Manipulierte Rituale im Pfaffen Amis


Hausarbeit, 2011
12 Seiten, Note: 2,9

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Das Ritual

3 Das manipulierte Ritual

4 Die Arten des manipulierten Rituals im Pfaffen Amis
4.1 Das sinnentleerte Ritual – Die Fische im Brunnen
4.2 Das durch Sinnsubstitution manipulierte Ritual – Die Kirchweihpredigt
4.3 Die Vortäuschung des Sinn manifestierenden Symbols – Die unsichtbaren Bilder

5 Das berufsspezifische Ritual – Die Kaufmannsepisoden

6 Zusammenfassung

7 Literatur

1 Einleitung

Das Hauptmotiv des Strickers Pfaffen Amis ist der Betrug. In einigen Fällen findet der Betrug in diesem Werk in Form von manipulierten Ritualen statt, welche den Pfaffen jedes Mal als erfolgreichen Betrüger mit neu gewonnenem Reichtum hervorbringen. Amis selbst manipuliert sowohl kirchliche, als auch politische Rituale mit großer Vorausschau und Intelligenz und führt diese durch.

Im Folgenden soll dargelegt werden was ein Ritual ist, wie es manipuliert werden kann und welche Arten des manipulierten Rituals im Werk erscheinen. Schließlich werden diese Arten des manipulierten Rituals an den einzelnen Szenen Die Fische im Brunnen, Die Kirchweihpredigt und Die unsichtbaren Bilder dargelegt und erläutert.

Anschließend wird ein weiterer Ritualtyp welcher im Werk in Erscheinung tritt und nicht normgerecht durchgeführt wird erläutert und schließlich erfolgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse.

2 Das Ritual

Ein Ritual ist eine „nach Anlass, Verlauf und Präsentationsgestus geregelte, gemeinschaftlich und wiederholt zu vollziehende symbolisch-kommunikative Handlung“[1].

Rituale dienen der Herrschaftsrepräsentation und -konstituierung, sie bilden ein Gerüst öffentlicher, religiöser, höfischer und politischer Veranstaltungen, wie z. B. Gottesdienste, Hochzeiten, Feste, Gerichtsverhandlungen[2]. Da sie aus normativen und allgemein bekannten Abläufen bestehen garantieren sie einen störungsfreien Ablauf gesellschaftlich relevanter Ereignisse. Des Weiteren besitzen sie eine gesellschaftsstabilisierende Wirkung, denn sie geben Gruppierungen im mittelalterlichen Sozialverbund sichere Kommunikationsformen und Orientierungen im Rahmen verschiedener Interaktionssituationen.[3]

Die Hauptmerkmale eines Rituals sind also die Wiederholbarkeit und die Regelhaftigkeit, sowie Sinnhaftigkeit. Für die Gemeinschaft, in der Rituale vollzogen werden, werden „essenzielle Werte, Glaubensinhalte und existenzielle Momente, wie Geburt, Tod, etc. ästhetisch kodiert, plastisch erfahrbar, lebendig und realisierbar“, der eigentliche Sinn des Rituals ist das Gemeinschaftserlebnis, welches das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Kollektiv aufzuheben versucht, indem es dem Bedürfnis des einzelnen nach sozialer Einigkeit und nach Geborgensein in einer kohärenten Gruppe nachkommt[4]

Rituale sind „kollektive Bestätigungshandlungen, die zu einem gemeinsamen Sinnerlebnis führen“[5]. Mittelalterliche Rituale kennzeichnen sich besonders durch eine starke Formgebundenheit. Hier besteht eine strenge Ordnung in Bezug auf Kleidung, Ort, Zeit, Raum, Handlungen und auch Bewegungsarten[6]. Diese Rituale sind in mehrere stereotype und wiederholbare Handlungssegmente unterteilt, welche erst in ihrer Gesamtheit das Ritual ergeben und damit einen Variationsspielraum zulassen[7]. Dies führt zum Thema der Veränderbarkeit von Ritualen. Laut Gerd Althoff sind Rituale veränderbar, diese Aussage belegt er damit, dass er darlegt, dass im Mittelalter politische Herrschaftsträger Rituale „utilaristisch-rational“ nutzten, indem sie bekannte Ritualteile abwandelten oder neu kombinierten[8].

Rituale können also situationsspezifisch abgewandelt werden, müssen aber trotzdem ihren festen Kern behalten, also eine Handlungsstruktur aufweisen, die immer in gleicher oder zumindest ähnlicher Form wiederholt wird und damit auf einen Wiedererkennungseffekt abzielt[9].

3 Das manipulierte Ritual

Wie bereits erwähnt sind Rituale veränderbar. Ein manipuliertes Ritual erfordert eine gezielte Lenkung durch eine, oder mehrere Personen, welche das Ritual durchschauen und die Ritualhandlungen schließlich aktiv durchführen[10]. Diese „Ritualmoderatoren“ nutzen die sozialen, emotionalen und mentalen Sicherheiten aus, welche die Rituale den teilnehmenden Personen darbieten, sowie deren Charakter als verhaltensbezogene und ethische Normen und Glaubensinhalte transportierende und manifestierende Orientierungshilfe[11]. Die Ritualmoderatoren wissen welch starke Relevanz die Beteiligten der Wahrhaftigkeit und Unbezweifelbarkeit des Rituals zukommen lassen und arbeiten mit der Suggestionskraft des Rituals[12].

Es gibt schließlich drei Arten von manipulierten Ritualen und für alle drei können Belege im Pfaffen Amis gefunden werden, wie später noch gezeigt werden wird. Das sind zum einen das sinnentleerte Ritual, des Weiteren das durch Sinnsubstitution manipulierte Ritual und schließlich das Ritual bei dem das Sinn manifestierende Symbol vorgetäuscht wird.

Laut Dörrich bestehen Rituale aus einer formalen, äußeren Struktur und einer inneren Sinnstruktur[13] was bei der Erklärung der Arten manipulierter Rituale durchaus Sinn ergibt. So wird immer nur die innere Struktur, der Sinn manipuliert und nicht die formale Struktur. Das sinnentleerte Ritual wird also, wie der Name schon sagt, seines Sinnes beraubt, der Inhalt wird nur noch vorgetäuscht. Bei dem durch Sinnsubstitution manipulierten Ritual wird der ursprüngliche Sinn des entsprechenden Rituals durch einen anderen ersetzt. Und beim dritten Typ des manipulierten Rituals wird das Symbol, welches den Sinn des Rituals erst manifestiert, nur vorgetäuscht.

4 Die Arten des manipulierten Rituals im Pfaffen Amis

Alle drei Arten des manipulierten Rituals sind im Pfaffen Amis zu finden. Ritualmoderator, also derjenige der die Rituale manipuliert ist in diesen Fällen immer der Pfaffe Amis, welcher mit all seinen Manipulationen das Ziel verfolgt Gewinne zu erzielen.

Ausgelöst wird dies durch die Bedrohung seiner Existenz durch den Bischof, welcher den Ruhm und die Freigiebigkeit des Pfaffen neidet: Sin milde die waz so harte groz, / daz sin den bisschof gar verdroz, / dem er da was gehorsam. / Daz er so vil von im vernam, / daz liez er niht ane neit. / Er kom zu dem pfaffen zeiner zeit. / Do sprach zu im der bisschof: / „Herr pfarrer, ir habt grozen hof / zu etlichern ziten dan ich. / Ir habet uberiges gut, / daz ir mit hofheit vertuet. / Des sult ir mir ein teil geben / und solt da wider niht enstreben. / Daz wil ich von euh niht enbern, / zwar, ir must mich gewern.“, „So ist die Kirche verlorn“, / sprach er, „die ir von mir habt, / durch die selben missetat.“ (V. 55-70, 84-86). Amis lässt sich daraufhin einer Prüfung unterziehen, in Form von Fragen die ihm der Bischof stellt (V. 91-99). Der Pfaffe reagiert mit einer großen Intelligenz und Vorausschau, indem er solch absurde Antworten gibt, dessen Wahrheitsgehalt der Bischof nicht überprüfen kann (V. 101-180). Diese wisheit, also Intelligenz, seine Vorrausschauungsgabe und Berechnungsfähigkeit, sind Voraussetzungen für seine zukünftigen Taten als Ritualmoderator[14].

[...]


[1] Hahl, Werner. Ritual in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft 3. 2003. S.305

[2] Sassenhausen, Ruth. Das Ritual als Täuschung. Zu manipulierten Ritualen im Pfaffen Amis. S.35

[3] Vgl. Sassenhausen. Das Ritual als Täuschung. S.35

[4] Vgl. Sassenhausen. Das Ritual als Täuschung. S. 59-60.

[5] Vgl. Hahl. Ritual.

[6] Dörrich, Corinna. Poetik des Rituals. Konstruktion und Funktion politischen Handelns in mittelalterlicher Literatur. Darmstadt, 2002.

[7] Vgl. Dörrich. Poetik des Rituals.

[8] Althoff, Gerd. Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter in: Formen. S. 157-176

[9] Vgl. Althoff. Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter.

[10] Vgl. Sassenhausen. Das Ritual als Täuschung. S. 61

[11] Vgl. Sassenhausen. Das Ritual als Täuschung. S.61

[12] Vgl. Sassenhausen. Das Ritual als Täuschung. S.61

[13] Vgl. Dörrich. Poetik des Rituals.

[14] Vgl. Sassenhausen. Das Ritual als Täuschung. S.65

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Manipulierte Rituale im Pfaffen Amis
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
PS- Der Stricker: Pfaffe Amis
Note
2,9
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V194021
ISBN (eBook)
9783656198666
ISBN (Buch)
9783656199809
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pfaffe Amis, Manipuliertes Ritual, Ritual, Der Stricker
Arbeit zitieren
Cindy Härcher (Autor), 2011, Manipulierte Rituale im Pfaffen Amis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194021

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