Es ist nicht zu übersehen, dass Seneca in seinem Drama Thyestes unter vielen wichtigen Zurechtweisungen auch die Beherrschung menschlicher Emotionen aufzuzeigen versucht. Im Mythos über zwei miteinander befeindete Brüder wählt er die Figur des Atreus, dem er ein besonders boshaftes Aussehen verleiht. Der Dramatiker stattet diese Figur mit einer Vielfalt von Charakterzügen aus und lässt sie eine grauenvolle Tat begehen: Er tötet seine eigenen Neffen und setzt sie ihrem eigenen Vater als Speise vor. Die Macht zu diesem Verbrechen liegt in einer Art Polytropie des Protagonisten verborgen, die sich aus seiner Rolle als Priester, als Mörder und als Seher summiert. In der vorliegenden Arbeit versuche ich, alle diese Charakterzüge des Atreus zu untersuchen.
Im ersten Teil dieser Arbeit herrschen die priesterlichen Eigenschaften des Atreus vor. Hierzu lege ich einen großen Wert auf die dargestellte sakrale Umgebung. Im weiteren Verlauf analysiere ich den Atreus selbst in seiner Rolle als Priester. Im letzten Teil des ersten Abschnittes wird das Ritual der Opferung analysiert. Anhand zweier Gleichnisse lässt Seneca Atreus’ Rolle als Mörder zum Vorschein kommen. Sein aggressiver und triebhafter Charakter ist das Hauptthema des zweiten Abschnittes. Schließlich bildet die Rolle Atreus als Seher den Schluss dieser Untersuchung.
In dieser Arbeit werden gezielt nur jene Textstellen analysiert, die meiner Meinung nach die Informationen zu nur diesen drei Charaktereigenschaften der Figur beinhalten. Seneca aber gibt in seinen umfangreichen Versen auch über andere Charaktermerkmale des Atreus eine Auskunft, so zum Beispiel zu seiner Rolle als Metzger. Dieses Thema ließ ich jedoch außer Acht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Atreus, der Priester
1.1 Der «heilige» Ort
1.2 Ipse est sacerdos
1.3 Die Macht im Ritual
2. Atreus, der Mörder
2.1 Die ausgehungerte Tigerin (V.707 ff)
2.2 Der mähnenumwallte Löwe (732 ff)
2.3 Atreus mörderisches Profil
3. Atreus, der Seher
3.1 Der blinde Vates
3.2 Eigensinn blendet
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Figur des Atreus in Senecas Drama Thyestes mit dem Ziel, die psychologische und rituelle Machtgrundlage seines grausamen Handelns zu ergründen. Dabei wird analysiert, wie die drei Facetten des Protagonisten – seine priesterliche Rolle, sein mörderischer Trieb und seine spezifische Form der Hellseherei – ineinandergreifen und den Charakter zu einer "Polytropie des Bösen" formen.
- Die sakrale Umgebung als Ort und Katalysator ritueller Gewalt.
- Atreus als autonomer Priester, der eine mystische Selbst-Initiation vollzieht.
- Der mörderische Trieb im Vergleich zu tierischen Verhaltensmustern bei Seneca.
- Psychopathologische Aspekte von Atreus’ Handeln nach Schneider und Lorenz.
- Die Rolle von Vorzeichen und die bewusste Ignoranz des Sehers Atreus.
Auszug aus dem Buch
1.1 Der «heilige» Ort
Die Priesterrolle des Atreus beginnt mit der Darstellung des Opferplatzes, welche uns ein namenloser Bote beschreibt. Als erstes lesen wir einen Dialog zwischen dem Chor und dem Boten, in welchem der Bote entsetzt über die Geschehnisse, die er im Haus des Atreus beobachtet hat, berichtet. Nachdem sein Entsetzen nach einer Weile nachlässt: Si steterit animus, si metu corpus rigens / remittet artus.‒ Wenn das Herz sich beruhigen wird, wenn die Furcht, die den Körper versteift, die Glieder loslassen wird – reißt er sich nun für einen Moment zusammen, holt tief Luft und fängt an, zu erzählen. Er beginnt mit der Beschreibung des Hauses. Seine Erzählung fängt wie ein Märchen an – wie eine geheimnisvolle Geschichte, an die man meistens nicht glaubt: In arce summa Pelopiae pars est domus.‒ Auf der hohen Burg gibt es ein Teil des Pelops-Hauses. Der Bote ruft das Gesehene nochmal in seine Erinnerung. Vor seinen Augen tauchen erneut die unglaublichen Bilder auf: das Haus, in seiner ganzen Größe und gewohnten Pracht, ein Gemach, an dessen vergoldeten Balken und bunter Bemalung das Auge erstaunt, und hinter ihm, in tiefster Abgeschiedenheit, ein geheimer Platz – der Schauplatz des Geschehens (V. 650 ff):
arcana in imo regio secessu iacet, 650
alta vetustum valle compescens nemus,
penetrale regni, nulla qua laetos solet
praebere ramos arbor aut ferro coli,
sed taxus et cupressus et nigra ilice
obscura nutat silva, quam supra eminens
despectat alte quercus et vincit nemus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Fragestellung ein, wie Seneca die Figur des Atreus durch die Rollen als Priester, Mörder und Seher definiert.
1. Atreus, der Priester: Dieser Abschnitt analysiert die sakrale Umgebung und zeigt, wie Atreus durch das eigenmächtige Ritual seine Position als Alleinherrscher rituell festigt.
2. Atreus, der Mörder: Durch den Vergleich mit Tieren wird der unbezähmbare Mordtrieb des Atreus beleuchtet und mit psychopathologischen Konzepten in Beziehung gesetzt.
3. Atreus, der Seher: Dieses Kapitel untersucht die missachteten Vorzeichen und den Eigensinn, der Atreus daran hindert, als Vates im klassischen Sinne wahrzunehmen, was er stattdessen aktiv umdeutet.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Seneca Atreus als ein Genie des Grauenhaften zeichnet, dessen "Polytropie" eine tiefere wissenschaftliche Erforschung rechtfertigt.
Schlüsselwörter
Atreus, Seneca, Thyestes, Priester, Mörder, Seher, Polytropie, Opferritual, Mysterienreligion, Aggression, Psychopathologie, Tantaliden, Vorzeichen, Vates, Grauen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die komplexe Charakterdarstellung des Atreus in Senecas Drama Thyestes und analysiert, wie seine Handlungen als Priester, Mörder und Seher zu seiner schrecklichen Tat führen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten zählen die Darstellung sakraler Räume, die Psychologie des Mordtriebes, der Vergleich menschlichen und tierischen Verhaltens sowie das Spannungsfeld zwischen Macht, Ritual und Wahnsinn.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die sogenannte "Polytropie" des Protagonisten aufzuschlüsseln und zu verstehen, wie diese drei unterschiedlichen Charakterzüge (Priester, Mörder, Seher) die Intensität und Grausamkeit seines Racheaktes begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine textanalytische Methode, bei der gezielt Textstellen aus den Versen 642 bis 760 des Thyestes philologisch untersucht und durch psychologische sowie religionswissenschaftliche Sekundärliteratur interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Analyseblöcke, die Atreus erst in seiner rituellen sakralen Umgebung, dann als Raubtier-gleich agierenden Mörder und abschließend als einen Seher, der die Warnungen der Natur bewusst ignoriert, beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Protagonisten Atreus sind zentrale Begriffe das Opferritual, die Polytropie, der Mörder-Aspekt, die psychologische Aggression und das Genre des römischen Dramas bei Seneca.
Wie interpretiert die Autorin die Rolle des Atreus als "Mörder"?
Die Arbeit sieht den Mordtrieb des Atreus als eine Form von gesteigerter, unkontrollierter Aggression, die Seneca durch Vergleiche mit Raubtieren (Tigerin und Löwe) verdeutlicht und durch psychologische Kategorien als "gemütlosen Psychopathen" einordnet.
Welche Bedeutung hat das "Opferritual" im Stück?
Das Ritual dient für Atreus nicht der klassischen Erlösung durch Götter, sondern stellt eine Machtdemonstration dar, bei der er sich durch die Alleindurchführung als Priester und Initiator seiner eigenen "Königsweihe" bestätigt.
- Quote paper
- Swetlana Krieger (Author), 2012, Atreus Polytropos - Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in den Versen 642 bis 760 des Seneca Thyestes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193607