Eine Betrachtung der Figuren Echo und Arachne in Christoph Ransmayrs Roman "Die Letzte Welt" unter literaturtheoretischen Aspekten


Seminararbeit, 2008
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A. Einleitung

B. Literaturtheoretische Aspekte in den Figuren Echo und Arachne
I. Einführung der Figur Echo - Das Buch der Steine
II. Einführung der Figur Arachne - Das Buch der Vögel
III. Echo und Arachne im Spiegel der Gender Studies
1. Echo im Patriarchat
2. Arachne als Feministin
IV. Echos und Arachnes Überlieferung unter dem Aspekt des Radikalen Konstruktivismus
V. Echos und Arachnes Kommunikation als Fehlleitungen im Sinne der Rezeptionsästhetik
VI. Arachne als Symbol der Prozessästhetik

C. Fazit

A. Einleitung

Im dieser Arbeit1 zugrunde liegenden Roman „Die letzte Welt“ von Christoph Ransmayr ist der Römer Cotta in der Stadt Tomi, dem Exil des Dichters Ovid, auf der Suche nach diesem und seinem Werk „Metamorphoses“. Er wendet sich hierbei an mehrere Personen, unter anderem begegnet der den Figuren Echo und Arachne, die Naso2 kennengelernt haben und denen Naso seine „Metamorphoses“ erzählt hat. Beide Figuren sind zu zentralen Wegweisern für die Interpretation des Romans geworden. Ransmayr selbst deutet im „Entwurf zu einem Roman“ an, dass das Thema seines Romans „das Verschwinden und die Rekonstruktion von Literatur“3 sein soll. Unter diesem Gesichtspunkt werde ich dieser Arbeit den Anspruch der Deutung der beiden Figuren unter literaturtheoretischen Aspekten zu Grunde legen, dabei aber auch nach einigen für den weiteren Verlauf der Gedankengänge wichtigen Ausführungen zu beiden Figuren zunächst anhand der Ansätze der Gender Studies feministische Motive freizulegen versuchen.

B. Literaturtheoretische Aspekte in den Figuren Echo und Arachne

I. Einführung der Figur Echo - Das Buch der Steine

Echo, die im Roman erstmalig im fünften Kapitel auftritt, wurde nicht in Tomi geboren und lebt dort auch nicht in die Gesellschaft integriert. Ihre Herkunft kennt sie selbst nicht.4 Cotta lernt Echo kennen, da sie im Haus des Seilers, in dem auch Cotta wohnt, Hausarbeiten und alle anfallenden Arbeiten verrichtet.5 Darüber hinaus kann Echo als die Prostituierte des Ortes bezeichnet werden, die gegen Geschenke von Männern so gleichmütig Liebesdienste erweist, „als entrichte sie, eine wehrlose Fremde an dieser Küste, damit den unabdingbaren Preis für ein Leben im Schatten und Schutz der eisernen Stadt“.6 Ebenso wie sie kam, verschwindet Echo eines Tages für immer.7

Echos Version der Metamorphosen, die sie Cotta auf seinen Wunsch hin erzählt, gleicht einem Buch der Steine. Denn sie erzählt „von Trauernden, die in ihrem Schmerz über die Sterblichkeit, und von Rasenden, die in ihrem Hass zu Steinen wurden, zu unzerstörbaren Abbildern der letzten und vielleicht einzigen wahrhaften Empfindung ihres Daseins.“ Steine seien nicht nur Nasos einziges und zentrales Thema gewesen - er habe die Versteinerung des Menschen als Zwischenform zwischen Leben und Tod als die einzig menschenwürdige und tröstliche Schicksalsfügung, als die Erlösung gesehen, die dem Menschen statt dem „Ekel erregenden, stinkenden, mit Fransen aus Würmern und Maden behängten Prozess des organischen Verfalls“ möglich ist.8 „Welcher Stoff sei denn besser geeignet, wenigstens eine Ahnung von unangreifbarer Würde, von Dauer, ja Ewigkeit zu tragen, als der aus den raschesten Wechselfällen der Zeit herausgenommene, von aller Weichheit und allem Leben befreite Stein?“9

Echo ist eine junge schlanke Frau „mit ebenmäßigem Gesicht“ und von berückender Schönheit“.10 Allerdings hat Echo einen Makel: Ihrer Haut fehlt eine oberste, schützende Schicht. Ein Schuppenfleck, der über ihren Körper wandert, „ein ausgedehntes, verwüstetes Stück Haut, dürr und kalt, wie eine Echse“11, ruft bei allen, die ihn sehen, Scham und Ekel hervor, und lässt Echo körperlich wie seelisch auch verletzlich erscheinen. Sie ist völlig entstellt, wenn ihr Gesicht von Schuppen bedeckt ist, die wie weiße Flocken abgestorbener Haut anmuten.12 So nimmt Echo in ihrem Äußeren selbst etwas Steinartiges an. Echo schläft von Frühling bis November im Freien und flüchtet sich dann in eine höhlenähnliche Ruine unter einem Felsenüberhang, wo sie manchmal tagelang regungslos liegt.13 Sie ist viel in der Natur und durchwandert bevorzugt und scheinbar mühelos die Klippen und Steilhänge Tomis.14 All dies spiegelt eine über die Erzählung vom Buch der Steine hinausgehende besondere Beziehung Echos zu Steinen wider. Echo erlebt folglich ihre Metamorphose als eine Verwandlung in das, was sie schon zuvor in sich trug. Beschrieb Cotta ihre Haut, ihre Schuppenflechte zunächst wie ein Gebilde aus Glimmerschiefer oder grauem Feldspat, wie aus Kalk und grobkörnigem Sand, als Konglomerat brüchiger Steine15, so nimmt er, als er nach der verschwunden Echo ruft, nur noch Widerhall von den lotrechten Wänden, in deren Kristallen und Schuppen aus Glimmerschiefer sich schon das Mondlicht brach, wahr. Die für Cotta in den Bergen körperlos Wirkende und an Gestein Erinnernde wird zum Widerhall der eigenen Stimme in den Bergen und scheint sich in ein Felsenecho verwandelt zu haben.16

Echo legt in ihrem Umgang und ihrer Lebensart eine für Frauen untypische Gleichgültigkeit und Gefühlskälte an den Tag. So lebt sie im Freien, schläft unter einem Felsvorsprung, durchwandert tagelang und ohne Anstrengung die schroffen Steilhänge Tomis und stellt sich den Männern des Dorfes scheinbar ohne Widerstreben als Prostituierte zur Verfügung.

Zugleich zeigt sich jedoch in Echos Schuppenflechte, dieser „Hautöffnung“, eine gewisse Verletzlichkeit, die sich ebenso in ihrem Verhalten widerspiegelt, denn sie verfällt, nachdem Cotta sie nahezu vergewaltigt, in völlige Sprach- und Teilnahmslosigkeit und weint.17 Darüber hinaus leidet sie unter starken Kopfschmerzen, ausgelöst durch den „Lärm der Welt“. Ihre Unterkunft hat Echo mit Vitrinen und Herd ausgestattet und bewahrt dort Sammlungen filigraner Gegenstände und Glasbläserkunst sowie Vasen, Kelche aus Murano, bemalte Karaffen und mit Quarzstaub bestreute Kugeln.18 All diese wertvollen und fragilen Gegenstände symbolisieren Echos Sinn für Kunst und Kultur sowie ihre Feinfühligkeit und Verletzlichkeit, die ihr Wesen ebenso prägen wie ihre Gefühlskälte und Ausdauer.

II. Einführung der Figur Arachne - Das Buch der Vögel

Arachne ist taubstumm, gichtkrank, krumm und zerbrechlich, hat gekrümmte Hände und dürre Arme19. Sie wohnt in einem Haus an einer Klippe am Nordrand der Stadt, welches morgens in einer Möwenwolke verschwindet, wenn Arachne die Vögel mit Abfällen füttert.20 Arachne ist nicht in Tomi geboren, sondern als Überlebende eines Schiffbruchs nach Tomi gekommen und geblieben.21 Die Weberin Arachne webt in ihre Teppiche und Wandvorhänge menschenleere, exotische Tierlandschaften und verfolgt als immer in wechselnden Darstellungsarten wiederkehrendes Motiv das Fliegen und den Himmel. Sie stellt eine einzige große Vogelwelt dar, „als sei ihr Flug eine einzige, variantenreiche Verspottung der Erdgebundenheit und des aufrechten Ganges“22. All diese Motive und dargestellten Geschichten schöpft Arachne aus der Erinnerung an Nasos Erzählung der Metamorphosen, die sie ihm von den Lippen las. Denn dieser habe nie über etwas anderes als das Buch der Vögel gesprochen.23

III. Echo und Arachne im Spiegel der Gender Studies

1. Echo im Patriarchat

Echos Herkunft und Identität kennt in Tomi zunächst niemand. So kommt sie gleich einem unbeschriebenen Blatt in die neue Umgebung Tomis, einer in jeder Hinsicht sehr von Männern und ihrem rauen Umgang dominierten und geprägten Stadt. Es wird aber deutlich, wie Echo, sobald sie in dieses neue Umfeld gelangt, eine typisch weibliche Identität annimmt. Sie betätigt sich als Putzhilfe und Dorfhure und somit in ganz typischen Frauenmetiers. Echos weibliche unterworfene Rolle, die Tomi von ihr fordert und ihre Identität determiniert, die sie aus diesen Rollenzuschreibungen bildet, entstehen in Tomi neu und erst im Gegensatz zu ihrem Umfeld.

[...]


1 Diese Arbeit stellt die leicht veränderte Seminararbeit zum Proseminar „Christoph Ransmayr“ unter der Leitung von Dr. Friedmann Harzer im Wintersemester 2007/08 an der PhilologischHistorischen Fakultät der Universität Augsburg dar.

2 Ovid wird im Folgenden wie im Roman mit seinem Beinamen Naso bezeichnet.

3 Ransmayr: Entwurf zu einem Roman. In: Jahresring: Jahrbuch für Kunst und Literatur 87/88, S. 196.

4 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 100.

5 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 104.

6 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 123, 153.

7 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 179.

8 Fitz, „Wir blicken in ein ersonnenes Sein“ - Wirklichkeits- und Selbstkonstruktion in zeitgenössischen Romanen, S. 222.

9 Fitz, „Wir blicken in ein ersonnenes Sein“ - Wirklichkeits- und Selbstkonstruktion in zeitgenössischen Romanen, S. 222.

10 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 99, 102.

11 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 151.

12 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 102.

13 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 101 f.

14 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 155 f.

15 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 170.

16 Vollstedt, Ovids „Metamorphoses“, „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“ in Christoph Ransmayrs Roman „Die letzte Welt“, S. 57.

17 Ransmayr, Die letzte Welt, S. 151.

18 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 175.

19 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 192 f.

20 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 191 f.

21 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 293.

22 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 196.

23 Ransmayr, Die Letzte Welt, S. 198.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Eine Betrachtung der Figuren Echo und Arachne in Christoph Ransmayrs Roman "Die Letzte Welt" unter literaturtheoretischen Aspekten
Hochschule
Universität Augsburg  (Philologisch-Historische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar "Christoph Ransmayr"
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V193806
ISBN (eBook)
9783656190363
ISBN (Buch)
9783656191650
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, betrachtung, figuren, echo, arachne, christoph, ransmayrs, roman, letzte, welt, aspekten, Ransmayr
Arbeit zitieren
Christina Rossi (Autor), 2008, Eine Betrachtung der Figuren Echo und Arachne in Christoph Ransmayrs Roman "Die Letzte Welt" unter literaturtheoretischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193806

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