Besitzbürgertum und Bildungsbürgertum in Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel"


Seminararbeit, 2003

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Fontane und das Bürgertum

4. Besitz
4.1 Besitzbürger
4.2 Jenny Treibel
4.3 Bildungsbürger

5. Bildung
5.1 Besitzbürger
5.2 Jenny Treibel
5.3 Bildungsbürgertum

6. Sprache
6.1 Besitzbürger
6.2 Jenny
6.3 Bildungsbürger

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Theodor Fontane setzt sich in seinem 1892 erschienenen Roman ‚Frau Jenny Treibel’ mit dem Bürgertum der wilhelminischen Gesellschaft auseinander. Dem Besitzbürgertum, vertreten durch die Familie des Kommerzienrates Treibel, stellt er das Bildungsbürgertum, vertreten durch die Familie des Professors Wilibald Schmidt, gegenüber. In einem Brief an seinen Sohn Theo legt Fontane seine Intension dar:

„Zweck der Geschichte: das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeois- Standpunktes zu zeigen, der von Schiller spricht und Gerson meint.[1]

Es ist also offensichtlich die Absicht des Dichters, Kritik am Besitzbürgertum zu üben. Vorerst bleibt jedoch offen, wie Fontane das Bildungsbürgertum sieht.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, „Wie werden Besitzbürgertum und Bildungsbürgertum in Theodor Fontanes Roman ‚Frau Jenny Treibel’ dargestellt?“. Wird das Bildungsbürgertum idealisiert oder werden sowohl Besitz- als auch Bildungsbürgertum kritisiert? Überwiegt die Kritik an einem dieser beiden Pole der bürgerlichen Oberschicht? An welchen Verhaltensweisen nimmt Fontane Anstoß? Weiterhin soll untersucht werden, in wiefern das von Fontane entworfene Bild mit der Realität jener Zeit und mit Fontanes Äußerungen bezüglich des Bürgertums übereinstimmt.

Um dies zu erörtern, sollen Vertreter des Besitzbürgertums, Jenny Treibel und Vertreter des Bildungsbürgertums getrennt von einander betrachtet werden. Als Vertreter des Besitzbürgertums sollen Kommerzienrat Treibel aber auch andere Mitglieder der Familie Treibel ausgewählt werden. Da der Roman zum einen nach Jenny Treibel benannt ist und sie zum anderen aus dem Kleinbürgertum stammt, soll die Kommerzienrätin getrennt vom Besitzbürgertum untersucht werden. Als Vertreter des Bildungsbürgertums sollen Professor Schmidt, dessen Tochter Corinna und „Die sieben Waisen Griechenlands“ ausgewählt werden. Zur genaueren Betrachtung von Besitzbürgertum, Jenny Treibel und Bildungsbürgertum sollen die drei Vergleichsmomente Besitz, Bildung und Sprache herangezogen werden. Besitz und Bildung, so ist zu vermuten, sind jeweils für das Besitz- beziehungsweise Bildungsbürgertum von zentraler Bedeutung. In Fontanes Romanen ist Sprache von großer Wichtigkeit, da sich die Figuren durch ihre Sprache selbst charakterisieren.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in vier Teile. In einem ersten Teil soll der historische Kontext, also die wirtschaftliche und soziale Situation des Bürgertums der wilhelminischen Gesellschaft betrachtet werden. Im zweiten Teil soll Fontanes Haltung gegenüber dem Bürgertum an Hand seiner Briefe dargestellt werden. Im dritten Teil sollen, wie bereits erwähnt, das Besitzbürgertum, Jenny Treibel und das Bildungsbürgertum untersucht werden. Im vierten Teil der Arbeit soll versucht werden, die Ergebnisse in einem kurzen Resümee zusammenzufassen.

2. Historischer Kontext

Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 kam es zu einem Wandel der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen.

Die Industrialisierung schritt rasant voran. Die Zahl der in der Landwirtschaft Tätigen sank von 1830 bis 1885 um dreißig Prozent. Die Produktivität der Industrie stieg zwischen 1870 und 1890 um fünfzig Prozent an[2]. Auch die fünf Milliarden Francs, die Frankreich als Kriegsentschädigung zu zahlen hatte, trugen zum wirtschaftlichen Aufschwung bei. Das Bankkapital wuchs an und Aktiengesellschaften wurden gegründet. Die ‚Gründerjahre’, die später im ‚Gründerkrach’ enden sollten, hatten begonnen. Besonders in der ehemaligen preußischen Residenzstadt Berlin waren die Veränderungen spürbar. Die Hauptstadt des Kaiserreiches entwickelte sich zu einer Weltstadt mit 1,5 Millionen Einwohnern[3].

Mit all diesen wirtschaftlichen Veränderungen ging ein sozialer Wandel einher. Das Bürgertum, das während der Revolution von 1848 noch eine Einheit gebildet hatte, spaltete sich nun unter anderem in Besitzbürgertum und Bildungsbürgertum auf. Das Besitzbürgertum, das keine eigene Geschichte und Tradition hatte, gelangte in der Gründerzeit zu Reichtum. Um zur „Spitze der gesellschaftlichen Pyramide“ aufzusteigen näherte es sich dem Adel an. Diese Feudalisierung des Besitzbürgertums zeigte sich vor allem in der „Übernahme aristokratischer Lebensformen“. Man glich seine Wohnverhältnisse denen des Adels an, ließ seine Söhne „in sogenannten ‚feudalen’ Kavallerieregimentern“ dienen, suchte wie der Adel die Nähe zu Kunst und Kultur, strebte nach Titeln, Pflegte regen Kontakt zum Adel und träumte von der Nobilitierung[4]. Das im Vergleich zum Besitzbürgertum materiell wesentlich schlechter gestellte Bildungsbürgertum zog sich mehr und mehr zurück und verfiel in „apolitische Passivität“[5]. Selbstbestätigung und Prestige bezog das Bildungsbürgertum aus seiner intensiven Beschäftigung mit der „an idealistischen Werten und am klassischen Altertum orientierten Bildung“[6]. Trotz eines gewissen Ansehens, über das das Bildungsbürgertum verfügte, waren Besitz- und Bildungsbürgertum nicht mehr gleichgestellt[7].

3. Fontane und das Bürgertum

Theodor Fontane, der in seinen Briefen häufig Gesellschaftskritik übt, nimmt sowohl am Verhalten der Besitzbürger als auch an dem der Bildungsbürger Anstoß.

Fontane sieht durchaus die positiven Züge des Besitzbürgertums. Er misstraut nicht grundsätzlich der besitzenden Schicht sondern erkennt ihre Leistungen an und bewundert diese sogar:

„Wirklicher Reichthum imponiert mir oder erfreut mich wenigstens, seine Erscheinungsformen sind mir in hohem Maße sympathisch und ich lebe gerne inmitten von Menschen die 5000 Grubenarbeiter beschäftigen , Fabrikstädte gründen und Expeditionen aussenden zur Colonisirung von Mittel-Afrika. Große Schiffsrheder die Flotten bemannen, Tunnel- und Kanalbauer die Welttheile verbinden, Zeitungsfürsten und Eisenbahnkönige sind meiner Huldigung sicher, ich will nichs von ihnen, aber sie schaffen und wirken zu sehn, thut mir wohl.“[8]

Verhasst sind dem Dichter diejenigen Vertreter des Besitzbürgertums, die er abwertend als ‚Bourgeois’ bezeichnet und zutiefst ablehnt. Im Juli 1883 schreibt Fontane an seine Frau:

„Die reichen, dicken Bourgeois, die hier herumlaufen, sehen alle sehr wohl aus. Und nun gar erst die Bourgeoisen! Sie platzen fast und quietschen vor Vergnügen.“[9]

Fontane kritisier das Verlangen des Bourgeois nach der Zurschaustellung seines Besitzes, durch die er sich eine Steigerung seines Ansehens erhofft:

„Alles Große hat von Jugend auf einen Zauber für mich gehabt, ich unterwerfe mich neidlos. Aber der > Bourgeois < ist nur die Karikatur davon; er ärgert mich in seiner Kleinstietzigkeit und seinem unausgesetzten Verlangen, auf nichts hin bewundert zu werden. Vater Bourgeois hat sich für 1000 Taler malen lassen und verlangt, daß ich das Geschmiere für einen Velasquez halte. Mutter Bourgeois hat sich eine Spitzenmantille gekauft und behandelt diesen Kauf als einein Ereignis.“[10]

Während der Bourgeoise vorgibt, immaterielle Ideale anzustreben, sind für ihn lediglich materielle Werte von Bedeutung. Fontane erkennt diesen Wiederspruch zwischen Sein und Schein:

„Alle geben sie vor, Ideale zu haben; in einem fort quasseln sie vom > Schönen, Guten, Wahren < und knixen doch nur vor dem Goldenen Kalb.“[11]

Fontane beklagt weiterhin, dass die Bildung mehr und mehr an ideellem Wert verliert. Sie ist dem Besitz untergeordnet und dient lediglich der Steigerung des Prestiges.

„Unser Lebens- und namentlich unser Gesellschaftsweg ist ja mit Quatschköpfen gepflastert. Die meisten [...] wissen gar nichts, wissen nicht, wo der Tanganjika-See liegt [...] ,wissen zwischen Scheffel und Wolf nicht zu unterscheiden und halten Stinde für einen bedeutenden Schriftsteller, weil ihm der Fürst [...] einen schmeichelhaften Brief geschrieben hat.“[12]

Fontane stellt dem von ihm kritisierten Besitzbürgertum kein idealisiertes Bildungsbürgertum gegenüber. Auch innerhalb des Bildungsbürgertums erkennt er den Typus des Bourgeois:

„Denn der Bourgeois, wie ich ihn auffasse, wurzelt nicht eigentlich oder wenigstens nicht ausschließlich im Geldsack; viele Leute, darunter Geheimräte, Professoren und Geistliche, die gar keinen Geldsack haben oder einen sehr kleinen, haben trotzdem eine Geldsackgesinnung und sehen sich dadurch in der beneidenswerten oder auch nicht beneidenswerten Lage, mit dem schönsten Bourgeois jederzeit wetteifern zu können.“[13]

Offen bekennt Fontane gegenüber seiner Tochter Mete, dass auch er sich vom „Bourgeoisgefühl“ angezogen fühlt:

„Das Bourgeoisgefühl ist das zur Zeit maßgebende, und ich selber, der ich es grässlich finde, bin bis zu einem Grade davon beherrscht. Die Strömung reißt einen mit fort.“[14]

Auch den „Wissenschaftsdünkel“[15] der Bildungsbürger kritisiert Fontane:

„Immer die alte Professoren- und Geheimraths-Anschauung: ‚nun mein Gott, das wird` ich am Ende auch noch können.’ Und es scheitert, so weit meine Kenntniß reicht, immer.“[16]

[...]


[1] Fontane, Theodor: Sämtliche Werke. Romane, Erzählungen, Gedichte. Hrsg. von Walter Keitel. Hanser: München. 1962. Bd. IV, S. 717.

[2] Vgl. Höfele, Karl Heinrich: Geist und Gesellschaft der Bismarkzeit, 1870-1890. Musterschmidt: Göttingen. 1967. S. 25 ff.

[3] Vgl. Ziegler, Edda; Erler, Gotthard: Theodor Fontane. Lebensraum und Phantasiewelt. Eine Biographie. Aufbau Verlag: Berlin. 1996. S.132.

[4] Born, Karl Erich: Der soziale und wirtschaftliche Strukturwandel Deutschlands am Ende des 19. Jahrhunderts. In: Moderne deutsche Sozialgeschichte. Hrsg. von Hans-Ulrich Wehler. Kiepenheuer und Witsch: Köln. 1970. S. 282 f.

[5] Kafitz, Dieter: Die Kritik am Bildungsbürgertum in Theodor Fontanes Roman ‚Frau Jenny Treibel’. In: Zeitschrift für deutsche Philologie, 92 (1973), Sonderheft Theodor Fontane, S. 94.

[6] Hillmann, Karl-Heinz (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. Kröner: Stuttgart. 1994. S.104.

[7] Vgl. Kafitz, Dieter: Die Kritik am Bildungsbürgertum. S. 94.

[8] Fontane, Theodor: Briefe II. Briefe an die Tochter und an die Schwester. Hrsg. von Kurt Schreinert, Charlotte Jolles. Propyläen Verlag: Berlin. 1969. S.63.

[9] Fontane, Theodor: Sämtliche Werke. Bd. IV, S. 718 f.

[10] Fontane, Theodor: Sämtliche Werke. Bd. IV, S. 219.

[11] Fontane, Theodor: Schriften zur Literatur. Hrsg. von Hans- Heinrich Reuter. Aufbau-Verlag: Berlin. 1960. S. 112 f.

[12] Zenth, Renate: Fontanes Darstellung und Kritik der Gesellschaft im Spiegel seiner Berliner Romane und Briefe der Jahre 1879-1898. Kiel 1989. S. 74.

[13] Fontane, Theodor: Schriften zur Literatur. S. 122 f.

[14] Fontane, Theodor: Sämtliche Werke. Bd. IV, S. 218 f.

[15] Kafitz, Dieter: Die Kritik am Bildungsbürgertum. S. 98.

[16] Fontane, Theodor: Briefe an Georg Friedländer. Hrsg. von Kurt Schreinert. Quelle und Meyer: Heidelberg. 1954. S. 253.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Besitzbürgertum und Bildungsbürgertum in Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Thematisches Proseminar: Fontane
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V19395
ISBN (eBook)
9783638235358
ISBN (Buch)
9783656454243
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Besitzbürgertum, Bildungsbürgertum, Fontanes, Roman, Frau, Jenny, Treibel, Thematisches, Proseminar, Fontane
Arbeit zitieren
Luisa Herrmann (Autor), 2003, Besitzbürgertum und Bildungsbürgertum in Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19395

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