Das Narrative als Grundbegriffe der Filmanalyse. Schriftliterarisches und filmisches Erzählen am Beispiel von "Smoke"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Sachanalyse

III Methodisch-didaktische Analyse

IV Reflexion

V Schlussbemerkung

VI Anhang

Arbeitsblatt

Arbeitsblatt „Begriffsinventar von Gérard Genette“

Erwartungshorizont Arbeitsblatt „Begriffsinventar von Gérard Genette“

Literaturverzeichnis

I Einleitung

In den Bildungsstandards der Kulturministerkonferenz für den mittleren Schulabschluss im Fach Deutsch heißt es, dass Schüler „wesentliche Darstellungsmittel“[1] von Medienproduktionen „kennen und deren Wirkung einschätzen können“[2] sollen. Problematisch hierbei ist allerdings, dass die Filmanalyse, insbesondere die Narrationsanalyse, verallgemeinert unter „Medienproduktion“ fällt. Abhilfe kann hier aber bereits der Rahmenplan schaffen. Für die Jahrgangsstufen 7 und 8 ist das „Vergleichen von literarischem Text und Film“[3] fest im Unterricht verankert. Somit wird der Filmanalyse ein gesonderter Rahmen innerhalb des schulischen Kontextes eingeräumt.

In einer schnelllebigen Zeit wie heute entwickelt sich das Medium Film immer weiter fort. Viele Schüler lassen sich aber davon wortwörtlich nur „berieseln“. Doch dass man an und mit Filmen lernen kann, entzieht sich der Kenntnis vieler. Mit der Einbringung des Mediums Film in den Deutschunterricht wird ein aktueller, geöffneterer Umgang mit Literatur ermöglicht. Das Erlernen und Anwenden von Fachtermini ist hierbei integraler Bestandteil dieser neuen Unterrichtsmethode. Angestrebt wird, laut Rahmenplan, das „Erkennen wesentlicher Gestaltungsmittel und Elemente der Filmsprache und ihre Funktion“[4]. Neben der Analyse des Visuellen, des Auditiven und dem schauspielerischen Darstellen, ist die Auseinandersetzung mit der Narration fundamentierend für eine umfassende Filmanalyse. Des weiteren lässt eben gerade die Erzählebene einen direkten Vergleich von Literatur und Film zu.

Ziele der didaktischen Aufbereitung des Themas „Narration – Schriftliterarisches und filmisches Erzählen“ sind zum Einen die Festigung der Analyse von histoire und discours in narrativen Texten. Dieses Sequenz dient lediglich dem Auffrischen des Begriffsrepertoires der Textanalyse und wurde bereits in einem anderen Fachkomplex erarbeitet. Zum Anderen sollen neue Termini im Bereich der histoire eingebracht, erarbeitet und in Verbindung mit dem vorhandenen Wissen der Textanalyse gesetzt werden. Im Bereich der discours soll ausschließlich eine Wiederaufbereitung der Begriffe nach Genette erfolgen. Als abschließendes Ziel soll ein Vergleich von Narration in Text und Film am Beispiel einer Szene des Films „Smoke“[5] und der dazugehörigen Kurzgeschichte „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“[6] durch die Schülerinnen und Schüler[7] selbst erfolgen. Kerngedanke dieser Unterrichtseinheit ist also das Ermöglichen einer selbsttätigen, systematischen und medienintegrativen Erzähltextanalyse.

II Sachanalyse

Sowohl für Autoren als auch für Filmemacher stellt sich die gleiche Frage „Was will ich erzählen und wie“.[8] Daher ist, neben dem Visuellen, dem Auditiven und dem Schauspielen und Darstellen, das Narrative elementarer Bestandteil einer vollständigen Filmanalyse. Dabei ist zwischen der Analyse der Geschichte - histoire - und der Analyse des Erzähldiskurses - discours - zu unterscheiden. Voraussetzung für eine Narrationsanalyse ist aber in jedem Fall, dass der Film als ein eigenständiger Erzähltext auf- und wahrgenommen wird.

Schrifttext und Filmtext müssen selbstverständlich als zwei unterschiedliche Vermittlungsinstanzen betrachtet werden – was den Unterschied ausmacht, sind die Darstellungsweisen: der schriftliterarische Text erzählt verbal; der Film erzählt in einer Bild-Ton-Kombination, also audiovisuell. Damit ein Vergleich von beiden möglich wird, muss eine gemeinsame Grundlage geschaffen werden, mittels derer man operieren kann.

Im Bereich der histoire haben sich mit der Zeit bestimmte Fachbegriffe etabliert: Ereignis meint die elementare Grundeinheit eines Textes – also worüber erzählt wird; als Geschehen wird die chronologische Abfolge von Ereignissen bezeichnet. Hinzu kommt die Unterscheidung in story und plot: die story bezieht sich auf all das, was die Erzählung tatsächlich beinhaltet, wobei dahin gestellt sei, ob wirklich alles auch innerhalb des Films präsentiert wird; der plot betitelt letztlich all das, was dann auch tatsächlich in der Erzählung dargestellt wird. Als weiterer Anhaltspunkt wird zwischen Handlungen und Geschehnissen unterschieden – diese Aufteilung wird durch die fiktiven Figuren intendiert: wenn etwas direkt durch die handelnden Figuren der Erzählung ausgeführt wird, spricht man von der Handlung; Geschehnisse sind nicht durch Figuren verursacht und können nicht durch eben jene beeinflusst werden. Geschehnisse können in diesem Kontext entweder verknüpft sein, was vielmehr meint, dass sie sich bedingen und wichtig für den Verlauf der Erzählung sind, oder sie sind frei, wobei sie irrelevant und für die weitere Abfolge nicht von Belangen sind. Als weiterer Analysepunkt wird der Erzählanfang und das -ende näher beleuchtet. Wenn es sich um einen normalen, chronologischen Ablauf handelt und die Geschichte sich langsam entfaltet und entwickelt, wird von einem Erzählanfang ab ovo gesprochen; beginnt eine Erzählung in der Mitte einer Geschichte bezeichnet man das als medias in res; eine Erzählung, die mit dem Ende der Geschichte beginnt, wird demzufolge als in ultimas res bezeichnet. Als letzte Variante eines Erzählanfangs steht das Vorwort, welches sich auf eine vorangestellte Widmung oder Rahmenerzählung bezieht. Die Erzählschlüsse können lediglich zwischen einem offenen oder einem geschlossenen Ende differieren.[9]

Zur Analyse des discours im Film bedient man sich dem, durch Gérard Genette geprägten, Begriffsinventar der Erzähltheorie.[10] Er unterscheidet zwischen Zeit, Modus und Stimme.

Innerhalb der Zeit einer Erzählung wird differenziert zwischen der Ordnung der Ereignisse: In welcher Reihenfolge wird das Geschehen in einer Erzählung vermittelt? Entweder es besteht eine chronologische oder einer anachrone Abfolge, welche wiederum eine Abweichung von der Norm meint. Die Anachronie kann sich durch eine Analepse, eine Rückwendung, oder durch eine Prolepse, eine Vorausdeutung, äußern. Staiger verweist in diesem Kontext darauf, dass die Mehrheit der Filme streng chronologisch erzählt wird und das filmisches Erzählen in der Regel die Chronologie bevorzugt.[11] Zusätzlich gibt es eine sogenannte Achronie, die keinen zeitlichen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen aufweist – diese wird lediglich vollständigkeitshalber aufgeführt und ist nicht in filmischem Erzählen zu finden. Eine weitere Kategorie der Zeit ist die Dauer. Sie bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit. Eingeteilt werden kann hierbei in szenisches Erzählen [12], was vor allem bei Dialogen zu Tage tritt; in eine Zeitdehnung, welche sich beispielsweise in einer Zeitlupeneinstellung verdeutlicht; es kann eine Zeitraffung bestehen, in der ein größerer Zeitraum verkürzend zusammengefasst wird; es gibt Ellipsen, wobei die bestimmte Zeit einer Handlung völlig ausgespart wird; letzten Endes gibt es noch die Darstellungsform der Pause, in der eine Erzählung weiterläuft, während das Geschehen stillsteht. Im Bereich der Frequenz, dem letzten Untersuchungsgegenstand der Zeit, wird die Erzählhäufigkeit untersucht: hierbei kann es sich um eine singulative, eine einmalige Erzählung handeln, oder um eine repititive, eine mehrfache Erzählung. Genette teilt weiter in die Untersuchungsinstanz des Modus ein, also wie mittelbar oder unmittelbar und aus welcher Perspektive erzählt wird. Hierbei wird die Distanz untersucht, die üblicherweise in einem narrativen oder in einem dramatischen Modus präsentiert wird. Staiger verweist allerdings auf die Kontroverse, dass es in einigen Filme schwerfällt einen Erzähler zu lokalisieren. „Sicher ist, dass der Spielfilm nicht zwingend über einen personalisierten Erzähler verfügt, er verteilt die Erzählaktivität auf mehrere Funktionsträger.“[13] Bei der Differenzierung der Fokalisierung kann es sich um eine interne Fokalisierung handeln, wobei das Erzählen aus der eingeschränkten Perspektive einer Figur erfolgt – diese Art kann zwar im Film vorkommen, ist aber eher selten zu finden, da es meist einen permanenten Wechsel zwischen subjektiver und objektiver Kamera gibt. Hinzu kommt die Nullfokalisierung, die vermittelt, dass der Erzähler allwissend ist – man bekommt demzufolge einen Gesamtüberblick – diese Form findet sich im Großteil aller filmerischen Umsetzungen. Abermals der Vollständigkeit halber, wir die externe Fokalisierung erwähnt, die beinhaltet, dass der Erzähler verhältnismäßig wenig über andere Figuren oder ihre jeweilige Gefühlswelt weiß – diese Form tritt in Filmen eher weniger zu Tage, da bereits jede Großeinstellung der Kamera eine gewisse Gefühlsregung offenbart. Als dritte und letzte Instanz bringt Genette die Stimme an – die Beziehung des Erzählers zum Erzählten. Hier wird zuerst auf die Stellung des Erzählers eingegangen: eine heterodiegetische Stellung verkörpert, dass sich der Erzähler außerhalb der erzählten Geschichte befindet; eine homodiegetische Stellung meint, dass der Erzähler selbst Teil der erzählten und somit dargestellten Welt ist. Des weiteren wird der Zeitpunkt des Erzählens untersucht. Hierbei kann der Kontext wieder in mehrere Kategorien eingestuft werden. Es gibt ein späteres Erzählen – diese Form ist im schriftliterarischen Bereich der Regelfall; ebenfalls gibt es ein früheres Erzählen, was aber, sowohl im Film, als auch im Buch, eher selten vorkommt; Im Film wird am häufigsten mit dem gleichzeitigen Erzählen gearbeitet, da die Bilder, die präsentiert werden, automatisch ein Gefühl der Gleichzeitigkeit hervorrufen. An letzter Stelle untergliedert Genette die Stimme in die Erzählebene. Hier besteht die Möglichkeit zwischen extradiegetischem und intradiegetischem Erzählen. Ersteres bezieht sich auf die Erzählung an sich, in ihrer reinen, einmaligen Form; Zweiteres meint eine Erzählung in einer Erzählung, also eine Binnenerzählung.

III Methodisch-didaktische Analyse

Zu Beginn der Unterrichtseinheit wird der geplante Verlauf der Sitzung vorgestellt. Dies dient der transparenten Darstellung für die Lernenden und beugt Fragen nach weiterem Vorgehen während der Arbeitsphase vor.

Im Anschluss wird einleitend zum Thema hingeführt. Somit wird den SuS die Möglichkeit eingeräumt, sich schrittweise der Thematik zu nähern.

Um die Hinführungsphase zu untermauern, wird sich der Visualisierung einiger Fakten bedient. Die medienunabhängige Betrachtungsweise von Narratologie wird anhand einer Folie[14] mittels Overheadprojektor[15] verbildlicht. Diese Darstellung lässt abermals einen Rückschluss auf das weitere Vorhaben deutlich werden. Ebenso wird das Modell der Analyseebenen nach Kanzog[16] via OHP für die SuS bildlich festgehalten. Auf diese Weise kann eine Verbindung zwischen den vorangegangenen Unterrichtseinheiten und der jetzigen folgen – die SuS erhalten einen Gesamtüberblick, wie und auf welche Art Filmanalyse betrieben wird. Hinzu kommt, dass durch die Arbeit mit und am OHP der zuvor erfolgte Frontalunterricht aufgebrochen und somit die Lern- und Aufnahmebereitschaft der SuS aufgelockert werden kann.

Die Erarbeitungsphase erfolgt in zwei Schritten. Die Darlegung der Histoire-Begrifflichkeiten erfolgt zunächst durch den Lehrenden in frontaler Form, wobei die SuS zeitgleich das Referierte anhand des Arbeitsblattes[17] verfolgen können. Hierdurch wird eine intensive Förderung der Aufnahmefähigkeit der SuS ermöglicht, da sie Auditives und Visualisiertes in einen kausalen Zusammenhang setzen. Die einzelnen Fachbegriffe werden beispielhaft durch bekannte Filme oder filmische Sequenzen ergänzt, was auf eine direkte Verbindung der SuS zum Stoff abzielt. In der zweiten Hälfte, der Erarbeitung der Discours-Begrifflichkeiten, arbeiten die SuS selbstständig. In Einzelarbeit wird das Arbeitsblatt[18] zur Analyse des Erzähldiskurses ausgefüllt. Dies wird möglich, da die Fachbegriffe der Diskursanalyse nach Gérard Genette den SuS bereits aus dem Bereich der Textanalyse bekannt sind. Auf diese Weise ist hierbei sowohl eine Wiederholung des bereits erlernten Stoffes, als auch eine Erarbeitung von bekannten Begrifflichkeiten in neuem Kontext realisierbar. Im Anschluss an die Bearbeitungszeit werden die Ergebnisse des Arbeitsblattes[19] im Unterrichtsgespräch ausgewertet. Dadurch kann sich jeder der SuS individuell am Unterrichtsgeschehen beteiligen.

[...]


[1] Nach http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2003/2003_12_04-BS-Deutsch-MS.pdf, S. 17.

[2] Nach ebd.

[3] Nach http://www.bildungsserver-mv.de/download/rahmenplaene/rp-deutsch-7-10-gym-02.pdf, S. 28.

[4] Nach ebd.

[5] Vgl. Wang, Wayne; Auster, Paul (Regie): Smoke. USA 1995.

[6] In: Staiger, Michael: Literaturverfilmungen im Deutschunterricht. München 2010, S. 136-141.

[7] Im Folgenden „SuS“ genannt.

[8] Nach Frederking, Volker; Krommer, Axel; Maiwald, Klaus: Mediendidaktik Deutsch. Eine Einführung. Berlin 2008, S. 178.

[9] Alle Begrifflichkeiten der histoire-Analyse nach Staiger, S. 27ff.

[10] Alle Begrifflichkeiten der Diskursanalyse nach Martinez, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 2007, S. 30-88.

[11] Vgl. Staiger, S. 31.

[12] Szenisches Erzählen wird auch als zeitdeckendes Erzählen bezeichnet.

[13] Nach Staiger, S. 33.

[14] „Narratologisches Modell in Anlehnung an Chatman“; nach Staiger, S. 26.

[15] Im Folgenden „OHP“ genannt.

[16] „Filmische Zeichen in Anlehnung an Kanzog“; nach Staiger, S. 26.

[17] Siehe Anhang, S. 14: „Arbeitsblatt“.

[18] Siehe Anhang, S. 15: „Arbeitsblatt Begriffsinventar von Gérard Genette“.

[19] Siehe Anhang, S. 16: „Erwartungshorizont: Arbeitsblatt Begriffsinventar von Gérard Genette“.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Narrative als Grundbegriffe der Filmanalyse. Schriftliterarisches und filmisches Erzählen am Beispiel von "Smoke"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Literaturverfilmungen im Deutschunterricht
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V194041
ISBN (eBook)
9783668360198
ISBN (Buch)
9783668360204
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Filmanalyse, Genette, Narration, Filmisches Erzählen, Schriftliterarisches Erzählen, Unterricht
Arbeit zitieren
Maxi Pötzsch (Autor), 2012, Das Narrative als Grundbegriffe der Filmanalyse. Schriftliterarisches und filmisches Erzählen am Beispiel von "Smoke", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194041

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