Das kirchliche und religiöse Leben der Russlanddeutschen seit ihrer Ansiedlung unter Iwan IV. bis zur Rückwanderung nach Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Examensarbeit, 2012

69 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Aufbau und Zielsetzung der einzelnen Kapitel
1.3 Forschungsstand
1.3.1 Forschungen zu der Geschichte der Russlanddeutschen
1.3.2 Forschungen zu religiösen Aspekten

2. ZUM BEGRIFF „RUSSLANDDEUTSCHE“

3. ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER RUSSLANDDEUTSCHEN
3.1 Die Anfänge der deutschen Einwanderung im 16. Jahrhundert
3.2 Systematische Ansiedlung von Deutschen in Russland unter Katharina II.
3.3 Die weitere Entwicklung im 19. Jahrhundert
3.4 Der Abbau der Privilegien der Russlanddeutschen unter Alexander II. und Nikolaus II
3.5 Das Revolutionsjahr 1917 und die weitere Entwicklung unter sowjetischer Führung
3.6 Die Russlanddeutschen unter der Herrschaft Stalins
3.7 Die Deutschen in der Sowjetunion zur Zeit des Zweiten Weltkriegs
3.8 Nach dem Kriege: Die mühsamen Schritte zu einer begrenzten Rehabilitierung der Russlanddeutschen
3.9 Die Deutschen in Russland nach der Auflösung der UdSSR und die weitere Entwicklung bis heute
3.10 Die Rückwanderung der Russlanddeutschen in die BRD

4. DAS KIRCHLICHE UND RELIGIÖSE LEBEN DER DEUTSCHEN IN RUSSLAND
4.1 Evangelisch-lutherische Russlanddeutsche
4.1.1 Die Anfänge
4.1.2 Von der Ansiedlung unter Katharina II. bis zu Oktoberrevolution
4.1.3 Die Lutheraner in der Sowjetzeit
4.1.4 Wiedergründung der Evagelischen-Lutherischen Kirche
4.2 Römisch-katholische Russlanddeutsche
4.2.1 Die Anfänge
4.2.2 Die katholische Kirche in der Sowjetzeit
4.2.3 Folgen der Perestroika
4.3 Russlanddeutsche Mennoniten
4.3.1 Die Anfänge
4.3.2 Spaltung in „Kirchenmennoniten“ und „Mennoniten-Brüder-Gemeinden“
4.3.3 Die Gemeinden in der Sowjetperiode und die Zeit danach
4.4 Baptisten
4.4.1 Die Anfänge und die weitere Entwicklungder Gemeinden
4.4.2 Die Baptisten in der Sowjetzeit und die Zeit danach
4.5 Die Herrnhuter Brüdergemeine
4.5.1 Erste Schritte der Ansiedlung (1735-1762)
4.5.2 Ansiedlung in Sarepta (1765-1892)

5. EXKURS: RUSSLANDDEUTSCHE IN DEN GEMEINDEN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND
5.1 Statistische Angaben über die Konfessionsverteilung
5.2 Religiosität der Russlanddeutschen
5.3 Binnenintegration in den Kirchen
5.4 Aussiedlerseelsorge der EKD
5.4.1 Aufgaben und Arbeitsansätze der Aussiedlerarbeit
5.4.2 Publikationen und Projekte der Evangelischen Aussiedlerseelsorge
5.4.3 Aussiedlerarbeit in der Evangelischen Kirche von Westfalen

6. SCHLUSSBETRACHTUNG

7. LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1. EINLEITUNG

1.1 Hinführung zum Thema

Deutsche und Deutschstämmige waren im Russischen Reich bereits seit dem Mittelalter anzutreffen. Sie kamen als Handelsleute der Hanse, im 16. Jahrhundert vermehrt als Handwerker, Bauleute und Architekten, Verwaltungsfachleute und zunehmend auch als Soldaten und Offiziere. Die meisten von ihnen blieben für immer und brachten ihre religiösen Vorstellungen mit. Mit dem Regierungsantritt von Katharina der Großen im 18. Jahrhundert begann die systematische Ansiedlung der Deutschen im Russischen Reich: Dem Einladungsmanifest von 1762 bzw. 1763 folgten rund 40 000 Deutsche. Die Siedler brachten ihre westliche Religion und Kultur mit, die sie in ihren abgeschlossenen Siedlungsgebieten über Jahrhunderte bewahren konnten. Mit der kommunistischen Oktoberrevolution 1917, dem Bürgerkrieg, dem Stalinistischen Terror und den darauffolgenden Deportationen der Deutschen in die unwirtlichen Gebiete Sibiriens und Mittelasiens begann für die Deutschen in der UdSSR das Schicksal der Verfolgung, der Verhaftung und der Unterdrückung. Das religiöse Leben der Deutschstämmigen in der atheistischen Sowjetunion schien offiziell für immer erloschen zu sein. Im Verborgenen jedoch ging das religiöse Leben der Deutschen weiter: Man traf sich zum Beten in Häusern, Betschwestern und Betbrüder übernahmen die Funktionen der Geistlichen, immer unter der Gefahr entdeckt und verurteilt zu werden. Mit der Entspannung der Ost-West-Politik in der Nachkriegszeit bekam auch das kirchliche und religiöse Leben der Deutschen einen neuen Anschub. Die neuentstandenen Kirchen der Deutschen konnten jedoch nicht mehr zu den Wurzeln zurückkehren und definierten sich neu. Im Zuge des Massenexodus in den 90ern verloren sie aber viele Mitglieder, die nun ihrerseits in den Gemeinden Deutschlands ihre Heimat finden.[1]

Rund zwei Millionen Russlanddeutsche gehören seit den späten 80ern zum Gesellschaftsbild Deutschlands. Jedoch wissen die wenigsten Hiesigen über die Kultur und Geschichte der Deutschstämmigen aus Russland. Einen kleinen Beitrag dazu soll die vorliegende Arbeit leisten. Die nachfolgenden Seiten geben einen Überblick über die Siedlungsgeschichte und das kirchliche und religiöse Leben der Russlanddeutschen in ihren Herkunftsgebieten sowie in der Bundesrepublik Deutschland.

1.2 Aufbau und Zielsetzung der einzelnen Kapiteln

Die nachfolgenden Seiten beschäftigen sich mit der Frage der Entwicklung des Deutschtums in Russland und dem kirchlichen und religiösen Leben der Russlanddeutschen in Geschichte und Gegenwart.

Die Arbeit schreitet in fünf unterschiedlichen Schritten ihr Themenfeld ab, um die Fragestellung näher zu beleuchten.

Zuerst wird die zum weiteren Verständnis notwendige Erklärung des Begriffes „Russlanddeutsche“ vorgenommen. Hier erfolgt auch die Definition der Begriffe „Aussiedler“ und „Spätaussiedler“.

Danach wird in einem längeren Abschnitt die Geschichte der Russlanddeutschen seit der Ansiedlung unter Iwan IV. bis zur Rückwanderung in die Bundesrepublik Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet. Es wird nach den Anfängen und Motiven einer Siedlung der Deutschen im Osten nachgefragt. Eine entscheidende Fragerichtung wird dabei die wiederholt aufgetretenen, tragisch verlaufenden Krisen in der Entwicklung und Geschichte der Siedlungen der Deutschen in Russland sein.

Ein eigener ausführlicher Erkundungsgang gilt in diesem Zusammenhang der geschichtlichen Darstellung der unterschiedlichen Konfessionen der Russlanddeutschen sowie der Frage, wie ihr religiöses und kirchliches Leben geprägt war.

Im letzten Punkt wird speziell die Situation der russlanddeutschen Lutheraner in der Evangelischen Kirche in Deutschland in den Blick genommen. Es werden u.a. die charakteristischen Merkmale der Religiosität der Aussiedler und Spätaussiedler vorgestellt sowie der Verlauf und Erfolg der Binnenintegration der Russlanddeutschen in die Kirchen diskutiert. Ein Unterpunkt widmet sich der Aussiedlerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Des Weiteren findet man im Anhang den Erfahrungsbericht einer Russlanddeutschen, die über ihr religiöses Leben in der atheistischen Sowjetunion und ihren Neuanfang mit der evangelisch-lutherischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland erzählt.

1.3 Forschungsstand

Nahezu alle Veröffentlichungen über Russlanddeutsche suchen einen historischen Zugang zu ihrem Thema. Dazu schreibt Eyselein:

Darin schlägt sich nieder, dass diese Deutsche mit der Emigration aus ihren deutschen Herkunftsgebieten, spätestens aber nach der Deportation aus ihren Siedlungsgebieten im Jahr 1941 für die Wahrnehmung aus westeuropäischer Warte verschwunden waren. Maßgeblich verstärkt wurde dies durch die Abschottung des sogenannten Ostblocks bis zu seinem Zerfall am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.[2]

Auch die vorliegende Arbeit wird die Geschichte der Russlanddeutschen erkunden, um die Gegenwart der Aussiedler angemessen verstehen zu können.

1.3.1 Forschungen zu der Geschichte der Russlanddeutschen

Die Erforschung der Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland begann schon zur Zeit des Nationalsozialismus, allerdings fehlt hier noch die kritische Bearbeitung der in diesem Rahmen entstandenen Arbeiten.

In der Zeit des Kalten Krieges waren die wichtigsten Quellen für die russlanddeutsche Geschichte und ihr kulturelles Selbstverständnis bis in die Gegenwart die seit 1950 erscheinende Zeitschrift „Volk auf dem Weg“ sowie das seit 1954 erscheinende Jahrbuch „Heimatbuch der Deutschen aus Russland“.[3] Sie beinhalten „Annalen einzelner Dörfer und Familien, Gedichte, Erinnerungen an Brauchtum und kirchliches Leben ebenso wissenschaftliche Studien zu Architektur oder Literatur der Russlanddeutschen.“[4]

Durch die ansteigenden Aussiedlerzahlen in den 70er Jahren fanden Geschichte, Kultur und Lebensverhältnisse der Russlanddeutschen eine zunehmende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und Forschung. Es befassten sich jetzt einzelne wissenschaftliche Monografien und Forschungsprojekte mit dem Thema. Dazu zählen vor allem die Arbeiten von Benjamin Pinkus und Ingeborg Fleischhauer[5] sowie von Meir Buschweiler[6].

In den 90er Jahren stachen besonders die Arbeiten von Alfred Eisfeld,[7] Detlef Brandes[8] und Gerd Stricker[9] heraus: So enthält die Publikation von Eisfeld neben einem Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen auch eine Abfassung über das kirchliche und religiöse Leben der Deutschen in Russland und der UdSSR. Die Bibliographie von Detlef Brandes ist eine umfangreiche Sammlung von älteren und neueren Publikationen zum Thema „Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen“. Die von Gerd Stricker herausgegebene Sammlerschrift „Deutsch Geschichte im Osten Europas. Russland“ stellt eine Basislektüre bei der Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen dar.

Die neueren Forschungsansätze stützen sich bei der Erstellung des geschichtlichen Umrisses über Russlanddeutsche vorwiegend auf die oben erwähnten Arbeiten.

1.3.2 Forschungen zu religiösen Aspekten

Laut Eyselein lagen „umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zur Thematik der russlanddeutschen Aussiedler aus theologischer Perspektive […] bisher nicht vor, dagegen zahlreiche kleinere, in der Regel durch die Arbeit kirchlicher Institutionen veranlasste Publikationen.“[10]

Theologische Publikationen zum Thema „Religiöses Leben in Russland“ sind vorwiegend der Ostkirchengeschichte oder der Forschung zur Ökumene zuzuordnen. In der Kirchengeschichte sind die Russlanddeutschen am Rande zu finden, beispielsweise in der Geschichte des Pietismus.

Ende der 70er Jahre veröffentlichte Joseph Schnurr zwei Bände über die „Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen“.[11] Der erste Band analysiert die Geschichte evangelischer Russlanddeutsche, der zweite Band der katholischen Russlanddeutschen.

Der Kirchenhistoriker und Slawist Gerd Stricker[12] veröffentlichte viele Beiträge in Sammelwerken zur Allgemein-, Kirchen- und Kulturgeschichten der Russlanddeutschen seit Mitte der achtziger Jahren. In den letzten Jahren hat er vor allem zu den deutschen Lutheranern publiziert.

Bedeutende Arbeiten zur evangelischen Kirchengeschichte in Russland und Sowjetunion stammen von Erik Amburger[13] und Wilhelm Kahle[14]. „Die Arbeiten Kahles bilden bis heute die wichtigste Basis zur Geschichte der Lutheraner im Osten.“[15]

Hans-Christian Diedrich[16] hat in den 90er eine Reihe von Arbeiten zu Entwicklungen, Verfassungsfragen und kirchenpolitischen Problemen in der Zeit nach Perestroika publiziert.

Die Studie von Hermann Ruttmann[17] stellt „in knapper Form zahlreiche Einzelinformationen auf der Grundlage der Auswertung historischer Materialien zusammen und beschreibt die neueren Entwicklungen. Einem kurzen Durchgang durch die Geschichte der ausgewanderten Deutschen schließt sich eine differenzierte Darstellung der religiösen Entwicklung in den einzelnen konfessionellen Gruppierungen an.“[18]

Der Aussiedlerbeauftragte der Evangelischen Kirche von Westfalen Edgar L. Born[19] gibt in seinen „Texten zur Aussiedlerarbeit“ neben Informationen über die Religiosität der Aussiedler auch konkrete Hinweise für die erfolgreiche Aussiedlerarbeit in den Gemeinden.

Zu den neueren Werken über das religiöse Leben der Russlanddeutschen gehören die Arbeiten von Stefanie Theis[20], Joachim Willems[21] und die umfassende Dissertation von Walter Graßmann.[22]

Eine ausführliche Arbeit zur Aussiedlerarbeit in den Gemeinden der Evangelischen Kirche in Deutschland stellte Christian Eyselein[23] vor. Neben der Ausführung über das religiöse Leben der Aussiedler gibt er am Ende seiner Schrift explizite Hinweise zu einer fruchtbaren Aussiedlerarbeit.

Konkrete Schriften über die Aussiedlerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland sind meist von der EKD selbst veröffentlichte Informationsschriften oder Tagungsschriften[24]. Eine ausführliche Literaturliste sowie eine Bestellliste findet man auf der Homepage der Evangelischen Kirche in Deutschland.[25]

Das Comenius-Institut in Münster veröffentlichte in Zusammenarbeit mit der Aussiedlerseelsorge in der EKD unter anderem die Schriften „Handreichung für die Konfirmandenarbeit mit Aussiedlerjugendlichen“[26] und die Tagungsschrift „Junge Aussiedlerinnen und Aussiedler und die Pädagogik in der Gemeinde“[27]. Beide Schriften geben einen guten Einblick in die Gemeindearbeit mit den Russlanddeutschen.

2. ZUM BEGRIFF „RUSSLANDDEUTSCHE“

Laut der Brockhaus-Enzyklopädie ist der Begriff „Russlanddeutsche“ eine „(ungenaue) Sammelbezeichnung für die Menschen deutscher Volkszugehörigkeit, die in Russland (nach der Volkszählung 2002 etwa 600 000) und Kasachstan (rund 300 000), aber auch in Kirgistan (etwa 20 000), Usbekistan (etwa 30 000) u.a. Republiken der GUS leben“[28] bzw. lebten. Was Brockhaus jedoch nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass diese Sammelbezeichnung einen historischen Wandel durchlaufen musste.

Bevor die Revolution im Jahr 1905 ausbrach, wurden die Deutschen in Russland in drei Kategorien eingeteilt: die Städtedeutschen, die Baltendeutschen und die Kolonistendeutschen. Die letztere Kategorie unterteilte sich noch in die Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche, Kaukasusdeutsche, Wolhyniendeutsche, Bessarabiendeutsche und Sibiriendeutsche.[29]

Laut Stricker entstand der Typus der „Russlanddeutschen“ erst in den Deportationsgebieten in Sowjetasien. Hierzu schreibt er:

Städtedeutsche und Kolonisten aus allen Siedlungsgebieten wurden in den Strafarbeitslagern der „Arbeitsarmee“ und in der „Sondersiedlung“ zusammengeworfen. Hier erst entwickelten sie eine gemeinsame Identität, begriffen sich als Angehörige einer verfemten, entrechteten und verängstigten Minderheit, die Stalins Propaganda als „Fünfte Kolonne Hitlers“ diffamierte.[30]

In der Sowjetunion wurde der ideologisch geprägte Terminus „Sowjetdeutsche“ eingeführt. Mit Ende der Sowjetunion und dem Beginn der großen Ausreisewelle erlebte die Bezeichnung „Russlanddeutsche“ ihre Wiedergeburt.[31]

Die nach Deutschland ausgesiedelten Deutschen aus Russland werden häufig mit dem Begriff „Russlanddeutsche“ bezeichnet, obwohl die amtlich korrekte Bezeichnung „Aussiedler“ bzw. „Spätaussiedler“ ist. Der Terminus „Aussiedler“ wurde „für die in die Bundesrepublik übergesiedelten deutschen Volkszugehörigen (oder Reichsangehörigen) nach dem Zeitraum der allgemeinen Vertreibung (ab 1950) gebraucht“[32]. Der Begriff „Spätaussiedler“ wird in der Brockhaus-Enzyklopädie folgend definiert:

Der Begriff „Spätaussiedler“ ist ursprünglich eine nichtoffizielle Bezeichnung für diejenigen Aussiedler, die ab etwa 1980 bis 31.12.1992 in die Bundesrepublik Deutschland gekommen sind. Nach §4 Bundesvertriebenen – Gesetz (in Kraft seit 1.1.1993) ist ein deutscher Volkszugehöriger, der die Republiken der ehemaligen Sowjetunion, Estland, Lettland oder Litauen nach dem 31.12.1992 im Wege des Aufnahmeverfahrens verlassen hat und bestimmte Stichtagsvoraussetzungen erfüllt.[33]

Die ab dem 1. Januar 1993 Geborenen werden als „Abkömmlinge“ bezeichnet.

Zur Selbstbezeichnung verwenden die Aussiedler bzw. Spätaussiedler häufig den Begriff „Russlanddeutsche“: „Die Satzung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. vom 1./2. April 1989, §4, Abs. 1, definiert: Russland-Deutscher ist ein Deutscher, der in Russland in den Grenzen der UdSSR von 1937 geboren ist.“[34] Des Weiteren gebrauchen sie auch die Begrifflichkeit „Deutsche aus Russland“.

3. ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER RUSSLANDDEUTSCHEN

3.1 Die Anfänge der deutschen Einwanderung im 16. Jahrhundert

Seit dem Mittelalter kamen Militärfachleute, Techniker und Handwerker nach „Moskowien“, um dort ihre hochgeschätzten Dienste anzubieten. Sie wurden meist von den Regenten selbst angeworben und wurden vor allem im Militärwesen eingesetzt. Hierzu schreibt Hecker:

Während andere Nationalitäten in das russische Vielvölkerreich hineingerieten, weil dieses seine Macht und Grenzen über sie hinweg ausdehnte, war es im Falle der Deutschen so, dass sie zum größten Teil nach Russland einwanderten und sich dort niederließen.[35]

Iwan III. war der erste der Zaren, der Fachleute aus dem Deutschen Reich rekrutierte und diese in einem Landstreifen im Nordosten Moskaus ansiedelte. Dieser Landstreifen erhielt im Laufe der Jahre den Namen „Die deutsche Vorstadt“ (nemezkaja sloboda). Fleischhauer schreibt diesbezüglich:

Unter Iwan Wassiljewitsch IV. (1533-1584), genannt der Schreckliche, wurde die „Nemezkaja Sloboda“ neben deutschen Kriegsgefangenen aus dem russischen Nordwesten und dem Baltikum mit zahlreichen aus deutschen Landen eingewanderten Fachkräften besiedelt: Offizieren, Kaufleuten, Technikern, Handwerkern und Gelehrten.[36]

Tragischerweise wurde die deutsche Vorstadt in den „Zeiten der Wirren“ (Anfang des 17. Jahrhundert) niedergebrannt.[37]

Die zweite deutsche Vorstadt wurde Mitte des 17. Jahrhunderts auf Drängen der russisch-orthodoxen Kirche wieder aufgebaut: „1682 lebten in der Sloboda 18 000 Einwohner bei einer Gesamtbevölkerung Moskaus von 200 000. […] In der Bevölkerung (der Sloboda; der Verf.) überwogen die Deutschen.“[38] Es waren deutsche Gewerbetreibende, Kaufleute, Lehrer, Ärzte, Apotheker und Übersetzer.

Eine entscheidende Rolle spielte die deutsche Vorstadt im Leben des Zaren Peter I. (1682-1725). Er gewann hier in seiner Kindheit und Jugend nicht nur seine besten Freunde und spätere Berater, „sondern auch wichtige, grundlegende Fertigkeiten in den verschiedenen praktischen Handwerken und Techniken.“[39] Zu Anfang seiner Regierungszeit sollten die deutschen Fachkräfte im Zuge seines Europäisierungsprogramms ihn bei der Reorganisierung der russischen Streitmacht und Umwälzung der gesamten Infrastruktur des Russischen Reiches unterstützen. Mit dem Berufungsmanifest von 1702 wurde die „systematische Herbeiführung der notwendigen ausländischen Fachkräfte eingeleitet.“[40] Das Berufungsmanifest erfreute sich eines breiten Echos, wonach viele deutsche Fachleute nach Russland kamen und sich dort niederließen.

3.2 Systematische Ansiedlung von Deutschen in Russland unter Katharina II.

Eine grundlegende Wandlung erfuhr die russische Ausländerpolitik mit dem Regierungsantritt der Zarin Katharina II. (1762-1796). Hierzu schreibt Eisfeld:

Dabei ließ sich Katharina II. (Prinzessin Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst) von denselben merkantilistischen, auf die Steigerung des wirtschaftlichen Wohlstandes des Landes zielenden Vorstellungen leiten, die auch Preußen, Österreich-Ungarn, Dänemark und in den britischen Kolonien Nordamerikas zur Stärkung des jeweiligen Staates beitragen sollten.[41]

Im Zuge der Peuplierungspolitik veröffentlichte die Zarin am 4. Dezember 1762 und erneut am 22. Juli 1763 Manifeste, in denen sie Ausländer zur Besiedelung nach Russland einlud. Das zweite Manifest garantierte den Einwanderern „freie Wahl des Wohnortes und der Berufsausübung, Religionsfreiheit, Selbstverwaltung, keine Einquartierungen und Freistellung vom Militärdienst für sie selbst und ihre Nachkommen ‚auf alle Zeiten‘.“[42] Die Zarin versprach zudem Landvergabe und zinslose Darlehen für die Bauern, Fabrikanten und Gewerbebetreibende sowie eine Steuerfreiheit für dreißig Jahre. Das Manifest wandte sich an Auswanderungswillige in Mittel- und Westeuropa. Die Resonanz war erfolgsversprechend, jedoch reagierten etliche Staaten, wie Frankreich, England, Österreich und kleinere deutsche Staaten mit Verboten und Verfolgungen der Lokatoren, da sie ihre Untertanen im Sinne der Bevölkerungspolitik selbst brauchten.

Die meisten Siedler kamen aus Südwestdeutschland und Hessen: „Von 1763 bis 1775 wanderten zwischen 27 000 und 29 000 Menschen aus. […] Der größte Teil der Kolonisten wurde am Unterverlauf der Wolga angesiedelt.“[43] Dort entstanden 104 Mutterkolonien.Die Siedlerfamilien bekamen jeweils 30 Desjatinen für ihre Wirtschaft zugeteilt. Die von der Zarin versprochenen Privilegien wurden weitgehend eingehalten: Die Siedler hatten den Status eines freien Bauern, verwalteten ihre Kolonien selbst, übten ihre Religion unbeeinträchtigt aus, bekamen materielle und finanzielle Unterstützung von Seiten der Regierung und konnten Steuer- und Zollerleichterungen in Anspruch nehmen.[44]

Das zweite Ansiedlungsgebiet deutscher Kolonisten war das nördliche Schwarzmeergebiet. Die ersten deutschen Siedler kamen seit 1789 aus Westpreußen, später auch aus dem Westen und Südwesten Deutschlands in diese Gegend. Insgesamt nahmen „6447 Personen in mehreren Zügen von 1789 bis 1859 über Königsberg und Riga an der Kolonisation teil.“[45] Die ersten Siedlerjahre waren äußert hart. Die Versprechen bei der Anwerbung wurden zum größten Teil nicht erfüllt: „Es stand kein Haus, das Baumaterial fehlte, Straßen und sonstige Einrichtungen der Infrastruktur waren allenfalls durch Pflöcke markiert.“[46] Die Kolonisten mussten sich an das Klima gewöhnen und Wirtschaftsmethoden entwickeln, die dem Boden in den Kolonien angepasst waren. Hinzu kam, dass die meisten Siedler keine Bauern waren, sondern in der Landwirtschaft unerfahrene Handwerker, Künstler, Kaufleute oder Gelehrte. Viele Siedler starben in den Anfangsjahren.

3.3 Die weitere Entwicklung im 19. Jahrhundert

In der Anfangszeit war die Ansiedlungspolitik von einem geringen wirtschaftlichen Erfolg gekennzeichnet. Trotz dessen hielten sich „die russischen Regierungen nach Katharina II. bis zu den frühen sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts an der ‚Peuplierungspolitik‘, der Aufsiedlung und Kultivierung des Landes durch angeworbene Ausländer“[47] fest. Jedoch baute man die Regelungen und Angebote für die Siedler aus, verbesserte dessen Betreuung und reformierte die materiellen sowie rechtlichen Anfangsbedingungen und die Selbstverwaltungsrechte der Kolonien.

Zar Paul I. (1796-1801) bemühte sich in seiner kurzen Regierungszeit die Mängel der Ansiedlung unter seinen Vorgängern zu beseitigen: Nach dem erfolglosen Versuch, „die Kolonien der allgemein geltenden Verwaltungsordnung einzugliedern, die ein starkes Element behördlicher Beaufsichtigung und Reglementierung enthielt“[48], stellte Paul I. die Sonderverwaltung wieder her. Die versprochenen Gelder wurden ausgezahlt sowie die Rechte aller ausländischen Siedler mit den besonderen Privilegien der Mennoniten durch eine Urkunde bekräftigt.

Alexander I. (1801-1825) erneuerte das Einladungsmanifest Katharinas II. am 20.02.1804, stellte aber gleichzeitig Anforderungen an die Einwanderungswillige: Er lud junge und arbeitssame Bauern oder Handwerker mit Familie und einem gewissen Wohlstand nach Russland ein. „Das ganze Land sollte von ihnen profitieren, von ihrem Beitrag zur Bevölkerung, von ihren Fähigkeiten, von ihren Höfen und Betrieben, die als Musterunternehmen vorbildhaft wirken sollten.[49] Seiner Einladung folgten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa 10 000 deutsche Familien mit insgesamt 55 000 Personen. Die Neuankömmlinge gründeten Tochterkolonien, wenn die Kolonien wenig Platz für sie boten oder wandten sich in die Kaukasusregion und nach Bessarabien. Dort fanden sie meist bessere Existenzbedingungen vor.[50]

Die Kolonien der Deutschen waren „häufig geographisch abgeschieden, so dass sie eine wirtschaftliche, soziale, kulturelle und religiöse Homogenität durch das 19. Jahrhundert hindurch bewahren konnten.“[51] Verbindungen zu dem russischen Volk blieben weitestgehend aus.

Trotz der Schwierigkeiten der Anfangszeiten konnten die Kolonisten aufgrund der besonderen Agrarverfassung und Selbstverwaltung, durch Privilegien und staatliche Darlehen die Landwirtschaft effizienter betreiben als die russischen Bauern. Dennoch dauerte es im Durchschnitt zwanzig Jahre, bis die Kolonisten auf staatliche Hilfe verzichten und ihre Schulden tilgen konnten.[52]

3.4 Der Abbau der Privilegien der Russlanddeutschen unter Alexander II. und Nikolaus II.

Die Entwicklung Russlands in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch die nach der Niederlage im Krim-Krieg (1853-1856) eingeleiteten Reformen auf den Gebieten der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik.[53]

Die Kolonien spürten die Veränderungen in der Reform der Verwaltung von 1871: Die Selbstverwaltungsrechte der Kolonien wurden aufgehoben und diese der allgemeinen russischen Administration unterstellt. Als Schul- und Amtssprache sollte die russische Sprache fungieren. Es diente der Homogenisierung der Bevölkerung des Russischen Reiches.[54]

Im Jahr 1874 erließ Alexander II. das Gesetz über die Ausdehnung der Militärpflicht auch auf diejenigen, die bisher davon befreit waren. Dies stellte einen Vertragsbruch dar, denn das Manifest der Katharina der Großen hatte den Kolonisten Wehrpflichtbefreiung „auf ewig“ zugesichert. Nach Ruttmann reagierten die Russlanddeutschen auf zweierlei Weise:

Zum einen kam es zu einer verstärkten Auswanderung nach Übersee, […] und zum anderen zu einer Abwanderung nach Sibirien: Hier bot sich einerseits billiges Land und andererseits wurde vermutet, dass die Durchsetzung der neuen Gesetze dort eher auf sich warten lassen würde.[55]

Insgesamt sind bis 1926 rund 35 000 Deutschstämmige gegen Osten gewandert und 15 000 in die USA und Kanada emigriert.[56]

Im Jahr 1897 wurde die erste Volkszählung in Russland durchgeführt: Die deutsche Bevölkerung des Russischen Reiches war mit 1 790 489 Menschen (1,43% der Gesamtbevölkerung) vertreten. Davon lebten rund 1 400 000 in den fünfzig Gouvernements des europäischen Russlands, rund 500 000 in den zehn Gouvernements des Königreichs Polens, rund 60 000 im Kaukasus, rund 6 000 in Sibirien und rund 9 000 in Zentralasien.[57]

Eine einschneidende Wende im Leben der Russlanddeutschen brachte der Erste Weltkrieg mit: Die seit dem Amtseintritt des Zaren Nikolaus II. proklamierte ausländerfeindliche Staatspolitik verschärfte sich mit den sich häufenden Niederlagen des Russischen Reiches. Hierzu schreibt Brandes:

In der Presse, in Vorträgen und Publikationen wurden sie der Spionage und der feindseligen Stimmung, der Bereitschaft zum Verrat beschuldigt. […] Darin wurde den Deutschen im Russischen Reich, bis hinauf zu kommandierenden Generälen, die Schuld an den russischen Niederlagen und dem Vormarsch der deutschen Truppen gegeben.[58]

Diese anti-deutsche Haltung gipfelte in dem 1915 verabschiedeten Liquidationsgesetz, wonach die deutsche Bevölkerung aus dem westlichen Grenzgebiet auf eine Tiefe von 150 km umgesiedelt wurde. 200 000 Wolhyniendeutsche wurden infolge dessen aus ihrer Heimat deportiert. Die „Deutschenhetze“ beschränkte sich nicht nur auf die Kolonien: Es kam auch zu Pogromen gegen die Deutschen in den russischen Städten. Die Hetzjagd der Nationalisten ließ die Situation der Deutschen zum ersten Mal als wirklich gefährlich erscheinen.[59]

3.5 Das Revolutionsjahr 1917 und die weitere Entwicklung unter sowjetischer Führung

Die Oktoberrevolution 1917 weckte bei den Russlanddeutschen die Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse. „Darunter verstand man vor allem die Rücknahme der Liquidationsgesetze und eine gerechte Entschädigung für die Schäden und Verluste, die dadurch verursacht wurden.“[60] Die Zusicherung der Bürgerrechte für alle Völker durch die Provisorische Regierung ließ die Russlanddeutschen hoffen, die deutsche Sprache könnte wieder als Amts- und Unterrichtssprache eingeführt werden.[61]

Im Zuge der Autonomiebewegungen der Nationalitäten in Russland nahmen die Deutschen ebenso die gewährten Autonomierechte in Anspruch und gründeten regionale und lokale Vertretungskomitees ein. Im Wolgagebiet konkurrierten die Verbände „Bund der Sozialisten des deutschen Wolgagebiets“ und „Zentralkomitee der Wolgadeutschen“ um die politische Führung. Man entwarf zusammen ein Projekt für eine Wolgadeutsche Republik und stellte es Ende Oktober in Moskau der nun bolschewistischen Regierung vor. Das Volkskommissariat für Nationalitätenfragen unter der Leitung von Josif Wissarionowitsch Stalin schickte Kommissare, die den Aufbau einer autonomen Republik der Wolgadeutschen organisieren sollten. Diesbezüglich schreibt Hecker:

Als Lenin am 19.10.1918 seine Unterschrift unter das Dekret über die Einrichtung der „Arbeitskommune der Deutschen des Wolgagebiets“ gesetzt hatte, entstand eine nach dem generellen Muster der Rätesystems gegliederte Gebietskörperschaft.[62]

Am 6. Januar 1924 beschloss der 11. Sowjetkongress die Erhebung des Autonomen Gebiets der Wolgadeutschen zu einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die Republik umfasste 27 000 qkm mit rund zwei Drittel deutscher Bevölkerung.[63] Der Vertreter der ASSR der Wolgadeutschen beim Allrussischen Zentralexekutivkomitee in Moskau, Edgar Groß, schreibt darüber:

Diese Umwandlung entsprach nicht nur den inneren Aufgaben und dem wachsenden politischen Selbstbewusstsein der Bevölkerung, sondern auch den außerordentlichen Interessen an dem Schicksal der Wolgadeutschen in Deutschland, wo die politischen Ereignisse des Winters 1923/24 zu der siegreichen Vollendung der proletarischen Revolution zu führen schien.[64]

Die Umwandlung des Gebiets zu einer Autonomen Republik brachte für die Deutschen immense Neuerungen mit sich: Die Organe einer nationalen Autonomen Republik hatten Befugnisse, über die ein Gebiet nicht verfügte. Anlässlich der Ausrufung der Autonomie wurde eine Amnestie für Flüchtlinge des Bürgerkrieges erlassen, die Einführung des Deutschen als Unterrichts- und Amtssprache verfügt, der Aufbau des Bildungswesens in deutscher Sprache vorangetrieben und ein deutscher Staatsverlag gegründet.[65]

3.6 Die Russlanddeutschen unter der Herrschaft Stalins

Ende der 1920er Jahre wurde von der sowjetischen Führung mit Stalin an der Spitze der Kurs einer radikalen Umgestaltung der sowjetischen Gesellschaft eingeschlagen. Hierzu schreibt Krieger:

Diese Wende zwischen 1928 und 1932 markierte den Übergang von einer Gesellschaft, die von gewissen Zugeständnissen an die Privatwirtschaft, begrenzter politischer Meinungsfreiheit und kultureller Offenheit geprägt war, zu einer Mobilisierungsdiktatur unter Stalins Alleinherrschaft.[66]

Von der sogenannten „Kollektivierung“ waren besonders die reichen deutschen Bauern in der Ukraine und im Kaukasusgebiet betroffen, die unter die Rubrik „Kulaken“ fielen. Rund 14 000 Deutsche versuchten durch Emigration der „Ausrottung des Kulakentums“[67] zu entgehen, es bekam jedoch nur ein geringer Teil von ihnen die Ausreisegenehmigung. Die anderen wurden verfolgt und schwer bestraft mit der Anklage auf „eindeutige Verletzung der Treue zur sozialistischen Heimat“[68]. Insgesamt wurden rund 50 000 deutsche Privatbauern deportiert und verschwanden in den Lagern im Norden Sibiriens.

Die übrigen deutschen Kulaken wurden zwangskollektiviert: Die Landwirtschaft der ASSR der Wolgadeutschen war die erste größere Verwaltungseinheit der Sowjetunion, die den Wechsel von Privatwirtschaft zu Planwirtschaft abschließen konnte. Im Juli 1931 war die Wolgarepublik zu 95% kollektiviert. Die Folge der forcierten Kollektivierung war die von 1932 bis 1933 schrecklich wütende Hungersnot mit Millionen Opfern, darunter 350000 Deutsche. „Der Reichsausschuss ‚Brüder in Not‘ (er wurde schon 1921 für die humanitäre Unterstützung der notleidenden Deutschen in Russland konstituiert; der Verf.) organisierte mit viel propagandistischem Aufwand Hilfe für die hungernden Wolga- und Schwarzmeerdeutschen.“[69]

Die Industrialisierung des Landes hatte aber auch einen positiven Nebeneffekt für die Wolgadeutschen: Die Baumwollindustrie, die Erzeugung von Tabak und Lebensmitteln sowie Schrauben und Dieselmotoren konnten gewinnbringend erweitert werden. Diesbezüglich schreibt Hecker:

Die Industrialisierung bewirkte eine Modernisierung und größere Ausgewogenheit in der Wirtschaftsstruktur der Region, die auch entsprechende soziale Veränderungen hervorrief, insbesondere die Entwicklung einer ausgebildeten, differenzierten Industriearbeiterschaft.[70]

[...]


[1] H. Ruttmann, Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, Marburg 1996.

[2] Ch. Eyselein, Russlanddeutsche Aussiedler verstehen. Praktisch-theologische Zugänge, Leipzig 2006, S. 23.

[3] St. Theis, Religiosität von Russlanddeutschen, Stuttgart 2006, S. 23.

[4] Ebd., S. 23.

[5] B. Pinkus, I. Fleischhauer, Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte einer nationalen Minderheit im 20. Jahrhundert, Baden-Baden 1987.

[6] M. Buschweiler, Volksdeutsche in der Ukraine am Vorabend und Beginn der Zweiten Weltkriegs – ein Fall doppelter Loyalität? Gerlingen 1984.

[7] A. Eisfeld (Hrsg.), Die Russlanddeutschen, München 1999.

[8] D. Brandes u.a., Bibliographie zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, Band 1: Von der Einwanderung bis 1914, München 1994.

[9] G. Stricker, Deutsche Geschichte im Osten Europas. Russland, Berlin 1997.

[10] Ch. Eyselein, Russlanddeutsche Aussiedler verstehen, S. 23.

[11] J. Schnurr, Die Kirchen und das religiöse Leben der Rußlanddeutschen. Evangelischer Teil, Stuttgart 1978. / J. Schnurr, Die Kirchen und das religiöse Leben der Rußlanddeutschen. Katholischer Teil. Aus Vergangenheit und Gegenwart des Katholizismus in Russland, Stuttgart 1978.

[12] G. Stricker, Die wiedererwachten Kirchen. Protestantismus und Orthodoxie in Russland, Estland, Lettland, Litauen sowie im ehemaligen Ost- und Westpreußen, in: Idea Dokumentation 15, 1995, S. 1-45.

[13] E. Amburger, Geschichte des Protestantismus in Russland, Stuttgart 1961.

[14] W. Kahle (Hrsg.), Dokumente und Berichte zum Leben der lutherischen Kirchen und Gemeinden in der Sowjetunion - seit 1939/1940 - , Gütersloh 1988.

[15] W. Graßmann, Geschichte der evangelisch-lutherischen Russlanddeutschen in der Sowjetunion, der GUS und in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gemeinde, Kirche, Sprache und Tradition, München 2006, S. 30.

[16] H.-Ch. Diedrich, u.a., Das Gute behaltet. Kirchen und religiöse Gemeinschaften in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, Erlangen 1996.

[17] H. Ruttmann, Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, Marburg 1996.

[18] Ch. Eyselein, Russlanddeutsche Aussiedler verstehen, S. 26.

[19] E.L. Born, Texte zur Aussiedlerarbeit, Hamm (Bestellung über Born-Hamm@t-online.de)

[20] St. Theis, Religiosität von Russlanddeutschen, Stuttgart 2006.

[21] J. Willems, Lutheraner und lutherische Gemeinden in Russland. Eine empirische Studie über Religion im postsowjetischen Kontext, Erlangen 2005.

[22] W. Graßmann, Geschichte der evangelisch-lutherischen Russlanddeutschen in der Sowjetunion, der GUS und in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gemeinde, Kirche, Sprache und Tradition, München 2006.

[23] Ch. Eyselein, Russlanddeutsche Aussiedler verstehen. Praktisch-theologische Zugänge, Leipzig 2006.

[24] W. Lanquillon, Referat Aussiedler des Diakonisches Werks der EKD (Hrsg.), Dokumentationen über die Eingliederungsarbeit für und mit Aussiedlern (1986-1991), Stuttgart 1992.

[25] Liste unter http://www.ekd.de/seelsorge/aussiedler/literatur.html, Online: 20.01.2012

[26] Comenius Institut, Kirchenamt der EKD (Hrsg.): Handreichung für die Konfirmandenarbeit mit Aussiedlerjugendlichen in gemischten Gruppen mit einheimischen Jugendlichen, Hannover 2002.

[27] Comenius Institut, Kirchenamt der EKD (Hrsg.): Junge Aussiedlerinnen und Aussiedler und die Pädagogik in der Gemeinde, Tagung Kassel 8.-10.5.2000, epd-Dokumentation 41/00, Hannover 2000.

[28] Art. Russlanddeutsche, in: Brockhaus-Enzyklopädie, Band 23, Leipzig 2006, S. 541-542.

[29] W. Graßmann, Geschichte der evangelisch-lutherischen Russlanddeutschen in der Sowjetunion, der GUS und in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, S. 11.

[30] G. Stricker, Deutsche Geschichte im Osten Europas, S. 16.

[31] Art. Russlanddeutsche, in: Böttger, Christian, u.a. (Hrsg.): Lexikon der Russlanddeutschen. Zur Geschichte und Kultur, Berlin 2000, S. 290.

[32] Art. Spätaussiedler, in: Böttger, Christian, u.a. (Hrsg.): Lexikon der Russlanddeutschen, S. 324.

[33] Art. Spätaussiedler, in: Brockhaus-Enzyklopädie, Band 21, Leipzig 2006, S. 703.

[34] Art. Russlanddeutsche, in: Böttger, Christian, u.a. (Hrsg.): Lexikon der Russlanddeutschen, S. 291.

[35] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, Köln 1994, S. 11.

[36] I. Fleischhauer, Die Deutschen im Zarenreich. Zwei Jahrhunderte deutsch-russische Kulturgemeinschaft, Stuttgart 1986, S. 23.

[37] Ebd., S. 22-26.

[38] J. Murawjow, Die Moskauer „Deutsche Sloboda“, in: Heimatbuch der Deutschen aus Russland 1, 2000, S. 17-18.

[39] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 12.

[40] I. Fleischhauer, Die Deutschen im Zarenreich, S. 43.

[41] A. Eisfeld, Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion, Informationen zur politischen Bildung, Heft 267:http://www.bpb.de/publikationen/08604866861222132867858162468689.html, Online: 01.12.2011

[42] D. Dahlmann, Die Deutschen an der Wolga von der Ansiedlung 1764 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in: Rothe, Hans (Hrsg.): Deutsche in Russland, Köln 1996, S. 2.

[43] D. Dahlmann, Die Deutschen an der Wolga von der Ansiedlung 1764 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, S. 4.

[44] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 18.

[45] H. Ruttmann, Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, S. 7.

[46] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 19.

[47] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 20.

[48] Ebd., S. 20.

[49] Ebd., S. 20.

[50] H. Ruttmann, Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, S. 7.

[51] H. Ruttmann, Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, S. 8.

[52] D. Brandes, Deutsche auf dem Dorf und in der Stadt von der Ansiedlung bis zur Aufhebung des Kolonialstatuts, in: Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen, München 1992, S. 39.

[53] D. Brandes,Entwicklung der Kolonien in den Jahren 1871 bis 1917, in: Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen, München 1992, S. 46.

[54] V. Krieger, Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft. Die identitätsstiftende Funktion geschichtlicher Erfahrungen, in: Heimatbuch der Deutschen aus Russland, 2007/2008, S. 20.

[55] H. Ruttmann, Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, S. 8.

[56] G. Stricker, Deutsche Geschichte im Osten Europas, S. 95.

[57] H. Ruttmann, Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, S. 8.

[58] D. Brandes,Entwicklung der Kolonien in den Jahren 1871 bis 1917, S. 71.

[59] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 26.

[60] D. Brandes, Jahrzehnte des Umbruchs. Zwischenkriegszeit, in: Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen, München 1992, S. 78.

[61] Ebd., S. 78.

[62] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 26.

[63] D. Brandes, Die Wolgarepublik: Eigenstaatlichkeit oder Nationales Gouvernement? In: Rothe, Hans (Hrsg.): Deutsche in Russland, Köln 1996, S. 110.

[64] Zit. nach: D. Brandes, Jahrzehnte des Umbruchs. Zwischenkriegszeit, S. 102.

[65] G. Stricker, Deutsche Geschichte im Osten Europas, S. 154.

[66] V. Krieger, Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft, S. 26.

[67] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 29.

[68] V. Krieger, Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft, S. 27.

[69] V. Krieger, Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft, S. 27.

[70] H. Hecker, Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, S. 29.

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Das kirchliche und religiöse Leben der Russlanddeutschen seit ihrer Ansiedlung unter Iwan IV. bis zur Rückwanderung nach Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Evangelische Theologie
Note
2,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
69
Katalognummer
V193663
ISBN (eBook)
9783656188148
ISBN (Buch)
9783656189176
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russlanddeutsche, religionsgeschichte der Russlanddeutschen Aussiedlerarbeit, Aussiedlerarbeit, Aussiedlerarbeit der Evangelischen KIrche von Westfalen, Aussiedlerseelsorge, Integration der Russlanddeutschen
Arbeit zitieren
Alina Heberlein (Autor), 2012, Das kirchliche und religiöse Leben der Russlanddeutschen seit ihrer Ansiedlung unter Iwan IV. bis zur Rückwanderung nach Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193663

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