Die Bedeutung der Ehre im Späten Mittelalter


Seminararbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1

T. Schlipfinger (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Forschungsstand

Quelle
Paraphrasierung
Analyse

Ehre im späten Mittelalter
Definition
Verletzte Ehre
Konfliktlösung

Fazit

Bibliographie
Quellen
Literatur
Hilfsmittel

Einleitung

Kann eine falsche Anrede zu tiefgreifenden Konflikten oder gar zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führen? Aus heutiger Sicht undenkbar, im späten Mittelalter sah es jedoch ganz anders aus. So ein Fehltritt – ob bewusst oder unbewusst – verletzte die Ehre des Gegenübers, und so etwas konnte man nicht auf sich sitzen lassen. Man sieht also, dass das Konzept der Ehre anders benutzt und vielleicht auch ganz anders gedeutet wurde, als heute. Darum hatte auch eine Verletzung derselben ganz andere Auswirkungen und rief auch dementsprechende Folgen hervor. Und um das alles soll es nun in dieser Arbeit gehen. Woraus setzte sich das Konzept der Ehre im späten Mittelalter zusammen? Wie und warum wurde sie verletzt und was waren die daraus resultierenden Folgen? Diese Fragestellungen werde ich dabei an ein praktisches Beispiel knüpfen – einen Brief, der Teil eines Rangstreites zwischen zwei Personen aus dem Raum des heutigen Vorarlbergs zur Zeit des späten Mittelalters ist.

Dabei werde ich diese Arbeit so gliedern, dass ich mit diesem Brief sowie dessen Analyse beginne. Die beiden Kontrahenten dieses Rangstreits werden kurz vorgestellt und der Verlauf desselben geschildert. Im Hauptteil der Arbeit gehe ich dann auf den theoretischen Aspekt dahinter ein. Dieser Teil wird dabei in drei Teile gegliedert, zuerst wird das Konzept der Ehre erläutert, dann die Arten der Verletzung und zum Schluss die möglichen Arten der Konfliktlösung. Dadurch hoffe ich, die Umstände des Rangstreites, der im Brief geschildert wird, näher erläutern sowie verständlich machen zu können.

Ziel dieser Arbeit soll es also sein, eine Vorstellung vom Begriff „Ehre“ und dessen Bedeutung im späten Mittelalter zu erhalten. Dadurch soll es dann unter anderem möglich sein, ein Licht auf verschiedene Motive wie zum Beispiel die der beiden Kontrahenten im folgenden Rangstreit werfen zu können. Dadurch wird im Idealfall so mancher Konflikt nachvollziehbarer, da eine nicht unerhebliche Menge an Auseinandersetzungen auf eine verletzte Ehre zurückzuführen ist.

Forschungsstand

Obwohl schon im ausgehenden 19. Jahrhundert veröffentlicht, bilden die Werke von Georg Steinhausen nach wie vor einen der Eckpfeiler der mittelalterlichen Briefforschung. Dazu zählen die beiden Bände der „Geschichte des deutschen Briefes“ sowie die von ihm herausgegebene zweibändige Sammlung der „Deutschen Privatbriefe des Mittelalters“. Eine modernere Auseinandersetzung mit dem Thema stammt von Christine Wand-Wittowski. In ihrem 2000 erschienenen Buch „Briefe im Mittelalter: Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse Literatur“ geht sie dabei nicht nur auf die im Titel erwähnten weltlichen und religiösen, sondern auch auf die pragmatischen Aspekte des Briefes ein.

Das Thema „Ehre“ steht erst seit kurzem, wohl seit Ende der 1990er im Fokus der Forschung. Bis dahin wurde Ehre oft eher unter einem strafrechtlichen Aspekt behandelt – man konzentrierte sich also weitgehend auf Prozesse, die den Ehrverletzungen folgten oder auf die Ehrenstrafen an sich. Als Beispiel dazu soll hier Rudolf His’ Werk „Das Strafrecht des deutschen Mittelalters“ dienen.

Die Theorie hinter dem Konzept der Ehre wurde dabei oft außen vor gelassen. Das änderte sich in den letzten Jahren, und der theoretische Aspekt rückte mehr in den Fokus der Forschung. Bücher wie „Eine Geschichte der Ehre“ von Dagmar Burkhart belegen dies eindeutig. Trotzdem muss man sagen, dass es in diesem Gebiet nach wie vor an Vielfalt mangelt, um auch eine differenzierte Sicht auf die Bedeutung der Ehre im späten Mittelalter zu erlauben.

Quelle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bevor ich mich dem Hauptthema dieser Arbeit, dem Ehrkonflikt an sich, nähere, möchte ich hier einen Brief vorstellen, der die Problematik sehr gut verdeutlicht. Es handelt sich dabei um einen Brief von Hans Bessrer, adressiert an Pilgrin von Reischach. Er datiert auf den 8. Jänner 1468, ein Ort ist nicht angegeben. Georg Steinhausen veröffentlichte ihn 1899 im ersten Band seiner Edition „Deutsche Privatbriefe des Mittelalters“ und gibt als Standort das Archiv der Reischach’s in Freiburg an.[1]

Paraphrasierung

In diesem Schreiben verwehrt sich Bessrer verschiedener Anschuldigungen Reischachs, darunter auch der des ungerechtfertigen Duzens. Offensichtlich hatte Bessrer schon mehrmals versucht, die Frage rund um die seiner Meinung nach ungerechtfertigten Anschuldigungen vor Gericht zu klären. Pilgrin von Reischch hatte aber bis jetzt immer abgelehnt. Daher erklärt er jetzt erneut, dass er sich in seiner Ehre angegriffen fühle, und jetzt rechtliche Schritte einleiten wolle. Weiters erwähnt er seinen Herren, Jörg von Werdenberg, und dass dieser sich auch schon für ihn eingesetzt habe. Trotzdem hätte Pilgrin von Reischach sein Verhalten nicht geändert. Der Brief endet damit, dass er Reischach anbietet, den Gerichtsstand für die Verhandlungen auszusuchen.

Analyse

Die Einordnung in den historischen Kontext gestaltet sich in diesem Fall als schwierig. Vor allem über Hans Bessrer lässt sich kaum etwas in Erfahrung bringen. Sein Kontrahent, Pilgrin, entstammt dem Adelsgeschlecht von Reischach und kommt hier aus der Nebenlinie zu Hohenstoffeln. Ende der 1460er war er einige Jahre Vogt zu Bregenz und stirbt dann schließlich an einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt zwischen November 1500 und Jänner 1501. Er ist der erste in einer Reihe von Männern in seiner Familie, die den Vornamen Pilgrin tragen.[2] Interessanterweise wird sein Name dabei in der Literatur in verschiedenen Schreibweisen aufgeführt – von Pilgrin über Pilgri bis Bilgri und Bilgeri sind viele Versionen vertreten. Er selbst nennt sich Bilgry von Rischach.[3] Aber auch der genaue Name von Hans Bessrer ist nicht zu eruieren, in manchen Urkunden taucht er zum Beispiel als Hans Besserer auf.[4] Aus nicht näher erklärbaren Gründen nennt ihn von Reischach Hans Besserer von Ravensburg (obwohl Bessrer’s Wohnsitz offensichtlich in Lindach liegt).[5] All diese Punkte erschweren eine genaue Nachforschung der jeweiligen Familiengeschichte.

Auch über die Ursachen, den Verlauf sowie den Ausgang des Rangstreites ist wenig bekannt. Gründe dafür sind, dass der Brief nicht der erste der Korrespondenz ist, wohl aber der erste, der erhalten ist. Die interessanten Aspekte liegen hier eher im Detail. Denn der Auslöser für den Streit muss zum Beispiel ein Disput rund um den Rang der beiden gewesen sein. Ein „Du“ war nur auf gleichem Rang oder nach unten erlaubt – höherrangige Personen mussten mit „Ihr“ angeredet werden.[6] Und genau hier, in der Rangordnung, hatten die beiden wohl ihre Differenzen. Bessrer bestreitet nämlich nicht, von Reischach mit „Du“ angeredet zu haben (er benutzt diese Form ja auch im Brief) – er bestreitet nur dass dies ungerechtfertigt wäre. Ein interessantes Detail ist auch, dass beide in der folgenden Korrespondenz ihren eigenen Namen über den Brief schreiben, und so ihre eigene Person hervorheben. Weiters wird Bessrer von Pilgrin von Reischach auch als „Bürger“ beschimpft.[7] Meine Vermutung hierzu ist, dass Bessrer vielleicht wirklich ein Bürger war, der allerdings zu einem gewissen Vermögen gekommen war und dem somit eventuell nur die „richtige“ Geburt fehlte um auch zu entsprechendem Ansehen zu gelangen; solche und ähnliche Umstände stellten Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit ein bekanntes Konfliktpotential dar.[8] Das würde außerdem erklären, warum er sich persönlich nicht als rangniedriger empfand. Allerdings erklärt diese Theorie nicht, warum von Reischach ihn mit von Ravensburg anspricht, dieser aber den Zusatz bei seinen eigenen Briefen weglässt.

[...]


[1] Georg Steinhausen (Hrsg.), Deutsche Privatbriefe des Mittelalters. 1. Band: Fürsten und Magnaten, Edle und Ritter [Denkmäler der deutschen Kulturgeschichte, Erste Abteilung Briefe, Erster Band Deutscher Privatbriefe des Mittelalters, Bd. 1], Berlin 1899, S. 370.

[2] J. Kindler von Knobloch/O. Freiherr von Stozingen, Oberbadisches Geschlechterbuch. 3. Band: M – R, Heidelberg 1919, S. 477.

[3] Steinhausen, Privatbriefe, S. 370.

[4] Helmut Maurer, Das Archiv der Freiherren von Reischach im Schloß zu Schlatt unter Krähen (Landkreis Konstanz). Inventar der Urkunden, Akten und Bände [Hegauer Quellen und Archive, Bd. 3], Konstanz 1969, U33a S. 15.

[5] Steinhausen, Privatbriefe, S. 370.

[6] Werner Besch, Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern [Kleine Reihe V&R], Göttingen 21998, S. 93.

[7] Steinhausen, Privatbriefe, S.370.

[8] Jörg Rogge, Ehrverletzungen und Entehrungen in politischen Konflikten in spätmittelalterlichen Städten, in: Schreiner/Schwerhoff (Hrsg.), Verletzte Ehre. Ehrkonflikte in Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit [Norm und Struktur. Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und Früher Neuzeit, Bd. 5], Köln 1995, S. 131.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Ehre im Späten Mittelalter
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Geschichte)
Veranstaltung
Mittelalter
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V193965
ISBN (eBook)
9783656189909
ISBN (Buch)
9783656191452
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter Ehre Österreich Rangstreit, mittelalter, ehre, österreich, rangstreit, geschichte
Arbeit zitieren
T. Schlipfinger (Autor), 2010, Die Bedeutung der Ehre im Späten Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193965

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