Lessings Kampf um das martialische Epigramm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von Inschriften bis bücherwürdigen Epigrammen
2.1 Έπίγραμμα: Der Ursprung
2.2 Martial und das Buch-Epigramm: Die Entfernung
2.3 Zwei Teile eines Ganzen: Lessings Lösung

3. Lessings Wege zu den «Zerstreuten Anmerkungen
3.1 Theoretische Begegnungen: Scaliger, Vavassor, Boileau und andere
3.2 «Zerstreute Anmerkungen»: Die Entstehung

4. Nachwirken des martialischen Epigramms
4.1 Einfluss des Martial auf Lessing selbst
4.2 Bertolt Brecht und das martialische Epigramm
4.2.1 Bertold Brecht und die Antike
4.2.2 Das Epigramm bei Brecht
4.2.3 Die Kriegsfibel

5. Martial, Lessing und Brecht: Buch-Epigramm, Theorie und Fotoepigramm
5.1 Lessings Anhaltspunkte
5.2. Martial und das Epigramm Nr. 27 des zweiten Buches
5.2.1 Lateinischer Text und Übersetzung
5.2.2 Die Interpretation
5.2.3 Lessings Merkmale am Epigramm 27 des zweiten Buches
5.3 Fotoepigramm Nr. 27 von Brechts Kriegsfibel

6 .Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gotthold Ephraim Lessing war der erste Theoretiker, der es gewagt hatte, sich mit der unklaren Bedeutung des Begriffes Epigramm detailliert auseinander zu setzen. Sein typisches Streben zur Genauigkeit und die deutlich gezeigte Strenge in diesem Gebiet führten dazu, dass man nun im Stande ist, eine sehr ordentliche Vorstellung von diesem Begriff zu bekommen. Der Definition des Epigramms durch Lessings verdanken wir die Tatsache, dass diese Literaturgattung bis heute noch an Bedeutung gewinnt. Man denke nur an den Stellenwert dieses Themas an den Universitäten und an das Interesse der zahlreichen Studierenden in diesem Bereich.

Als Ziel dieser Arbeit habe ich mir gesetzt, Lessings Sorge um das Epigramm zu verdeutlichen und zu zeigen, inwieweit die Resultate dieses Bemühens unsere Gegenwart beeinflussen. Aus diesem Grund sah ich die Notwendigkeit, den Ursprung des Epigramms und seine griechischen Wurzeln zu beleuchten, seine Entfaltung zu dem Buch-Epigramm zu veranschaulichen und Lessings Lösung bezüglich der entstandenen Ungleichheiten zu beschreiben. Im weiteren Verlauf der Arbeit habe ich mich auf die Arbeit Lessings über das Epigramm selbst konzentriert und habe seine Begegnungen mit anderen Theoretikern auf diesem Gebiet aufgelistet. Durch seine Auseinandersetzungen mit diesen ehrenwerten Wissenschaftlern habe ich an dieser Stelle versucht, seinen Kampf um diese Literaturgattung hervorzuheben. Schließlich widme ich mich dem Nachwirken, wobei ich den bekanntesten Schriftsteller, Dichter und Epigrammatikers des 20. Jahrhundert wählte: Bertolt Brecht. Interessant fand ich an dieser Stelle die Tatsache, dass das Epigramm in seinem Wesen als Schriftsteller Spuren hinterlassen hatte und diese Spuren führten dann zu seinem Werk «die Kriegsfibel». Alle drei Themen, die Antike, das Epigramm und die Kriegsfibel erwähne ich in einem meiner Kapitel.

Das Ende meiner Arbeit bilden zwei Epigramme, eines ist von Martial, ein anderes ist von Brecht, an denen ich dann die Theorie Lessings aufzuzeigen versuche.

2. Von Inschriften bis bücherwürdigen Epigrammen

Bei der historischen Forschung nach einer Definition des Begriffes «Epigramm» erwähnen die Literaturforscher immer wieder die Tatsache, dass dieser Begriff im Laufe der Zeit sich von dem Ursprung seiner Urbedeutung sehr weit entfernt hat. Bis der Begriff in die Zeit des Dichters Martial gelangte, verlor er völlig seine ursprüngliche Bedeutung. Gotthold Ephraim Lessing entwickelte in seinem Werk «Zerstreute Anmerkungen über das Epigramm, und einige der vornehmsten Epigrammatisten» durch das Studieren dieses Bereiches diesbezüglich eine interessante Theorie, die uns zeigt, dass nicht alle Hoffnung verloren ist.

2.1 Έπίγραμμα: Der Ursprung

Von Johann Gottfried Herder wissen wir, dass das Epigramm sich in seinem Ursprung von der Art des Epigramms seiner Zeit verändert hat. Den Anfang bildeten zuerst bescheidene, von der Bedeutung her schlichte Bei-, In-, Auf- und Überschriften, welche die alten Griechen und Römer auf jeder Art von Gegenständen zu schreiben pflegten: auf Gebäude, Denkmäler, Grabsteine, Waffen, Gefäße und sogar Hausrat.[1] Dieses Aufschreiben deutete häufig auf den Errichter des Denkmals, den Besitzer des jeweiligen Gegenstandes hin oder verdeutlichte öfter den Zweck, wozu und für wen das jeweilige Denkmal errichtet wurde. Diese Inschriften waren sozusagen die Stimme des Gegenstandes, weil sie das aussprachen, was der Gegenstand selbst nicht sagen konnte.[2] Das Epigramm bei den alten Griechen und Römern entsprach also tatsächlich seiner Bedeutung (ἐπίγραμμα – «Aufschrift»).

Im Laufe der Zeit jedoch hat die griechische Poesie es gewagt, sich in diesen Bereich des Schrifttums hineinzustehlen. Diese wurde notwendig, weil die Menschen durch die Worte tiefer und inniger in ihren Gefühlen bewegt werden wollten. Um eine tiefere Trauer beispielsweise zu wecken oder eine größere Freude zu entlocken, bedurfte es gewählter Worte und deshalb fand die Poesie ihren Weg in diese Gattung. Am Anfang beobachtete man einen großen Einfluss des Homerischen Epos: es fanden sich ganze Phrasen, die aus der Ilias oder Odyssee stammen.[3] Als Folge dieses Geschehens galt dann der Hexameter, der als Anfangs -Versmaß des Epigramms zu beobachten war. Später, im 5. Jh. erweiterte sich dieses Versmaß um einen Pentameter und seit diesem Zeitpunkt dominiert ein elegisches Distichon in dem Epigramm.[4]

Das Epigramm bekam somit Schritt für Schritt eine ästhetische Nuance, bis es allmählich im 4. Jh. v. Chr. einen Übergang zum Buch-Epigramm erlebte. Beeinflusst von der Elegie nahmen die Dichter ihre epigrammatischen Formen mit auf das Symposion. Auf das dem Essen folgenden Gelage mischten sie ihre Epigramme unter die philosophischen Diskussionen, dichterische Wettbewerbe und Spiele.[5] Sie dichteten ihre Epigramme nicht mehr auf die Grabsteine oder auf Monumente, sondern gerade in das Buch. So nahm das Zeitalter des Hellenismus (323 – 31 v. Chr.) das griechische Epigramm als eine schon selbstständige literarische Gattung auf, am deren Ende eine der ersten bedeutenden Anthologien von älteren und jüngeren Epigrammatikern entstand, herausgegeben um 70 oder 60 v. Chr. von Meleagros von Gadara.[6]

Mit Lukillios, einem römischen Dichter um 50 n. Chr., erlebt das Epigramm seine entscheidendste Wendung. Dieser Dichter hatte Mut und parodierte die Weih- und Grabaufschriften, er verspottete mit seinen Distichen Berufe, Charakterfehler und körperliche Gebrechen der Menschen. Mir der Erlaubnis des Kaisers Nero umschrieb er die Personen in seinen Epigrammen so deutlich, dass man sehr leicht erraten konnte, um wem es sich handelte.[7] Lukillios‘ finanzielle Unabhängigkeit erlaubte es ihm, die römische Geschäftswelt und das Leben in Rom, die menschlichen Laster, Aberglauben und Krankheiten zu karikieren, ohne dafür zu büßen. Seine ungalanten Verse schienen nun gar nichts mehr mit den frommen und friedlichen Aufschriften von früher zu tun zu haben.

2.2 Martial und das Buch-Epigramm: Die Entfernung

Mit Lukillios besteht der Beweis, dass auch das römische Epigramm eine ähnliche Entwicklung von der Steinschrift zum direkt für das Buch ausgearbeiteten Epigramm durchlief: Man beobachtet auch in der römischen Literatur eine direkte Linie von den Grab- und Weihinschriften bis hin durch die Literarisierung dieser Gebrauchtexte zu den buchwürdigen Epigrammen. Am Ende dieser Linie finden wir unseren Martial.

Er selbst liefert uns nämlich in seinen Epigrammen direkte Beweise für ihre schriftliche Veröffentlichung und dafür, dass zu seiner Zeit die Literarisierung der Epigramm- Gattung schon so weit fortgeschritten war, dass man es schon für üblich hielt, sie in die Bücher aufzuschreiben:

Quaecumque lusi iuvenis et puer quodam

apinasque nostras, quas nec ipse iam novi,

male conlocare si bonas voles horas

et invidebis otio tuo, lector,

a Valeriano Pollio petes Quinto,

per quem perire non licet meis nugis.[8]

Alles, womit ich als junger Mann und als Knabe einst gespielt habe / unser ganzer Unsinn, den ich selber nicht mehr weiß, / wenn du die guten Stunden schlecht verwenden willst / und deine Freizeit als Leser missgönnst / sollst du von dem Quintus Pollius Valerianus holen / durch welchen es nicht erlaubt ist, dass meine unbedeutende Kleinigkeiten zugrunde gehen.

Lessing gibt hierzu eine Erklärung, indem er sagt, dass Martial einen gewissen Quintus Pollius Valerianus beauftragte, seine früheren Schriften zum Verkauf aufzuschreiben.[9]

Von seinen Vorfahren übernimmt Martial viele Eigenschaften dieser Gattung: Bei ihm sehen wir die gleichen Themengruppen, in welche seine Epigramme unterteilt zu sein scheinen, wie sie schon bei Meleagros von Gadara sind: Έρωτικά – Erotikepigramme, Άναϑηματικά – Weihepigramme, Έπιτύμβια – Grabepigramme, Έπιδεικτικά – Demonstrations-Epigramme[10], Προτρεπτικά – Sentenzen, Συμποτικά – Epigramme beim Trinkgelage und Σκωπτικά – Spottepigramme. Genau so beobachten wir in seinen Epigrammen das Thema des direkten Spotts auf die Personen. Dieses war eines der frühesten Merkmale der literarischen Spottepigramme in der römischen Literatur.[11] Von seinem Vorbild, dem Catull, übernimmt der Dichter unter anderem das Aufhäufen zahlreicher Verse, das für ein Epigramm sehr untypisch ist: Wir wissen, dass manche Verse in seinen Epigrammen zwischen sechzehn und fünfzig variieren können. In Epigrammen von Martial finden wir auch das Motiv eines armen Dichters, der als Klient von einem wohlhabenden und einflussreichen Römer, dem Patron, abhängig gewesen ist oder sogar von den Almosen des Kaisers selbst lebte. Diese Idee stammt wiederum aus einer weiteren großen Sammlung der griechischen Epigramme, dem «Kranz» des Philippos von Thessalonike, der in der Zeit zwischen der Mitte des 1. Jahrhunderts v. und ca. 40 n. Chr. entstandene Gedichte vereinigte.[12] Eine große Rolle spielte für Martial ebenso der obengenannte Dichter Lukillios, von dessen Ideen Martial sich reichlich bedient hatte.

Dank Lessing können wir Martial als einen eigentlichen Begründer der Gattung Epigramm nennen. Durch sein Studium über diesen Dichter liefert er uns zahlreiche Beweise dafür. Von Lessing nämlich erfahren wir, dass es vor Martial zahlreiche kleine Gedichte gab, zu denen auch die Epigramme gehörten. In diesen Gedichten herrschte allerdings ein Chaos und es gab kein rechtes System, nach welchem man die eine oder die andere Gedichtart extrahieren konnte:

«Vor ihm [Martial] lag das Epigramm unabgesondert unter dem Schwalle aller kleinen Gedichte, die von zu unendlicher Verschiedenheit sind, als daß man sie noch alle hätte klassifizieren können oder wollen.»[13]

Martial hob das Epigramm als Gattung aus diesem Chaos hervor, indem er sich auf sie spezialisierte.

2.3 Zwei Teile eines Ganzen: Lessings Lösung

Mit Martial scheint das Epigramm seine Veränderung abzuschließen. Man liest die elegischen Distichen immer häufiger in den Büchern, sie sind in ihren Versen erweitert und sind literarisch sehr bereichert. Das Epigramm scheint nun schon sehr weit von seinem Ursprung entfernt zu sein. Lessings Meinung nach ist es aber eine andere Form. In seinem Werk «Zerstreute Anmerkungen über das Epigramm, und einige der vornehmsten Epigrammatisten» versucht er, diese Theorie zu widerlegen.

Die Epigramme zur Zeit Lessings weisen dieselbe Struktur auf wie die Epigramme des antiken Dichters Martial. Man kann sogar sagen, dass von Martial bis Lessing, das Epigramm in seiner Struktur aber auch inhaltlich sich fast nicht mehr verändert hat. So studiert Lessing unter zahlreichen antiken Epigrammen auch die des Martial und entdeckt, dass diese eine Art Zweiteilung offenbaren: Jedes Epigramm beinhaltet einen gewissen vorbereitenden Teil, Lessing nennt ihn Erwartung und einen wirkungsgeladenen Teil, den sogenannten Aufschluss. Der erste Teil deutet auf die vorausgesetzten Sachverhalte hin und aus dem zweiten ist dann eine Folgerung zu ziehen:

«Diese [Sinngedichte] zerlegen sich alle von selbst in zwey Stücke; in deren einem unsere Aufmerksamkeit auf irgend einen besondern Vorwurf rege gemacht … wird; und in deren anderm unsere Aufmerksamkeit ihr Ziel, unsere Neugierde einen Aufschluß findet.»[14]

Um zu zeigen, dass die Epigramme des Martial und die Epigramme der griechischen Antike einander entsprechen, führt er als ein Beispiel eine von Theseus errichtete Grenzsäule mit der Inschrift «Hier ist nicht Poloponnesus, sondern Attika» vor. Lessing sieht die Zweiteilung, die Erwartung und den Aufschluss, im Monument selbst und in der Aufschrift auf ihm umgesetzt: Die Erwartung entsteht dadurch, dass ein Wanderer die Grenzsäule von weitem sehen und sein Interesse dadurch erweckt werden kann. Der Aufschluss entsteht dadurch, dass der Wanderer die Inschrift auf der Grenzsäule liest und seine Neugier dadurch befriedigt wird. Daraus schlussfolgert Lessing, dass das Epigramm seiner Zeit schon immer dem ursprünglichen Epigramm entsprochen hat:

«Wenn ich sage ‹nach Art der eigentlichen Aufschrift:› so will ich, wie schon berührt, das Denkmal zugleich mit verstanden wissen, welches die Aufschrift führet, und welches dem ersten Theile des Sinngedichts entspricht.»[15]

Auf diese Weise hat es Lessing geschafft, den im Laufe der Zeit abgebrochenen Zusammenhang zwischen Inschrift und Sinngedicht herzustellen.

[...]


[1] Vgl.: Herder, Johann Gottfried von, Anmerkungen über das griechische Epigramm. S. 501 ff.

[2] Vgl.: ebd.

[3] Zum Beispiel, wenn vom Verstorbenen gesagt wird: «verständig war er und tapfer». Vgl.: Woessner, H. P., Lessing und das Epigramm. S. 104.

[4] Vgl.: Ebd.

[5] Vgl.: Ebd. S. 105.

[6] Vgl.: Niklas Holzberg, Martial. S. 17.

[7] Vgl.: Woessner, S. 106.

[8] Martialis, Marcus Valerius , Epigrammata.

[9] Vgl.: Lessing, G. E., Werke 1770-1773. 244.

[10] Es sind Epigramme, die rhetorische Gewandtheit demonstrierten.

[11] Niklas Holzberg weist uns an dieser Stelle darauf hin, dass Spottepigramme dieser Art sich in den Gedichtsammlungen der Neoteriker fanden und dort eine besonders umfangreiche Gruppe bildeten. Vgl.: Holzberg, S. 19.

[12] Vgl.: Ebd. S. 22

[13] Vgl.: Lessing, G. E. S. 227.

[14] Zit. Vgl.: G. E. Lessing, Zerstreute Anmerkungen über das Epigramm, und einige der vornehmsten Epigrammatisten. In: G. E. Lessing, Werke, S. 184.

[15] Zit. Vgl.: Ebd.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Lessings Kampf um das martialische Epigramm
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
32
Katalognummer
V193610
ISBN (eBook)
9783656186960
ISBN (Buch)
9783656189305
Dateigröße
841 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Versuch, anhand Lessings „Zerstreuten Anmerkungen“, das Bemühen des Schriftstellers um eine vollkommene Definition des Begriffes Epigramm zu beschreiben und die Bedeutung des Epigramms für die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts zu erleuchten
Schlagworte
Martial, Epigramm, Lessing
Arbeit zitieren
Swetlana Krieger (Autor), 2012, Lessings Kampf um das martialische Epigramm , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193610

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