Herodots Bericht über die Schlacht an den Thermopylen: Zwischen Mythos und Realität


Bachelorarbeit, 2011
46 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) EINLEITUNG

2.) QUELLEN- UND FORSCHUNGSLAGE
2.1) DIE ANTIKEN QUELLEN
2.2) FORSCHUNGSLAGE

3.) HERODOT- KRONZEUGE DER PERSERKRIEGE
3.1) HERODOT - ZUR PERSON
3.2) HERODOTS WELTSICHT
3.2.1) Die göttliche Ordnung in Herodots Historien
3.2.2) Griechen und Barbaren - Herodots Menschenbild

4. ) DIE HISTORIEN
4.1) ENTSTEHUNGSKONTEXT
4.2) INHALT UND AUFBAU DER HISTORIEN
4.3) ATHEN UND SPARTA

5.) DIE VERTEIDIGUNG GRIECHENLANDS
5.1) DAS BÜNDNIS DER GRIECHEN
5.2) DIE VERTEIDIGUNG DES OLYMP

6.) DIE VERTEIDIGUNG DER THERMOPYLEN
6.1) DIE DARSTELLUNG DER SCHLACHT IN DEN HISTORIEN
6.2) UNKLARHEITEN BEI HERODOT
6.3) INTERPRETATIONSANSÄTZE DER FORSCHUNG
6.4) DIE VORGÄNGE IM PASS - MILITÄRISCHE BEDEUTUNG DER THERMOPYLENSTELLUNG
6.4.1.) Die Thermopylen - ein Nebenkriegsschauplatz?
6.4.2) Die Topographie der Thermopylen

7.) DAS SCHEITERN DER GRIECHEN AN DEN THERMOPYLEN
7.1) DER KAMPF UM DIE THERMOPYLEN
7.2) DER LETZTE WIDERSTAND - UNTERGANG DER LEGENDÄREN 300
7.2.1) Die Motive bei Herodot
7.2.2) Militärische Gründe den Pass zu halten

8.) ERGEBNISSE

LITERATURVERZEICHNIS

1.) Einleitung

Es gibt wohl kaum eine antike Schlacht auf die in ihrer Folgezeit so viel Bezug genommen wurde, wie jene an den Thermopylen. Nicht nur, dass sie, obwohl eine verheerende Niederlage, später als Wendepunkt im Kriegsgeschehen angesehen wurde, sie verschaffte den Spartiaten den Ruf der Unbesiegbarkeit und machte ihren Heerführer - Leonidas - zu einer der wohl bekanntesten Persönlichkeiten der Perserkriegszeit.

Was die Auseinandersetzung bei Thermopylai so interessant und außergewöhnlich macht, ist die lange Rezeptionsgeschichte, welche noch bis in unsere Zeit andauert. Häufig wurde die Schlacht vor dem Hintergrund politischer Interessen instrumentalisiert. Das bekannteste Beispiel stellt sicher die Rede von Hermann Göring dar, der die 6. Armee in Sibirien mit den 300 Spartiaten verglich, um so dem deutschen Volke ein leuchtendes Beispiel für Durchhaltewillen und Liebe zum Vaterland vor Augen zu führen.1 Getreu der Parole „Meine Ehre heißt Treue“ sollte auch das deutsche Volk bis zum letzten Mann in den Untergang gehen. Göring war jedoch nicht der Erste, der auf die Idee kam, die Schlacht an den Thermopylen für seine Zwecke zu nutzen. Die Rezeption der Schlacht setzte wesentlich früher - quasi unmittelbar nach dem sie geschlagen war - ein. Schon an Herodots Historien, die als wichtigstes Werk für die Perserkriege gelten, ist dies deutlich ersichtlich. Herodot schrieb die Historien ca. 50 Jahre nach den Ereignissen der Perserkriegszeit und musste sich dazu auf Augenzeugen berufen, er berichtet also selber nur aus 2. Hand. Dies wirft gerade für die Schlacht bei Thermopylai Probleme auf. Es existierten bereits zu Herodots Zeiten verschiedene Versionen des Schlachtverlaufs. Noch undurchsichtiger sind die Handlungsmotivationen der Beteiligten, denn auch für diese gibt es mehrere Erklärungen.

Das Problem ist also die Ambivalenz in dem Bericht, der die Hauptquelle darstellt. Eine weitere Schwierigkeit ist die mangelnde Überprüfbarkeit der Historien, da es kaum Parallelquellen, geschweige denn persische Gegendarstellungen gibt. Für eine Rekonstruktion des Sachverhalts ist und bleibt also Herodot der wichtigste Bezugspunkt.

Betrachtet man sein Werk - die Historien - genau, so fällt auf, dass sich in die Bemühung einen möglichst genauen Bericht für die Nachwelt zu verfassen auch der Versucht mischt, eine Warnung an seine Zeitgenossen zu verfassen, die geradewegs auf den berühmten Peloponnesischen Krieg zusteuerten. Allerdings darf man Herodot nicht mit heutigen Maßstäben messen. Er war kein Historiker, der unsere wissenschaftlichen Anforderungen zu erfüllen suchte. Vielmehr war er bemüht, literarisch-ästhetischen Ansprüchen zu genügen und ein Werk von großer innerer Geschlossenheit zu präsentieren.

Besonders die Darstellung der Thermopylenschlacht enthält große Teile der Legende von den 300 tapferen Spartiaten, die unter der Führung ihres Königs Leonidas für die Freiheit aller Griechen ihr Leben gaben. Die Schwierigkeit für die Rekonstruktion liegt darin, dass es schwer möglich ist, die Legende von der Realität zu trennen. Der Bericht Herodots ist sowohl Grundlage der realistischen Rekonstruktion, als auch der Ursprung des Mythos zugleich. Daraus ergeben sich für die Rekonstruktion der Schlacht natürlich große Schwierigkeiten.

Diese werden besonders ersichtlich, beschäftigt man sich mit der gängigen Forschungsliteratur. Trotz intensiver Auseinandersetzungen mit dem Thema und kontroverser Diskussion und trotz geographischer Untersuchungen und Abwägung der verschiedenen Möglichkeiten in neuerer Zeit ist es nicht gelungen, einen allgemein anerkannten Konsens bezüglich der Rekonstruktion der Schlacht zu erarbeiten. Vielmehr gehen die Meinungen über den Ablauf der Schlacht und über die Ziele der Beteiligten weit auseinander. Die Forschungsmeinungen reichen von der Ansicht, die Spartiaten hätten von Anfang an auf verlorenem Posten gestanden und Leonidas habe sich heldenmütig für die griechische Sache geopfert, über den Versuch die Schlacht erst gar nicht an den Thermopylen stattfinden zu lassen, bis hin zur Meinung, Leonidas wäre ein schwacher Heerführer gewesen, der einen großen Teil der hellenischen Streitkräfte in den Untergang geführt habe.

Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe herauszufinden, worin diese Rekonstruktionsschwierigkeiten bestehen. Dazu wird im ersten Teil zunächst genau auf die wichtigste Quelle und den wichtigsten Gewährsmann eingegangen - auf Herodot und die Historien. Besonders die Eigenarten der Historien und Herodots Weltsicht sind für eine Interpretation der Ereignisse und somit auch für eine spätere Rekonstruktion der Hergänge unerlässlich. Darauf folgend wird auf den historischen Kontext eingegangen, in dem die Historien entstanden. In dir Zeit der sog.

Pentekontaetie, nach dem Wegfall der persischen Bedrohung, steuerten die beiden großen Sieger des Krieges - Athen und Sparta - unausweichlich auf den Peloponnesischen Krieg zu. Eine genaue Kenntnis dieser Kontextinformationen scheint für eine möglichst breit angelegte Analyse der Vorgänge ebenfalls notwendig. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich ausschließlich einer genauen Betrachtung der Ereignisse rund um die Schlacht von Thermopylai. Zunächst rückt die Beschreibung der Abläufe und Gegebenheiten, wie sie in den Historien beschrieben werden, in den Mittelpunkt. Darauf aufbauend, werden Unklarheiten beleuchtet, die sich aus Herodots Bericht ergeben. Im darauf folgenden Schritt erfolgt eine Darstellung, die die wesentlichen Forschungsinterpretationen darstellt und kommentiert. Dabei sollen jene Punkte ermittelt und beleuchtet werden, an denen sich Rekonstruktionsschwierigkeiten ergeben.

Abschließend soll ein Ergebnis präsentiert werden, welches entweder eine konsensfähige Rekonstruktion der Thermopylenschlacht liefert oder welches darlegt, an welchen Punkten eine solche Rekonstruktion scheitern muss.

2.) Quellen- und Forschungslage

2.1) Die antiken Quellen

Die Rekonstruktion des Schlachtherganges ist in erster Linie abhängig vom vorhandenen antiken Quellenmaterial. Die wichtigste, weil in weiten Teilen die einzig noch vorhandene Quelle, ist in den Historien Herodots zu sehen.2 Leider fehlt von persischer Seite aus jegliche Überlieferung zum Schlachthergang und auch die archäologischen und epigraphischen Zeugnisse aus dem antiken Griechenland bieten nur vereinzelt die Möglichkeit einer Verifizierung.

Daneben sind an historiographischen Quellen Diodor, Plutarch, Pompeius Trogus und Orosius zu nennen.4 Albertz führt darüber hinaus auch noch die Reden der attischen bzw. der römischen Kaiserzeit an, diese Quellen sind allerdings eher für die Rezeption der Schlacht bedeutend und treten daher hier in den Hintergrund.5 Dies trifft auch auf die außer-herodoteische Überlieferung zu.6 Der maßgebliche Bezugspunkt ist also der Bericht Herodots. Es ist dabei besonders darauf zu achten, dass Herodot selber nur die Geschichten aufschreibt, wie er sie selber vorgefunden hat. Abgesehen von den geographischen Beschreibungen ist sein Bericht also eher als Sekundär- denn als Primärquelle anzusehen.

2.2) Forschungslage

Wie einführend erwähnt, ist es schwierig sich einen Überblick über die enorme Menge an Forschungsliteratur zu verschaffen. Doch stellen sich im Verlaufe der Bearbeitung einige Werke als maßgeblich heraus. An erster Stelle ist hier wohl zweifelsohne die Monographie "Exemplarisches Heldentum" von Anuschka Albertz zu nennen, die wohl den Anspruch erheben darf, als Standardwerk für die Schlacht bei Thermopylai zu gelten. Auch wenn der Schwerpunkt der Arbeit auf der Rezeptionsgeschichte der Schlacht liegt, so liefert Albertz doch auch für die eigentliche Schlacht einen hervorragenden ersten Überblick über die verschiedenen Ansätze der Forschung.

Robert Rollinger und Reinhold Bichler stellen mit den beiden Monographien "Herodot" und "Herodots Welt" die wichtigsten Beiträge zur Herodot-Forschung. Sie geben in sehr anschaulicher Weise geradezu eine Art Gebrauchsanleitung für den Umgang mit dem Vater der Geschichte.

Für die Rekonstruktion der Ereignisse sind mehrere Autoren gewinnbringend, allen voran ist hier Karl Julius Beloch zu nennen, dessen Griechische Geschichte in 6 Bänden, die Anfang des letzten Jahrhunderts entstand, sicher auch heute noch Seinesgleichen sucht. Vor allem sein umsichtiger Umgang mit Herodot und sein nüchternes, jederzeit rationales Urteil, macht es sehr schwierig, seine Erkenntnisse in Zweifel zu ziehen. Ebenso gewinnbringend war die Arbeit mit den Werken von Burn, Hignett und Lazenby.

Einen sehr detaillierten und tiefgehenden Einblick in das antike Sparta und die spartanische Seele liefert Karl-Wilhelm Welwei mit seiner Monographie "Sparta - Aufstieg und Untergang einer antiken Großmacht", seine Erläuterungen erlauben erst ein angemessenes Urteil über die Handlungsmotivationen der Spartaner. Darüber hinaus wären noch viele andere zu nennen, die hier im Verlaufe der Arbeit auftauchen, jedoch sind die maßgeblichen Arbeiten hiermit genannt.

3.) Herodot- Kronzeuge der Perserkriege

3.1) Herodot - zur Person

„Vater der Geschichte und Vater der Anthropologie“7 so wird Herodot oft genannt. Über ihn selbst wissen wir allerdings nur sehr wenig. Nähert man sich der Person an, so stößt man bereits bei den biographischen Daten auf Hindernisse, denn abgesehen von einem Eintrag in einem byzantinischen Lexikon - der sog. Suda - findet sich kaum ein weiterer Hinweis auf Herodot als Person.8

Der Suda zufolge wurde er in Halikarnassos, einer damaligen griechischen Handelskolonie am Dorischen Golf geboren.9 Der genaue Zeitpunkt seiner Geburt kann jedoch nur grob auf zwischen die Jahre 490 und 480 v. Chr. datiert werden.10 Bei den Forschungsergebnissen zu den biographischen Daten Herodots muss dabei stets berücksichtigt werden, dass sie eine positive Einschätzung der herodoteischen Quellenangaben zu Grunde legen und daher nicht einwandfrei als bestätigt angesehen werden können.11 Für die Einschätzung seines Geschichtswerkes tritt der genaue Zeitpunkt seiner Geburt in den Hintergrund, wichtig ist, dass Herodot wohl zur Zeit der Perserkriege geboren wurde und sein Werk zu Beginn oder kurz vor Beginn des Peloponnesischen Krieges verfasst hat.12 Ob und wie viel Herodot als Kind von den Perserkriegen miterlebte, ist nicht zu entscheiden, jedoch ist davon auszugehen, dass die Folgen der Perserkriege, namentlich die wachsenden Spannungen zwischen Athen und Sparta, sein Leben und somit auch die Historien wesentlich beeinflussten.

Wichtiger als der Zeitpunkt seiner Geburt erscheint Herodots Herkunft. Es ist anzunehmen, dass Herodots Herkunftsland - Karien - unter persischer Herrschaft stand. Daher war er sowohl mit der griechischen, als auch mit der persischen Kultur von Kindesbeinen an vertraut.13

Scheinbar war der Auslöser für Herodots weite Reisen ein politischer Streit seiner Familie mit dem persischen Tyrannen der Stadt - Lygdamis - in dessen Folge er zunächst ins Exil nach Samos ging und später nach Athen kam, wo er scheinbar einen neuen Lebensmittelpunkt fand und wo enge Freundschaften zu berühmten Persönlichkeiten wie Sophokles und Perikles geschlossen wurden.14 Die enge Bindung an Athen und die dem gegenüberstehende negative Erfahrung mit dem persischen Tyrannen lassen hier den Gedanken zu, Herodots Objektivität zu bezweifeln, jedoch finden sich in den Historien keine handfesten Indizien für eine absichtsvolle Negativdarstellung der Perser. Tatsächlich scheint es so, dass Herodot sich eine weitgehend objektive, unabhängige Position erhalten hat.15

Der Mangel an stichhaltigem Quellenmaterial hat dazu geführt, dass in der Forschung kontrovers über die Glaubwürdigkeit Herodots diskutiert wird. Dabei gehen die Meinungen über ihn und sein Geschichtswerk weit auseinander.16 So wenig Genaues wir auch über Herodot wissen, es ist unbestreitbar, dass er der wichtigste Gewährsmann für die Perserkriege ist und seit jeher ist die Untersuchung der Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern eng an die Interpretation der Historien gebunden.

Herodots Intentionen, sein politischer Standpunkt, seine ethnographischen Vorstellungen und seine Geschichtsphilosophie stehen oftmals im Mittelpunkt der Interpretationen und sind teilweise heftig von der Forschung umstritten.17 Dies ergibt sich offensichtlich aus der einfachen Tatsache, dass man die Einstellungen Herodots - in Ermangelung anderer Quellen - fast ausschließlich aus den Historien ableiten muss. Wer also versucht die Historien anhand Herodots Weltsicht zu beurteilen, ist zwangsläufig auf unsichere Rückschlüsse angewiesen.

Die Historien sind weit mehr als nur die Beschreibung des reinen Herganges der Ereignisse. Herodot verleiht seiner Erzählung auch Sinn, er nimmt Deutungen und Wertungen vor und versucht Erklärungen für die Entscheidungen der Protagonisten zu geben. Der Schilderung Herodots ist es zu verdanken, dass die Thermopylen bis heute die Assoziation von Opferbereitschaft fürs Vaterland wecken und dass, wenn man an einen Spartiaten denkt, man ihn als gesetzestreu, ehrenhaft und diszipliniert charakterisiert.18 Sicherlich kann man Herodot nicht vorwerfen, dass er keinen authentischen Bericht nach heutigen Maßstäben verfasste, jedoch führten seine Bewertungen dazu, dass der eigentliche Verlauf der Schlacht und der Mythos von den Thermopylenkämpfern häufig nur schwer voneinander zu trennen sind.19

3.2) Herodots Weltsicht

Die Frage nach Herodots Weltsicht ist wichtig, um sich dem Thema zu nähern. Fraglich ist ob seinen Erklärungsansätzen eine Diskrepanz zwischen Ablauf und Schilderung der Ereignisse inhärent ist. Es stellt sich also die Frage, ob es Herodot wichtiger war eine schlüssige oder eine authentische Geschichte zu erzählen.

3.2.1) Die göttliche Ordnung in Herodots Historien

Wie bereits vorangehend erwähnt, kann Herodots Weltsicht nur anhand der Historien rekonstruiert werden. Betrachtet man die geschilderten Begebenheiten und Einzelschicksale, wie sie in den Historien dargestellt werden, so muss man zwangsläufig bemerken, dass es eine bestimmte höhere Ordnung - eine göttliche Ordnung - bzw. ein fester Glaube an das Schicksal in Herodots Gedankenwelt gab. Dieses Ordnungssystem ist maßgeblich durch die Unterordnung der Menschen unter die Götter charakterisiert.20 Herodots Weltbild ist also maßgeblich von Religion geprägt, was auch die Erklärungsansätze für das Scheitern derjenigen erklärt, welche versuchen sich über die göttliche Allmacht zu erheben.

Das Scheitern des Dareios beim Versuch die Skythen zu unterwerfen und Kambyses Niederlage gegen die Ägypter geben Exempel für die göttliche Vergeltung der Hybris. Besonders augenfällig ist diese Hybris im Falle Xerxes. Mit der Überschreitung des Hellesponts durch den Bau von zwei gewaltigen Ponton-Brücken überschreitet er nicht nur die Grenze von Asien nach Europa; die Geißelung des Hellesponts und die Beleidigung der Götter illustrieren auch in besonderer Weise die Übertretung der Grenze zwischen Mensch und Gott. Xerxes gottgleiches Verhalten verlangt quasi nach göttlicher Regulierung, da das göttliche Ordnungssystem dadurch in seinen Grundmauern erschüttert wird.21

Dieser religiös verklärte Blick Herodots ist der eigentliche Grund dafür, dass den Historien mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen wird. Meyer wirft Herodot vor, dass er „[...] die wirkenden Kräfte [nicht] aufzusuchen und herauszuarbeiten vermag, [...].“22

Das Bedürfnis Herodots das menschliche Dasein so konsequent in göttliche Abhängigkeit zu stellen, mag auf uns sicherlich befremdlich wirken und macht uns aus wissenschaftlicher Sicht vorsichtig und skeptisch. Doch gilt es zu bedenken, dass der Blick auf die Details seiner Umgebung und auf die realen Begebenheiten (wie die Topographie/ Geographie) durch die religiöse Weltsicht sicherlich nicht beeinträchtigt war. Es gilt also jede Einzelinformation, die wir aus den Historien entnehmen wollen, einer genauen Analyse zu unterziehen und sie in den Gesamtkontext einzuordnen.

3.2.2) Griechen und Barbaren - Herodots Menschenbild

Die Frage nach Herodots Menschenbild ist wichtig, um von ihm geschilderte Handlungsabläufe und Motive der Akteure bewerten und einordnen zu können. Es ist jeweils zu unterscheiden, ob Handlungsketten schlüssig und stichhaltig sind oder ob sie nur das Menschenbild des Autors bedienen.

Bevor Herodot mit der Schilderung der eigentlichen Auseinandersetzungen beginnt, gibt er einen ausführlichen Überblick über die Länder und Sitten der beteiligten Völker. Bis dahin sicherlich einzigartig ist der Versuch, die Eigenschaften, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Völkern zu ergründen und zu erklären.

Ein Ansatz ist der Versuch den Charakter der Völker mit den klimatischen Verhältnissen ihrer Heimat in Verbindung zu setzen. Herodots Auffassung nach bringe reiches und besonders fruchtbares Land weiche und schwache Menschen hervor, während karges, hartes und unfruchtbares Land auch besonders harte Menschen hervorbringe.23 Unter diesen Kriterien erscheinen die Griechen also als besonders widerstandsfähige und harte Menschen und die Asiaten als verweichlicht und wenig wehrhaft. Stefan Schmal weist allerdings zu Recht darauf hin, dass dieser Erklärungsansatz bereits in den Historien nicht konsequent durchgehalten werden kann.24

Ein weiterer Ansatz, der allerdings nicht losgelöst vom geographischen Erklärungsversuch zu betrachten ist, ist der Versuch die Eigenarten der Völker mit deren Herrschaftssystem zu erklären. Dabei seien die Völker, welche unter Alleinherrschaft stehen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch versklavt. Die Völker welche so regiert werden, entwickeln also eine natürliche Unterwürfigkeit, werden krank, schwach und mutlos. Dagegen steht das Bild der in Freiheit Lebenden, welche durch die Freiheit mutig, stark und tatkräftig werden.25 Allerdings kann Herodot auch diese Konstruktion der Herrschaftsformen nicht konsequent durchhalten. So sind es zum Beispiel die Skythen, die durch ihr straffes Königtum und Kriegswesen gegen Dareios bestehen können.26 Inkonsequenterweise sind es auf der griechischen Seite die Spartiaten, welche durch Königsherrschaft regiert werden und durch Herodot gleichzeitig als die tapfersten unter den Hellenen charakterisiert werden.27

Barbaren und Griechen werden also in ein Gegensatzpaar aufgeteilt. Die Griechen werden mit den Attributen der Freiheit, bedingt durch ihr politisches System und der Stärke, hervorgerufen durch die Beschaffenheit ihrer Heimat, versehen. Dagegen stehen die unterdrückten und verweichlichten Barbaren, welche weder Reichtum noch Freiheit zu schätzen wissen. Mit der Konstruktion dieses antagonistischen Widerspruchs liefert Herodot den Grund dafür, dass sich die Griechen nicht von den Barbaren unterdrücken lassen dürfen.28

Diese scheinbar kategorische Einstufung von Griechen und Persern in einen jeweils positiv bzw. negativ konnotierten Begriffskontext muss differenziert betrachtet werden. Herodot erklärt schließlich auch das wechselhafte Verhalten der ionischen Griechen, welche öfter die Seiten wechselten, als feige und unehrenhaft und erklärt dies mit ihrer verweichlichten Lebensweise, welche eine sklavische Mentalität bei den Ionern bedinge.29 Keineswegs verliert sich Herodot also in Verächtlichkeit gegenüber der "asiatischen" Kultur.30 Vielmehr scheint es so, als wolle Herodot das politische System der Tyrannis anprangern.31

Seine genauen Darstellungsabsichten werden heute kaum noch zu rekonstruieren sein, da - wie bereits erwähnt - die Historien unser einziger Anhaltspunkt für eine solche Rekonstruktion sind. Es scheint jedoch zweifelsfrei nicht Herodots Anliegen gewesen zu sein, eine ethnologische Hetzschrift gegen die Perser verfassen zu wollen. Vielmehr scheint er eine Warnung an seine Zeitgenossen beabsichtig zu haben, sich nicht in ähnliche Machtstrukturen von Unterdrückung und Knechtschaft zu begeben, wie die Perser unter Xerxes. Herodot schildert recht deutlich, wie sich die Verbündeten aus imperialem Machtbestreben heraus, voneinander entfernen. Diesen innergriechischen Konflikt, als Folge der Perserkriege bewertet er als noch schlimmer, als die Perserkriege an sich.32

Auch wenn Herodot wegen seines vergleichsweise wohlwollenden Blickes auf die Barbaren von Plutarch als Perserfreund33 bezeichnet wurde, so ist es doch unverkennbar, dass Herodot die Griechen deutlich von den Barbaren hervorhebt.

[...]


1 Göring, Hermann: Apell des Reichsmarschalls Göring an die deutsche Wehrmacht anlässlich des 10. Jahrestages der Machtergreifung.

2 Schmal: Feindbilder, S. 89. Vgl. Albertz; Heldentum, S.9, 25, 29.

3 Albertz; Heldentum, S. 29; Lazenby, Defence, S. 5 - 7.

4 Albertz; Heldentum, S. 25.

5 Albertz; Heldentum, S. 25.

6 Vgl. Kierdorf, Perserkriege, S. 48 - 82.

7 Redfield, Herodotus the Tourist, S. 24.

8 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 111.

9 Herodot, Historien, S. 1273. Entspricht der heutigen Südwestküste der Türkei.

10 Herodot, Historien, S. 1290.

11 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 113.

12 Schmal: Feindbilder, S. 89.

13 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 112; Herodot: Historien, S. 1290.

14 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 112 ff. Vgl. Albertz: Heldentum, S. 30.

15 Albertz; Heldentum, S. 30. Ausführlicher unter Punkt 3.3.2

16 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 113.

17 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 13 f.

18 Albertz; Heldentum, S.9

19 Vgl. Albertz; Heldentum, S. 19.

20 Herodot VII, 10: "Denn der Gott duldet nicht, dass einer sich groß dünkt, außer ihm selber."

21 Schmal: Feindbilder, S. 91; trotzdem gibt Herodot ein ambivalentes Bild des Großkönigs und konnotiert ihn nicht durchweg negativ: Albertz: Heldentum, S. 31.

22 Meyer: Geschichtsauffassung, S. 10. So auch Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 156.

23 Her: IX, 122.

24 „Einmal betont er gerade die Ausgeglichenheit des ionischen Klimas [...], woanders die gute Mischung der Jahreszeiten in Griechenland; [...] woanders lobt Herodot die Ägypter als „ die nach den Libyern gesündesten Menschen“ und zwar weil dort die Jahreszeiten nicht wechseln. Veränderungen bringen den Menschen die meisten Krankheiten, besonders der Wechsel der Jahreszeiten.“: Schmal: Feindbilder, S. 114.

25 Schmal: Feindbilder, S. 113. So auch Walser: Geschichtsauffassung, S. 2

26 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 22.

27 Her: VII, 209.

28 Bichler/Rollinger: Herodot,S.71.

29 Her : Historien IV, 142. Vgl. Schubert: Athen und Sparta, S. 27. Vgl. Bichler/ Rollinger: Herodot, S.

71. Siehe dazu auch: Her: V, 34 - 35 und VI, 11- 12, wo nochmals die Disziplinlosigkeit der Ionier illustriert wird.

30 Vgl. Schmal: Feindbilder, S. 115.

31 Her: V, 78. Vgl. Schubert: Athen und Sparta, S. 31

32 Her: VI, 98. Siehe dazu auch Her: VIII, 3: " Denn ein Kampf innerhalb eines Volkes ist um so viel schlimmer als ein einmütig geführter Krieg, wie Krieg schlimmer ist als Frieden." Vgl. Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 84 f.

33 Albertz; Heldentum, S. 30. Vgl. Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 60 ff.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Herodots Bericht über die Schlacht an den Thermopylen: Zwischen Mythos und Realität
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für klassische Altertumskunde)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
46
Katalognummer
V193441
ISBN (eBook)
9783656184928
ISBN (Buch)
9783656185758
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Griechenland, Griechen, Perser, Herodot, Thermopylen, Schlacht, Antike, Historien, Perserkriege
Arbeit zitieren
Sebastian Ruby (Autor), 2011, Herodots Bericht über die Schlacht an den Thermopylen: Zwischen Mythos und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193441

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