Neidharts Frauenbild in den Sommerliedern - Diskriminierung oder neue Perspektiven?


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Typen von Gesprächsliedern mit Frauen
2.1 Mutter-Tochter Gespräche
2.2 Die lebenslustige Alte
2.3 Gespielinnengesprächslieder
2.4 Sänger - Mädchen Dialoge

3. Die Funktion weiblichen Sprechens in Neidharts Liedern

4. Die Rolle des Sängers

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

„Die hohe Dame des Minnesangs - so lautet das gängige Handbuchwissen - zeichnet sich aus durch ihre Idealität und Unerreichbarkeit; sie gilt als der Inbegriff der Schönheit und Tugend, als erstrebenswertes Wunschobjekt des Sänger-Ichs in seiner Rolle als unermüdlich Werbender und im Glück seiner Werbung zugleich Leidender.“[1]

So beschreibt Edith Wenzel in ihrem Abschnitt „Hêre vrouwe und übelez wîp: Zur Konstruktion von Frauenbildern im Minnesang“ die typische Rolle der Frau im Minnesang des Mittelalters. Wunschobjekt des Sänger-Ichs, Inbegriff der Schönheit aber vor allem passive und besungene Frau.

Neidhart macht die Frauen auch zu zentralen Figuren seiner Sommerlieder. Er lässt sie darin zu Wort kommen und ihre scheinbaren Probleme austauschen. Seine Texte sind bewusst wörtlich und für jeden verständlich. Neidhart widersetzt sich damit dem hohen Minnegesang und zeigt eine verkehrte Welt: Nicht der Ritter besingt die sozial höher stehende Herrin, sondern das Bauernmädchen verführt den Ritter. Genau das macht eine Suche nach einem neidhartschen Frauenbild so fruchtbar. Die vorliegende Arbeit soll skizzenhaft das individuelle Frauenbild Neidharts aufzeigen. Hierbei sind lediglich exemplarische Eindrücke möglich, da aufgrund der Umfangsbegrenzung dieser Arbeit das neidhartsche Frauenbild nicht komplett thematisiert werden kann.

Um das neidhartsche Frauenbild teilweise erfassen zu können, ist es notwendig herauszufinden, ob es verschiedene Typen von Frauengesprächen bei Neidhart gibt. Des weiteren wird genauer auf einige Sommerlieder eingegangen, um die vorgestellten Gedankengänge zu belegen. Diese sollen analysiert und z. B. auf die Dialogfähigkeit der Gespräche, sowie auf die Beziehung zwischen den Frauen und deren verbalen und nonverbalen Ausdrücke eingegangen werden. Weiterhin wird die Argumentationsweise untersucht und der Begriff „ex negativo“ in Zusammenhang mit den Mutter-Tochter-Gesprächen gebracht. Schließlich soll die Funktion weiblichen Sprechens bei Neidhart untersucht werden und das Verhalten des Rahmenerzählers bestimmt werden, um letztendlich ein ungefähres Frauenbild in Neidharts Sommerliedern herauszufiltern. Ist Neidharts Frauenbild diskriminierend oder bloß eine neue Perspektive?

2. Typen von Gesprächsliedern mit Frauen

2.1 Mutter-Tochter Gespräche

Besonders herausstechend bei Neidharts Mutter-Tochter Gesprächen ist das SL1. Sommerlied wird im Folgenden immer mit SL, Winterlied mit WL abgekürzt. Hier lässt sich ein Frauenbild Neidharts besser verdeutlichen, da in diesem SL die Rollen von Mutter und Tochter vertauscht sind. Die Tochter übernimmt somit die Rolle der Überwachenden und Fürsorgenden und die Mutter die Rolle der Unvorsichtigen und Zügellosen. Neidhart hebt hier das Motiv der Vorsicht aus seinem ursprünglichen Rahmen und somit rückt die alte Frau, die Mutter ins Zentrum der Betrachtung, da sie als Begehrende auftritt. Im Folgenden soll nun näher auf die „altiu“ eingegangen werden, um einen weiteren Schritt zur Analyse Neidharts Frauenbildes zu gehen. Das Verhalten der Mutter entspricht im SL 1 eines jungen, verliebten und lebenslustigen Mädchens. Sie tritt selbstbewusst und übermütig auf: „Ein altiu diu begunde springen / hôhe alsam ein kitze enbor: si wolde bluomen bringen./ „tohter, reich mir mîn gewant: / ich muoz an eines knappen hant, / der ist von Riuwental genant.“[2] Nicht nur die Übermütigkeit der Mutter und der verspottende Vergleich mit einem Rehkitz beschreiben die Alte. Neidhart führt hier die Triebhaftigkeit der Frau vor und stellt sie so in Kontrast zur idealisierten Minnedame. Dennoch steht im Vordergrund, dass die Mutter in Vers 4 und 6 äußert, dass sie zum Knappen Riuwental hin will, um dort mit ihm zu tanzen.

Normalerweise ist genau das das Begehren der Tochter in Neidharts Liedern, in denen die Rollen nicht vertauscht sind, wie in SL 2.

Hier übernimmt die Mutter die besorgte Rolle und „[…] versteht die Bitte ihrer Tochter, am Tanz der jungen Leute teilnehmen zu dürfen, durchaus `richtig´: Es geht weniger um das sportlich-soziale Vergnügen des Tanzens als vielmehr um die Möglichkeit zur sexuellen Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht.“[3] Sie trägt die Bitte an ihre Tochter, sie solle vorsichtig sein mit den Männern: „Neinâ, tohter, neine! / ich hân dich alterseine / gezogen an mînen brüsten: / nu tuo ez durch den willen mîn, lâz dich der man niht lüsten.“[4]

In SL 19, 23 und 16 stellt die Mutter dagegen wieder die besorgte Rolle dar, die ihre tanzwütige Tochter vor den Männern beschützen will. Die Lieder zeigen eine Steigerung in Deutlichkeit und Erbitterung. So ist die Mutter in SL 19 nur besorgt, wobei sie in de anderen SL schließlich auch handgreiflich wird, was wiederum auf ein sehr unhöfisches Verhalten deutet: „si gap ir einz, daz in dem hûse erschal; / über al / gap si ir vil starke slege schiere[…]“[5] Die Tochter wird hier nun als aufsässig, prahlend und fasziniert von einem Mann dargestellt, die es gar nicht erwarten kann, ihn wiederzusehen und die Zweisamkeit mit ihm zu genießen. Ihr ist hierfür jedes Mittel recht und so diskutiert sie mit ihrer Mutter und beschimpft sie schließlich auch. Das Bild der Mutter rutscht von einem besorgten, ängstlichen in ein brutales und so verlieren beide Frauen beim Rezipienten ihr Ansehen.

„Und so führen diese beiden Gruppen von Sommerliedern von anscheinend harmloser Frühlings- und Sommerfreude zur Enthüllung eines menschlichen Verhaltens, das von der Spannung zwischen vitalem Lebens- und Lusttrieb, der alle Fesseln abwerfen will, und dem Widerstand durch die Bindungen menschlichen Existierens in gesetzten Ordnungen beherrscht wird, Spannungen, worin sich Abgründe unbedachten Spielens mit dem Sinnenverwirrenden Eros, Mißachtens der Wirklichkeit, Lieblosigkeit und Bedenkenlosigkeit gegenüber dem anderen auftun.“ [6]

So fasst Beyschlag in seinem Buch diese Gattung der Mutter-Tochter Gespräche punktgenau zusammen und deutet nochmals darauf hin, dass die Ungezügeltheit der Mutter und der Tochter deutlich zum Vorschein kommen und die Triebe der Frauen hervorgehoben werden, um ihnen einen noch verruchteres und nicht-höfisches Verhalten aufzusetzen. Auf unauffällige Frühlingsfreuden folgen derbe Sprache und sehr zweifelhaftes Verhalten.

In Neidharts Sommerliedern wird deutlich, dass die Rollenfunktionen bei Neidhart so verkehrt wurden, dass sie ihre Funktionen nicht mehr erfüllen können. Sie sind nicht mehr ordnungsstabilisierend und eben das zielt auf die Normen und Werte. Der Tanzplatz wird als Ort der sexuellen Kontaktaufnahme dargestellt, der ebenfalls Ort der Erfüllung wird. Die Tochter darf allerdings nicht ohne Aufsicht dort hin um ihre höfischen Tugenden zu bewahren. Ein unbeaufsichtigter Tanzabend könnte sie nicht nur ihre Jungfräulichkeit kosten. Während die Mutter nun die Rolle der angeblichen Tugendwächterin einnimmt, führt all das schließlich, im Gegensatz zur höfischen Literatur, nicht zum Erfolg und erzielt keinerlei Wirkung. Wie bereits angedeutet, holt sich die Tochter trotz Verbot ihr Kleid und bleibt aufsässig. Sowohl verbale als auch körperliche Maßregelung durch die Mutter lassen die höfische Maske schließlich fallen. Die aufgesetzte „Höfischheit“ ist keineswegs anerzogen und führt dazu, dass Mutter und Tochter sich eher bäuerliche Fehltritte leisten. Dieses aufgesetzte und vorgespielte edle Verhalten hat schließlich in ihrem Alltag keinen Bestand.

Die Dialoge zwischen Mutter und Tochter beinhalten keinerlei vernünftigen Argumente. Druckmittel der Mutter ist lediglich Autorität und Gewalt: „Sie (die Druckmittel) bestehen zum einen in der Androhung von Arbeit (Sl8) und in der Verweigerung der Herausgabe des Festgewandes (SL 19 und 21) zum anderen in der Androhung und Ausübung körperlicher Bestrafung (SL 7, 8, 16) und in der Verfluchung der Tochter (SL 8).“[7]

Auch das Verhalten der Frauen und deren Begehren sind nicht üblich für die klassischen Minnelieder. Sie wollen eben das, was sonst der Mann oder Ritter im Minnelied will, nämlich Erfüllung ihrer Sehnsüchte.

In fast allen Liedern Neidharts bleibt die Tochter sowohl verbal als auch körperlich der Mutter überlegen. Sie untersteht normalerweise in jedweder Hinsicht ihrem Vater, sei es bei der Wahl des Ehepartners, bei der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen oder bei der vorehelichen Sexualität. Beide Frauen, Mutter und Tochter, scheinen in ihren Auseinandersetzungen ihre eigentlichen Probleme zu vergessen, nämlich das Untergeordnetsein unter den Mann, seine Verfügungsgewalt und unter die herrschende Norm, egal ob Vater oder Liebhaber.[8]

2.2 Die lebenslustige Alte

Dieser Abschnitt soll für sich stehen, obwohl er auch zu den Mutter Tochter Gesprächen gehört, da er eine besondere Rolle spielt. Nicht nur die Mädchen fallen in Neidharts Sommerliedern auf, sondern auch deren Mütter. Nachdem bei den Mutter-Tochter-Gesprächen die Mütter schon in SL 1 als tanzwütig dargestellt wurde, gibt es in SL 17 und SL 9 noch eine andere Art der Mütter, nämlich die lebenslustige Alte. In SL 17 wird ein ganz neues Verhältnis zur Mutter dargestellt. Die Sommerlust des Mädchens geht auf die Mutter über und diese fühlt sich trotz ergrauter Haare jung: „wan daz mînem hâre / die locke sint/ grîse: / die will ich bewinden / mit sîden. / tohter, wâ ist mîn rîse?“[9] Sie will mit ihrer Tochter zu den Linden gehen. Nun kehrt sich die Sache um und die Tochter schließt den Kopfputz der Mutter weg. Sie will sie aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters davon abhalten, sie auf das Fest zu begleiten. Sie ist scheinbar auch ziemlich entrüstet über die Pläne ihrer Mutter: „ wer hât iuch beroubet / der sinne gar? / slâfet!“[10] und rät ihr schließlich, sich lieber schlafen zu legen, wie es sich für eine ältere Dame gehört. Schließlich wir die Tochter des Streits überdrüssig und lässt sie doch mitgehen: „Wie si den strît liezen, will ich iu bescheiden: / daz magedîn begunde sîner muoter leiden.“[11]

[...]


[1] Manlîchiu wîp, wîplîch man Zur Konstruktion der Kategorien 'Körper' und 'Geschlecht' in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hrsg. von Ingrid Bennewitz und Helmut Tervooren. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1999, S. 264.

[2] Die Lieder Neidharts. Hrsg. von Edmund Wießner, fortgeführt von Hanns Fischer. 5., verbesserte Auflage hrsg. von Paul Sappler. Tübingen: Niemeyer 1999, S. 1 SL 1 Strophe 1.

[3] Bennewitz, Ingrid: "Wie ihre Mütter?" Zur männlichen Inszenierung des weiblichen Streitgesprächs in Neidharts Sommerliedern. Stuttgart : Heinz, 1994, S. 181.

[4] Die Lieder Neidharts. Hrsg. von Edmund Wießner, fortgeführt von Hanns Fischer. 5., verbesserte Auflage hrsg. von Paul Sappler. Tübingen: Niemeyer 1999, S. 2 SL 2 Strophe 4.

[5] Die Lieder Neidharts. Hrsg. von Edmund Wießner, fortgeführt von Hanns Fischer. 5., verbesserte Auflage hrsg. von Paul Sappler. Tübingen: Niemeyer 1999, S. 43 SL 23 Strophe 9a.

[6] Die Lieder Neidharts. Der Textbestand der Pergament-Handschriften und der Melodien. Hrsg. von Siegfried Beyschlag. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1975, S. 560.

[7] Bennewitz, Ingrid: "Wie ihre Mütter?" Zur männlichen Inszenierung des weiblichen Streitgesprächs in Neidharts Sommerliedern. Stuttgart : Heinz, 1994, S. 185.

[8] Vgl. ebd. S. 192 f.

[9] Die Lieder Neidharts. Hrsg. von Edmund Wießner, fortgeführt von Hanns Fischer. 5., verbesserte Auflage hrsg. von Paul Sappler. Tübingen: Niemeyer 1999, S. 28 SL 17 Strophe 6.

[10] Ebd. S. 28 SL 17 Strophe 6.

[11] Ebd. S. 28 f. SL 17 Strophe 7.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Neidharts Frauenbild in den Sommerliedern - Diskriminierung oder neue Perspektiven?
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Die Lieder Neidharts
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V194024
ISBN (eBook)
9783656199076
ISBN (Buch)
9783656199793
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neidhart, Frauenbild Neidhart, Frauenbild, Sommerlieder
Arbeit zitieren
Sophia Ruschke (Autor:in), 2011, Neidharts Frauenbild in den Sommerliedern - Diskriminierung oder neue Perspektiven?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194024

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