Zum genealogischen Motiv in Horkheimers und Adornos ›Dialektik der Aufklärung‹


Wissenschaftliche Studie, 2012
4 Seiten

Leseprobe

Jan Leichsenring

Zum genealogischen Motiv in Horkheimers und Adornos ›Dialektik der Aufklärung‹.

1 Kontext

Im Jahr 1944 erschien die Dialektik der Aufklärung, damals noch unter dem Titel Philosophische Fragmente, von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. In den enthaltenen sechs Essays wird vor dem Hintergrund der Katastrophen des 20. Jh. das zivilisationsgeschichtliche Modell eines Denkens skizziert, das gleichermaßen die Möglichkeiten von Befreiung und Selbstzerstörung in sich trägt. Die jüngste Geschichte schien den Verfassern nicht mehr durch die ökonomischen Analysen des Marxismus begreifbar zu sein, weshalb, über diese hinausgehend, marxistische, ideologiekritische Elemente mit der Psychoanalyse verbunden werden. ›Aufklärung‹ hat hier nicht den konventionellen historischen Sinn, sondern bezeichnet ein Denken, das auf Weltbeherrschung durch Berechnung und technischen Fortschritt gerichtet und das von Anfang an mit Zweckrationalität durchsetzt ist. Eine als entmythologisierend auftretende Tendenz etwa der historischen Aufklärungsphilosophie ist dann eine Erscheinungsweise von Prinzipien, die z.B. schon in der Antike wirksam wurden.

2 Die Prinzipien der misslungenen Zivilisation

Der Aufklärungsbegriff zielt hier erst mittelbar auf theoretische Arbeiten, grundsätzlich aber auf ein Weltverhältnis, eine Art und Weise, in der Menschen sich mit der Welt einschließlich anderer Menschen auseinandersetzen. Das Subjekt, das unter Maßgabe zweckrationaler, instrumenteller Vernunft der Natur gegenübertritt, ist für Horkheimer und Adorno zuerst jenes, das sich in Entsagung übt und Selbstbehauptung durch Selbstverleugnung realisiert. Illustriert wird das an der berühmt gewordenen Interpretation der Odyssee, dem »Grundtext der europäischen Zivilisation« (DdA: 52). Damit wird dieselbe quasi als eine Aufklärungszivilisation beschrieben, die genealogisch von ihren Anfängen her zu verstehen sei. D.h. Prinzipien, die sich in ihren frühen Zeugnissen finden lassen, werden herangezogen, um spätere Entwicklungen durch ihre Abstammung zu erklären, und als grundlegend betrachtete Momente der Gegenwart werden in früheren Epochen gesucht.

Die genealogisch fortgesetzte Zweckrationalität der Aufklärung richtet sich gegen sich selbst, indem sie sich jener Technik ausliefert, die der Naturbeherrschung dienen sollte: weil solches Denken »in Gestalt als Mathematik, Maschine, Organisation an den seiner vergessenden Menschen sich rächt, hat Aufklärung ihrer eigenen Verwirklichung entsagt. Indem sie alles einzelne in Zucht nahm, ließ sie dem unbegriffenen Ganzen die Freiheit, als Herrschaft über die Dinge auf Sein und Bewußtsein der Menschen zurückzuschlagen« (DdA: 48). Das Geschehen der Technik ist selbst naturhaft fremd geworden, der Ursprung erklärt die Diagnose eines Ist-Zustandes. Das Nachzeichnen des fortwährenden Umschlagens von Aufklärung in Mythos macht diese Essays zu Elementen einer Theorie der »mißlungenen Zivilisation« (Wiggershaus 1998: 90).

So verstandene Aufklärung ist ebenfalls eine »Entzauberung der Welt« (DdA: 9), wobei diese Denkfigur weiter gespannt wird als bei Max Weber. Sie bezeichnet eine fortschreitende Entmythologisierung, die bereits im antiken Mythos selbst anhebt, und die Prinzipien folgt, die in unterschiedlichen Phänomenen wirksam werden. Diese wiederum sollen begriffen werden, indem ihre Abstammung aus einer als aufklärerisch betitelten Denkungsart analysiert wird, die zivilisationsgeschichtlich in unterschiedlichen Bereichen wirksam wird.

Nicht nur habe der Mythos Aufklärungsfunktionen erfüllt, sondern Aufklärung schlage in einen neuen Mythos um (DdA: 6). Ausdruck dessen sind nicht nur Theorieformen wie der Positivismus, der seine vorgebliche Objektivität vom Gesellschaftlichen freizuhalten sucht, sondern ist Praxis, die den Blick auf ihre Herkunft und Beschaffenheit verstellt und damit die in der Praxis herrschenden Zwänge und Ängste beständig fortschreibt. Solches Umschlagen trägt Züge einer Fetischisierung oder Verdinglichung: wie in Marx‘ Beispiel der Geldwert einer Ware auf diese selbst zurückgeführt wird, obwohl sich darin eigentlich soziale Beziehungen ausdrücken, wird aufklärerische Rationalität als Selbstzweck genommen, die sich somit selbstläufig und zerstörerisch gegen ihre Zwecke richten kann.

Im Kapitel über den Antisemitismus wird dieser in Beziehung zur zweckrationalen Aufklärung gesetzt. Erklärte Horkheimer in Die Juden und Europa (1939) den Judenhass noch vorrangig ökonomisch, wird dieser nun psychologisch als zwanghaftes Projizieren eigenen Unglücks auf ›die Juden‹ begriffen (vgl. DdA: 201). Schon die ökonomische Erklärung ist genealogisch angelegt, wenn der Faschismus als Entwicklungsstufe des Kapitalismus gedacht wird. In der Dialektik der Aufklärung wird diese Anlage historisch und bewusstseinstheoretisch ausgeweitet, indem der Holocaust im Prozess der Aufklärung möglich wurde. Die zweckrational verkürzte Vernunft kann diesem Ende nicht wehren, weil sie kein rationales Argument mehr gegen den Mord vorbringen kann, wie am Beispiel u.a. de Sades und Nietzsches als besonders konsequenter Aufklärer ausgeführt wird.

[...]

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Details

Titel
Zum genealogischen Motiv in Horkheimers und Adornos ›Dialektik der Aufklärung‹
Hochschule
Universität Erfurt  (Max-Weber-Kolleg für sozialwissenschaftliche Studien)
Veranstaltung
Promotionskolloquium
Autor
Jahr
2012
Seiten
4
Katalognummer
V193683
ISBN (eBook)
9783656186472
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritische Theorie, Frankfurter Schule, Marxismus, Friedrich Nietzsche, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno
Arbeit zitieren
Jan Leichsenring (Autor), 2012, Zum genealogischen Motiv in Horkheimers und Adornos ›Dialektik der Aufklärung‹, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193683

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