Atreus Polytropos - Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in den Versen 642 bis 760 des Seneca Thyestes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Atreus, der Priester
1.1 Der «heilige» Ort
1.2 Ipse est sacerdos
1.3 Die Macht im Ritual

2. Atreus, der Mörder
2.1 Die ausgehungerte Tigerin (V.707 ff)
2.2 Der mähnenumwallte Löwe (732 ff)
2.3 Atreus mörderisches Profil

3. Atreus, der Seher
3.1 Der blinde Vates
3.2 Eigensinn blendet

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Es ist nicht zu übersehen, dass Seneca in seinem Drama Thyestes unter vielen wichtigen Zurechtweisungenauch die Beherrschung menschlicher Emotionen aufzuzeigen versucht. Im Mythos über zwei miteinander befeindete Brüder wählt er die Figur des Atreus, dem er ein besonders boshaftes Aussehen verleiht. Der Dramatiker stattet diese Figur mit einer Vielfalt von Charakterzügen aus und lässt sie einegrauenvolle Tat begehen: Er tötet seine eigenen Neffen und setzt sie ihrem eigenen Vater als Speise vor. DieMacht zu diesem Verbrechen liegt in einer Art Polytropie des Protagonisten verborgen, die sich aus seiner Rolle als Priester, als Mörder und als Seher summiert. In der vorliegenden Arbeit versuche ich, alle diese Charakterzüge des Atreus zu untersuchen.

Im ersten Teil dieser Arbeit herrschen die priesterlichen Eigenschaften des Atreus vor. Hierzu lege ich einen großen Wert auf die dargestellte sakrale Umgebung. Im weiteren Verlauf analysiere ich den Atreus selbst in seiner Rolle als Priester. Im letzten Teil des ersten Abschnittes wird das Ritual der Opferung analysiert.Anhand zweier Gleichnisse lässt Seneca Atreus’ Rolle als Mörder zum Vorschein kommen.Sein aggressiver und triebhafter Charakter ist das Hauptthema des zweiten Abschnittes. Schließlich bildet die Rolle Atreus als Seher den Schluss dieser Untersuchung.

In dieser Arbeit werden gezielt nur jene Textstellen analysiert, die meiner Meinung nach die Informationen zunur diesen drei Charaktereigenschaften der Figur beinhalten. Seneca aber gibt in seinen umfangreichen Versen auch über andere Charaktermerkmale des Atreus eine Auskunft, so zum Beispiel zu seiner Rolle als Metzger. Dieses Thema ließ ich jedoch außer Acht.

1. Atreus, der Priester

Seneca widmet zahlreiche Verse dem Bereich, in dem der priesterliche Charakter des Atreus sehr deutlich beleuchtet wird. Eine besondere Aufmerksamkeit richtet er auf die Opferstätte, wo das Ritualder Kindstötung vollzogen wird. Danach schildert er detailliert Atreus bei seinen Aufgaben als Priester und beschreibt schließlich dasRitual.

1.1 Der «heilige» Ort

Die Priesterrolle des Atreus beginnt mit der Darstellung des Opferplatzes, welche uns ein namenloser Bote beschreibt. Als erstes lesen wir einen Dialog zwischen dem Chor und dem Boten, in welchem der Bote entsetzt über die Geschehnisse, die er im Haus des Atreus beobachtet hat, berichtet.Nachdem sein Entsetzen nach einer Weile nachlässt: Si steterit animus, si metu corpus rigens / remittet artus. ‒ Wenn das Herz sich beruhigen wird, wenn die Furcht, die den Körper versteift, die Glieder loslassen wird – reißt er sich nun für einen Moment zusammen, holt tief Luft und fängt an, zu erzählen. Er beginnt mit der Beschreibung des Hauses.Seine Erzählung fängt wie ein Märchen an – wie eine geheimnisvolle Geschichte, an die man meistens nicht glaubt: In arce summa Pelopiae pars est domus. ‒ Auf der hohen Burg gibt es ein Teil des Pelops-Hauses. Der Bote ruft das Gesehene nochmal in seine Erinnerung. Vor seinen Augen tauchen erneut die unglaublichen Bilder auf: das Haus, in seiner ganzen Größe und gewohnten Pracht, ein Gemach,an dessen vergoldeten Balken undbunter Bemalung das Auge erstaunt, und hinter ihm, in tiefster Abgeschiedenheit, ein geheimer Platz – der Schauplatz des Geschehens (V. 650 ff):

arcana in imo regio secessu iacet,

alta vetustum valle compescens nemus,

penetrale regni, nulla qua laetos solet

praebere ramos arbor aut ferro coli,

sed taxus et cupressus et nigra ilice

obscura nutat silva, quam supra eminens

despectat alte quercus et vincit nemus.[1]

Eine geheime Gegend befindet sich in der tiefen Abgeschiedenheit, / im unteren Tal einen uralten Hain umschließend, / der Mittelpunkt des Königtums, wo kein Baum fruchtbare Zweige zu darreichen pflegt oder durch das Messer bebaut zu werden pflegt, / aber mit Eibe und Zypresse und mit schwarzer Steineiche nickt der dunkle Wald zu, / über welchen eine hohe Eiche überragend herabblickt und den Hain beherrscht.

Ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass das Wort regio ‒ eine ganze Gegend, Gebiet, Landschaft meiner Meinung nachals Schlüsselwort im diesem Textabschnittes zu gelten hat. Seneca wähltes an dieser Stelle nicht zufällig. Es handelt sich nicht um einen locus, der es erlaubt, das Geschehene auf einen einzelnen Punkt oder an eine einzige Stelle zu versetzen, nein, es ist eine ganze Gegend, die Atreus hier zur Verfügung steht. In einer weiten Gegend hat man oft das Gefühl, unaufhaltsam zu sein. Und man kann sich sehr schlecht vorstellen, einen Menschen, der etwas vor hat, in so einer Gegend aufzuhalten. Unter solchen Bedingungen entsteht eine Art Freiheit, die geradezu danach verlangt, ausgenutzt zu werden. Dieses Verlangen kann sehr groß sein und nicht jeder ist im Stande, ihm zu widerstehen. Und natürlich muss diese Freiheitnicht unbedingt im positiven Sinn verstanden werden, denn sie lässt unteranderem auch an eine bestimmte Unbeschränktheit denken. In unseren Fall an eine Unbeschränktheit im Grauen: Der Kopf eines Rachesüchtigen beginnt unter solchen Bedingungen zahlreiche grauenvolle Ideen zu entwickeln und eine ist danngrauenvollerals die andere.Hierfür sehen wir im Vers 655 einen weiteren Beweis quam supra eminens / despectat alte quercus et vincit nemus. ‒ über welchen eine hohe Eiche überragend herabblickt und den Hain beherrscht. Atreus ist hier der Herr der Lage!

Ich denke, dass diese Art Freiheit teilweise zur Atreus Polyrtopie beigetragen hat. Die freie Umgebung um ihn herum, die Erkenntnis, dass ihn niemand aufhalten kann, berauscht den zukünftigen Mörder und setzt ihn beinahe in Ekstase. Sie gibt ihm Kraft, lässt jeglichen Zweifel fallen und er schreitet zu seiner Tat mit sicherem Fuß.

Nach der weichen, ruhigenBeschreibung der landschaftlichen Umgebung schildert uns der Bote das Fromme dieses Ortes und seine Erzählung bekommt langsam eine bittere Nuance (V. 657 ff):

hinc auspicari regna Tantalidae solent,

hinc petere lapsis rebus ac dubiis opem.

affixa inhaerent dona; vocales tubae

fractique currus, spolia Myrtoi maris,

victaeque falsis axibus pendent rotae

et omne gentis facinus; hoc Phrygius loco

fixus tiaras Pelopis, hic praeda hostium

et de triumpho picta barbarico chlamys.

Hier pflegen die Tantaliden über ihre Herrschaft den Vogelschau zu durchführen, / hier pflegen sie in Missgeschick und Ungewissheit Hilfe zu holen. / Angeheftet hängen die Weihgeschenke fest; Schmetternde Drommeten, / ein zertrümmerter Wagen, die Beute des myrtoischen Meeres, / und die durch trügerische Achsen besiegten Räder hängen / und jede Schandtat des Geschlechts; eben auf dieser Stelle / ist die phrygische Tiara des Pelops angeheftet, und hier ist die Beute der Feinde / und ein Kriegsmantel, mit Bildern über den barbarischen Triumph.

Erst an dieser Stelle erkennen wir, dass es sich um einen für die Pelops-Familie heiligen Ort handelt loca sacra: Der Name der Vorfahren regna Tantalidae wird erwähnt. Der Bote berichtet über einen uralten Hain, nemus vetustum (V. 651), den das alte Familienhaus sich als den Ort für die Götterverehrung auswählte. Die Haine galten unter mehreren anderen Örtlichkeiten der Götterkulte, als Orte zur Verehrung mehr oder weniger in Vergessenheit geratener Gottheiten.[2] Doch Seneca verleiht diesem Ort ein zusätzliches Grauen: Er schmückt ihn mit für den hinterhältigen Pelops bedeutenden Weihgeschenken wie vocales tubaedie schmetternden Drommeten, mit denen Pelops als König seine Krieger motivierte (V. 659), fracti currusein zertrümmerter Wagen, dem Myrtilos präpariert hatte, um dem Pelops zum Sieg gegen Oinomaos zu verhelfen (V. 660)sowie et omne gentis facinus ‒ jede Schandtat des Geschlechts (V. 662).All das sind Geschenke einer tückischen Tat, die als Gepränge für den ebenso tückischen Ort geeignet sind. Es sind Geschenke der Vorfahren von Atreus und Thyestes, es ist ein Ort der heiligen Vergangenheit für beide.

Im weiteren Verlauf der Erzählung kündigt der Bote langsam und Schritt für Schritt eine mystische Atmosphäre an (V. 665 ff):

fons stat sub umbra tristis et nigra piger

haeret palude; talis est dirae Stygis

deformis unda quae facit caelo fidem.

Eine düstere Quelle befindet sich im Schatten und im schwarzen / Sumpf bleibt sie träge stecken: Genau so wie der schauerlichen Styx / garstige Woge, die dem Himmel die Treuemacht.

Eine reine Quelle erstickt in einem Sumpf und wird der Styxwoge ähnlich. Haererefest sitzen, sitzen bleiben ist hier das Schlüsselwort. Denn es bedeutet, man sitzt so fest, dass man nicht weiter vorwärts kommen kann. Die Quelle in meinen Augen sind die hellen Gedanken und Taten Atreus’,die er zu Beginn seines Einfallsnoch hat. Diesewerden jedoch in ihrer Wurzel erstickt und verwandeln sich in perverse und abartigeVorstellungen, die er später in die Tat umzusetzen vor hat.Atreus betritt diesen Ort und jegliches Helle, was in ihm noch vorhanden war, verschwindet.

[...]


[1] Vgl.: L. Annaei Senecae tragoediae, recognovit brevique adnotatione critica instruxit O. Zwierlein, Oxford (1986). Die im Folgenden herangezogenen Textzitate liegen, ohne dass es speziell vermerkt wird, dieser Ausgabe zugrunde.

[2] Vgl.: Wissowa, Georg, Religion und Kultus der Römer. S. 470.

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Details

Titel
Atreus Polytropos - Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in den Versen 642 bis 760 des Seneca Thyestes
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V193607
ISBN (eBook)
9783656195726
ISBN (Buch)
9783656195320
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Seneca, Drama, Mythos, Thyestes, Mörder, Priester, Seher
Arbeit zitieren
Swetlana Krieger (Autor), 2012, Atreus Polytropos - Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in den Versen 642 bis 760 des Seneca Thyestes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193607

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