Bis in die 1990er Jahre hinein galt in der deutschen Geschichtswissenschaft das Postulat von Delarue, welcher die Vollkommenheit und allumfassende Macht der Gestapo herausstellte. Mit Bezug auf ähnliche Ansichten wurden sowohl in der Bevölkerung als auch in der Geschichtswissenschaft die Denunziationen verschwiegen. Retrospektiv wurde attestiert, dass man theoretische Absichten mit der Wirklichkeit und das ideologische Programm mit der Realität verwechselt habe.
Erst mit dem bahnbrechenden Werk des kanadischen Historikers Robert Gellately gelang der Paradigmenwechsel in der Forschung. Die Interdependenz von Polizei und Gesellschaft wurde infolgedessen so gedeutet, dass Denunziationen aus der Bevölkerung die wichtigste Quelle staatspolizeilichen Handels seien. Die Gestapo war jetzt nicht mehr die omnipräsente Terrortruppe sondern eine unterbesetzte, überbürokratisierte Behörde, welche mit einer Aufgabeninflation konfrontiert, ihren entgrenzten Feindbildern hinterher hinkte.
Die Denunziationsforschung lieferte und liefert ihre Beiträge zur Entschlüsselung des‚ Gestapo-Mythos‘ und Gellately sieht eine so immense Abhängigkeit der Gestapo von Denunziationen, dass er die deutsche Gesellschaft als eine sich selbstüberwachende charakterisierte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Definitionen von Denunziation
Vorbedingungen der Denunziationsbereitschaft
Wer denunzierte wen und weshalb?
Motive der Denunzianten
Die selbstüberwachende Gesellschaft und die Denunziationsforschung
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die These des kanadischen Historikers Robert Gellately, der die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus als ein selbstüberwachendes System charakterisierte. Dabei wird analysiert, inwieweit neuere historische Forschungen diese Sichtweise stützen, ergänzen oder durch differenzierte Betrachtungen von Denunziationsmotiven und der Rolle staatlicher Institutionen relativieren können.
- Historische Einordnung des "Gestapo-Mythos" und Paradigmenwechsel in der Forschung
- Komplexität und terminologische Abgrenzung der Denunziation im NS-Staat
- Analyse der sozialen Dynamiken und der Rolle der Denunzianten
- Überprüfung der Validität des Konzepts der "selbstüberwachenden Gesellschaft"
Auszug aus dem Buch
Die selbstüberwachende Gesellschaft und die Denunziationsforschung
In der Gestapo-Führung kursierten verschiedene Ansichten hinsichtlich des Denunziantentums. Werner Best wollte „bezahlte Agenten und Spitzel“ abschaffen und nur auf die „freiwillige Mithilfe der staatstragenden Kräfte“ bauen. Indessen plädierte Heydrich 1939 für eine Reglementierung der Denunziationen. In seinem Konzept des „Volksmeldedienstes“ war festgelegt, wer was an wen berichten durfte. Heydrich wollte „klare Verhältnisse“ schaffen; doch am 18.09.1939 lehnte der Ministerrat für Verteidigung seine Vorschläge ab. Andererseits beklagten Gestapo-Führer, dass man für manche ‚Volksgenossen‘ wohl „das Mädchen für alles“ oder gar „der Mülleimer der Nation“ darstellte. Es exisiterte also ein ambivalentes Verhältnis zu Denunziationen und den Denunzianten.
Diewald-Kerkmann äußert hierzu, dass „die politischen Denunziationen gewollt und benötigt wurden, der Denunziant aber nicht erwünscht war“. Das Wissen um die Abhängigkeit von ihnen ging mit der Abneigung gegen diese ‚Anschwärzer‘ einher. Wie die Bedeutung der Denunziationen einzuschätzen ist und ob es gerechtfertigt ist, aufgrund der ‚Denunziantenflut‘ von einer selbstüberwachenden Gesellschaft auszugehen, ist das Anliegen dieses Kapitels.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel skizziert den Paradigmenwechsel in der Gestapo-Forschung durch Robert Gellately und führt in die Problematik des Denunziationswesens sowie die Forschungsfrage ein.
Definitionen von Denunziation: Hier werden verschiedene geschichtswissenschaftliche Definitionsansätze für den Begriff der Denunziation diskutiert, um eine Basis für die weitere Untersuchung zu schaffen.
Vorbedingungen der Denunziationsbereitschaft: Dieses Kapitel erläutert die sozio-politischen Rahmenbedingungen, die eine Denunziationsbereitschaft innerhalb der NS-Gesellschaft erst ermöglichten.
Wer denunzierte wen und weshalb?: Hier werden die Akteure von Denunziationen, ihre Opfer sowie die institutionellen Zusammenhänge und sozialen Schichtungen beleuchtet.
Motive der Denunzianten: Dieses Kapitel analysiert das breite Spektrum an Antriebsgründen für Denunziationen, von politischer Überzeugung bis hin zu privaten Ressentiments.
Die selbstüberwachende Gesellschaft und die Denunziationsforschung: Hier findet die zentrale Auseinandersetzung mit Gellatelys These statt, wobei die Validität der "selbstüberwachenden Gesellschaft" anhand empirischer Studien kritisch geprüft wird.
Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet kritisch, inwieweit die These der selbstüberwachenden Gesellschaft im Lichte der Forschungsergebnisse Bestand hat.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Gestapo, Denunziation, Denunziantentum, selbstüberwachende Gesellschaft, Robert Gellately, NS-Herrschaft, Terrorapparat, Volksgemeinschaft, politische Denunziation, soziale Kontrolle, Alltag, NS-Polizeistaat, Widerstand, Forschungskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftlichen Debatte um das Denunziationswesen im nationalsozialistischen Deutschland und der Rolle der Bevölkerung bei der Aufrechterhaltung des NS-Terrors.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Definition von Denunziationen, die Motive der Täter, die Interdependenz zwischen Polizei und Bevölkerung sowie die kritische Prüfung der These der "selbstüberwachenden Gesellschaft".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu hinterfragen, ob die weit verbreitete These von Robert Gellately, dass sich die deutsche Gesellschaft im "Dritten Reich" selbst überwacht habe, durch neuere Forschungsergebnisse gestützt oder falsifiziert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse, in der aktuelle historische Studien und Quellenauswertungen der letzten zwanzig Jahre vergleichend gegenübergestellt und kritisch diskutiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition, die Analyse der Vorbedingungen, die Untersuchung von Tätern und Motiven sowie die detaillierte Auseinandersetzung mit der These der selbstüberwachenden Gesellschaft anhand regionaler Fallstudien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe "Gestapo-Mythos", "Denunziationsbereitschaft", "Volksgemeinschaft" und die Unterscheidung zwischen politisch und privat motivierten Denunziationen.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen verschiedenen Typen von Denunzianten?
Die Arbeit grenzt zwischen dem "typischen" Denunzianten aus der Bevölkerung, organisierten V-Leuten der Gestapo und Funktionären der NS-Organisationen (wie Blockwarten) ab.
Welches Fazit zieht der Autor zur "selbstüberwachenden Gesellschaft"?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Begriff der "Selbstzensur" griffiger ist als der der "Selbstüberwachung", da es zwar eine hohe gesellschaftliche Transparenz und ein Verschweigen von Dissens gab, jedoch keine flächendeckende, "millionenfache" Denunziationspraxis existierte.
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- Master of Arts Henning Priet (Author), 2009, Denunziationen im ‚Dritten Reich‘, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193511