Homo homini lupus in H. Dunmores The Siege


Hausarbeit, 2002

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. „Homo homini lupus“ in Helen Dunmores The Siege

2. Textanalyse zum Thema anhand konkreter Beispiele

3. Abschließende Gedanken

4. Literaturverzeichnis

Einleitung

Helen Dunmores The Siege beschreibt das Leben von Anna Levin, ihrem Bruder Kolya, ihrem Vater Mikhail Ilyich, seiner (Ex-)Geliebten Marina Petrinova und Anna’s Freund Andrei während der 900-tägigen Belagerung Leningrads (heute: St. Petersburg) durch die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Die vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 dauernde Blockade wurde zu einem Kampf ums Überleben.

Beeindruckend schildert H. Dunmore in The Siege den Gesinnungswandel einer ganzen Stadt: Aufgrund des Kriegszustandes und der Belagerung wird Leningrad, eine kommunistische Metropole, in den Naturzustand zurückversetzt, wie er in Thomas Hobbes’ Leviathan - von purem Selbstinteresse und Egoismus durchdrungen – beschrieben ist. Wenn man sich die Werte einer kommunistischen Gesellschaft vor Augen führt, wie z.B. materielle Gleichheit und das Gemeinwohl, so wird man schnell das Paradoxon und die darin enthaltene Verzweiflung der Belagerten erkennen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Aussage Hobbes’ im Leviathan „Homo homini lupus“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – einen offensichtlichen und einen direkt auf H. Dunmores Roman übertragbaren Charakter.

Im folgenden Abschnitt werde ich mich mit Hobbes’ Leviathan, genauer mit dem darin beschriebenen Naturzustand und der Natur des Menschen, befassen, um dann in den darauffolgenden Abschnitten die Aussagen Hobbes’ mit geeigneten Textpassagen in H. Dunmores The Siege zu verbinden.

1. “Homo homini lupus” in Helen Dunmores The Siege

Bereits von der ersten Seite an fesselt H. Dumore den Leser mit einer geschickten Wende von einer positiven in eine düstere, dem Menschen gefährliche, Atmosphäre:

Es ist ein Junitag im Jahre 1941 in Leningrad und der Sommer steht vor der Tür. Und mit dem Sommer kommt die Hoffnung und Freude auf eine ‘bessere’ Zeit, eine Zeit voller Wärme und Helligkeit. Doch schnell wird Anna - aus Ihrer Sicht wird uns die Geschichte erzählt – an eine düstere, kalte Zeit erinnert. Es ist nicht nur der Winter, der den Menschen noch in den Knochen liegt. Es ist die Zeit in der man eine Zielscheibe (“You’re a target.”, Kap.1, S.2) ist und in der man Angst hat von den Leuten in den schwarzen Vans weggeholt zu werden und nie wieder aufzutauchen.

Man kann diesen Zustand der ewigen Angst als den von Hobbes’ beschriebenen Naturzustand betrachten in dem man ständig um sein Leben fürchten muss. Im Naturzustand herrscht Krieg. „Daraus ergibt sich klar, dass die Menschen während der Zeit, in der sie ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zustand befinden, der Krieg genannt wird.“[i] (Das in The Siege tatsächlich von der Belagerung auf Grund des Krieges erzählt wird soll für die Argumentation nicht weiter interessant sein und eher als Zufall angesehen werden.) Bezüglich der für diesen Zustand vorrausgesetzten, fehlenden, „im Zaum haltenden Macht“ muss angemerkt werden, dass Hobbes mit seinem Werk Leviathan für eine Staatsform gesprochen hat, um diesem Naturzustand zu entkommen. Ich denke aber, er meinte sicher nicht die einer Diktatur, wie sie Stalin ausübte. Wir haben hier also trotz der vorhandenen Staatsform einen Naturzustand. “These are hard times. You can’t trust anyone, not even yourself.” (Kap.1, S.1)

In H. Dunmores The Siege herrscht also Krieg, nicht nur in der Geschichte selbst, sondern auch zwischen den Menschen. Obwohl dieser Krieg als ein Krieg eines jeden gegen jedermann charakterisiert wird, darf man ihn nicht als eine Kette fortwährender Gewalttätigkeiten interpretieren, vielmehr besteht ein Kriegszustand in einem Zeitraum, hier während der Belagerung, „in dem der Wille, sich zu bekämpfen, hinlänglich bekannt ist.“[ii]

Ein Verständnis des Naturzustandes erschließt sich am besten über eine Analyse der Konfliktursachen. Diese liegen nach Hobbes in der menschlichen Natur und sind: 1. Konkurrenz, 2. Misstrauen und 3. Ruhmsucht. Die erste Konfliktursache veranlasst Menschen zu Übergriffen um eines Vorteils (Gewinnes) Willen, die zweite, um Sicherheit zu erreichen, und die dritte um das eigene Ansehen zu erhöhen.[iii]

1. Konkurrenz:

Menschliche Bedürfnisbefriedigung findet unter der Bedingung einer doppelten unaufhebbaren Knappheit statt. Sowohl die begehrten Güter selbst als auch die zu ihrem gegenwärtigen und künftigen Erwerb erforderlicher Mittel sind knapp. Diese Knappheit erzeugt Konflikte. „Wenn zwei Menschen nach demselben Gegenstand streben, den sie jedoch nicht zusammen genießen können, so werden sie Feinde und sind in Verfolgung ihrer Absicht (...) bestrebt, sich gegenseitig zu vernichten (...)“[iv]. In The Siege hat Geld, also das Mittel zum Erwerb der Güter, kaum noch einen Wert. Der Konkurrenzkampf entwickelt sich hauptsächlich um Nahrung und alles was einen Menschen durch den Winter bringt, wie z.B. der Allesbrenner, die burzhuika, oder Holz. Sicherlich spielt Konkurrenz eine Rolle in The Siege, allerdings nicht so eine große, wie das Misstrauen, da die Bewohner Leningrads eine Rationskarte besitzen und Nahrungsmittel so oder so gerecht verteilt werden, sofern es denn welche zu verteilen gibt.

2. Misstrauen:

Menschen besitzen Vernunft und daher praktische Voraussicht. Sie entwickeln Langzeitstrategien und versuchen sich für missliebige Fälle zu wappnen. Anna ist das beste Beispiel dafür: Sie bepflanzt den Garten ihrer Dacha im Sommer, weil sie genau weiss wie viel die Ernte im Winter wert sein wird und zum Überleben beiträgt und sie ist sich bewusst welcher Gefahr sie sich ausgibt wenn sie auf die Strasse geht und trägt deshalb einen Gürtel unter ihrem Mantel an dem sie die lebenswichtigen Güter festmacht damit sie ihr nicht gestohlen werden können. Sie ist Planer und Machtmaximierer und weiß, dass auch die anderen Menschen Planer und Machtmaximierer sind. Aufgrund ihrer nicht minder leitenden Vernunft haben andere Menschen die gleichen Befürchtungen und die gleichen Präventionsvorstellungen, d.h. sie entwickeln die gleichen Konfliktmuster. Sich aufschaukelnde Strategien des offensiven Misstrauens entstehen; es gilt, mit dem schlimmsten zu rechnen und der Gewalt anderer zuvorzukommen. Die anderen selbst zu attackieren, erhöht die eigenen Überlebenschancen (was Anna im Laufe der Zeit lernt, siehe Kap. 18., S. 165, wo Anna der burzhuika-Verkäuferin gerne „eins überziehen würde“, wenn niemand in der Nähe gewesen wäre); auf die Friedfertigkeit der anderen sich zu verlassen, ist in höchstem Maße irrational. Rational hingegen, weil den eigenen Interessen und vor allem dem Überleben dienlich, ist es hingegen, gewaltbereit und, wie Kant sagt, „ jederzeit in Kriegsrüstung zu seyn“.[v]

[...]


[i] Thomas Hobbes, Leviathan, aus dem Engl. Übertr. von Jutta Schlösser, mit einer Einf. Und hrsg. Von Hermann Klenner, (Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1996), S.104

[ii] Thomas Hobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates, hrsg. von Wolfgang Kersting, (Berlin: Akademischer Verlag, 1996), S.111

[iii] Op. Cit., S.112

[iv]Thomas Hobbes, Leviathan, aus dem Engl. Übertr. von Jutta Schlösser, mit einer Einf. Und hrsg. Von Hermann Klenner, (Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1996), S.103

[v] Op. Cit., S.110

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Homo homini lupus in H. Dunmores The Siege
Hochschule
Universität Kassel  (FB Anglistik)
Veranstaltung
Helen Dunmore: The Siege
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V19355
ISBN (eBook)
9783638234986
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der vorliegenden HA werden geignete Textstellen aus Helen Dunmores The Siege mit Hobbes Leviathan - insbesondere mit dem berühmten Ausspruch: Homo homini lupus (Der Mensch dem Menschen ein Wolf) - verglichen. Und der Roman Dunmores, der zur Zeit der Belagerung Leningrads (heute: St. Petersburg) spielt, ist geballt mit einer Ladung wölfischem à la Hobbes...
Schlagworte
Homo, Dunmores, Siege, Helen, Dunmore, Siege
Arbeit zitieren
Iw Marinkovic (Autor:in), 2002, Homo homini lupus in H. Dunmores The Siege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19355

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