„Die hohe Dame des Minnesangs - so lautet das gängige Handbuchwissen - zeichnet sich aus durch ihre Idealität und Unerreichbarkeit; sie gilt als der Inbegriff der Schönheit und Tugend, als erstrebenswertes Wunschobjekt des Sänger-Ichs in seiner Rolle als unermüdlich Werbender und im Glück seiner Werbung zugleich Leidender.“
So beschreibt Edith Wenzel in ihrem Abschnitt „Hêre vrouwe und übelez wîp: Zur Konstruktion von Frauenbildern im Minnesang“ die typische Rolle der Frau im Minnesang des Mittelalters. Wunschobjekt des Sänger-Ichs, Inbegriff der Schönheit aber vor allem passive und besungene Frau.
Neidhart macht die Frauen auch zu zentralen Figuren seiner Sommerlieder. Er lässt sie darin zu Wort kommen und ihre scheinbaren Probleme austauschen. Seine Texte sind bewusst wörtlich und für jeden verständlich. Neidhart widersetzt sich damit dem hohen Minnegesang und zeigt eine verkehrte Welt: Nicht der Ritter besingt die sozial höher stehende Herrin, sondern das Bauernmädchen verführt den Ritter. Genau das macht eine Suche nach einem neidhartschen Frauenbild so fruchtbar. Die vorliegende Arbeit soll skizzenhaft das individuelle Frauenbild Neidharts aufzeigen. Hierbei sind lediglich exemplarische Eindrücke möglich, da aufgrund der Umfangsbegrenzung dieser Arbeit das neidhartsche Frauenbild nicht komplett thematisiert werden kann.
Um das neidhartsche Frauenbild teilweise erfassen zu können, ist es notwendig herauszufinden, ob es verschiedene Typen von Frauengesprächen bei Neidhart gibt. Des weiteren wird genauer auf einige Sommerlieder eingegangen, um die vorgestellten Gedankengänge zu belegen. Diese sollen analysiert und z. B. auf die Dialogfähigkeit der Gespräche, sowie auf die Beziehung zwischen den Frauen und deren verbalen und nonverbalen Ausdrücke eingegangen werden. Weiterhin wird die Argumentationsweise untersucht und der Begriff „ex negativo“ in Zusammenhang mit den Mutter-Tochter-Gesprächen gebracht. Schließlich soll die Funktion weiblichen Sprechens bei Neidhart untersucht werden und das Verhalten des Rahmenerzählers bestimmt werden, um letztendlich ein ungefähres Frauenbild in Neidharts Sommerliedern herauszufiltern. Ist Neidharts Frauenbild diskriminierend oder bloß eine neue Perspektive?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Typen von Gesprächsliedern mit Frauen
2.1 Mutter-Tochter Gespräche
2.2 Die lebenslustige Alte
2.3 Gespielinnengesprächslieder
2.4 Sänger - Mädchen Dialoge
3. Die Funktion weiblichen Sprechens in Neidharts Liedern
4. Die Rolle des Sängers
5. Fazit
6. Literatur
Häufig gestellte Fragen
Wie unterscheidet sich Neidharts Frauenbild vom klassischen Minnesang?
Während im hohen Minnesang die Frau als unreichbares Ideal passiv besungen wird, lässt Neidhart Frauen aktiv zu Wort kommen und bricht mit der höfischen Etikette.
Was sind Mutter-Tochter-Gespräche in Neidharts Sommerliedern?
Dies ist ein typisches Motiv, bei dem Tochter und Mutter über Liebe, Tanz und die Verführung von Rittern streiten, oft mit vertauschten Rollen (die lebenslustige Alte).
Welche Funktion hat das weibliche Sprechen bei Neidhart?
Es dient dazu, eine "verkehrte Welt" darzustellen und gesellschaftliche Normen parodistisch zu hinterfragen.
Was bedeutet "ex negativo" im Zusammenhang mit diesen Liedern?
Der Begriff beschreibt, wie durch die Darstellung des "Ungehörigen" oder der Normabweichung das eigentliche Ideal oder die gesellschaftliche Erwartung verdeutlicht wird.
Ist Neidharts Darstellung der Frau diskriminierend?
Die Arbeit untersucht, ob die drastische Darstellung eine Diskriminierung darstellt oder ob sie neue, realistischere Perspektiven auf die weibliche Lebenswelt des Mittelalters eröffnet.
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- Sophia Ruschke (Author), 2011, Neidharts Frauenbild in den Sommerliedern - Diskriminierung oder neue Perspektiven?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194024