Österreichisch-Ungarische Kriegsfinanzierung im Ersten Weltkrieg


Seminararbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1

T. Schlipfinger (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Forschungsstand

Ausgangslage

Kriegsfinanzierung
Volkseinkommen/Volksvermögen
Unterstützung aus dem Ausland
Steuern
Kredite bei der Notenbank
Kriegsanleihen

Kriegsbedingte Inflation

Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

Der Erste Weltkrieg verschlang Unsummen. Soldaten forderten ihre Löhne, ihre Hinterbliebenen mussten versorgt, Munition bezahlt und Kriegsgerät produziert werden. Ganz nebenbei sollte auch noch der Staat so gut wie möglich weiter existieren. Vor allem die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie hatte massive Probleme die dafür nötigen Gelder aufzutreiben, beziehungsweise mit den daraus resultierenden Folgen – wie zum Beispiel der Inflation – umzugehen. Doch woher genau kam das Geld? Zu welchen Mitteln griffen die österreichischen und ungarischen Finanzminister um dieses Großprojekt zu finanzieren? Genau darum soll es in dieser Arbeit gehen. Ich werde die Mittel und Wege erläutern, durch welche zur Zeit des Ersten Weltkrieges Kapital in die Staatskassen floss und auch auf die daraus folgende Inflation eingehen.

Zu diesem Zweck teile ich diese Arbeit in mehrere Teile auf. Im ersten Kapitel geht es um die finanzielle und wirtschaftliche Ausgangslage, in der sich die Doppelmonarchie vor dem Kriegsbeginn 1914 befand. Dabei gehe ich auch auf die bis dahin getätigten Vorbereitungen und Erwartungen ein. Im zweiten Kapitel beschreibe ich dann detailliert die verschiedenen Geldbeschaffungsmaßnahmen, zu denen die Finanzminister griffen. In diesem Kapitel werde ich auch versuchen, soweit es geht, Österreich-Ungarn mit anderen Teilnehmern des Ersten Weltkriegs zu vergleichen. Daran kann man erkennen, warum die Inflation, die ich im dritten und letzten Kapitel kurz beschreiben werde, vermehrt in Österreich und nicht zum Beispiel in Großbritannien auftrat.

Damit soll gezeigt werden, dass die Doppelmonarchie schon von Beginn an nicht für einen großen, umfassenden Krieg gerüstet war. Zwar gingen 1914 auch die wenigsten anderen Nationen von einem Weltkrieg aus, aber diese schafften es immerhin, sich während des Krieges den veränderten volkswirtschaftlichen Umständen entsprechend anzupassen und hatten deshalb nicht mit denselben gravierenden Folgen wie Österreich-Ungarn zu kämpfen.

Forschungsstand

Bevor ich mich der Ausgangslage widme, möchte ich noch kurz auf den Forschungsstand rund um die Kriegsfinanzierung der Doppelmonarchie eingehen. Zu allererst sei gesagt, dass dieses Thema mit denselben Problemen wie jedes andere Thema rund um den Ersten Weltkrieg zu kämpfen hat: es steht im Schatten des Zweiten. Über die Kriegsfinanzierung des Zweiten Weltkrieges lässt sich insofern deutlich mehr herausfinden, als sich einfach ungleich mehr Forscher mit ihm beschäftigt haben. Jene Bücher allerdings, die sich speziell mit dem Ersten Weltkrieg befassen, beinhalten auch meist ein kurzes Kapitel über die Kriegsfinanzierung. Werke, die sich auf die Kriegsfinanzierung an sich spezialisieren, gibt es allerdings wenige.

Was die Primärquellenlage angeht, stellt sie hier zugleich einen Fluch und einen Segen dar. Zum einen stammt eine der frühesten Aufarbeitungen mit dem Thema von Alexander Popovics selbst – dem ehemaligen Gouverneur der österreichisch-ungarischen Bank und Präsidenten der ungarischen Nationalbank. Im Rahmen der Österreichisch-Ungarischen Serie der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden verfasste er unter dem Titel Das Geldwesen im Kriege ein detailliertes Werk zu diesem Thema. Zwei weitere Werke der Reihe (Der wirtschaftliche Zusammenbruch Österreich-Ungarns von Gustav Gratz und Die Einkommensverschiebungen in Österreich während des Weltkrieges von Wilhelm Winkler) befassen sich zum Teil ebenfalls mit der Kriegsfinanzierung. Die Problematik der Sache liegt nun darin, dass sich viele nachkommende Historiker, die über diese spezielle Kriegsfinanzierung schreiben, zu einem großen Teil auf diese Werke stützen. Als Beispiel sei Eduard März genannt, der in seinem Buch Österreichische Bankpolitik in der Zeit der großen Wende 1913-1923 ausführlich auf die vorher genannten Werke zurückgreift. Das führt dazu, dass man sich zu diesem Thema zwar ein detailliertes, aber zu einem gewissen Grad auch nur einseitiges Bild machen kann. Auch Sekundärquellen aus dem Ausland oder jene, die erst später erschienen sind, zitieren teilweise entweder direkt Popovics oder jemanden, der sich selbst auf ihn bezieht. In der folgenden Arbeit habe ich daher dort wo sich Autoren auf Popovics beziehen, auch ihn selbst zitiert. Nur wenn neuere Erkenntnisse eingeflossen sind, beziehe ich mich auf die Sekundärquellen.

Dabei geht es nicht darum, die Glaubwürdigkeit oder Integrität Popovics in Frage zu stellen. Es ist aber wichtig anzumerken, dass er selbst kein objektiver Außenstehender, sondern ein aktiver Beteiligter war. Daher ist es angebracht, auch einen kritischen Blick auf seine Aussagen zuzulassen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf möchte ich beginnen, die finanzielle und wirtschaftliche Ausgangslage der Doppelmonarchie am Vorabend des Ersten Weltkrieges zu erläutern.

Ausgangslage

Mit einem Augenzwinkern fasst Eduard März die finanzielle Ausgangslage der Doppelmonarchie kurz vor dem Ersten Weltkrieg zusammen. Im oben genannten Werk schreibt er, dass man „gegen die Monarchie kaum den Vorwurf erheben kann, dass sie zu den Initiatoren des Wettrüstens in den letzten Friedensjahren gehörte“ [1] . Damit teilt er im Wesentlichen die Meinung vieler anderer Wissenschaftler: Österreich-Ungarn war zu keinem Zeitpunkt finanziell auch nur annähernd für einen Krieg der Größenordnung des Ersten Weltkrieges gerüstet. Wie Popovics schreibt, kann so ein Krieg auch gar nicht das Ziel der Doppelmonarchie gewesen sein. Er ist der Meinung, dass man sich außenpolitisch schon allein deshalb zurückhalten musste, weil man ja innenpolitisch genug Probleme damit hatte die vielen verschiedenen Nationalitäten in Zaum zu halten[2]. Deshalb bereitete man sich auch volkswirtschaftlich nie ernsthaft auf einen größeren Konflikt vor – man rechnete immer damit dass alles, was da kommen könnte, zeitlich und räumlich stark begrenzt sein würde[3]. März drückt es aus heutiger Sicht so aus: „Auch die organisatorischen, wirtschaftlichen und finanziellen Vorbereitungen für den Krieg waren nicht so konzipiert, dass man den Eindruck gewinnt, dass die hierfür zuständigen Organe die ganze Schwere der auf sie zukommenden Herausforderungen begriffen“[4].

Das zeigt auch der Umgang mit der Annexionskrise rund um Bosnien und der Herzegovina 1908. Bis dahin hatte sich die finanzielle Vorbereitung auf mögliche Konflikte mangels derselben stark in Grenzen gehalten. 1908 trafen dann die beiden Finanzministerien zu Beratungen zusammen, welche zwar wenige konkrete Ergebnisse brachten, aber immerhin die Grundlage für alle folgenden Maßnahmen und Abmachungen darstellten. Einer der Leitgedanken dieser Beratungen von 1908 war, dass „die Beschaffung der Geldmittel bis zur äußersten Grenze der Möglichkeit mit Schonung der bestehenden Währungs- und Bankverfassung zu geschehen hätte“[5]. Damit bezog man sich im Wesentlichen auf einen übereilten und undurchdachten Umgang mit der Notenpresse – dem Kernproblem der späteren Kriegsfinanzierung schlechthin. Wie sich im weiteren Verlauf allerdings zeigen würde, stellte diese Bestimmung allenfalls eine bürokratische Hürde dar, die mit leicht abgeänderten Formulierungen auch schnell umgangen werden konnte, bevor sie letztendlich gänzlich abgeschafft wurde. Ursprünglich geplant war, bei einer teilweisen Mobilisierung zuerst auf vorhandene Kassamittel und dann auf Kredite bei Geldinstituten zurückzugreifen. Eine letzte Eventualität sah man in der Ausgabe von Staatsnoten[6]. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass es sich hier um eine partielle Mobilisierung handelte. Nichtsdestotrotz hätte diese schon zu schweren Störungen im Geldwesen geführt – dessen war man sich auch bereits 1908 bewusst, wie Popovics schreibt[7]. Hierzu muss noch erwähnt werden, dass das nötige Kapital – im Gegensatz zu Heer und Marine – von beiden Staaten getrennt verwaltet und aufgebracht werden musste. Dabei wurden die Finanzen in einem Verhältnis aufgeteilt, dem man bei der Erforschung der Doppelmonarchie des Öfteren begegnet: Österreich stellte 63.6%, Ungarn 36,4%[8].

Die befürchtete Krise blieb jedoch aus und man musste sich erst 1912 wieder mit dem Problem der Kriegsfinanzierung beschäftigen. Man prüfte daher, ob die zuvor ausgehandelten Maßnahmen auch auf die nun stattfindende Balkankrise anwendbar wären. Dabei kamen die Beteiligten zum Schluss, dass eine auf drei Monate beschränkte allgemeine Mobilisierung mehr als zwei Milliarden Kronen kosten würde[9]. Hier ist es wichtig zu erwähnen, dass keiner der Verantwortlichen (zumindest in Österreich-Ungarn) auch nur in Erwähnung zog, dass der Konflikt länger dauern könnte. Sowohl Politiker als auch Heeresleitung mieden diese Frage, da man davon ausging, dass nach längstens drei Monaten der Krieg auf die ein oder andere Weise ohnehin zu einem Ende gelangt wäre[10]. In jedem Fall war zu diesem Zeitpunkt bereits jedem bewusst, dass man so eine Summe – auch wenn es nur um drei Monate ging – nur durch die Inanspruchnahme der Notenbank aufbringen konnte, auch wenn diese „nur nach vollständiger Erschöpfung aller anderen Geldquellen, im Falle äußerster Not erfolgen [sollte]“. Konkret heißt das, dass rund 800 Millionen Kronen aus den vorhandenen Kassabeständen und 1,7 Milliarden Kronen von der Notenbank kommen sollten[11].

Die daraus resultierende Gefahr – Inflation – erscheint aus heutiger Sicht logisch, zur damaligen Zeit war sie jedoch bei Weitem nicht so präsent wie heute (die letzte nennenswerte Geldentwertung datierte auf die Zeit der Napoleonischen Kriege). Auch deutete im Jahrzehnt vor dem Krieg wenig auf eine drohende Inflation hin. 1909 stand mit einem maximalen Stand von 1,4 Milliarden Kronen in Gold das Verhältnis von Golddeckung zu Notenumlauf bei über 70%. Ab 1910 änderte sich jedoch die Sachlage. Die schleppende landwirtschaftliche Produktion, die nicht in der Lage war die Monarchie zu versorgen, begann Sorgen zu bereiten. Sie war einer der Auslöser für ein schleichendes, aber konstantes Anwachsen des Notenumlaufs. Durch die Marokkokrise wurde das nur noch verstärkt. Ab Mitte des Jahres 1911 begannen vor allem Deutschland und Frankreich ihre Devisen abzuziehen, die Krone verlor somit an reellem Gegenwert. Damit einherging auch ein schleichender Abbau der Golddeckung[12]. Das führte dazu, dass bei Kriegsausbruch schließlich 2,1 Milliarden Kronen nur 1,3 Milliarden in Gold gegenüberstanden[13]. Wie sich in den folgenden Jahren zeigen sollte, war also die finanzielle Ausgangssituation der Doppelmonarchie längst nicht für einen Konflikt der Klasse ‚Erster Weltkrieg’ gerüstet.

Kriegsfinanzierung

Prinzipiell gibt es viele verschiedene Wege einen Krieg zu finanzieren. Für welchen sich eine Regierung entscheidet, hängt natürlich immer von der jeweiligen Weitsicht, den verfügbaren Möglichkeiten, aber auch der Risikobereitschaft ab. Im Folgenden werden die einzelnen Wege Kapital aufzubringen aufgezählt und näher erläutert. Dabei liegt der Fokus natürlich auf Österreich-Ungarn, aber es werden auch Beispiele aus anderen Nationen genannt, da diese zum einen einen anderen Zugang zur Problematik und daraus resultierend auch andere Ergebnisse zeigen können.

Volkseinkommen/Volksvermögen

Der erste, wenn auch nicht der offensichtlichste Weg zur Kriegsfinanzierung führt über den aktuellen Haushalt. Die extremen Kosten, die ein Krieg verursacht, führen nicht automatisch dazu, dass die Notenpresse angeworfen werden muss. Ein Staat kann unter normalen Umständen überleben und ein Krieg stellt einfach einen Mehrbedarf an Kapital dar, der aber zu einem gewissen Grad noch durch die normale Wirtschaft (oder das Sozialprodukt) aufgebracht werden kann. Hierbei muss man aber beachten, dass die Wirtschaft eines Landes durch jeden Krieg massiv angegriffen wird. Arbeiter werden zur Armee eingezogen, wodurch sich die Produktionsmenge deutlich vermindert. Ein Ausweg aus diesem Problem besteht darin, fremde Gebiete zu besetzten und in die nationale Wirtschaft einzugliedern um so das Sozialprodukt wieder zu steigern[14]. Hier muss man allerdings beachten, dass eine Nation auf diese Weise (durch das Sozialprodukt) nicht auf plötzliche Veränderungen im Geldbedarf reagieren kann. Im Gegenteil, das Sozialprodukt stellt einfach die finanzielle Basis dar, zu der dann das Kapital dazugerechnet wird, das aus anderen Methoden der Geldbeschaffung erwirtschaftet wird.

[...]


[1] Eduard März, Österreichische Bankpolitik in der Zeit der großen Wende 1913–1923. Am Beispiel der Creditanstalt für Handel und Gewerbe, Wien 1981, S. 109.

[2] Alexander Popovics, Das Geldwesen im Kriege (Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Weltkrieges. Österreichische und ungarische Serie), Wien 1925, S. 32.

[3] März, Bankenpolitik, S. 109.

[4] ebd.

[5] Popovics, Geldwesen, S. 33.

[6] Popovics, Geldwesen, S. 34.

[7] ebd.

[8] Gustav Gratz/Richard Schüller, Der wirtschaftliche Zusammenbruch Österreich-Ungarns. Die Tragödie der Erschöpfung (Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Weltkrieges. Österreichische und ungarische Serie), Wien 1930, S. 165.

[9] März, Bankenpolitik, S. 113.

[10] Popovics, Geldwesen, S. 37.

[11] ebd., S. 35.

[12] Popovics, Geldwesen, S. 28.

[13] ebd. S. 26.

[14] Walter Pichler, Die Rolle der österreichischen Sparkassen bei der Finanzierung des 1. und 2. Weltkrieges. Dipl. Salzburg 2004, S 14.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Österreichisch-Ungarische Kriegsfinanzierung im Ersten Weltkrieg
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Geschichte )
Veranstaltung
Österreichische Geschichte
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V193961
ISBN (eBook)
9783656189923
ISBN (Buch)
9783656190714
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erster Welt Krieg Kriegsfinanzierung, ww, welt, krieg, erster, kriegsfinanzierung, österreich, ungarn, habsburg
Arbeit zitieren
T. Schlipfinger (Autor:in), 2010, Österreichisch-Ungarische Kriegsfinanzierung im Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193961

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