Der mittelalterliche Redner

Das Rednerideal der mittelalterlichen Predigtlehre und des Apostel Paulus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die ars praedicandi

III. Rednerideal bei Aurelius Augustinus

IV. Rednerideal bei Robert von Basevorn

V. Rednerideal bei Apostel Paulus.

VI. Literaturangabe

I. Einleitung

Bevor der Redner im Mittelalter analysiert wird, muss der Begriff des Mit- telalters geklärt werden: „Als europäisches M. bezeichnet man seit dem Renaissance-Humanismus die mehr als tausend Jahre umfassende Epo- che zwischen Antike und Früher Neuzeit.“ (Knape, Spalte 1372) Der mittelalterliche Redner tritt vor allem in der Rolle des Predigers auf (vgl. Knape, Spalte 1373) („Der Prediger ist im Mittelalter zweifellos der wichtigste und häufigste Rednertypus gewesen.“ Robling, S. 130), deshalb wird er im Folgenden im Zusammenhang der „Kunst des Predigens“ (Roberts, Spalte 1064) - der ars praedicandi - betrachtet. Mittelalterliche Predigten „repräsentieren, was ihre Bedeutung, Überlieferungsdichte und Qualität angeht, den wichtigsten Redenbreich im Mittelalter“ (Knape, Spal- te 1374). In der Zeit nach Jesu Christi Wirken auf der Erde bis zum Mittel- alter, waren für die Gemeinden und Kirchen viele andere Themen rele- vant, jedoch nicht die (Predigt-) Rhetorik. James J. Murphy schreibt hierzu: „[…] the Church did indeed debate its most pressing issues, it can only be concluded that preaching theory was not regarded as a key issue.“ (Mur- phy, S. 285) Erst im 4. und 5. Jahrhundert wurden, durch das Lehren und Lernen der Heiden („pagan learning”), Kirchenmitglieder („churchmen“) in ernsthafte Erkundigungen über das Predigen involviert und mussten sich mit diesem Thema beschäftigen (Murphy, S. 285).

Wie die Rhetorik, so hat auch das Rednerideal, sich von der Antike bis zum Mittelalter weiter entwickelt. So muss bei Aristoteles der perfekte Redner ein „>guter< Techniker“ (Robling, S. 100) sein, Cicero verlang ein „unerreichbares Vorbild“, den „orator perfectus“, der „Technikbeherr- schung und Bildungserwerb“ anstrebt (Robling, S. 109) und Quintilian „ist wesentlich von Cicero beeinflusst worden“ (Robling, S. 120). Es soll im Folgenden herausgearbeitet werden, welche Idealvorstellungen des Red- ners es in der mittelalterlichen Predigtlehre gab, und ob (und in welchen Punkten) dieses Rednerideal mit dem Ideal übereinstimmt, das der Apos- tel Paulus in seinem ersten Brief an Timotheus an Gemeindeleiter und Diakone stellt.

Ein wichtiger Vertreter der christlichen Beredsamkeit in der christlichen Spätantike ist Aurelius Augustinus (*354, †430) mit seinem Werk >De doctrina Christiana< - >Die christliche Bildung<. Er stellt hier die Bered- samkeit (Rhetorik) und den Nutzen für die Christen gegenüber. Ein Brief, verfasst von Robert von Basevorn (*unbekannt, †14. Jhd.), ist sozusagen das Paradebeispiel für das Rednerideal des Hochmittelalters. Anhand des ersten Briefes an Timotheus von Apostel Paulus kann das Ideal eines Predigers der frühchristlichen Antike, aber auch ein bis jetzt anhaltendes Ideal in vielen Kirchen, herausgearbeitet werden.

II. Die ars praedicandi

Die Predigtlehre ist seit der Spätantike ein Teil der Rhetoriktheorie und spielt im Mittelalter eine zentrale Rolle: „die Kunst des Predigens“ nahm „eine bedeutende Stellung in der Entwicklung der mittelalterlichen Rhetorik ein“ (Roberts, Spalte 1064). Da im Mittelalter an „ein allgemeines Recht auf freie Meinungsäußerung […] nicht zu denken“ war, und Frauen so- wieso „zu schweigen“ hatten, gab es wenige Möglichkeiten, als Orator (Redner) tätig zu werden (Knape, Spalte 1375). Auch Prediger oder Missi- onare konnten nur als Orator auftreten, wenn es ihre „Legalisierung durch die kanonisch installierten Oberen“ zuließ oder sie in „päpstlichem Auftrag“ handelten (Knape, Spalte 1375). Die Predigt bot also eine gute Möglich- keit für die Rhetorik, sich an die gegeben Umstände anzupassen. Es ent- wickelte sich eine ars praedicandi: die „Kunst des Predigens“ (Roberts, Spalte 1064).

Kurz ausgedrückt dienen die „ artes praedicandi […] der Unterweisung von Predigern“ und „widmen sich teils dem Verhalten des Predigers selbst, teils der Predigt“ (Knape, Spalte 1381).

Entwickelt hat sich die ars praedicandi aus „einer Vielfalt antiker und jüdi- scher Vorbilder“; die antike Rhetorik hatte auch im Mittelalter eine große Bedeutung. (Roberts, Spalte 1064) Der Anfang der ars praedicandi wird „von der PERSON JESU bestimmt: von seinem Predigtauftrag, seinem Gebrauch von Parabeln und der Verwendung mehrfacher Bedeutungs- ebenen in den Predigten“ (Roberts, Spalte 1964). Der Gottesdienst, der zur Zeit Jesu jüdische Tradition war, bestand aus „Gebet, Schriftlesung und Diskussion“ (Roberts, Spalte 1064). Im Anfang der Kirche entstanden verschiedene Predigtformen, wie die „Missionspredigt“ (Verkündung der frohen Botschaft), die „Prophetie“ (Inspiration und Ermahnung zum christ- lichen Leben), die „Homilie“ (mündliche Auslegung der Heiligen Schrift) und die „christliche Epideiktik“ (Roberts, Spalten 1064-1065).

Im Mittelalter entwickelte sich die Predigtpraxis von „der einfachen patristi- schen Homilie zur komplexen Predigt des hohen und späten Mittelalters“ (Roberts, Spalte 1065). Im Frühmittelalter wurde das Thema der Predigt nicht etwa von den Predigern selber ausgesucht, sondern aus der Bibel entnommen (vgl. Roberts, Spalte 1065). Die „ homilia “, die vorrangig im Frühmittelalter Brauch war, wurde aus einer Stelle der Bibel jeder einzelne Satz erläutert; die „ sermo “ hingegen teilte ein Zitat auf und behandelte es detailliert (Roberts, Spalte 1065).

Das Proprium der ars praedicandi des Frühmittelalters war, dass Predig- ten von „Geistlichen vor einer klerikalen Zuhörerschaft vorgetragen wur- den.“ (Roberts, Spalte 1065) Erst im 12. und 13. Jahrhundert wurde ver- stärkt eine öffentliche, laienhafte Zuhörerschaft miteinbezogen. Dies hatte zur Folge, dass das Bewusstsein aufkam, „daß eine zeitgenössische Pre- digtmethode aktualisierte Techniken“ (Roberts, Spalte 1066) brauchte. Um grobe Regeln für die Aufteilung und die Themenwahl der Predigt aufzu- stellen, brauchte es eine „ forma praedicandi “: Handbücher und Abhand- lungen, die „den Standard von Laien- und Klerikerpredigten“ abheben soll- ten (Roberts, Spalte 1066). Auch wurde die Person des Predigers im 13. Jahrhundert mehr in den Mittelpunkt gerückt, sein Verhalten und seine Art zu predigen sollten an Qualität gewinnen (vgl. Roberts, Spalte 1067). Es wurde um 1210 die römische Rhetorik mit der Predigt verglichen, und dadurch der Aufbau einer Predigt entworfen: „Eingangsgebet um göttliche Hilfe, Prothema […] bzw. Einleitung des Themas, das Thema selbst oder ein Bibelzitat Aufzählung der thematischen Teile, Entwicklung (prosecutio) der in der Aufzählung genannten Teile und Schluß“ (Roberts, Spalte 1068). Die meist gebrauchte Form der Predigt bis ins 14. Jahrhundert war die „ Themapredigt “, in der ein bestimmtes Thema die Predigt bestimmt, nicht eine bestimmte Bibelstelle (Roberts, Spalte 1068). Der Aufbau dieser Predigt sah folgendermaßen aus: Das Thema wurde angekündigt, danach folgte ein Gebet, das Prothema leitete das Gebet ein und war begleitet von einer demütigen Haltung des Predigers, das Exordium wurde durch ein weiteres Gebet beendet, wonach das Thema erneut durch Beispiele bzw. Gleichnisse erklärt wurde. Die Themapredigt war nicht dazu gedacht, die Zuhörer zu bekehren (zur Umkehr zu Gott zu führen), sondern sollte den Zweck erfüllen, die Bibel auszulegen. (vgl. Roberts, Spalte 1068)

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Details

Titel
Der mittelalterliche Redner
Untertitel
Das Rednerideal der mittelalterlichen Predigtlehre und des Apostel Paulus
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V194047
ISBN (eBook)
9783656192312
ISBN (Buch)
9783656193043
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde zwar noch nicht benotet, aber ist die Ausarbeitung eines Referats, das vom Dozenten sehr gelobt wurde.
Schlagworte
Rednerideal, ars praedicandi, Predigtlehre, mittelalterliche Redner, Rhetorik im Mittelalter
Arbeit zitieren
Julia Esau (Autor), 2012, Der mittelalterliche Redner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194047

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