Die "Dialektik der Aufklärung" ist einer der grundlegenden Texte der Kritischen Theorie. In ihm wird in zivilisationsgeschichtlicher Perspektive gezeigt, wie die instrumentelle, formalisierte Vernunft sich theoretisch und praktisch gegen sich selbst richten kann. Didaktisch-methodisch wird dabei die Neigung dieser zweckrational verkürzten Vernunft zur Selbstzerstörung genealogisch dargestellt: der Ursprung erklärt den Prozess, der in ihm anhebt, und damit die Diagnose eines Ist-Zustandes. Das vorliegende Thesenpapier erläutert die Grundgedanken dieses Werkes als Vorarbeiten zu einer Theorie der "misslungenen Zivilisation" (Rolf Wiggershausen) und zeigt die Beziehung dieses Ansatzes zu Nietzsches genealogischem Denken auf.
Inhaltsverzeichnis
1. Kontext
2. Die Prinzipien der misslungenen Zivilisation
3. Nietzsches Genealogien und die Dialektik der Aufklärung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das genealogische Motiv in Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ und analysiert, wie das Werk das zivilisationsgeschichtliche Umschlagen von rationaler Aufklärung in einen neuen Mythos beschreibt. Dabei wird insbesondere die Verbindung zwischen instrumenteller Vernunft, Herrschaftspraxis und der Entstehung von Antisemitismus sowie die philosophische Nähe zu Nietzsches Genealogiekritik beleuchtet.
- Genealogische Analyse des Aufklärungsbegriffs als Weltverhältnis
- Das Umschlagen von Aufklärung in Mythos und die daraus resultierende Selbstzerstörung
- Zweckrationalität als Instrument der Natur- und Menschenbeherrschung
- Vergleich der genealogischen Methode bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno
- Die Rolle der Kritik als „Aufklärung in der Aufklärung“
Auszug aus dem Buch
Die Prinzipien der misslungenen Zivilisation
Der Aufklärungsbegriff zielt hier erst mittelbar auf theoretische Arbeiten, grundsätzlich aber auf ein Weltverhältnis, eine Art und Weise, in der Menschen sich mit der Welt einschließlich anderer Menschen auseinandersetzen. Das Subjekt, das unter Maßgabe zweckrationaler, instrumenteller Vernunft der Natur gegenübertritt, ist für Horkheimer und Adorno zuerst jenes, das sich in Entsagung übt und Selbstbehauptung durch Selbstverleugnung realisiert. Illustriert wird das an der berühmt gewordenen Interpretation der Odyssee, dem »Grundtext der europäischen Zivilisation« (DdA: 52). Damit wird dieselbe quasi als eine Aufklärungszivilisation beschrieben, die genealogisch von ihren Anfängen her zu verstehen sei. D.h. Prinzipien, die sich in ihren frühen Zeugnissen finden lassen, werden herangezogen, um spätere Entwicklungen durch ihre Abstammung zu erklären, und als grundlegend betrachtete Momente der Gegenwart werden in früheren Epochen gesucht.
Die genealogisch fortgesetzte Zweckrationalität der Aufklärung richtet sich gegen sich selbst, indem sie sich jener Technik ausliefert, die der Naturbeherrschung dienen sollte: weil solches Denken »in Gestalt als Mathematik, Maschine, Organisation an den seiner vergessenden Menschen sich rächt, hat Aufklärung ihrer eigenen Verwirklichung entsagt. Indem sie alles einzelne in Zucht nahm, ließ sie dem unbegriffenen Ganzen die Freiheit, als Herrschaft über die Dinge auf Sein und Bewußtsein der Menschen zurückzuschlagen« (DdA: 48). Das Geschehen der Technik ist selbst naturhaft fremd geworden, der Ursprung erklärt die Diagnose eines Ist-Zustandes. Das Nachzeichnen des fortwährenden Umschlagens von Aufklärung in Mythos macht diese Essays zu Elementen einer Theorie der »mißlungenen Zivilisation« (Wiggershaus 1998: 90).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kontext: Dieses Kapitel führt in die Entstehungsgeschichte der „Dialektik der Aufklärung“ ein und skizziert das zivilisationsgeschichtliche Modell, das Möglichkeiten von Befreiung und Selbstzerstörung im modernen Denken untersucht.
2. Die Prinzipien der misslungenen Zivilisation: Hier wird analysiert, wie instrumentelle Vernunft in ein Herrschaftsverhältnis umschlägt, das den Menschen als Subjekt der Selbstverleugnung und Naturbeherrschung konstituiert.
3. Nietzsches Genealogien und die Dialektik der Aufklärung: Der Abschnitt vergleicht Horkheimers und Adornos kritische Methode mit Nietzsches Genealogie der Moral und arbeitet die Verstrickung von Mythos und Aufklärung heraus.
Schlüsselwörter
Dialektik der Aufklärung, Horkheimer, Adorno, instrumentelle Vernunft, Zweckrationalität, Genealogie, Mythos, Entzauberung der Welt, Naturbeherrschung, Antisemitismus, Faschismus, Kritische Theorie, Nietzsche, Subjektivität, Zivilisationskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die philosophische Analyse von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno bezüglich der Entwicklung und den negativen Folgen des modernen Aufklärungsbegriffs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Dialektik von Vernunft und Mythos, die Problematik der Zweckrationalität sowie die genealogische Herleitung gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das „genealogische Motiv“ bei Horkheimer und Adorno freizulegen und aufzuzeigen, wie sie die Dialektik der Aufklärung als eine Theorie der misslungenen Zivilisation konzipieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philosophisch-theoretische Analyse und Interpretation angewandt, die primär textbasiert die Argumentationslinien der „Dialektik der Aufklärung“ in Verbindung mit Einflüssen von Marx und Nietzsche rekonstruiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Umkehrung der Aufklärung in einen neuen Mythos, die psychologischen Mechanismen des Antisemitismus sowie die Verbindung zur technologischen Herrschaftspraxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Zweckrationalität, Entmythologisierung, Verdinglichung, Herrschaftspraxis und Genealogie geprägt.
Wie unterscheidet sich die Interpretation von Horkheimer/Adorno von derjenigen Nietzsches?
Während Nietzsche Macht gegen Macht stellt, setzen Horkheimer und Adorno auf die Kraft der kritischen Vernunft, die versucht, die „Dialektik der Aufklärung“ zu durchschauen und somit zu überwinden.
Warum wird in der Arbeit der Antisemitismus thematisiert?
Der Antisemitismus wird als Konsequenz einer zweckrational verkürzten Vernunft betrachtet, die psychologisch auf das Projizieren eigenen Unglücks zurückzuführen ist.
- Arbeit zitieren
- Jan Leichsenring (Autor:in), 2012, Zum genealogischen Motiv in Horkheimers und Adornos ›Dialektik der Aufklärung‹, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193683