Der Chor als Freund und Helfer

Eine Analyse der Stellung des Chores zu Helena und Medea bei Euripides


Seminararbeit, 2008

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Signifikanz des Chores bei Euripides

2. Helena und der Chor

3. Medea und der Chor

4. Eine Gegenüberstellung

5. Euripides – der Frauenversteher?

Literaturverzeichnis

1. Die Signifikanz des Chores bei Euripides

Der Chor in der attischen Tragödie war schon immer eine interessante Sache.

Heutzutage können die Menschen allerdings nicht mehr allzu viel mit ihm anfangen, was bereits an diversen Diskussionen ersichtlich ist. Man redet gerne über die Helden, die Hauptpersonen und was sie getan und warum sie das getan haben. Aber welche Rolle spielt eigentlich der Chor?

Ist er auch als dramatis persona von Bedeutung oder helfen die Chorlieder nur dabei, den Inhalt des Stückes besser zu verstehen?

Etliche Forscher sind der Ansicht, dass gerade bei Euripides „der Chor (...) im Vergleich mit Aischylos und Sophokles von geringer Bedeutung für das jeweilige Stück zu sein (scheint).“[1]

Aber ist das wirklich so?

Könnte man tatsächlich aus gewissen Tragödien des Euripides die „Chor-Szenen“ herausstreichen, ohne dass dies erheblich etwas ändern würde?

Möglicherweise ist dies zu drastisch ausgedrückt. Jedoch heißt es auch bei Herwig Brandt, der „Chor, dem es als Figurengruppe an Beweglichkeit fehlt, muß zurücktreten.“[2]

Ob der Chor nun Einfluss auf die Handlung, bzw. die anderen Personen hat, sei erst einmal dahingestellt. Wie hoch sein Wirken ist und wie sehr er als tragendes Element in den jeweiligen Geschichten zur Geltung kommt, ist gewissermaßen erst die zweite Frage.

Als erste Frage sollte stets gestellt werden, was ist das Anliegen einer Person X. (In diesem Falle entspricht X dem Chor.)

Welche Stellung nimmt X ein, wonach strebt X? Und schließlich: Hat X letztendlich Erfolg?

Betrachtet man sich den Chor bei Euripides, gelangt man unweigerlich zu der Erkenntnis, dass er bei nahezu allen Tragödien auf der Seite der weiblichen Hauptperson ist.

Wie bereits erläutert: Ob er den jeweiligen Frauen eine Stütze ist oder ob es in seiner Macht steht, ihnen zu helfen, ist in diesem Fall erst einmal zweitrangig.

Vordergründig lässt sich erkennen, dass Euripides seinen Chor gerne, besser gesagt häufig, zu einem Vertrauten der Frauen macht. (Dass der Chor selbst meist auch aus Frauen besteht, ist lediglich eine zusätzliche Verstärkung.)

Oder anders ausgedrückt, „In no way can he be called a misogynist“.[3]

Doch nun von Euripides einmal abgesehen, zeigt sich an seinem Chor weniger ein Hass, als vielmehr eine Liebe zu den Frauen.

Ausgehend von dieser Erkenntnis, werde ich zwei Tragödien untersuchen. Natürlich bieten sich alle Werke von Euripides zur Analyse an, doch das würde wohl zu weit führen. Zusätzlich ist es vermutlich besser nachzuvollziehen, inwiefern der Chor zu einer Frau steht – wobei das Geschlecht vielleicht gar nicht so die ausschlaggebende Bedeutung hat, wie im Folgenden noch darauf eingegangen wird -, wenn man zwei Stücke heraussucht und gegenüberstellt.

Also werde ich sowohl diverse Szenen untersuchen, in denen der Chor mit Helena in der Tragödie „Helena“ spricht, als auch Szenen, in denen der Chor mit Medea in der Tragödie „Medea“ spricht.

Es wird bei einer reinen Textanalyse bleiben.

Gewiss gibt es zahlreiche Inszenierungen, welche die These unterstützen, oder konträr dazu wirken, in jedem Fall jedoch einen Kontrast setzen. Aber sie sind für die Argumentation nicht notwendig.

2. Helena und der Chor

Die Geschichte von dem Kampf um Troja ist nun wirklich hinlänglich bekannt. Die meisten wissen von der schönen Helena, die entführt wird und dadurch einen Krieg verursacht.

Doch nur wenige zeigen sich informiert darüber, dass es eine Version von Euripides gibt, die ein wenig anders aussieht.

Auch in seinem Stück plant Paris, Helena zu entführen, doch die Göttin Hera macht ihm einen Strich durch die Rechnung.[4]

Aus Wut über den trojanischen Prinzen erschafft sie ein Ätherbild von Helena, das ihr ganz und gar gleicht. Paris entführt nun die besagte Projektion, statt Helena selbst. Helena jedoch wird von Hermes nach Ägypten gebracht, wo sie dem Menelaos eine treue Frau bleiben kann.

Siebzehn Jahre wartet sie dort auf ihren Mann, bis sie endlich gerettet werden kann und Menelaos erfährt, dass sie ihn nie für einen anderen Mann verlassen hat.

Der Chor besteht aus „Griechische(n) Mädchen, Beute barbarischen Raubs“.[5]

In diesem Sinne haben Helena und der Chor von Anfang an etwas gemeinsam: Sie stammen alle aus Griechenland und leben gegen ihren Willen in Ägypten.

Für Helena ist der Chor definitiv ihre „Vertrauensperson“.

An ihn wendet sie sich, wenn sie Hilfe braucht und wenn es nur darum geht, sie zu trösten. Gleich bei seinem ersten Erscheinen, wird der Chor von Helena mit den Worten „o helft meinen Seufzern“[6] empfangen.

Er zeigt auch durchaus viel Anteilnahme, mit Fragen, was das Leben Helena denn nicht erspart hätte.[7]

Gewiss ist der Chor in dem Stück keine eigenständige Person; auch die Chorführerin darf man nicht mit einer Figur wie „Helena“ verwechseln. Selbst wenn man die stilistische Ebene verlassen würde und sich rein auf die Stellung der jeweiligen Personen beziehen würde, würde es immer noch dabei hinauslaufen, dass Helena nicht nur eine Königstochter, sondern auch ein Kind des höchsten Gottes ist[8], während der Chor lediglich aus griechischen Sklavinnen besteht, deren ursprünglicher gesellschaftlicher Stand im Ungewissen bleibt.

Dennoch teilen sie ein gemeinsames Schicksal, indem sie weit entfernt von der Heimat ihr Leben in Gefangenschaft fristen müssen.

Der Chor allerdings stellt seine eigenen Bedürfnisse völlig zurück.

Er scheint ausschließlich dafür da zu sein, um zu betonen, wie schlecht es Helena geht, während sein eigenes Schicksal niemanden interessiert.

Er bleibt nicht nur in dem bloßen Versuch, Helenas Klagen zuzustimmen, sondern bemüht sich auch, sie von ihren negativen Gedanken abzubringen.

Während Helena bereits ohne Beweis fest davon überzeugt ist, dass ihr Ehemann Menelaos vom Tod heimgesucht worden ist, beharrt der Chor darauf, dass sie „dieses Lebens harte Last (nie erdrücken soll)“.[9]

Der Chor ist ohne Unterlass um ihr Wohlergehen bemüht.

In einer Szene schafft es der Chor tatsächlich, allen Funktionen eines Ratgebers nach Martin Hose nachzukommen.[10]

Er bringt Helena dazu, ihre Einstellung für den Zuschauer ersichtlich und damit bewertbar zu machen, er erteilt ihr Ratschläge und er führt sie aus einer Aporie heraus. Dies ist laut Hose die einzige Szene, in der alle drei Aspekte der Rolle des Chores genutzt werden.

Die besagte Szene, in welcher Helena bereits von Menelaosʼ Tod überzeugt ist und der Chor sie wieder von dieser Meinung abbringen will.

Dass der Chor an dieser Stelle allen seinen Funktionen nachkommt, muss nichts bedeuten, kann allerdings darauf hinweisen, wie sehr er „sich ins Zeug legt“. Für Helena.

Er (beziehungsweise sie, die Chorführerin) überredet Helena nicht nur, die Hellseherin Theonoe aufzusuchen, um die Wahrheit zu erfahren, sondern bietet sich selbst auch als Begleitung an.

In der deutschen Übersetzung von Ernst Buschor ist die Chorführerin der Ansicht, „Die Frau soll stets der Frau zur Seite stehn.“[11]

Wie auch immer man den altgriechischen Satz übersetzen will, es läuft in jedem Fall darauf hinaus, dass Frauen „gemeinsame Sache machen“ sollen.

Und es bleibt auch nicht nur bei Worten, denn sobald Helena den Chor auffordert, ihr ins Haus zu folgen, wird ihr entgegnet: „Du rufst, die willig folgt.“[12]

Wie bereits gesagt, steht der Chor nicht nur auf Helenas Seite, sondern tritt sogar völlig für sie zurück. Sein einziges Bestreben scheint Helenas Glück zu sein.

„Ja, ewges Glück! Das wünschen wir euch auch“[13] bemerkt die Chorführerin, wenn sich Helena und Menelaos nach siebzehn Jahren erstmals wieder sehen.

[...]


[1] Martin Hose: Studien zum Chor bei Euripides. Teil 1. Stuttgart 1990, S.12

[2] Herwig Brandt: Die Sklaven in den Rollen von Dienern und Vertrauten bei Euripides. Hildesheim 1973, S. 9

[3] Jennifer March: Euripides The Misogynist? In: Anton Powell (Hg.): Euripides, Women and Sexuality. London 1990, S. 32-75, hier S. 63

[4] Vgl. Euripides: Helena – Ion – Die Phönikerinnen – Alkestis. München 1963

[5] Euripides, S.23

[6] Euripides, S.22

[7] Vgl. Euripides, S.24

[8] Vgl. Euripides, S.24

[9] Euripides, S.26

[10] Vgl. Martin Hose: Studien zum Chor bei Euripides. Teil 1. Stuttgart 1990, S.297

[11] Euripides, S.29

[12] Euripides, S.30

[13] Euripides, S.46

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Chor als Freund und Helfer
Untertitel
Eine Analyse der Stellung des Chores zu Helena und Medea bei Euripides
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V194123
ISBN (eBook)
9783656193708
ISBN (Buch)
9783656194217
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
chor, freund, helfer, eine, analyse, stellung, chores, helena, medea, euripides
Arbeit zitieren
Stefanie von Rossek (Autor), 2008, Der Chor als Freund und Helfer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194123

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