Achille Claude Debussys "La Mer". Eine Programmmusik?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Überblick der Programmmusik
2.1. Die absolute Musik als Gegenpol der Programmmusik
2.2. Anfänge der Programmmusik- Von der Tonmalerei über Tonsymbolik zur 5 Programmmusik
2.3. Die Romantik als Blütezeit der Programmmusik

3. Debussy als Komponist des französischen Impressionismus
3.1. Der französische Impressionismus als Tendenz der Spätromantik
3.2. Debussys eigene Vorstellung von Musik
3.3 Debussys theoretische Grundlage nach Albert Jakobik

4. „La Mer“ - Eine Analyse
4.1. Fakten über das Werk „La Mer“
4.2. Analyse der ersten esquisse „De l’aube a midi sur la mer“

5. Fazit

1. Einleitung

„La Mer" - Trois Esquisses Symphoniques“ von Claude Debussy, eines seiner vielen Werke mit seiner ihm eigenen und revolutionären neuen De nk - und Kompositionsweise, soll dahingehend untersucht und belichtet werden, ob es einen programmatischen Charakter besitzt.

Hierzu müssen wir uns zunächst einen Überblick über die Programmmusik verschaffen. Was macht Musik zur Programmmusik? Was ist das Wesen ihres Antagonisten, der „absoluten Musik"? Wo und wann kann man die Programmmusik ansiedeln? In welcher Zeit agierte Achille Claude Debussy? Da Debussy einen revolutionär neuen Kompositionsstil entwickelt hat, müssen wir auch die Theorie dazu beleuchten, um eine Analyse von „La Mer“ erstellen zu können. Erst danach kann man fundiert Argumentieren, ob es ein Programmstück ist oder nicht.

2. Historischer Überblick der Programmmusik

2.1 Die absolute Musik als Gegenpol der Programmmusik

Die Auffassung von Musik, die keine außermusikalische Idee als Grundlage hat, wurde von Richard Wagner (1813-1883) 1846 in Worte gefasst. Er prägte im 19. Jahrhundert den Begriff der „absoluten Musik“, die der Musikwissenschaftler Eduard Hanslick (1825-1904) als „absolute Tonkunst“ bezeichnete.1

Hanslick äußerte sich dazu: „Der Inhalt der Musik sind tönend bewegte Formen. Das Komponieren ist eine Arbeit des Geistes in geistfähigem Material.“2

Musik besitzt eine autonome Aussagekraft und Rechtfertigung, die keiner außermusikalischen Inspiration bedarf. Einzig die der Musik innewohnenden Gesetzmäßigkeiten, wie Theorie, mannigfaltige Gattungen und Formprinzipien wie z. B. die Sonatenhauptsatzform und die damit verbundene Themenarbeit, Orchestrierung, Klangfarbe etc. sind allein in der Lage, den aufmerksamen Rezipienten emotional zu berühren und der individuellen Interpretation und Empfindung freien Lauf zu lassen.

Jede Art von Musik, die man als Programmmusik zusammenfasste, weil ein außermusikalisches Programm zugrunde lag, wurde als der „absoluten Musik“ untergeordnet/unterlegen (inferior) betrachtet.3

Jedoch versuchten sich Vertreter der absoluten Musik schon früher, wie z.B. Beethoven und Spohr, auch in der Komposition von programmatischen Werken.

Beethoven schrieb 1813 die Schlachtensinfonie „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“ ( op.91 ). Diese Programmmusik war eine Auftragsarbeit für den befreundeten Mechaniker Mälzel, der eine Komposition für sein erfundenes und konstruiertes Panharmonicon haben wollte. Das Panharmonicon integriert Holz- und Blasinstrumente und Schlagwerkzeug, so dass ein kleines Orchester nachgebildet wurde.4

Ludwig Spohr vertonte 1832 ein Gedicht seines verstorbenen Freundes Karl Pfeiffer namens “Weihe der Töne“5.

In einem Brief vom 9. Oktober 1832 an Speyer erklärt Spohr, wie man das Stück aufzuführen hat:

„[...] Doch habe ich unlängst wieder eine große Instrumentalkomposition vollendet, die aber in der Form von den früheren sehr abweicht. Es ist ein Tongemälde nach einem Gedicht Karl Pfeiffer, welches abgedruckt und vor der Aufführung im Saale verteilt oder laut vorgelesen werden muß“.6

Beethoven und Spohrs sind, trotz ihres Ausfluges in die Programmmusik, natürlich keineswegs als glühende Vertreter der Programmmusik anzusehen.

2.2 Anfänge der Programmmusik - Von der Tonmalerei Aber Tonsymbolik zur Programmmusik

Jedoch wurde Musik schon sehr viel früher mit einer Art Programm komponiert. Im 15. und 16. Jahrhundert fand eine Entwicklung in den Niederlanden unter Johannes Ockenheim und Josequin de Pres hin zur Tonmalerei statt. Sie entwickelten Gestaltungsmöglichkeiten und Techniken zur Tonmalerei, die sie bis zum Äußersten ausschöpften. Erst die Schüler von de Pres, Mathias Hermann, Nicolas Gombert und ein Franzose namens Clement Jannequin, brachten dieses Erbe der Kunsttechnik in die Dienste der Tonmalerei und zur vollen Reife. Als dominierendstes Sujet kristallisierte sich die musikalische Schlachtenschilderung heraus, die sogenannten „Quodlibets“; hauptsächlich für die Orgel entstanden die Battaglien, ebenfalls Schlachtenschilderungen.7, In Italien versuchte der Komponist Orazio Vecchi 1604, in der Madrigalsammlung „Le Veglie di Siena ovvero i varij humori della musica moderna a 3, 4, 5, e 6 voci“ die verschieden menschlichen Gemütszustände musikalisch darzustellen: l’umore grave (Ernst), allegro (Heiterkeit), dolente (Schmerz), gentile (Aufrichtigkeit) und affetuoso (Herzlichkeit).8 Im Barock entstanden viele musikalisch-rhetorische Figuren, wie der passus duriusculus (eine absteigende Quarte, die für das menschliche Leiden steht) und der Lamentobass.9 Bestimmten musikalischen Figuren wird eine Gemütslage zugewiesen, also ein Tonsymbol für diese entwickelt. Neben vielen anderen sei hier noch Johann Kuhnaus (1660-1722)10 genannt, der mit seinen sechs Sonaten „Musikalische Vorstellung einiger biblischer Historien, in sechs Sonaten auf dem Klavier zu spielen, allen Liebhabern zum Vergnügen versuchet von Johann Kuhnausen“ 1700 als erster eigentlicher Programmmusiker zu erwähnen ist.11

2.3 Die Romantik als Blütezeit der Programmmusik

Die Romantische Epoche kann man in Früh (1800-30)-, Hoch (1830-50) - und Spätromantik (1850-1890) einteilen12, Im19 Jahrhundert gab es zwei Hauptbewegungen in der Musik. Viele Komponisten blieben in der Tradition Beethovens, wie z. B. die Neoklassizisten Brahms, Bruckner, & der Musikwissenschaftler Hanslick, während andere neue Wege in der Musik suchten, da sie den Meilenstein beethovschen Schaffens nicht übertreffen zu können glaubten.13 Neben der „absoluten Musik“ entstand also das Bestreben, der Musik ein konkretes Programm zugrunde zulegen. Der Komponist nutzte dieses außermusikalische Programm als Idee, die er konkret in seinem Werk darstellen wollte. Der Komponist legte erstmals offen, was seine Inspiration gewesen ist. Was für den Rezipienten eine große Deutungshilfe darstellt, da sein Assoziationsfeld nun vorgegeben war, war für die Anhänger der „absoluten Musik“ ein Eingriff in die eigene Empfindungsweise, besitzt doch die „absolute Musik“ ihre Sinnhaftigkeit in sich selbst.

Dazu finden wir im dtv- Atlas Musik eine Definition der Programmmusik:

„Unter Programmmusik versteht man Instrumentalmusik mit außermusikalischem Inhalt, der durch einen Titel oder ein Programm mitgeteilt wird. Der Inhalt besteht vorzugsweise aus einer Folge von Handlungen, Situationen, Bildern oder Gedanken. Er regt die Fantasie des Komponisten an und lenkt die des Hörers in eine bestimmte Richtung. Zur Programmmusik zählen auch Ouvertüren von Opern, Oratorien oder Schauspielen, sofern sie deren Inhalt widerspiegelt, alle Konzertouvertüren mit programmatischem Inhalt und weitgehend das Charakterstück..

Nicht dazu gehören trotz außermusikalischen Inhalts Vokal-, Ballett- und Filmmusik. Der Programmmusik steht der größere Bereich der absoluten Musik gegenüber, die frei von außermusikalischen Vorstellungen ist. Empfindungen und Gefühle werden über Vortragsbezeichnungen hinaus nicht verbalisiert. Es gibt drei Grundmöglichkeiten Außermusikalisches durch Musik darzustellen:

-Wiedergabe von Höreindrücken;
-tonsymbolische Darstellung von visuellen Sinneseindrücken und von Assoziationen: -Darstellung von Gefühlen und Stimmungen.“14

Schließlich ergibt sich auch eine Form, die das Programm verlangt. Die Form ist aber kein festes Gerüst wie bei einer Sonatenhauptsatzform, sondern individuell. Liszt forderte bezüglich der Formgebung ,,[...] die Auflösung der bisherigen musikalischen Form und ihre Ersetzung durch eine demjedesmaligen Programme entsprechenden.“15 Die Programmmusik ist ein Nebenstrang oder Produkt, das um Gleichberechtigung kämpft. Nie wollte sie die absolute Musik ersetzen.

Die größten Komponisten, die sich der Programmmusik verschrieben haben, waren Hector Berlioz (1803-1869) und Franz Liszt (1811-1886)16, die auch eine Freundschaft verband.

Liszt wurde inspiriert von Berlioz „Simphonie fantastique“ und er schrieb eine Abhandlung über Berlioz’ Werk „Harold en Italie“ mit dem Titel „Berlioz und seine Harold-Sinfonie“.17 Berlioz ist nicht nur als Komponist hervorzuheben, sondern auch als Autor des Buches „Traité de l’instrumentation“. Darin untersuchte er die Klangfarbe der einzelnen Instrumente, ergänzte neue, für ihn geeignete Instrumente, und untersuchte deren klanglichen Mischungsmöglichkeiten.18

Sein Buch legt den technischen Grundstein, neue klangliche, programmatische Phänomene und generell neuartige Orchestrierungen umzusetzen.

Berlioz gilt eigentlich als Urheber der modernen Programmmusik.19

Mit seiner „Simphonie fantastique- Episode de la vie d’un artiste“ entwickelte er die Technik der „idée fixe“. Diese findet sich auch in „Harold en Italie“, dem zweiten programmatischen Stück Berlioz', wieder.

„Die Moldau“ (1874) von Smetana (1824-1884) übernimmt diese tonsymbolische „idee fixe“ ebenfalls.20

Der zweite große Vertreter der Programmmusik, Liszt, ist der Schöpfer der „Sinfonischen Dichtung“21.

[...]


1 Vgl. Monika Fink: Musik nach Bildern - Programmbezogenes Komponieren im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg.: Walter Salmen. Innsbruck: Verlag, 1988. S. 11.

2 ebd.

3 ebd.

4 Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik- Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf& Härtel Verlag, 1910. S.80.

5 Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik - Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf& Härtel Verlag, 1910. S. 123.

6 Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik - Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf& Härtel Verlag, 1910. S. 124.

7 vgl. Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik- Von ihren Anfängen biszur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf&Härtel Verlag, 1910. S. 11 .

8 vgl. Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik - Von ihren Anfängen biszur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf& Härtel Verlag, 1910. S. 24.

9 vgl. Ulrich Michels: dtv-Atlas Musik, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001. S. 143.

10 Kuhnaus war der Vorgänger J.S. Bachs als Kantor an der Thomaskirche in Leipzig und übertrug die vorherrschende Sonatenform für Streicher auf Klavier. Er begründete damit die Klaviersonate.

11 vgl. Otto Klauwell, Geschichte der Programmusik- Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Breitkopf& Härtel Verlag, Leipzig 1910, S. 34

12 vgl. Ulrich Michels, dtv-Atlas Musik, Deutscher Taschenbuch Verlag,München 2001, S.401

13 vgl. Ulrich Michels, dtv-Atlas Musik, Deutscher Taschenbuch Verlag,München 2001, S.403

14 UlrichMichels: dtv-AtlasMusik. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001. S. 143.

15 vgl. Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik- Von ihren Anfängen biszur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf&Härtel Verlag, 1910. S. 138.

16 Vgl. Monika Fink: Musik nach Bildern- Programmbezogenes Komponieren im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg.: Walter Salmen. Innsbruck: Verlag , 1988. S.13.

17 Vgl. Otto Klauwell: Geschichte der Programmusik - Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf& Härtel Verlag, 1910. S.134.

18 Vgl. Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik - Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf&Härtel Verlag, 1910. S. 102f.

19 Vgl. Otto Klauwell: Geschichte derProgrammusik - Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Breitkopf&Härtel Verlag, 1910. S.102.

20 vgl. Ulrich Michels: dtv-Atlas Musik. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001. S. 143.

21 Liszt ist Schöpfer einer eigenständigen Art von Programmmusik, der Sinfonischen Dichtung, die ihre Wurzeln zweifellos in der programmatischen und nicht in der absoluten Musik hat.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Achille Claude Debussys "La Mer". Eine Programmmusik?
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Musikpädagogik)
Veranstaltung
Programmmusik
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V193491
ISBN (eBook)
9783656186694
ISBN (Buch)
9783656187943
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es wird argumentiert, ob La Mer eine Programmmusik ist oder ein Impressionistisches Werk per se.
Schlagworte
Debussy, La Mer, Impressionismus, Programmmusik
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Roberto Achilles (Autor), 2008, Achille Claude Debussys "La Mer". Eine Programmmusik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193491

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