Sprachwandel: Eine beispielhafte Analyse der Fußballsprache


Bachelorarbeit, 2012
42 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen des Sprachwandels
2.1 Wesen des Sprachwandels und mögliche Motive
2.2 Theorien des Sprachwandels
2.2.1 „Invisible-hand-Theorie“
2.2.2 Piotrovskij-Gesetz
2.3 Exemplarische Darstellung des Wandels innerhalb der Subsysteme
2.3.1 Phonologie
2.3.2 Morphologie
2.3.3 Syntax
2.3.4 Lexikologie
2.3.5 Semantik
2.3.6 Pragmatik
2.3.7 Graphematik

3 Fußballsprache und die Berichterstattung
3.1 Der Fußball und seine Sprache
3.1.1 Entwicklung des Fußballs - insbesondere der Fußballsprache
3.1.2 Kurzer Einblick in die Fußballsprache
3.1.3 Fußballsprache in der Standardsprache
3.2 Entwicklung der Fußballberichterstattung
3.2.1 Der Beginn der Berichterstattung in den Printmedien
3.2.2 Auffälligkeiten und Tendenzen im Verlauf der Entwicklung

4 Untersuchung und Analyse
4.1 Konkrete Untersuchungskriterien
4.1.1 Spielszenenbeschreibungen und Spielbezeichnungen
4.1.2 Spieler- und Systembezeichnungen
4.1.3 Neologismen
4.1.4 Anglizismen
4.1.5 Bindestrichkonstruktionen
4.1.6 Formulierungen und Satzbau
4.1.7 Auffälligkeiten und ausgestorbene Wörter

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wenn Kinder mit ihren Großeltern sprechen, treffen in der Regel unterschiedliche Repräsentanten von divergenten Gruppen eines Sprachsystems aufeinander. Im Extremfall offenbart sich auf der einen Seite ein veralteter Wortschatz und auf der anderen Seite ein innovativ wirkender Sprecherkreis, dessen Vokabular in mancher Hinsicht nicht mit dem Wortschatz der ersten Gruppe konvergiert. Die Grenzen dieser Gruppen sind sowohl dynamisch als auch individuell zu verstehen. Ein Jugendlicher aus der heutigen Zeit könnte zwar - aufgrund der zweifelsohne sehr hohen Übereinstimmung des Grundwortschatzes - mit einem älteren Menschen nahezu problemlos kommunizieren, doch - vorausgesetzt, sie würden ihr aktives Vokabular nicht dem Vokabular ihres Gesprächspartners anpassen - hätte diese Konstellation mit Sicherheit an diversen Stellen Kommunikationsstörungen zur Folge. Elementar in diesem Beispiel ist zudem der Aspekt, dass unzählige weitere Subgruppen dieses Sprachsystems existieren. Man denke zum Beispiel an den Wortschatz von den Eltern des Kindes, der mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Abweichungen zu denen der Anderen aufweisen würde.

Einerseits kann man dafür der Individualität des jeweiligen Vokabulars die Verantwortung auflasten, doch andererseits sind besonders die Störungen, die bei der Kommunikation zwischen Personen unterschiedlicher Subgruppen eines Sprachsystems auftreten, ein Indiz dafür, dass die Sprache einem Wandel unterliegt. Unterhalten sich wie im obigen Beispiel die Großeltern des Kindes mit gleichalten Personen einer ähnlichen Subsprachgruppe, so werden diese mit hoher Wahrscheinlichkeit Wörter wie „Scheffel, Galanteriewaren“ oder „Mamsell“ verstehen können. Das Kind würde hingegen massive Verständnisschwierigkeiten aufzeigen, doch im umgekehrten Fall würden wohl die Großeltern scheitern, wenn sie Wörter wie „chillen, bloggen“ oder „streamen“ erklären müssten. Die Konfrontation mit anderen Sprachgruppen und das Einbinden der fremden Wörter in den eigenen aktiven Wortschatz, sorgen für ständigen Wandel.

Eine Art „Wandel“ ist dementsprechend innerhalb von wenigen Generationen anhand unterschiedlicher Merkmale und Eigenschaften nachweisbar. Um den genannten Nachweis belegen zu können, legt diese Arbeit das Hauptaugenmerk auf die Sprache des Fußballs, die in Form von Berichterstattungen in diversen Zeitungsverlagen archiviert vorzufinden ist. Die Sprache des Fußballs ist in diesem Kontext von besonderem Interesse, da das Fußballspiel erst 18741 in Deutschland aufkam und schließlich nach einer unumgänglichen Etablierungsphase in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20.Jahrhunderts an bundesweiter Präsenz gewann. Somit sind die ursprünglichen Begriffe des Regelwerkes und die Bezeichnungen der Spieler noch relativ jung und zeitlich vergleichbar mit dem obigen Beispiel, das lediglich drei Generationen enthielt. Insofern stellt die Auseinandersetzung mit authentischen Fußballberichterstattungen eine fundierte Basis für diese Arbeit dar. Der Fokus im Analyseteil liegt aufgrund des Untersuchungsmaterials ausnahmslos auf dem Wandel innerhalb der Berichterstattung, der wiederum konzeptionell mündliche Elemente aufweist.

Im ersten Schritt soll zunächst das Phänomen „Sprachwandel“ sowohl theoretisch als auch exemplarisch dargestellt werden. Im zweiten Teil dieser Arbeit geht es schließlich um die Fußballsprache und der damit zusammenhängenden Fußballberichterstattung. Hierzu sollen grundlegende Fragen geklärt, die Fußballsprache als Fachsprache aufgezeigt und die Entwicklung der Berichterstattung thematisiert werden. Im Hauptteil geht es schließlich um das Zusammenführen der ersten beiden Teile, um in der Folge die Fußballberichterstattung in Bezug auf den Sprachwandel analysieren zu können. Für dieses Vorhaben wurden authentische Zeitungsberichte aus den Archiven verschiedener Verlage und Redaktionen herangezogen, wobei sich diese Arbeit vorwiegend auf die Ausgaben des Hamburger Abendblattes und des Weser-Kuriers während der Weltmeisterschaften von `54, `74, `90 und 2010 konzentrieren wird. Hier wurden gezielt die Jahre, in denen Deutschland Weltmeister geworden ist, ausgewählt und zusätzlich um die Berichte der Weltmeisterschaft von 2006 ergänzt, um Fußballereignisse der Vergangenheit und Gegenwart als Vergleichsmaterial für die Analyse einsetzen zu können. Anhand der wahrnehmbaren Euphorie und des Medieninteresses der zu untersuchenden Jahre, wird somit durch diese Auswahl ein höheres Maß an Gleichartigkeit angestrebt. Gegenstand der Analyse sind sowohl Berichte über die Weltmeisterschaften als auch Artikel über den Ligaalltag, der damals noch parallel zu den Weltmeisterschaften stattfand. Nur in Ausnahmefällen oder wenn es die Nachweispflicht verlangt, werden andere Verlage oder Jahrgänge herangezogen.

Diese Arbeit verfolgt demnach das Ziel, das Phänomen des Sprachwandels - anhand der Entwicklungen innerhalb der Fußballberichterstattung - auf verschiedenen Ebenen aufzuzeigen und stellenweise mögliche Ursachen zu liefern.

2 Theoretische Grundlagen des Sprachwandels

Das Phänomen „Sprachwandel“ existiert anhand logischer Überlegungen, seitdem die (menschliche) Sprache existiert. Hierzu meint auch Prof. Dr. Rudi Keller, dass es Sprachwandel in jeder Sprache und zu jeder Zeit gibt.2 Die Wahrnehmung dieses Wandels kann hingegen erst stattgefunden haben, nachdem sich erste metasprachliche Fähigkeiten entwickelt hatten. Sprachwandel - im heutigen Sinne - kann nicht ganzheitlich analysiert werden, da „ man von Anfang an die verschiedenen Ebenen der Sprache unterscheiden muss.“ 3 Um Missverständnissen vorzubeugen, muss aber darauf hingewiesen werden, dass unter Sprachwandel grundsätzlich der „Wandel der gesamten Sprache4 verstanden wird. Die jeweiligen Ebenen sind nicht immer klar trennbar und können sich wechselseitig beeinflussen. Nübling spricht in diesem Zusammenhang auch von „ Kettenreaktionen “, die durch Veränderungen auf einer Ebene ausgelöst werden können.5 Nach Keller ist Sprachwandel in den Bereichen Phonologie, Morphologie, Syntax, Lexikologie und Semantik feststellbar.6 Nübling, die die Sprachebenen auch als Subsysteme des Sprachsystems bezeichnet, hat diese durch die pragmatische und graphematische Ebene ergänzt. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit sollen mögliche Veränderungen innerhalb dieser Subsysteme exemplarisch dargestellt werden.

Am häufigsten und elementarsten offenbaren sich Veränderungen in der Lexik, meint in diesem Kontext Gross. Angesichts des einleitenden Beispiels erscheint diese Betrachtungsweise als schlüssig, da vor allem der Wandel von ganzen Wörtern - zum Beispiel in Form von Neologismen oder Anglizismen - mühelos wahrgenommen werden kann. Schippan sieht das Kommunikationsbedürfnis als Antrieb für einen kontinuierlichen Sprachwandel.8 Dieser Aspekt wird in den nachfolgenden Abschnitten näher betrachtet und im Hinblick auf die möglichen Ursachen des Wandels thematisiert.

2.1 Wesen des Sprachwandels und mögliche Motive

Was versteht man unter Sprachwandel? Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst thematisiert werden, welche Gründe es für einen Wandel in der Sprache geben könnte. Diese Frage kann hier indes nicht in vollem Umfang geklärt werden, da der Rahmen dieser Arbeit es nicht zulässt. Ein Ansatz wäre der Gedanke, dass die Sprache sich mit der Gesellschaft im Gleichschritt entwickelt. Neue Begriffe werden zum Beispiel in den Wortschatz aufgenommen. Es können sich während eines Wandelprozesses aber auch sprachliche Fehler einschleichen und etablieren. Keller liefert diesbezüglich ein Analogiebeispiel aus der Modewelt und beschreibt auf diese Weise den Prozess eines möglichen Wandels:

„Neuerungen kommen uns meist erst einmal barbarisch vor, und wenn sie gang und gäbe geworden sind, belächeln wir die vorherige Version. Dies scheint ein universelles Spiel zu sein und ein Spiel ohne Ende.“ 9

Dadurch dass neue Wörter entstehen und die Sprache offensichtlich einem Wandel unterliegt, entsteht auch erst die Sprachgeschichte. Diese und die vorherigen Erkenntnisse machen deutlich, dass man Sprachwandel unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten muss. Wichtig ist die Berücksichtigung des sozialen Umfeldes der Sprecher und in diesem Kontext auch der Ort. Mit „Ort“ darf man hier sowohl regionale Zugehörigkeiten als auch soziokulturelle Einflüsse von Institutionen wie Schule, Arbeitsplatz oder zum Beispiel Verein assoziieren, da Sprachteilnehmer sich in der Regel dem Vokabular der Gruppe anpassen. Im Zusammenhang mit Sprachwandel und der daraus resultierenden Sprachgeschichte darf schließlich der Aspekt der zeitlichen Einordnung der Sprache nicht unberücksichtigt bleiben.10 Letztendlich ist im Kontext von Sprache auch erwähnenswert, dass niemand verpflichtet ist, auf eine bestimmte Art und Weise zu sprechen. Peter Ernst formuliert es folgendermaßen: „Gesprochene Sprache duldet ein gewisses Maßan Variation und Redundanz.“ 11 Dieser trivial erscheinende Aspekt bietet eine der Ursachen für den Wandel, denn dadurch dass jeder Sprecher minimale Unterschiede in der Realisierung von Lauten aufweist, kann es über einen längeren Zeitraum hinweg zu einer Regelverletzung kommen. Zum Beispiel können sich fehlerhafte Laute im sprachlichen Umfeld etablieren, so dass diese ursprünglichen Fehler - aufgrund der allgemeinen Verwendung - als korrekt wahrgenommen werden.12 Lehmann sieht an dieser Stelle eine weitere mögliche Ursache, nämlich das Verlangen nach Innovation und Kreativität bei der Sprachproduktion. Aus seiner Sicht besteht Sprachwandel zugleich aus Zerstörung und Rekonstruktion in Form von Innovation und Reduktion.13

Im Allgemeinen lässt sich in Bezug auf die Ursachen zwischen innersprachlichen und außersprachlichen Einflüssen differenzieren. Diesbezüglich sollen die Faktoren nach Ernst nur namentlich aufgeführt werden, ohne diese näher zu beleuchten, da von der Bezeichnung der Faktoren ohne weiteres auf ihre Bedeutung geschlossen werden kann. Für die externen Einflüsse schlägt er „ Historische Entwicklungen, Räumliche Gegebenheiten, Politische Entwicklungen, Kulturgüteraustausch“ und „Gezielte Eingriffe in die Sprache“ vor. Bezüglich der innersprachlichen Faktoren wählt er „ Sprachökonomie“ (Tendenziell werden einfachere und kürzere Wörter entwickelt), „Abbau von Markiertheiten“ (die auf Roman Jakobson zurückzuführen sind und besonders den Lautwandel betreffen), „Kumulative Prozesse“ (Sprachwandel als gemeinschaftlicher Akt) und schließlich „Sprachwandel als Regelveränderung“ (Vereinfachung der sprachlichen Regeln).14

Zusammenfassend kann man sagen, dass Sprachwandel einen Untersuchungsgegenstand der Historischen Sprachwissenschaft darstellt. Viele Faktoren führen zu einem Phänomen, das in seiner Gesamtheit einem ständigen Wandel unterliegt. Keller hinterfragt die Theorie, nach der sich die Sprache der gegenwärtigen Welt anpasse folgendermaßen:

„Welche Veränderung der Welt hat uns denn bewogen, das schöne Wort Gauch aufzugeben und dieses Tier Kuckuck zu nennen? [ … ] Offenbar können wir die Tätigkeit eines Kameramannes immer noch drehen nennen, obwohl sich in seiner digitalen Kamera keine Rollen mehr befinden, [ … ] Eine befriedigende Antwort auf die Frage des Wandels hat man in der Linguistik nicht gefunden.“ 15

Im nächsten Abschnitt wird unter anderem die hieraus resultierende „Invisible-hand-Theorie“ von Keller vorgestellt, die zu den jüngsten Sprachwandeltheorien zählt. Abschließend soll die Hinterfragung von Keller durch die Ansicht von Ernst inhaltlich untermauert werden, der zwar „neben allerhand Unsinn - unzählige seriöse Erklärungen für den Sprachwandel“ 16 vorfindet, aber für bestimmte Phänomene eine „ kausale Erklärung“ vermisst. Als Beispiel nennt er etwa die Erste Lautverschiebung und verweist daher auf Roger Lass, der „ jede Art von Sprachwandel für irrational und somit nicht erklärbar“ hält.17

2.2 Theorien des Sprachwandels

Nachfolgend wird eine kurze Auswahl an bestehenden Sprachwandeltheorien vorgestellt, auf die im Analyseteil in der Gestalt von Erklärungsversuchen zurückgegriffen werden soll. Die Auswahl der Theorien erfolgte daher nicht willkürlich, sondern mit einem Fokus auf Aktualität und Plausibilität im Hinblick auf den Analyseteil.

2.2.1 „Invisible-hand-Theorie“

Mit seiner Theorie über das Wirken der unsichtbaren Hand, versucht Keller den Prozess des Sprachwandels anschaulich zu erklären. Dabei legt er vor allem großen Wert auf die exakte Differenzierung von natürlichen und künstlichen Entwicklungen und zeigt dabei auf, dass das Wort „natürlich“ in einigen Bereichen missverständlich eingesetzt wird. Grundlegend kann man Dinge als natürlich bezeichnen, wenn die Natur für ihre Existenz und Entwicklung maßgeblich verantwortlich ist. Im Gegensatz dazu versteht man unter künstlich hervorgebrachten Erzeugnissen - auch als Artefakte bezeichnet - jene, die von Menschenhand geschaffen worden sind. Keller stellt in diesem Kontext die Bezeichnung von „natürlichen Sprachen“ auf den Prüfstand. Die Bedeutung des Wortes „natürlich“ in der Bezeichnung „natürliche Blumen“ sei beispielsweise eine andere als in der Bezeichnung „natürliche Zahlungsmittel“. Aus diesem Grund schlägt er vor, zwischen „geplanten“ und „organisch gewachsenen“ Phänomenen zu differenzieren. Folglich kann man bestimmte Dinge zunächst den Kategorien „natürlich“ oder „künstlich“ zuordnen und muss schließlich innerhalb der Kategorie „künstlich“ nochmals zwischen „künstlich“ und „natürlich“ unterscheiden. Exemplarisch für rein natürliche Dinge sind dementsprechend Berge, Meere oder die Bienensprache. Die in erster Instanz als „künstlich“ bzw. „nicht-natürlich“ bezeichneten Dinge, die nochmals einer Unterscheidung bedürfen, sind zum Beispiel „Deutsch, Morsealphabet, Esperanto“. Um nun diese „künstlichen“ Dinge nochmals zu differenzieren, muss ihr Wesen betrachtet werden. Deutsch wurde etwa auf „nicht-natürliche“ Weise von Menschen geschaffen, die Entwicklung der Sprache allerdings verläuft „ungeplant“ oder auch „organisch“ und ist somit „natürlich“. Also ist Deutsch als „künstlich-natürlich“ einzuordnen. Das Morsealphabet oder auch Esperanto sind ebenfalls in erster Linie „künstlich“, jedoch im Gegensatz zu der organischen Sprache Deutsch - auch in der zweiten Unterscheidung - als „künstlich“ anzusehen. Das Morsealphabet verändert sich nicht ungeplant und Esperanto wird sogar explizit als Plansprache bezeichnet. Insofern kann man das Morsealphabet und Esperanto als „künstlich-künstlich“ bezeichnen. 18

Diejenigen Dinge, die wir zunächst der Kategorie „künstlich“ zuordnen und in der zweiten Unterscheidung das Merkmal „natürlich“ tragen, bezeichnet Keller auch als Phänomene der dritten Art. Sie haben also einerseits Eigenschaften von Artefakten und andererseits von Naturphänomenen. Weiterhin beschreibt Keller diese Phänomene als „kollektive Phänomene“ 19, da ihre Existenz in der Regel nur durch das Kollektiv begründet ist. Besonders greifbar erscheint an dieser Stelle das Beispiel der Trampelpfade, welches Keller für seine Theorie entwickelt hat. Hierfür stelle man sich einen von Architekten entworfenen Wegeplan vor (z.B. auf einem Campus) und beobachte die Entstehung von möglichen Trampelpfaden. Keller behauptet sogar, dass das Netz von Trampelpfaden wesentlich intelligenter sei als der Wegeplan der Architekten. Die Intelligenz dieses Netzes von Trampelpfaden basiere hingegen nicht auf der Intelligenz der „Trampler“, sondern auf deren Faulheit und stelle kein Naturphänomen dar. Es ist offensichtlich, dass diese Trampelpfade von Menschen erschaffen worden sind, weshalb sie als „künstlich“ eingestuft werden müssen. Allerdings unterscheidet sich ihre Entstehung zum Beispiel grundlegend von dem künstlichen Produkt „Esperanto“, welches bewusst entstanden ist. Trampelpfade entstehen in der Regel ungeplant und sind daher ein Phänomen der dritten Art. Aus Kellers Sicht eignet sich dieses Modell hervorragend als Analogiebeispiel für den Wandel von natürlichen Sprachen (künstlich-natürlich). Er bezeichnet diese Pfade als „nicht-intendierte Nebeneffekte menschlicher Handlungen“. Das Phänomen des Sprachwandels geschieht im Allgemeinen ebenso unwissentlich, denn die Veränderungen finden wie von unsichtbarer Hand geleitet statt.20

2.2.2 Piotrovskij-Gesetz

Eines der bekanntesten Modelle des Sprachwandels liefert das Sprachwandelgesetz des russischen Linguisten Rajmund Piotrovskij, der mit Piotrovskaja zusammen den Verlauf der Wandlungsprozesse untersuchte und daraus eine Theorie ableitete, die eine mögliche Entwicklung vorhersagen kann. Diese Theorie basiert zum Teil auf dem Sprachwandelgesetz von Helmut Lüdtke, welches er 1980 konzipierte und greift dabei die Ergänzungen von G. Altmann (1983-1985) auf.

Vereinfacht formuliert kann man sagen, dass der Prozess des Sprachwandels sehr dezent ansteigt und sich dann zunehmend schneller ausbreitet, bis von einem Wendepunkt ausgehend in gedrosseltem Tempo der maximale Wert erreicht wird und dieser schließlich wieder abnimmt, bzw. abnehmen kann.22 Dieses Modell hat augenscheinlich einen mathematischen Charakter, daher bezeichnet es diesen Verlauf auch als „S-Kurve“, wie es in der mathematischen Disziplin „Analysis“ üblich ist. In dem Buch „Der Wandel von ward zu wurde“ (1983, S.91-102) erproben Best und Kohlhase Piotrovskijs-Gesetz und stellen eine zeitliche Tabelle vor, in der sie statistisch festgehalten haben, wie sich der Prozess des Wandels über die angegebenen Zeitintervalle vollzogen hat. Der Abstand der Intervalle beträgt jeweils 30 Jahre.23 Aufgelistet sind sowohl die a-Formen als auch die u-Formen und schließlich der Anteil der u-Formen an allen Formen, so dass bei genauer Betrachtung der Daten, die „S-Kurve“ ersichtlich wird. In der Grafik haben Best und Kohlhase mittels des Piotrovskij-Gesetzes einen Nachweis für den Wandel aufzeigen können. Auch andere Untersuchungen zeigen, dass der „s-förmige“ Verlauf typisch für Sprachwandel ist, doch können im Rahmen dieser Arbeit nicht näher betrachtet werden Dieses Modell kann innerhalb dieser Arbeit - aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes - nur mit Abstrichen und daher nur vom grundlegenden Prinzip her für Erklärungen im Analyseteil genutzt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Exemplarische Darstellung des Wandels innerhalb der Subsysteme

Nachstehend sollen die unter Punkt 2 erwähnten Subsysteme in Kurzform dargestellt und am Beispiel beschrieben werden. Als Bezugspunkt dient hier vornehmlich das Buch „Historische Sprachwissenschaft des Deutschen“ von Damaris Nübling. Die von ihr vorgenommenen Unterscheidungen dienen als Basis für den Analyseteil, so dass im Verlauf der Auseinandersetzung ein Rückbezug hergestellt werden kann.

2.3.1 Phonologie

Phonologie und Phonetik sind artverwandte Wissenschaften, die sich dennoch in vielen Bereichen unterscheiden.25 Im Gegensatz zu der Phonetik, die die „materiellen Eigenschaften mündlicher Ä ußerungen“ 26 untersucht, beschäftigt sich die Phonologie mit dem sprachlichen Gebrauch von Lauten.27 Exemplarisch für Sprachwandel auf dieser Ebene ist laut Nübling die Veränderung von Vokalen und Konsonanten, wie zum Beispiel bei dem Wort „Maus“. So zeigt sie die Entwicklung vom Mittelhochdeutschen über das Frühneuhochdeutsche, bis zum heutigen „Maus“ wie folgt: „mhd. /u:/ > fnhd.. /au/ mûs > Maus“ 28

2.3.2 Morphologie

Morphologie kann als Wissenschaft vom Bau der Wörter angesehen werden. Elementar sind dabei sowohl Wortbildungsprozesse als auch formale Wortausprägungen.29 Repräsentativ für einen sprachlichen Wandel innerhalb dieses Subsystems ist nach Nübling der Übergang von starken zu schwachen Verben, wie ihr folgendes Beispiel zeigt: „bellen - ball - bullen - gebollen > bellen - bellte - gebellt“ 30

2.3.3 Syntax

Syntax meint in der Sprachwissenschaft die Anordnung von Wörtern innerhalb von Sätzen.31 Diesbezüglich lässt sich Wandel an Wortstellungsänderungen festmachen, wie z.B. durch den Einsatz von Bindestrichkonstruktionen. Anstatt „Der Manager von Werder Bremen“ wird z.B. nur „Werder-Manager“ geschrieben. Auch ohne Bindestrichkonstruktion ist ein Wandel wahrnehmbar, so etwa bei „des Teufels Sohn > der Sohn des Teufels“ . 32

2.3.4 Lexikologie

Lexikologie bezeichnet die Lehre von Wort und Wortschatz und untersucht die Bedeutungen, Funktionen und Anordnungen lexikalischer Elemente in Bezug auf das lexikalische System. Das Lexem ist in diesem Fall der wesentliche Untersuchungsgegenstand.33 Stellvertretend für einen Wandel auf dieser Ebene sind laut Nübling z.B. Entlehnungen wie „Cousin, Kusine“ 34

[...]


1 Vgl. http://www.braunschweig.de/kultur_tourismus/stadtportraet/geschichte/konradkoch/fussballkonradkoch.html, Stand: 07.03.2012

2 Vgl. Keller, 2000, S.4

3 Nübling, 2006, S.1

4 Ernst, 2005, S.29

5 Vgl. Nübling, 2006, S.4

6 Vgl. Keller, 2000, S.4

7 Vgl. Gross, 1998, S. 200

8 Vgl. Schippan, 1992, S. 78

9 Keller, 1990,S.15

10 Lüdtke, 1979, S.4

11 Ernst, 2006, S.29

12 Brandner, 2003, S.5-6

13 http://www.christianlehmann.eu/ling/ling_theo/index.html?http://www.christianlehmann.eu/ling/ling_theo/sprachwandel.php , Stand.09.03.2012

14 Ernst, 2006, S.30-36

15 Keller, 2004, S.7

16 Ernst, 2006, S.30

17 ebenda , S.36

18 Keller, 1990,S.84

19 Keller, 1990, S.86

20 Keller, 2004, S.8

21 Best, 2007, S.46

22 ebenda, S.46

23 Kempgen, 1983, S.91-102

24 ebenda , S.4

25 Vgl. Hall, 2000, S.1

26 Meibauer, 2007, S.72

27 Vgl. http://www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/phonetik/ , Stand:15.03.2012

28 Nübling, 2006, S.4

29 Vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann, 2004, S.53

30 Nübling, 2006, S.4

31 Vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann, 2004, S.84

32 Nübling, 2006, S.4

33 Vgl. Elsen, 2011, S.15

34 Nübling, 2006, S.4

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Sprachwandel: Eine beispielhafte Analyse der Fußballsprache
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Germanistik)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
42
Katalognummer
V194127
ISBN (eBook)
9783656195689
ISBN (Buch)
9783656196327
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die zugehörigen Zeitungsartikel lassen sich in der jeweiligen Onlineredaktion nachschlagen.
Schlagworte
Fußballsprache, Fußballberichterstattung, Sprachwandel, Sprachwandel im Fußball, Fußball und Sprache, Zeitungsrecherche, Fußball im Wandel
Arbeit zitieren
Martin Sierks (Autor), 2012, Sprachwandel: Eine beispielhafte Analyse der Fußballsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194127

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