Die Geste des „Stinkefingers“ als erfolgreiche Beleidigung?

Die Beleidigung als kommunikatives Verfahren und rhetorische Strategie


Hausarbeit, 2011

14 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Gestik und die Rolle des Mittelfingers
II.1. Quintilian
II.2. Kalverkämper

III. Warum der Mittelfinger „stinkt“

IV. Die Beleidigung als erfolgreiche rhetorische Strategie.

V. Erfolg oder Misserfolg durch die Verwendung des „Stinkefingers“

VI. Beispiel: Frank Bsirske...

VII. Fazit.

VIII. Literaturangabe

I. Einleitung

Beleidigungen sind nicht nur in non-formalen, alltäglichen kommunikativen Verfahren vorzufinden, die emotional und aus dem Affekt erfolgen, sondern auch in der Rhetorik kann eine Beleidigung als strategisch überlegte Handlung eingesetzt werden. Eine Beleidigung kann lautsprachlich und gebärdensprachlich ausgedrückt werden. Eine sehr präsente, allgemein verständliche Geste der Beleidigung ist das Zeigen des Mittelfingers, auch umgangssprachlich als „Stinkefinger“ bezeichnet.

Bevor weiter in der Thema des „Stinkefingers“ eingegangen wird, sollte der Begriff der „Geste“ geklärt werden. In dieser Arbeit wird die Definition der „Geste“ aus dem Lexikon ETYMOLOGISCHES WÖRTERBUCH DES DEUTSCHEN übernommen:

„`Gebärde, Körperbewegung beim Sprechen` wird im 15. Jh. in der Wendung gesten machen `ausdrucksvolle Körperbewegungen machen` (von Gauklern und Spaßmachern) aus lat. gestus `Bewegung der Hände, Gebärde der Schauspieler oder Redner`, zu lat. gestere (gestum) `tragen, (aus)führen, (refl.) sich verhalten`, ins Dt. entlehnt. Daneben begegnet vielfach die lat. Form Gestus (auch mit lat. Flexion); erst im 18. Jh. Wird der Plur. Gesten, dann auch der Sing. Geste üblich.“1

Somit kann man hier festlegen, dass der „Stinkefinger“ eine Geste ist, die die Eigenschaft der Zeichenhaftigkeit besitzt. Das heißt, durch eine Geste soll etwas Bestimmtes ausgedrückt werden. Interessant bei der Geste des „Stinkefingers“ ist, dass diese nicht zwingend etwas Gesprochenes unterstreicht, sondern dass der „Stinkefinger“ als alleinstehende, „schweigende“ Geste für sich selbst spricht.

Die Geste des „Stinkefingers“ ist durchaus negativ belegt und wird als Beleidigung, Schmähung und Kränkung gedeutet. Doch nicht alle Beleidigungen, die als solche ge- sehen werden, sind in der Rhetorik erfolgreiche Strategien, die das Ziel der Beleidigung in einem kommunikativen Verfahren erreichen. Wann ist eine Beleidigung für Rhetori- ker erfolgreich und kann man den „Stinkefinger“ in einer Rede einsetzten, um zu belei- digen? Um dies zu beantworten muss die Bedeutung der Gestik für die Rhetorik unter- sucht werden und erläutert werden, wann eine Beleidigung rhetorisch erfolgreich ange- wandt werden kann.

II. Gestik und die Rolle des Mittelfingers

II.1. Quintilian: INSTITUTIONIS ORATORIAE

Um den Zusammenhang zwischen dem „Stinkefinger“ als Geste der Beleidigung und dessen Bedeutung in der Rhetorik herzustellen, ist es essentiell zu überprüfen, welche Rolle die Finger in rhetorischen Vorträgen spielen. Wie wichtig sind Gesten und was ist die Eigenschaft des Mittelfingers in kommunikativen Verfahren?

Wenn man einen Blick in die antike Rhetoriktradition im Bezug auf Gestik wirft, ist Quintilian wohl einer der wichtigsten Figuren, dessen Ausführung man näher betrachten sollte. In seiner INSTITUTIONIS ORATORIAE, die Ausbildung des Redners, im Elf- ten Buch des Zweiten Teils im dritten Kapitel „Der Vortrag“ widmet er einen großen Abschnitt diesem Thema. In seinen detaillierten Ausführungen beschreibt Quintilian die für die Rede anwendbaren Finger- und Handbewegungen. Er hat feste Vorstellungen davon, wie ein Redner seine Hände einsetzen sollte. Zum Beispiel befürwortet er die am meisten gebrauchte Geste, bei der man den Daumen und den Mittelfinger zusammen- führt und beschreibt den Einsatz dieser Geste in den verschiedenen Redeteilen.2 Quinti- lian vertritt die Ansicht, dass die Gesten das Gesprochene unterstreichen solle („die Hand müsse ihre Bewegung zusammen mit dem Sinn der Worte beginnen und been- den“.)3, was bei der Geste des „Stinkefingers“ nicht der Fall ist. Der „Stinkefinger“ wird in einer Rede vielmehr nach einer Diskussion oder Anschuldigung bzw. Tadel einge- setzt, was Quintilian als „unschön“4 bezeichnet.

Quintilian zieht nicht nur eine Verbindung zwischen den Worten und den unterstrei- chenden Gesten, sondern auch zwischen den Emotionen und Gesten.5 Eine beschränkte Geste wird dann ausgeführt, wenn „kleiner, lieblicher oder düsterer“ Empfindung „Aus- druck“ gegeben wird; eine ausführliche Geste wird bei „großen, freudigen oder schreck- lichen“ Emotionen eingesetzt.6 Wo könnte man hier den „Stinkefinger“ einordnen? Ei- nen Finger zu zeigen, wenn gleich er auch der längste ist, kann wohl nicht als Geste die „weit ausholend“7 ist bezeichnet werden. Doch die Wut, die diese Geste ausdrückt, ist mit „düsterer Gefühle“8 nicht ausreichend genüge getan.

Obwohl die Geste des „Stinkefingers“ schon in der Antike bekannt war und gebraucht wurde, verliert Quintilian kein Wort über diese Geste als Beleidigung. Auch die Be- schreibung der abstraktesten, und für uns heute kaum vorstellbaren, Handbewegungen beinhaltet in keiner Weise das Zeigen des Mittelfingers. Das lässt darauf schließen, dass es für ihn außer Frage stand, ob diese Geste in einer Rede als erfolgreiche Strategie ein- setzbar war.

II.2. Kalverkämper: DIE RHETORIK DES KÖRPERS

Hartwig Kalverkämper, Hochschullehrer an der Humboldt-Universität zu Berlin, fasst die Frage der Rolle des Mittelfingers gut zusammen: „Welcher Körperteil macht […] welche Bewegung […] um welche Information zu signalisieren, welche Botschaft aus- zudrücken, welche Wirkung beim Gegenüber zu erreichen?“.9 Sein Artikel DIE RHE- TORIK DES KÖRPERS handelt grob gesagt über die Körpersprache. Kalverkämper ist der Meinung, dass jede Körpersprache eine kommunikative Absicht hat und „zeichen- wertige Elemente“10 beinhaltet. Für ihn hätte also die nonverbale Kommunikation durch das Zeigen des Mittelfingers eine klare Bedeutung. Wie Quintilian bringt auch Kalver- kämper Sprache und Gestik in einen Zusammenhang, da er sie nicht als für sich spre- chende Kommunikationsarten definiert, sondern als eine eng verbundene Einheit, denn er sagt: „Sprache und Körpersprache sind folglich zwingend aufeinander bezogen und bilden in der konkreten mündlichen, dialogischen Kommunikationssituation als Text und Körperausdruck eine untrennbare, ganzheitliche Gemeinschaft.“.11 Das heißt, dass ein gesprochener Text, oder beispielsweise eine Rede, nie ohne die dazugehörigen Ges- ten - hier „Körpersprache“ - funktionieren könnte.12 Kalverkämper fasst zusammen: „Körpersprache ist also immer kommunikativ angelegt.“.13 Doch das lässt die Frage über Gesten offen, die nicht „sprechbegleitend“ ausgeführt werden, sondern anstelle der Sprache treten. Kann eine beleidigende Geste dann also nur als solche aufgefasst werden, wenn diese mit einem beleidigenden Ausruf verbunden wird?

Es kommt die Frage auf, ob diese kommunikative Körpersprache erlernt oder angeboren ist. Laut Kalverkämper sind „die körpersprachlichen Informationen“ heut zu Tage „eher als Ergebnisse von […] Lernprozessen […] anzusehen“; „grundlegende soziale Züge des menschlichen Verhaltens wie Lächeln, Lachen, Weinen, Wut zeigen, Stirnrunzeln, Schmollen“ sind vererbte Verhaltenseigenschaften, die „universal vorhanden“ sind.14 Hier ist auffällig, dass sich diese Körpersprache nur auf das Gesicht bezieht und keine Gesten, die entweder angeboren oder erlernt ist, berücksichtigt. Gibt es denn nicht auch Handbewegungen, die allgemeingültig und interkulturell vorhanden sind? Als Beispiel ist das Schulterzucken als kommunikative Information „Ich weiß es nicht“ zu nennen. Doch das Zeigen des Mittelfingers kann man wohl nicht als „stammesgeschichtliches Erbe“15 bezeichnen, demzufolge kann man das allgemeine Verständnis des Mittelfingers als Folge eines Lernprozesses einordnen. Doch dieser Lernprozess ist abhängig von der Kultur in der man lebt.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Kalverkämper das Zeigen des „Stinkefin- gers“ nur im Zusammenhang mit verbaler Kommunikation als nonverbale Kommunika- tion bzw. Körpersprache anerkennt. Somit würde für ihn das schlichte, stillschweigende Zeigen des Mittelfingers nicht als kommunikative Geste reichen, um Bedeutung zu ha- ben.

Weder bei Quintilian noch bei Kalverkämper, die sich beide mit Gestik in der Rhetorik beschäftigt haben, taucht der Mittelfinger als rhetorische Strategie auf. Kann man also sagen, dass dieser Finger keine Rolle in einem kommunikativen Verfahren spielt und somit nicht als Geste der Beleidigung eingesetzt werden sollte? Bevor diese Frage beantwortet wird, muss der Mittelfinger genauer betrachtet werden und auch die Gelingensbedingungen der Beleidigung in der Rhetorik untersucht werden.

[...]


1 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1983), S. 441.

2 vgl. Quintilian, INST. OR. XI,3,92. (Übers. hier und im Folgenden Helmut Rahn)

3 Quintilian, XI,3,106.

4 ebd., XI,3,106.

5 Quintilian verwendet auch bei Handbewegungen den Begriff der „Gebärde“; in dieser Arbeit ist die

Bewegung der Hände als „Geste“ definiert (s. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen) und somit mit Quintilians Verständnis von „Gebärde“ gleichzusetzen.

6 ebd., XI,3,116.

7 Quintilian, XI,3,116.

8 ebd., XI,3,116.

9 Kalverkämper (1994): S. 133.

10 ebd., S. 133.

11 ebd., S. 133.

12 vgl. ebd., S. 137: „Die Körpersprache - oder […] die nonverbale Kommunikation […] ist nur in Gemeinschaft (!) mit der verbalen Kommunikation zu sehen.“.

13 ebd., S. 133.

14 Kalverkämper (1994), S. 134.

15 ebd., S. 134.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Geste des „Stinkefingers“ als erfolgreiche Beleidigung?
Untertitel
Die Beleidigung als kommunikatives Verfahren und rhetorische Strategie
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Allgemeine Rhetorik)
Note
2,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V194057
ISBN (eBook)
9783656191155
ISBN (Buch)
9783656193029
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beleidigung, Stinkefinger, Mittelfinger, Rhetorische Strategie, kommunikatives Verfahren
Arbeit zitieren
Julia Esau (Autor), 2011, Die Geste des „Stinkefingers“ als erfolgreiche Beleidigung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194057

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