Einleitung
Die religiösen Vorstellungen sind Kollektivvorstellungen, die Kollektivwirklichkeiten ausdrücken; die Riten sind Handlungen, die nur im Schoß von versammelten Gruppen entstehen können und die dazu dienen sollen, bestimmte Geisteszustände dieser Gruppen aufrechtzuerhalten oder wieder herzustellen (Durkheim, 1981, S. 28).
Natürlich können wir damit nicht jetzt schon das tiefste und wirklich erklärende Wesen der Religion erreichen; dies wird erst am Ende der Untersuchung möglich sein (Durkheim, 1981, S. 45).
Allein wir haben es überhaupt nicht mit dem „Wesen“ der Religion, sondern mit den Bedingungen und Wirkungen einer bestimmten Art von Gemeinschaftshandeln zu tun, dessen Verständnis auch hier nur von den subjektiven Erlebnissen, Vorstellungen, Zwecken der Einzelnen – vom „Sinn“ - aus gewonnen werden kann, da der äußere Ablauf ein höchst vielgestaltiger ist (Weber, 1980, S. 245).
Zwei Aussagen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Max Weber und Émile Durkheim blieben ihren soziologischen Vorstellungen auch in Fragen zur Religionssoziologie treu. Trat Durkheim vom Kollektivismus ausgehend an das Problem heran, war es für Weber klar, dass die Klärung der Aufgabe der Religion eines handlungstheoretischen Ansatzes bedürfe. Ausgangspunkt sei also das subjektive Handeln und zwar ein mindestens relativ rationales nach Erfahrungen geregeltes Handeln (Weber, 1980, S. 245). Bei Durkheim wird die Religion eher aus dem Kollektiv der Gesellschaft, die vor allem aktiv kooperiere, bzw. Gemeinschaft geboren und sie ist praktisch veranlagt, da die Tat das religiöse Leben alleine schon, weil die Gesellschaft ihre Ursache sei, beherrsche (Durkheim, 1981, S. 560).
Das legt die Vermutung nahe, dass beide auch zu unterschiedlichen Ergebnissen bezüglich der Aufgabe der Religion gekommen sind. Wie sich dies tatsächlich darstellt und ob es nicht doch auch Gemeinsamkeiten bei der Erarbeitung ihrer Religionsbegriffe gibt, soll im Folgenden erläutert werden. Die Argumentation fußt hauptsächlich auf den dieses Thema betreffenden Hauptwerken der beiden Klassiker, allerdings nicht ohne unterstützende Sekundärliteratur hinzuzuziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Max Weber – Sinn als Aufgabe der Religion
2.1 Die fehlende Definition von Religion
2.2 Religiöses Handeln als besondere Gattung sozialen Handelns
2.3 Die Genese der Religion – über die Verlagerung von magischem zu religiösem Handeln
2.4 Die „Protestantische Ethik“
2.4.1 Puritanismus und Prädestinationslehre
2.4.2 Die innerweltliche Askese als Lebensführung
2.4.3 Die Mikro- und Makroebene
2.4.4 Loslösung des Kapitalismus von der Religion
2.5 Erlösung und Theodizee - der „gemachte“ Sinn als Aufgabe der (Erlösungs)Religionen
2.6 Am Ende steht „Die Entzauberung der Welt“
2.7 Max Webers religionssoziologischen Prognosen bezogen auf die Gegenwart
3. Émile Durkheim – Integration als Aufgabe der Religion
3.1 Die Universalität der Religion - der funktionale Religionsbegriff
3.2 Der Totemismus
3.3 Die Unterscheidung des Heiligen vom Profanen
3.4 Das Ideal der Gesellschaft als Reverenzziel
3.5 Kollektive Erfahrungen ermöglichen Religion
3.6 Religionsdefinition – der substantielle Religionsbegriff
3.7 Am Ende steht eine Verlagerung innerhalb der Aufgabe der Religion
3.8 Émile Durkheims religionssoziologischen Prognosen bezogen auf die Gegenwart
4. Max Weber und Émile Durkheim – Übereinstimmungen ihrer religionssoziologischen Ansätze
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen religionssoziologischen Perspektiven von Max Weber und Émile Durkheim, um deren jeweilige Definition der Aufgabe von Religion in der Gesellschaft zu analysieren und kritisch zu vergleichen.
- Religionssoziologische Grundlagen bei Max Weber und Émile Durkheim
- Der Zusammenhang von Religion, Sinnstiftung und rationalem Handeln (Weber)
- Die Funktion von Religion als integratives Element gesellschaftlicher Kohäsion (Durkheim)
- Vergleichende Analyse der Begriffe „Sinn“ und „Integration“ in Bezug auf religiöse Phänomene
- Untersuchung der Entzauberung der Welt und der Säkularisierungstendenzen
Auszug aus dem Buch
2.4 Die „Protestantische Ethik“
Ein Blick in die Berufsstatistik eines konfessionell gemischten Landes pflegt mit auffallender Häufigkeit eine Erscheinung zu zeigen [...]: den ganz vorwiegend protestantischen Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums sowohl, wie der oberen gelernten Schichten der Arbeiterschaft, namentlich aber des höheren technisch oder kaufmännisch vorgebildeten Personals der modernen Unternehmungen (Weber, 2004, S. 65).
Weber erkennt eine Verbindung zwischen der protestantischen Konfession und dem Kapitalerwerb. Verantwortlich dafür macht er die Ausrichtung des Menschen hin zum Geist des Kapitalismus, dessen Leitmotiv er durch die Feststellung begründet, dass das Erwerben von Kapital nicht mehr der Befriedigung der menschlichen, materiellen Bedürfnisse diene, sondern zum Selbstzweck des Lebens generiere (Weber, 2004, S. 78).
„Webers berühmte Untersuchung [...] zeigt, dass der Typus des modernen Berufsmenschen und mit ihm die geistigen Grundlagen des modernen Kapitalismus ein Produkt puritanischer Religiosität sind“ (Guttandin, 2010, S. 17).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den unterschiedlichen Ansätzen von Weber und Durkheim hinsichtlich der Aufgabe von Religion vor und skizziert den methodischen Rahmen.
2. Max Weber – Sinn als Aufgabe der Religion: Dieses Kapitel erläutert Webers Verständnis von Religion als handlungstheoretisches Konstrukt, das durch Sinnstiftung und die „Entzauberung der Welt“ geprägt ist.
3. Émile Durkheim – Integration als Aufgabe der Religion: Das Kapitel analysiert Durkheims funktionalen Religionsbegriff, der Religion primär als Instrument zur gesellschaftlichen Integration und kollektiven Identitätsstiftung betrachtet.
4. Max Weber und Émile Durkheim – Übereinstimmungen ihrer religionssoziologischen Ansätze: Hier werden die theoretischen Schnittmengen der beiden Klassiker herausgearbeitet, insbesondere im Hinblick auf die funktionale Differenzierung in modernen Gesellschaften.
5. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass sich Religionen nicht auf eine einzige Aufgabe reduzieren lassen, sondern je nach soziologischem Fokus unterschiedlich interpretiert werden müssen.
Schlüsselwörter
Religionssoziologie, Max Weber, Émile Durkheim, Protestantische Ethik, Sinnstiftung, Gesellschaftliche Integration, Entzauberung der Welt, Säkularisierung, Funktionalismus, Totemismus, Heiliges, Profanes, Puritanismus, rationales Handeln, Religionsbegriff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die religionssoziologischen Theorien von Max Weber und Émile Durkheim mit dem Fokus darauf, wie diese beiden Klassiker die Aufgabe von Religion in der Gesellschaft definieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind der Vergleich zwischen Webers handlungstheoretischem Ansatz (Sinn) und Durkheims funktionalem Ansatz (Integration), sowie die Analyse von Entzauberung, Säkularisierung und spezifischen religiösen Praktiken wie dem Totemismus oder der protestantischen Ethik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die theoretischen Unterschiede in der Konzeption der Aufgabe von Religion bei Weber und Durkheim herauszuarbeiten und zu prüfen, ob es trotz unterschiedlicher Ansätze Gemeinsamkeiten in ihrer Sicht auf moderne Gesellschaften gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturtheoretische Analyse, die auf den Hauptwerken der beiden Klassiker sowie ergänzender religionssoziologischer Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit Webers Religionssoziologie (u.a. protestantische Ethik) und Durkheims funktionalem Verständnis, gefolgt von einem direkten Vergleich ihrer Ansätze.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Sinn“, „Integration“, „Entzauberung“, „protestantische Ethik“ und „funktionaler Religionsbegriff“ geprägt.
Wie unterscheidet sich Webers Begriff von Religion von dem Durkheims?
Während Weber Religion primär über das subjektive Sinn-Handeln und die rationale Lebensführung definiert, betrachtet Durkheim Religion funktional als ein System aus Überzeugungen und Praktiken, das Individuen in eine moralische Gemeinschaft integriert.
Was bedeutet der Begriff „Entzauberung der Welt“ in dieser Arbeit?
Der Begriff beschreibt den von Weber analysierten Prozess der zunehmenden Intellektualisierung und Rationalisierung, durch den religiöse Welterklärungen zunehmend an Bedeutung verlieren und durch rationale Berechenbarkeit ersetzt werden.
- Arbeit zitieren
- Jens Fröhlich (Autor:in), 2012, Sinn oder Integration – Die Aufgabe der Religion aus der Sicht von Max Weber und Émile Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194174