegenüber konnten die Rheinschiffe ihre Ladung den Neckar hoch bis Heilbronn bringen, so dass diese Stadt und nicht Mannheim faktisch den eigentlichen Endpunkt der Rheinschifffahrt mit den größeren Schiffen bildete.

Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrtstechnik waren nun auch wesentlich größere Ladekapazitäten und kürzere Fahrtzeiten möglich. Die neue Schiffe verkürzten die Transportzeit von mehreren Wochen auf mehrere Tage.

Zudem brachten sie durch die weitgehend wetterunabhängige Technik eine bislang unerreichte Regelmäßigkeit der Transporte – eine wichtige Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit der Industriebetriebe (Ackermann S. 77ff. Zur Entwicklung der Dampfschleppschifffahrt auf dem Rhein und der damit verbundene Aufstieg Mannheim zur Handels- und Transportmetropole in Südwestdeutschland vgl. Gothein 1903, S. 254ff).

Wirtschaftlich nutzbar wurde die neue Technik letztendlich durch die Rheinregulierung, insbesondere durch die Erweiterung des Binger Lochs von 9 auf 23 Meter und bis 1933 auf

30 Meter (nach Van den Bergh 1834 sowie Osswald 1910 S.10).

So bot das jeweils größte Rheinschiff 1878 bereits 800t Tragfähigkeit, 1892 mit 1.560t schon fast das Doppelte, und 1910 war eine Ladung von 2.341t möglich. (Osswald 1910, S.61).

Diese Schiffe konnten ihre Ladung von den niederländischen Seehäfen direkt bis Mannheim bringen. Damit verlor Neckarsulm seinen Rang als Endhafen, da die Rheinschiffe in Mannheim auf die kleineren Neckarschiffe umladen mussten. Gleiches galt für die weiter rheinaufwärts liegenden Häfen wie Speyer und Straßburg.

Ein ergänzender Vorteil des Standorts Mannheim war die moderne Hafen-Infrastruktur. Dabei bedeutete der bayerische Hafen im benachbarten Ludwigshafen eine so starke Konkurrenz, dass auch deshalb die Mannheimer Hafenanlagen permanent vergrößert und modernisiert wurden und so eine leistungsfähige Infrastruktur boten, die den vergrößerten Güteraufkommen wie auch den neuen Schiffstechnologien der Dampfschleppschifffahrt gerecht werden konnten.

Zudem waren die Schiffer Mannheims als Wirtschaftsmacht weitaus schwächer als die Schiffergilden in Mainz und Köln, so dass die neue Schiffstechnologie hier auf weniger Widerstand stieß und eher freudig aufgenommen wurde, während an den alten Stapelplätzen eher zögerlich mit entsprechenden Anpassungen der Hafeninfrastruktur reagiert wurde (vgl. Gothein 1903 an diversen Stellen).

Die extreme Steigerung des Umschlags in Mannheim verdeutlicht die Entwicklung von der Stadt als Handels- und Industriezentrum des Gründerzeitalters für den gesamten Südwestdeutschen Raum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 5: Mannheim als zentraler Güterumschlagplatz für Südwestdeutschland ab 1850: Mühlauhafen vor 1900

Umschlagsentwicklung der Rheinhäfen ab 1850 (in 1000t)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Innerhalb von zehn Jahren überflügelte der Umschlagplatz Mannheim die alten Rheinhäfen und lies sie schließlich weit hinter sich. Die Häfen weiter rheinaufwärts erreichten die Bedeutung nie, zumal hier die Eisenbahn große Marktanteile hielt: Die Transporte in das Umland waren von Mannheim aus mit deren bereits früh stark ausgebautem Verladeinfrastruktur Schiff/Bahn zeitgünstiger zu bewältigen.

Transportumschlag in Mannheim mit Hafen- und Bahnverkehr

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Osswald 1910, S. 121)

Dementsprechend nahm auch der Gesamtumschlag in Mannheim entsprechend zu: in nur knapp 20 Jahren vervierfachte er sich.

Die Bedeutung des Tabakimports und der hohe Verbrauch in Südwest wird in den entsprechenden Umschlagzahlen deutlich (Der Transportanteil an Fertigfabrikaten lag unter 5%, die Zahlen beschreiben also vor allem den Rohtabaktransport)

Der Verkehr mit Tabak in Mannheim (in t)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Heymann S. 164)

Zu beobachten ist an dieser Tabelle auch, dass der Abgang relativ stabil blieb, während nach 1900 mehr Tabak eingeführt als exportiert wurde. Die örtliche Tabakproduktion blieb relativ konstant, aber es wurde in Südwestdeutschland insgesamt mehr und wesentlich mehr Importtabak geraucht, so dass sich das alte Tabakland vom Produzenten zum Konsumenten wandelte.

Zum Vergleich eine Liste zum umgeschlagenen Tabak in Ludwigshafen

Tabakverkehr Hafen Ludwigshafen (in t)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Hartig 1930, S. 79)

Deutlich wird, wie mit dem Wachsen der Zigarrenproduktion und mit den gesteigerten Ansprüchen der Raucher an ihre Zigarren die Importe schließlich ein Vielfaches der Ausfuhren darstellten.

Die letzte Zeitreihe belegt auch , wie wichtig der Tabakhandelsplatz Mannheim war – auch der Tabak, der für die bayerische Pfalz bestimmt war, wurde vor allem im Mannheim umgeladen.

Deutlich wird auch der geringe Anteil des Tabaks am Gesamtumschlag (0,3% in 1900). Für die Entwicklung des Hafens zählten vor allem Mengengüter wie Kohle, Getreide, Erden oder auch mehr und mehr Petroleum. Tabak als Handelspflanze profitierte jedoch von deren Forderungen an die Hafeninfrastruktur.

Die wachsende Bedeutung Mannheim-Ludwigshafens als zentraler Verkehrsknotenpunkt gerade für die industriell bedeutsamen Mengengüter machte den Standort für Industriebetriebe besonders interessant. Die Ansiedlung zahlreicher Industriebetriebe bedeutet eine regelrechte Explosion der Stadtbevölkerung. Aber dies bedeutete im Sinne des Landfluchtmodells nicht

– wie in anderen Regionen – auch das Ausdünnen der direkt umliegenden Gebiete. Ganz im Gegenteil! Die Landgemeinden in Baden und der Vorderpfalz wuchsen ebenfalls.

Mannheim behielt jedoch seine zentrale Stellung im Tabakhandel – auch für die Pfalz. 1878 hatten von den 65 badischen Tabakhandlungen 61 ihren Sitz in Mannheim (Heymann S. 12).

Hier ist laut Heymann eine enge Verbindung mit den Zigarrenfabriken zu sehen. Die Anfänge der regionalen Zigarrenindustrie lagen in Mannheim – und auch 1909 befänden sich hier die Geschäftssitze der meisten größeren Zigarrenfabrikanten (Heymann a.a.O.).

3.2. Bevölkerungsexplosion: Deutliche Zunahme der Einwohnerzahl ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis ca. 1925

Adolf Müller dokumentierte 1912 die Bevölkerungsentwicklung der Pfalz in einer umfangreichen Auswertung der vorhandenen relevanten Statistiken zur bayerischen Pfalz in der Zeit zwischen Reichsgründung und der Zeit nach der Jahrhundertwende.

Hartig ergänzte 1930 mit einem statistischen Rückblick.

Insofern kann hier auch für die Pfalz auf aufgearbeitete statistische Daten zurückgegriffen werden.

Sichtbar wird dabei der deutliche Bevölkerungszuwachs absolut in dieser Periode (gegenüber einer Jahrhunderte andauernden Periode geringer Zuwächse – speziell in Rödersheim und Alsheim).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die hier schon deutliche Zunahme der Bevölkerung insgesamt relativiert noch die teilweise dramatische Entwicklung der Stadtbevölkerungen, indem innerpfälzische Wanderungs­bewegungen nicht berücksichtigt werden.

Anzumerken ist: Ein wesentlicher Faktor bleibt außer acht. Mannheim, die ehemalige Hauptstadt, nahm auch nach der Teilung der Pfalz und der Einbindung der Stadt in das neue Großherzogtum Baden weiterhin eine zentrale wirtschaftliche Funktion schon für den Rheinkreis bzw. später auch für die bayerische Pfalz wahr. „...wirkte zuerst das nähere Mannheim, das als ehemalige Hauptstadt der Kurpfalz engere Beziehungen zur Pfalz unterhielt, ….wirtschaftlich anziehend und befruchtend für die Pfalz.“

(Hartig 1930, S. 20).

So ist es auch schon für das 19.Jahrhundert aus wirtschaftsgeschichtlicher Sicht falsch, Vorderpfalz und Kurpfalz getrennt zu betrachten. Eher bildet die Westpfalz mit der Nähe zum Saargebiet eine eigenständige Wirtschaftsregion. Die heute ausgewiesene Metropolregion Rhein-Neckar bildet dagegen die Wirtschaftsregion um Mannheim-Ludwigshafen ab.

Die regelrechte Bevölkerungsexplosion spiegelt sich in den Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung der Städte.

Bevölkerungsentwicklung zentraler Städte der Pfalz und Mannheim

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Hartig 1930, S. 23, Mannheim: Stat. Landesamt Baden-Württemberg, Online -Datenbank)

Deutlich wird zunächst die Steigerung in Mannheim und Ludwigshafen. Ein Zuwachs der Bevölkerung in nur dreißig Jahren um mehr als das Fünffache in Ludwigshafen und um das Vierfache in Mannheim ist schon bemerkenswert. Aber dieses Phänomen ging keineswegs zu Lasten der umgebenden Städte. Auch dort ist ein deutlicher Zuwachs zu verzeichnen – insbesondere dort, wo sich Industrie ansiedelte.

Die Bevölkerungsentwicklung in Rödersheim-Gronau ist ein Beispiel dafür, dass sich dieser Effekt auch in den Landgemeinden einstellte, wenn sich dort Industrie ansiedelt.

Der Zustrom, der die Abwanderungen mehr als ausgegelichen hat, muss also aus Regionen außerhalb der Pfalz stammen.

Auch bei den Abwanderungen sieht Hartig die Industrie als ausschlaggebenden Faktor. So ermittelt er die höchste Zahl der Zuwanderung vor allem in die Rheinprovinz zur dortigen Industrie (Ruhrgebiet), während er als wesentliche Quelle der Zuwanderer vor allem das Saargebiet definiert (Hartig 1930, a.a.O.).

Hartig nennt noch für 1910 bis 1925 Wanderungsgewinne der Städte Ludwigshafen, Neustadt und Speyer sowie der Bezirke Frankenthal, Ludwigshafen (mit Alsheim-Gronau) und Dürkheim (mit Rödersheim). Die übrigen, weiterhin eher landwirtschaftlich geprägten Städte und Bezirksämter verzeichneten mehr Ab- als Zuwanderungen.

Hier zeigt sich auf der einen Seite ein Effekt der engmaschigen Verkehrsinfrastruktur zwischen Zentrum und Peripherie, vor allem durch die Bahnstrecken. Mit diesen mussten die Arbeiter nicht direkt bei der Arbeitsstätte wohnen, sondern konnten morgens und abends zwischen Wohnort und Arbeitsplatz pendeln. Die gute Infrastruktur bot zudem der Industrie die Möglichkeit, sich auf dem Land anzusiedeln und dort selbst Arbeitsplätze zu bieten.

Durch die industrielle Wertschöpfung vor Ort bot sich auch für Handwerks-, Handels- und Gastronomiebetrieben ein Markt und vergrößerte das Arbeitsplatz-Angebot in den Landgemeinden, so dass sich der Effekt der Ortsbindung der Einwohner und damit die Bevölkerungszunahme noch verstärkte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 6: Mit den neuen Arbeitsplätzen wurde die Gemeinde auch für Auswärtige als Wohnort attraktiv: Die Einwohnerzahl insbesondere in Rödersheim wuchs deutlich an – im Verlauf entsprechend der Konjunk-turentwicklung der Zigarrenindustrie. Die Stagnation 1900 bis 1905 deckt sich mit einer wirtschaftlichen Rezessionszeit, die im ganzen Deutschen Reich herrschte und die Nachfrage nach Zigarren drückte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 7, 8: Die Gegenüberstellung der Katasterkarten von Rödersheim aus den Jahren um 1890 und um 1910 zeigt die Ausweitung des Dorfes gegen Westen (entsprechend verschob sich auch der östliche Ortsrand) sowie die Verdichtung im Ortskern. Kleinere Parzellen wurden nun nicht mehr veräußert, sondern mit kleinen Häusern neu bebaut. Im Norden bildet die Zigarrenfabrik Brunner &Schweitzer die Baugrenze. Sichtbar ist auch die Erweiterung der Kirche um 1907, die mit dem Einwohnerzuwachs erforderlich wurde.

Eine andere Quelle der Bevölkerungszunahme ist nicht außer acht zu lassen, gerade weil diese Quelle zwar nicht den städtischen Zuwachs erklären kann, für die Landgemeinden jedoch sehr wohl den wesentliche Beitrag darstellen könnte: Der Geburtenüberschuss bis zum ersten Weltkrieg.

Geburtenüberschuss in der Pfalz (auf 1000 Einwohner)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Hartig 1930, S. 26)

Gerade im Beobachtungszeitraum erweist sich die Pfalz im Vergleich zu anderen Gebieten im deutschen Reich als überdurchschnittlich fruchtbar.

Für die Landgemeinden ergibt sich damit die Vermutung, dass die Industrie nicht unbedingt einen Zuzug bewirken muss, um das Bevölkerungswachstum zu begründen. Es ist weitgehend zur Erklärung des Effektes ausreichend, wenn die Industriebetriebe die Abwanderung mindern, indem sie den Heranwachsenden ein Auskommen vor Ort ermöglichen, das zuvor nicht gegeben war.

Dass dieser Effekt tatsächlich vorhanden war, wird in der entsprechenden Literatur von den Autoren bestätigt. (vgl. Kappes). So lässt sich der Wandel folgend beschreiben:

Noch im 19. Jahrhundert bestimmten einige begüterte und viele weniger wohlhabende Bauern das Leben in den beiden Dörfern. Gerade die "kleinen" Bauern ernährten ihre Familie mehr schlecht als recht und mit jeder Missernte mussten sie neue Probleme verkraften. Zudem minderten die neuen medizinischen Erkenntnisse mit der verbesserten Hygiene die Kindersterblichkeit und ließen die Menschen älter werden. Auch längere Friedenszeiten minderten die Sterberate.

Unter den Kindern wurden die Äcker zudem konsequent „gerecht geteilt“.

„Die Realteilung (das Aufteilen des Erbes zu gleichen Teilen unter den Erben, d. Verf.) wurde mit der Besitzergreifung der Pfalz durch die Franzosen am Anfang des 19. Jahrhundert als gesetzliches Erbrecht eingeführt. Es ist wahrscheinlich, dass dieselbe schon vorher in der Pfalz, wenn auch in Form Gewohnheitsrechts, bestanden hatte (schon frühmittelalterliches fränkisches Recht, d.Verf.) Bis zum ersten Januar 1900, dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches, hatte in dem linksrheinischen Bayern der Code Napoleon Geltung“

(Müller S. 50f) und damit auch diese Form der Erbfolge, die konsequent gepflegt wurde und so die Neigung zur Abwanderung minderte, solange der Besitz zur Lebenssicherung ausreichte.

Die Realteilung brachte dann aber eine Zersplitterung des Grundbesitzes derart, dass für die einzelne Familie nicht genug Fläche übrig blieb, um damit den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Mit vielen Kindern gesegnet (auf drei Sterbefälle kamen fünf Geburten, vgl. Kappes S.169) blieb nur noch, den ererbten Besitz zu verkaufen und sich als Knecht und Magd zu verdingen – oder auszuwandern.

Entsprechend groß ist die Zahl der Auswanderer gerade aus der bayerischen Pfalz, sei es nach Süd- und Nordamerika (wo Einwanderer entsprechend des hohen pfälzischen Anteils zeitweise allgemein als „Palatinates“ - Pfälzer bezeichnet wurden) oder auch nach Irland oder anderen Gegenden, in denen es für Bauersleute Grund und Boden in Fülle gab.

So galt die Pfalz bis dahin als klassisches Auswanderungsland. In der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts ging die Auswanderungsquote wohl zurück – zumindest, was Rödersheim und Alsheim-Gronau betraf.

Seelinger (S. 45f) entnahm den Ortsakten für einige Zeiträume die konkreten Zahlen:

So wanderten in der Zeit von 1854 bis 1860 aus Rödersheim 17 Personen nach Nordamerika aus (davon acht Einzelpersonen, drei Familien, davon eine Familie und eine Einzelperson begründet „um einer Gefängnisstrafe zu entgehen). Also im Schnitt lediglich drei Personen pro Jahr.

Anders in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts: So verließen allein im Jahr 1835 zwölf Rödersheimer (davon drei Einzelpersonen) ihre Heimat in Richtung Nordamerika.

In Alsheim wanderten im Vergleich zur Gesamtbevölkerungszahl mehr Einwohner aus, und insgesamt mehr evangelische als katholische Einwohner, so dass Seelinger seine These stellte, dass die katholischen Bürger stärker „schollengebunden“ waren als die evangelischen. (Seelinger S. 48).

Neben der Auswanderung nach Nordamerika sind Auswanderungen in andere Länder wie Ungarn/Galizien nachgewiesen. Auch kann von einer zusätzlichen Binnenwanderung ausgegangen werden.

Bevölkerungsentwicklung vor der ländlichen Industrialisierung in

Rödersheim und Alsheim

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Seelinger 2004, S. 22f und Zech S. 402)

Prinzipiell blieb die Bevölkerungszahl nach der napoleonischen Epoche und der Zeit der Restauration in Rödersheim konstant. Der signifikante Einbruch in Alsheim um 1850 ist auch durch Wegzug eines Teil der jüdischen Gemeinde erklärbar.

Die Abwanderungen in Ausland war demnach zwar in der Ortsgemeinschaft spürbar, spielten aber als bevölkerungspolitisches Regulativ keine besondere Rolle.

Damit kann die darauffolgende Bevölkerungszunahme direkt als Einfluss der Ansiedlung der Zigarrenmacherfabriken gesehen werden.

Exkurs: Jüdische Bevölkerung in Rödersheim und Alsheim.

In dieser Zeit schien es in Alsheim einen regelrechten Exodus der jüdischen Einwohner gegeben zu haben. Seelinger stellt für 1808 39, für 1835 31 jüdische Abwanderer fest. Aus der kleineren jüdischen Gruppe in Rödersheim wanderten 1835 drei ab (Seelinger S. 38).

Nach 1900 gab es keine jüdischen Mitbürger in Alsheim mehr – die letzte verbliebene Familie zog nach Edenkoben (Zech S. 309) und das Synagogen-Gebäude wurde in die Zigarrenfabrik Keck integriert.

In Rödersheim lebten nur wenige jüdische Familien, dafür sind viele Generationen vor allem der Familie Heim nachgewiesen. Mindestens vier jüdische Mitbürger wurden durch die Nationalsozialisten ermordet: Isidor Heim, Elias, Samuel Heim und und Aloysia Reis.

Die Familie Reis war die größte jüdische Familie in Alsheim. Es bestanden enge Beziehung der Familien, sicher auch durch die gemeinsam besuchte Synagoge in Alsheim.

Die Gründe für den Exodus in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts dazu sind jedoch an anderer Stelle zu erforschen. Einen Hinweis gibt Hermann Arnold (1967, S.60). Er verwies insbesondere auf die schwere Wirtschaftskrise in den Jahren 1850 bis 1855:

„Die Dorfjuden wurden von der Wirtschaftsmisere besonders hart getroffen, denn der Partner ihres ambulanten Handels und der Mäkelei war der verarmte Kleinlandwirt. Da dieser mittellos wurde, konnte der Händler nichts mehr verdienen. Das Aufkommen des Einzelhandels in den Dörfern und der Eisenbahnbau haben den dörflichen Handel verändert.Wer weiter mithalten wollte, brauchte Kapital zur Einrichtung eines stehenden Geschäfts. Gerade daran aber fehlte es den meisten Dorfjuden.“ Wer also Kapital hatte, konnte sich mit Ladenlokalen oder der eigenen Weiterverarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte – zum Beispiel der Zigarrenfabrikation - eine neue Lebensgrundlage schaffen.

So stellt Hermann für 1933 fest: „In der Pfalz lag 1933 weit über die Hälfte des Weinhandels in jüdischer Hand, die Tabakverarbeitung ….. zu 50 Prozent.“

Ohne Kapital war die Auswanderung eine Möglichkeit, der eigenen Existenz eine neue Chance zu geben.

Letzteres scheint auch für die Rödersheimer und Alsheimer Juden eine wichtige Alternative gewesen zu sein.

Zumindest gab es in der Epoche der Zigarrenmacher mit noch zwei verbleibenden Familien keine besondere jüdische Gruppe mehr am Ort. Dies könnte einer der Gründe sein, dass sich keine größeren Unternehmen mit ihrem Hauptsitz in Rödersheim und Alsheim etablierten, während bei den regionalen bedeutenden Zigarrenunternehmen die jüdischen Fabrikanten eine wesentliche Rolle spielten (vgl. die Ausführungen von Swiacny).

Zwar waren auch die örtlichen jüdischen Familien als Makler und Händler tätig und könnten so mit ihren Geschäftsbeziehungen zu den Tabakhändlern einen wichtigen Beitrag für die Entscheidung geleistet haben, Fabriken im Rödersheim anzusiedeln. Ihre kleine Zahl und ihr doch eher geringer Kapitalbestand (nach Auskunft von befragten Zeitzeugen) erlaubte es wohl nicht, selbst in der Zigarrenfabrikation aktiv zu werden.

Aber auch die örtlichen (christlichen) Unternehmer banden sich eher an größere auswärtige Firmen, vermieden überregionale Vertriebstätigkeit und konzentrierten sich auf die Produktion, wie an späterer Stelle gezeigt werden wird. (Vergleiche dazu auch den Abschnitt zu jüdischen Zigarrenfabriken zum Abschluss der Ausführungen)

Droht eine neue Verarmung der Landbevölkerung?

In der Mitte des 19 Jahrhunderts änderten sich die örtlichen Rahmenbedingungen.

In der Landwirtschaft brachte technologischer Fortschritt zum einen eine Erhöhung der Erträge, gleichzeitig aber auch eine Verringerung des Arbeitsaufwandes.

Müller (S. 70f) nennt zur maschinelle Entwicklung einige Beispiele, unter anderem:

„..dass um 1816 die Sichel noch in der Pfalz das gewöhnlichste und gebräuchlichste Werkzeug bei der Getreideernte war. …...Die Sichel ist (1907) überall verschwunden, an ihre Stelle ist überall die Korn-Sense getreten“

„Während vor hundert Jahren noch alles Getreide mit dem Pflegel gedroschen wurde, ist dies heute auch in der Pfalz nur mehr eine Ausnahme“

„Durch die Verwendung der Maschinen ist die Arbeitsintensität der Bauern gestiegen. Außerdem ersetzen die Maschinen viele Arbeiter, so dass der in manchen Gegenden schon eingetretene Arbeitermangel die Landwirtschaft nicht allzusehr trifft“

Die Fortschritte in der Wissenschaft mit neuen Dünger- und Pflanzenschutzmöglichkeiten ließen die Erträge der Böden steigen. Auch wenn die chemisch aufbereiteten Naturstoffe (Clemm-Lemmig 1862, S.116f) zu einem späteren Zeitpunkt durch die reinen Chemiedünger ersetzt wurden und dann noch wesentlich mehr zur Ertragsverbesserung beitrugen, waren die Ergebnisse bereits ab Mitte des 19.Jahrhunderts so gut, dass beispielsweise um 1900 in Rödersheim kein Tabakanbau mehr nachgewiesen ist und in Alsheimer Ortsarchiv lediglich von Tabakanbau für den Privatgebrauch mit unter 100 Pflanzen berichtet wird: Andere Erzeugnisse wie Gemüse oder Wein brachten mehr Gewinn.

So konnten die vorhandenen Flächen wesentlich mehr Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen - auch relativ kleine Flächen genügten plötzlich für den Lebensunterhalt einer Familie, größere Betriebe produzierten mit Überschuss: Wer Geld hatte, konnte Lebensmittel vor Ort einkaufen, wer ein bisschen Land hatte, konnte sich zumindest den Bedarf des eigenen Haushalts teilweise selbst decken (zum Produktivitätszuwachs der pfälzischen Landwirtschaft vgl. Müller S. 82 und S.95).

So sank – auch mit vergleichsweise „kleinen“ Innovationen - der Bedarf an dauerhaft beschäftigten Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Und somit stand nun weiteres Arbeitskräftepotential zur Verfügung. Ohne weitere Einkünfte würde dies im Prinzip eine Zunahme der Abwanderung bedeuten.

Ganz so einfach wollten die freigesetzten Kräfte das Feld buchstäblich nun doch nicht räumen. Ehrenheim (1914, S. 80) betonte die enge Verbundenheit des pfälzischen Industriearbeiters mit dem landwirtschaftlichen Boden. „Tabakarbeiter der Vorderpfalz...besitzen einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, dem die Familienangehörigen gewöhnlich obliegen. Diese natürliche Sesshaftigkeit erspart den Industriellen die Mühe der Ansiedlung“. Diese Beobachtung aus 1914 bezog Ehrenheim auch auf die Einstellung der Arbeiter im 19.Jahrhundert.

Mit dem Aufschwung der Industriezentren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte nun mancher der Dörfler zum Beispiel als Bauhandwerker seinen wesentlichen Lohn gewinnen, während die Frau im Ort das Feld bestellte, den Haushalt versorgte und die Kinder betreute.

Der kleine geerbte Landstrich war nun nicht mehr die Haupterwerbsquelle – doch im Vergleich zu den städtischen Arbeitern waren die Arbeiter aus dem Dorf sowohl im Blick auf die Versorgung wie auch mit der Funktion von Landbesitz als Statussymbol deutlich herausgehoben.

Müller stellt aber in diesem Zusammenhang noch eine weitere „pfälzische“ Besonderheit fest.

„Zwar ist nicht zu leugnen, dass im 19. Jahrhundert zeitweilig eine relative Überbevölkerung vorhanden war, aber die hat wieder zur Folge gehabt, dass das Kapital und das Unternehmertum, da die Leute fest an ihrer Scholle zu kleben schienen, sich auf dem Lande nach freien verfügbaren Arbeitskräften umsahen und allmählich eine starke Industrie auf das platte Land verpflanzten.“ (Müller S. 57)

Einem pfälzischen oder badischen Unternehmer gelang es wohl weniger, Arbeiter vom nahen Land in die Stadt zu locken. Wenn überhaupt, nahmen seine Mitarbeiter längere Wege morgens und abends in Kauf. Oder eben - die Produktion musste sich auf das Land verlagern.

Das konnte auch wirtschaftliche Vorteile haben: Die vorderpfälzischen Arbeiter waren bereit, für weniger Lohn zu arbeiten als ihre städtischen Kollegen – wenn sie am Heimatort arbeiten konnten. Schließlich musste deutlich weniger Tageszeit für das Pendeln aufgewendet werden. Und die Bindung zum Unternehmen wurde gestärkt: Ein Wechsel des Unternehmens barg die Gefahr, dass wieder mehr Zeit und Kosten in das Pendeln investiert werden musste.

Gerade für die Zigarrenindustrie mit ihrem hohen Bedarf an Personal und vergleichsweise geringen Investitions- und Transportkosten lohnte sich die Einrichtung von Betriebsstätten in den Dörfern. Für die Einrichtung selbst wurde nur wenig Gerätschaft benötigt. Auch die Transportkosten vom Hauptstandort zur Betriebsstätte waren überschaubar.

Einmal, selten zweimal pro Woche brachte eine Pferdefuhrwerk den Tabak von der Stadt ins Dorf und nahm auf dem Rückweg die fertigen Zigarren mit zum Firmensitz. Das Fuhrwerk konnte auch mehrere kleine Betriebsstätten in einer Fuhre bedienen, so dass eine Konzentration der Arbeiter an einen Standort in dieser Kostenposition im Prinzip keine wirtschaftliche Vorteile brachte.

3.3. Kleinflächige Parzellierung der pfälzischen Landwirtschaft als ein Effekt der ländlichen Industrialisierung

Die linksrheinische Pfalz kann als einer der wirtschaftlichen Verlierer der napoleonischen Epoche gesehen werden. Die Pfalz wurde endgültig geteilt. Das Großherzogtum Baden behielt mit den rechtsrheinischen Gebieten die beiden ehemaligen pfälzischen Hauptstädte Mannheim und Heidelberg. Die linksrheinischen, zeitweise von Frankreich kontrollierten Gebiete wurden Bayern wieder zurückgegeben.

Deren wirtschaftliche Situation war durch die Zollschranken und umgebenden Staatsgrenzen wenig günstig:

„Die zu Beginn des 19.Jahrhunderts neu orientierte Wirtschaft der Pfalz verlor unter den neuen politischen Verhältnissen das einheitliche westliche und nördliche Absatz- und Bezugsgebiet. In dem entfernt liegenden, anders gearteten Bayern konnte es keinen Ersatz dafür finden...Besser wurden die Verhältnisse im Rheinkreis erst nach der Gründung des deutschen Zollvereins 1834.“ (Hartig 1930, S.13) Dazu erwies sich die badische Regierung als zunehmend industriefreundlich, währen die bayerische Regierung den neuen Technologien gegenüber eher konservativ-kritisch gegenüberstand und dem landwirtschaftlichen Charakter der bayerischen Pfalz den Vorzug gab. Nur zögernd und in langen Verhandlungen senkten sich die Schranken. Einen wesentlichen Schub gab zunächst der Deutsche Zollverein sowie der Wegfall der Abgaben für die Rheinschifffahrt. Letztendlich, so scheint es, kam die Industrialisierung in der Pfalz erst erst mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wirklich an.

Im Rückblick scheint diese Verspätung nicht unbedingt zum Nachteil gewesen zu sein. So waren bereits viele der sozialen Probleme der Industrialisierung schon bekannt und wurden in den ersten Jahren des Bestehens des Reiches mit entsprechenden Maßnahmen begegnet - beispielsweise durch die Sozialgesetzgebung, der Gewerbeaufsicht oder mit dem Aufkommen des Vereinswesens und der Fürsorgevereine. Die neuen, aus der Landwirtschaft rekrutierten Arbeiter fanden schon ein – wenn auch nicht allzu dichtes – soziales Netz vor. Die Industrialisierung der pfälzischen Landgemeinden entwickelte sich quasi in ein vorbereitetes Nest hinein. Wie ein gut genährtes, wohl behütetes Kind entwickelte sie sich prächtig. Deutlich wird dies in den Verschiebungen der Bevölkerungsstrukturen in dieser Zeit.

Die Industrie ersetzte die Landwirtschaft als zentrales Mittel für den Broterwerb. Dazu fing die Industrie den Geburtenüberschuss auf, die Zahl der Abwanderungen sank.

Relative Veränderung der Beschäftigten in den Sektoren (Müller S. 18)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Statt auszuwandern blieben nun die jungen Pfälzer in ihrer Heimat und arbeiteten in den neuen Industriebetrieben und den damit verbundenen Branchen in Handel, Handwerk, Infrastrukturbetrieben und im Staatsdienst.

Dementsprechend arbeiteten immer weniger Pfälzer in der Landwirtschaft. Innerhalb weniger Jahre trat sie in der wirtschaftlichen Bedeutung hinter die Industrie zurück.

[...]

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Zigarren verändern die kleine Welt
Untertitel
Ländliche Industrialisierung der Pfalz und ihre sozialen Auswirkungen im 19. und 20. Jahrhundert im Einzugsgebiet von Mannheim am Beispiel der Zigarrenfabriken in Rödersheim-Gronau
Autor
Jahr
2012
Seiten
122
Katalognummer
V193420
ISBN (eBook)
9783656198796
ISBN (Buch)
9783656200567
Dateigröße
55757 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Jahr 2009 wurde das Sozialhistorische Zigarrenfabrikmuseum der Pfalz in Rödersheim-Gronau eingeweiht. Die Dauerausstellung des Museums dokumentiert den sozialen Wandel von der Bauern- zur Arbeiterkultur auf dem Land durch die Ansiedlung von Industriebetrieben in den Dörfern entlang des Rheins am Beispiel der Zigarrenfabriken. In der beobachteten Zeit lebten zeitweise mehr Menschen von der Zigarrenfabrikation als in allen anderen Industriebranchen. Die Dokumentation umfasst auch die bis 2012 neu recherchierten Daten und Informationen zum Thema und beschreibt handwerkliches Zigarren rollen.
Schlagworte
Zigarre, Zigarrenfabrik, Zigarrenherstellung, Sozialgeschichte, Industrialisierung, Industrie, Wirtschaftsgeschichte, Dorf, 19.Jahrhundert, Pfalz, Rheinpfalz, Mannheim, Ludwigshafen, Rhein-Neckar, Metropolregion, Verein, Gesangverein, Turnverein, Rödersheim, Alsheim, Alsheim-Gronau, Rödersheim-Gronau, Heimatgeschichte, Museum, Ausstellung, Heimatmuseum, Zigarren Herstellung, Zigarrenmachen, Zigarrenrollen, Tabak, Krankheiten, Berufskrankheiten, Tuberkulose, Kirche, Katholische Kirche, Gemeinde, Arbeiter, Gewerkschaften, Unternehmer, Arbeiterverein, Sozialpolitik, Sozialistengesetz, Kulturkampf, Makler, Bauern, Handwerker, Tabakverarbeitung, Industriegeschichte, Gewerkschaft, Bauer, Landwirtschaft, Fermentieren, Wickeln, Rollen, Rauchen, Rhein, Rheinschanze, Kaiserslautern, Schondelmeier, Juden, Feuriger Elias, Gründerzeit, 1. Weltkrieg
Arbeit zitieren
Sebastian Arnold (Autor), 2012, Zigarren verändern die kleine Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193420

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