Gibt es eine Baskische Nation?

Ein Überblick über verschiedene Nationalismustheorien und ein historiographischer Abriss


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

24 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nationalismustheorien
2.1. Ernest Renan
2.2. Ernest Gellner
2.3. Benedict Anderson
2.4. Eric Hobsbawm
2.5. Anthony D. Smith

3. Baskenland
3.1. Genese des Baskischen
3.2. Historiographie des Baskenlandes

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit verschiedenen Nationskon- zepten und der Adaption der Theorien auf das Baskenland. In Kapitel 2 werde ich zu- nächst die Nationalismusforschung, verschiedene Nationskonzepte sowie Nationalismustheorien anhand verschiedener Autoren und deren Kernthesen vorstel- len. Im Anschluss daran stelle ich in Kapitel 3 den besonderen historischen Kontext des Baskenlandes dar und beschäftige mich mit der Möglichkeit, ob das Baskenland für die Nationalismusforschung von besonderer Bedeutung sein könnte. Mit einem Resümee und einer Bewertung werde ich diese Arbeit abschließen.

Man kann im 21. Jahrhundert dazu geneigt sein, sich nicht mehr mit der Idee des Nati- onalismus auseinanderzusetzen, nach dem Historiker Eric Hobsbawm das 20. Jahr- hundert als das „Jahrhundert der Extreme“ charakterisiert hat und der Politikwissen- schaftler Francis Fukuyama Anfang der 90er Jahre das „Ende der Geschichte“ prokla- mierte.

Gerade das Gegenteil dürfte jedoch für die kommenden Jahrzehnte der Fall sein. Der französische Philosoph Alain de Benoist hält übersteigerten Nationalismus für „identitäre Pathologien“, er konstatiert: „Leider sind die identitären Pathologien der- zeit zweifelsohne auf dem Vormarsch. Die mit der Globalsierung einhergehende Ge- fahr der weltweiten Uniformisierung löst akute, krampfartige Gegenreaktionen aus. Die Homogenisierung der Welt geht Hand in Hand mit dem ethnozentrischen Rück- zug“ (de Benoist, 2008, 99). Zygmunt Bauman erklärt dies wie folgt: „Man denkt an Identität, wann immer man nicht sicher ist, wohin man gehört (...). Identität ist ein Name für den gesuchten Fluchtweg aus dieser Unsicherheit“ (Bauman, 1997, 107). Die postmoderne Ordnung markiert den Eintritt in das Zeitalter der Mobilität, des Fle- xiblen, des Bruchstückhaften, des Prekären, des Netzwerks, des Rhizoms (vgl. de Benoist, 2008, 101) und kann infolgedessen zu einer Steigerung der kollektiven Identi- tät führen, so wie es der Nationalismus darstellt.

Über die Aktualität von Nationalismustheorien wird viel diskutiert. Historiker Hans- Ulrich Wehler postuliert ein Ende des Nationalismus, da an die Stelle des Nationalis- mus eine neue Programmatik getreten sei, die als neue Legimitationsbasis diene. Sei- ner Meinung soll die neue Legitimationsbasis nach die Leistungsfähigkeit des demo- kratischen Verfassungsstaats, des Rechtsstaats, des Sozialstaats und des ökologisch gezügelten Wirtschaftswachstums sein (vgl. Wehler, 2001, 114). Man kann bei dieser Aufzählung gerade in Bezug auf westliche Staaten anderer Meinung sein, und so stellt Benedict Anderson mitnichten das Ende des Nationalismus fest und behauptet sogar: „Das Nation-Sein ist vielmehr der am universellsten legitimierte Wert im politischen Leben unserer Zeit“ (Anderson, 1996, 12/13).

Insofern können wir davon ausgehen, dass uns das Phänomen des Nationalismus auch zukünftig begleiten wird.

Ich habe das Baskenland als Untersuchungsobjekt für das Phänomen des Nationalis- mus gewählt, da es sich dort um einen alten, aber gleichzeitig auch einen außerordent- lich aktuellen ethnopolitischen Konflikt in Europa handelt. Ich möchte unter Verwen- dung von verschiedenen Nationalismustheorien, die ich zuvorderst vorstellen werde, den ethnopolitischen Konflikt des Baskenlandes untersuchen und der Frage nachge- hen, ob und inwieweit die Basken eine eigene Nation darstellen können.

2. Nationalismustheorien

Der Nationalismus als politische Idee ist eine relativ neuartige Erscheinung.

Als „annus mirabilis“ für die Ideologie des Nationalismus gilt die Französische Revolution von 1789. Der Nationalismus reüssierte jedoch erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts bei zeitgenössischen Kommentatoren. Nach dem Ersten Weltkrieg fand die Nationalismusforschung eine größere Resonanz, als sich führende Politiker von Lenin bis Wilson für das Selbstbestimmungsrecht vieler Völker einsetzten und daraufhin neue Nationalstaaten entstanden.

Anfang der 1980er Jahre kam es zum Wendepunkt in der Nationalismusforschung und es entwickelte sich unter deutlicher Distanzierung der vorangegangenen Theoretiker ein vollkommen neuer Ansatz heraus. Die ältere Nationalismusforschung zeichnete sich in erster Linie durch folgende Grundannahmen aus: Zum einen galt die Nation als eine quasi-natürliche Einheit in der Geschichte, Nationen mussten lediglich, unter Umständen durch einen Mythos, erweckt werden. Weiterhin, so die zweite Grundan- nahme, besitze die Nation ein Recht auf ihren eigenen Staat. Ferner, so die dritte These der älteren Nationalismusforschung, bringe ein Nation Ideen- und Wertesysteme her- vor, welche die Existenz dieser Nation rechtfertigen, ihre Vergangenheit deuten und ihre Zukunft entwerfen (vgl. Wehler, 2001, 7-13). Die letzte These umschreibt Wehler in einer Denkfigur Marxscher Provenienz: „Die vorgegebene politische und sprachli- che „Basis“ der Nation generiert den ideellen „Überbau“ in Gestalt des Nationalismus“ (Wehler, 2001, 8).

In den 1980er Jahren fand eine Zäsur statt. Es erschienen fast gleichzeitig Werke von Ernest Gellner, Benedict Anderson und Eric Hobsbawm, die sich des Phänomens Na- tionalismus annahmen. Die neue Nationalismusforschung unterscheidet sich primär durch folgende Grundthese von den vorangegangenen Denkern: Als wichtigstes Un- terscheidungskriterium basiert die neue Nationalismusforschung „erkenntnistheore- tisch auf den Ideen des neuen Konstruktivismus, der den vermeintlichen Essentialis- mus historischer Phänomene auflöst und sie zunächst einmal als Konstrukte des menschlichen Geistes und seiner Kategorien konzeptualisiert“ (Wehler, 2001, 8/9).

Nachdem ich den Forschungsstand und die Geschichte der Nationalismusforschung skizziert habe, möchte ich zunächst einige Definitionen des Begriffs „Nation“ vorstel- len, um dann auf verschiedene Nationalismuskonzepte näher einzugehen. „Nation“ wird vom lateinischen nasci (geboren werden) abgeleitet und bezeichnet demnach traditionell eine Herkunftsgemeinschaft. Im Mittelalter wurden Gruppen an den Universitäten nach nationes unterschieden, insofern erfolgte im Laufe der Jahr- hunderte eine andere politische Deutung des Begriffs Nation (vgl. Lehnert/Weißmann, 2009, 107/108).

Nach Gisela Riescher bedeutet eine Nation (lateinisch natio: Geburt, Geschlecht, Art, Volk) eine Gemeinschaft von Menschen, die sich aus ethnischen, sprachlichen, kultu- rellen und/oder politischen Gründen zusammengehörig und von anderen unterschieden fühlen. Sie weist auf unterschiedliche historisch-politische Bezugsrahmen und unter- schiedliche Interpretationsmuster hin. Während beispielsweise Abbé Sièyes 1789 die französische Nation als eine Gemeinschaft definierte, die unter einem Gesetz steht und sich durch den politischen Willen und das Streben des Dritten Standes nach Souverä- nität in einem bereits bestehenden Staatsgebiet konstituiert, erhob Johann Gottfried Herder im 19. Jahrhundert Sprache, Volkstum und Dichtung zum nationalen Kriterium (vgl. Riescher, 2002, 558).

2.1. Ernest Renan

Ernest Renan war ein französischer Schriftsteller und Gelehrter. Er beschäftigte sich im 19. Jahrhundert mit dem Nationalismus. 1882 hielt er eine Rede an der SorbonneUniversität in Paris, wo er die Frage stellte: „Was ist eine Nation?“.

Das 19. Jahrhundert war eine Hochzeit des Nationalismus und Renan verstand eine Nation als neuartiges Phänomen. Ein wesentliches Merkmal von einer sich konstituierenden Nation ist das Vergessen beziehungsweise der historische Irrtum, den Nationen an den Tag legen (vgl. Renan, 1995, 42-45). Zu den Kennzeichen von Nationen schreibt er: „Es macht jedoch das Wesen einer Nation aus, dass alle Individuen vieles miteinander gemein haben, und auch, dass sie viele Dinge vergessen haben. Eine moderne Nation ist demnach das historische Ergebnis einer Reihe von Tatsachen, die in dieselbe Richtung weisen“ (Renan, 1995, 45/46).

Für Renan gibt es mehrere Faktoren, die für eine Nationsbildung wesentlich sind wie zum Beispiel Rasse, Sprache, Religion, Interessen und Geographie, die er nach deren Wirkmächtigkeit untersucht. Nach Ansicht von Renan bleibt die Rasse der Bevölke- rung gleich, so dass diese daraus eine Legitimität begründet. Allerdings räumt er ein, dass keine Rasse wirklich rein sein kann und die Rasse als konstituierender Faktor immer mehr an Bedeutung verliert. Ein weiterer wesentlicher Faktor bei der Bildung einer Nation ist die Sprache. Er ist überzeugt davon, dass die Sprache genau wie die Rasse zur Vereinigung einlädt, jedoch nicht dazu zwingt. Als Beispiel wählt er die Schweiz, wo mehrere Sprachen gesprochen werden und sie trotzdem eine Nation bil- det. Er erwähnt, dass der Wille der Sprache übergeordnet ist. Ebenso die Religion lie- fert laut Renan genau wie die Rasse und Sprache keine hinreichende Grundlage, um darauf eine moderne Nation zu errichten. Renan untersucht folglich, ob eine Gemein- schaft der Interessen ausreicht, um eine Nation zu bilden. Er verneint dies und ver- weist darauf, dass ein Zollverein kein Vaterland bildet. Er deute darauf, dass die Nati- on eine Gefühlseite hat, sie ist Seele und Körper zugleich (vgl. Renan, 1995, 48-56). Renan konstatiert: „Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, das aus tiefreichenden Ver- bindungen der Geschichte resultiert, eine spirituelle Familie“ (Renan, 1995, 56).

Renan definiert Nation wie folgt: „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das an- dere das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat. Der Mensch improvisiert sich nicht. Wie der einzelne, so ist die Nation der Endpunkt einer langen Vergangen- heit von Anstrengungen, Opfern und Hingabe. Der Ahnenkult ist von allen der legi- timste; die Ahnen haben uns zu dem gemacht, was wir sind. (...), das gemeinsame Lei- den verbindet mehr als die Freude. In den gemeinsamen Erinnerungen wiegt die Trau- er mehr als die Triumphe, denn sie erlegt Pflichten auf, sie gebietet gemeinschaftliche Anstrengungen. Sie [die Nation; Anmerkung des Verfassers] setzt eine Vergangenheit voraus und muss in der Gegenwart zu einem greifbaren Faktor zusammenzufassen sein (...). Die Existenz einer Nation ist (...) ein Plebiszit, das sich jeden Tag wieder- holt, so wie die Existenz eines Individuums eine dauernde Bestätigung des Lebens- prinzips ist. (...) Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal begonnen, sie werden einmal enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablö- sen“ (Renan, 1995, 56/57).

Ferner fasst er die Nation wie folgt zusammen: „Eine große Ansammlung von Men- schen, gesunden Geistes und warmen Herzens, erzeugt ein moralisches Bewusstsein, welches sich eine Nation nennt. In dem Maße, wie dieses moralische Bewusstsein sei- ne Kraft beweist durch die Opfer, die der Verzicht des einzelnen zugunsten der Ge- meinschaft fordert, ist die Nation legitim, hat sie ein Recht zu existieren“ (Renan, 1995, 58).

2.2. Ernest Gellner

Ernest Gellner stellt als wichtigstes Merkmal des Nationalismus fest, dass dieser ein politisches Prinzip darstellt und besagt, dass politische und nationale Einheiten de- ckungsgleich sein sollen. Er bezeichnet den Nationalismus als Empfindung oder als Bewegung. Für den Nationalismus ist das Nationalgefühl die Empfindung von Zorn über die Verletzung des Prinzips oder von Befriedigung angesichts seiner Erfüllung. Diese Empfindung treibt eine nationalistische Bewegung an. Gellner behauptet, dass eine Definition des Nationalismus die Annahme einer Definition des Staates voraus- setze. Er konstatiert, dass der Nationalismus nur in Milieus entstehe, in denen die Existenz des Staates bereits als selbstverständlich vorausgesetzt werde. Gellner emp- findet Nationen ebenso wenig wie Staaten als historische Phänomene. Sie besitzen infolgedessen keine universelle Notwendigkeit. Er definiert Nationalismus und Staaten vielmehr als Phänomene, die sich einander bedingen und füreinander bestimmt sind. Jedes Element für sich alleine stellt für Nationalisten eine Tragödie dar und ist damit unvollständig. Gellner erörtert den Nationalismus als ein anthropologisches Konstrukt und behauptet, dass der Mensch die Nation mache, und Nationen Artefakte menschli- cher Überzeugungen, Loyalitäten und Solidaritätsbeziehungen seien (vgl. Gellner, 1995, 8-17). Er legt dar: „Es ist der Nationalismus, der die Nationen hervorbringt, und nicht umgekehrt. (...) Die kulturellen Fetzen und Flicken, derer sich der Nationalismus bedient, sind häufig willkürliche historische Erfindungen. (...) Nationalismus ist nicht das, was er scheint; und vor allem ist er nicht, als was er sich selbst erscheint. Die Kulturen, die er zu verteidigen und wiederzubeleben beansprucht, sind häufig seine eigenen Erfindungen oder werden bis zur Unkenntlichkeit modifiziert“ (Gellner, 1995, 87). Gellner stellt in seiner Nationalismustheorie zwei sozialanthropologische Konstanten heraus: Einerseits die auf Macht ausgerichtete gesellschaftliche Organisation und andererseits die Kultur, welche die Tradierung von Eigenarten und Verhaltensmustern ermöglicht (vgl. Borggräfe/Jansen, 2007, 87).

2.3. Benedict Anderson

Benedict Anderson deutet in seinem Hauptwerk „Erfindung der Nation“ die Nation als eine vorgestellte politische Gemeinschaft, die begrenzt und souverän sein soll. Vorge- stellt deshalb, da sich niemals alle Mitglieder einer Nation persönlich kennen können beziehungsweise von ihnen hören oder sich einander begegnen werden. Im Kopf eines jeden Mitglieds dieser Nation existiert jedoch die gleiche Vorstellung einer Gemein- schaft. Weiterhin verweist Anderson auf die Begrenztheit einer Nation. Keine Nation setzt sich mit der Menschheit gleich, selbst die größte unter ihnen hat ihre Grenze zu anderen Nationen. Ferner ist es für Anderson wichtig, festzustellen, dass jede Nation als souverän festgestellt werden solle, alle Nationen träumen davon frei zu sein oder sofern dies noch nicht erfolgt ist, frei zu werden (Anderson, 1996, 11-17).

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Details

Titel
Gibt es eine Baskische Nation?
Untertitel
Ein Überblick über verschiedene Nationalismustheorien und ein historiographischer Abriss
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Baskenland
Note
1,4
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V193802
ISBN (eBook)
9783656190066
ISBN (Buch)
9783656191773
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gibt, baskische, nation, überblick, nationalismustheorien, abriss
Arbeit zitieren
Diplom Politologe Robert Offermann (Autor), 2010, Gibt es eine Baskische Nation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193802

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