Analyse der Wendeerfahrungen von Peter Rühmkorf und Walter Kempowski anhand ihrer Tagebücher


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tagebücher
2.1. Die Funktionen des Tagebuchs
2.2. Intentionen der Tagebücher von Rühmkorf und Kempowski

3. Analyse der Reaktionen von Rühmkorf und Kempowski auf die Entwicklung von
3.1. Die Entwicklung bis zum Mauerfall
3.1.1. Reaktionen Kempowskis
3.1.2. Reaktionen Rühmkorfs
3.2. Der Fall der Mauer am
3.2.1. Reaktionen Kempowskis
3.2.2. Reaktionen Rühmkorfs
3.3. Nach dem Mauerfall
3.3.1. Reaktionen Kempowskis
3.3.2. Reaktionen Rühmkorfs

4. Abschließender Vergleich der Auffassungen Rühmkorfs und Kempowskis gegenüber den Ereignissen von

5.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im 20. Jahrhundert war die deutsche Geschichte von Unruhen, Unsicherheit und Veränderungen geprägt. Revolution und Staatsstreich, Krieg und Teilung – Immer wieder standen die Deutschen vor einem Wendepunkt. Doch wie empfinden Menschen solch gewaltige Veränderungen, deren Folgen nicht absehbar sind?

In der vorliegenden Hausarbeit wird der Frage nachgegangen, wie die deutschen Schriftsteller Walter Kempowski und Peter Rühmkorf, zwei Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensansichten, die politische Wende von 1989 in Deutschland erlebten und welche Empfindungen durch die gesellschaftlichen Veränderungen in ihnen ausgelöst wurden. Die veröffentlichten Tagebücher beider Autoren geben einen aufschlussreichen Einblick in deren Psyche, denn sie vermitteln authentisch Gefühle und Reaktionen, die in einem Schwellenjahr wie 1989 besonders forciert wurden. Daher dienen die Tagebücher in dieser Hausarbeit als primäre Arbeitsgrundlage, und sie werden zu diesem Zweck hinsichtlich ihrer inhaltlichen Aussagen, wie auch ihrer sprachlichen Verwirklichung analysiert. Um einen direkten Vergleich zu ermöglichen, umfasst die Analyse lediglich den Zeitraum von Januar bis Dezember 1989, obwohl das Tagebuch Rühmkorfs bis 1991 fortläuft.

Zunächst müssen die Funktionen eines Tagebuchs erläutert werden, um mögliche Motive der Autoren für das Schreiben eines Tagebuchs benennbar zu machen. Anschließend werde ich die Motive für jedes Tagebuch herausarbeiten, da diese einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Art der Darstellung, den sprachlichen Stil und letztlich auch auf den Wahrheitsgehalt der getroffenen Aussagen haben. Dann erfolgt die Darstellung und Untersuchung der Reaktionen Rühmkorfs und Kempowskis auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Zur besseren Übersicht werde ich das Jahr 1989 für die Analyse in drei grobe Abschnitte einteilen, wobei der Mauerfall als prägnantestes Ereignis den Bezugspunkt bildet: Zuerst werden die Reaktionen der beiden Autoren zu den Ereignissen vor dem Mauerfall, dann zum Mauerfall selbst und schließlich zu den Ereignissen nach dem Fall der Mauer bis zum Ende des Jahres 1989 untersucht. Die Analyse erfolgt für beide Tagebücher separat und soll die Reaktionen der Verfasser vorstellen. In einem abschließenden Vergleich werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zusammengefasst, sodass am Ende der Arbeit ein differenziertes Bild über die Einschätzung der Wendeereignisse durch die beiden Autoren entstehen wird.

2. Tagebücher

2.1. Die Funktionen des Tagebuchs

Bei dem Tagebuch handelt es sich neben anderen Arten, wie der Autobiographie oder den Memoiren, um ein wichtiges Modell der subjektiven Lebenserzählung. Diese Lebenserzählung kann in verschiedenen Formen realisiert sein. Dusini unterteilt das Tagebuch als autobiographische literarische Gattung beispielsweise in drei Schwerpunkte: Zum einen könne das Tagebuch einen Schwerpunkt auf die Wahrnehmung der Natur setzen, zum anderen ist auch ein Hauptbezug zum „Buch Gottes“ möglich und schließlich gebe es Tagebücher, die ihren thematischen Schwerpunkt auf den Menschen selbst legen.[1] In letztere Kategorie fallen wohl viele der Tagebücher, die ohne Publikationsabsicht verfasst wurden. Es ist neben dieser thematischen Differenzierung, wie sie Dusini vollzieht, auch möglich, Tagebücher nach ihrer Funktion zu klassifizieren.

Die Funktion des jeweiligen Tagebuchs ergibt sich unter anderem aus den Informationen, die in den einzelnen Tagebucheinträgen mitgeteilt werden. Wird beispielsweise der Schaffensprozess an einem Werk minutiös geschildert, so hat das Tagebuch in diesem Fall vorrangig die Funktion einer Arbeitsdokumentation, in welcher die Arbeitsschritte durch die Schilderung transparent gemacht werden. Wenn die Informationen hingegen fiktiver Natur sind und dadurch eine Folge von erdachten Ereignissen in einer fiktiven Realität kreiert wird, hat das Tagebuch die Funktion des ‘fiktionalen Genres’ in der Literatur übernommen. Die Funktion eines Tagebuchs verändert sich allerdings auch, wenn der Autor die Absicht hat, das Buch zu publizieren. Beispiele hierfür sind die Tagebücher von Politikern, in denen vornehmlich die Rechtfertigung von besonders umstrittenen Entscheidungen während ihrer Amtszeit oder die Verteidigung eines politischen Kurses eine Rolle spielen kann. Solche Tagebücher sind bereits während der Entstehungsphase bedacht konzipiert, was bei einer Analyse und Beurteilung berücksichtigt werden muss.[2]

Demgegenüber stehen die Tagebücher, die nicht für die Veröffentlichung, sondern für den privaten Nutzen des Schreibers geschrieben worden sind. Diese Tagebücher haben einen besonders hohen Authentizitätswert, da davon auszugehen ist, dass das Niedergeschriebene an keinen bestimmten Adressaten gerichtet ist und daher eine möglichst unbeeinflusste Übertragung der Gedanken des Autors darstellt. Das private Tagebuch kann auch außerhalb der Literatur eine weitere Funktion, nämlich die einer Selbsttherapie, übernehmen. Durch das Niederschreiben von negativen Erfahrungen oder von Gefühlsschilderungen kann der Verfasser des Tagebuchs diese verarbeiten und bewältigen. Selbst Traumatisierungen können damit überwunden werden.[3]

Doch Tagebücher müssen nicht nur reflektieren, sie können auch konservieren. Die Identität eines Menschen wird in einem privaten Tagebuch festgehalten. Sie überdauert den Tod des Verfassers und stellt so eine Waffe gegen das Vergessen dar. Stimmungen, Gefühle und Ansichten des Verfassers verbleiben in schriftlich fixierter Form. Aufgrund dieser Tatsache kann das Tagebuch zudem eine wichtige historische Quelle sein. Nach Werner Mahrholz ist zwar der Wert der Übermittlung von historischen Tatsachen als zweifelhaft einzustufen, da sich der Verfasser in der Notation des Datums geirrt haben kann und die subjektive Erfahrungsreichweite des Verfassers selten für eine objektive Beurteilung der Ereignisse reicht, dafür sei aber die Existenz des Verfassers als Mensch in dem historischen Zeitraum nicht fragwürdig. Die transportierten Eindrücke, Vorstellungen und Stimmungen gäben dafür die Stellung des Menschen in dieser Zeit unmittelbar wieder. Zugleich würden Tagebücher auch ein Zeugnis der Individualisierung der Menschen sein.[4]

2.2. Intentionen der Tagebücher von Rühmkorf und Kempowski

Die Tagebücher der Schriftsteller Walter Kempowski und Peter Rühmkorf unterscheiden sich nicht nur in ihrem formalen Aufbau, ihrer Sprache und ihrem Stil. Auch die Funktion und Intention der jeweiligen Tagebücher sind eine andere. Deutlich wird dies bereits vor dem eigentlichen Beginn des Buches. Kempowski stellt seinem Tagebuch eine Widmung voran: „Für Simone Neteler“[5]. In dieser Widmung für eine enge Mitarbeiterin Kempowskis ist bereits die Publikationsabsicht enthalten, denn wäre dies ein privates Tagebuch, würde eine solche Widmung zwecklos erscheinen müssen, da Widmungen erst durch die Rezeption anderer Menschen Bedeutung erhalten. Da Kempowski sein Leben lang bestrebt war, Anerkennung für sein literarisches Werk zu erhalten,[6] hätte eine Nicht-Veröffentlichung seinen Zielen widersprochen, denn ohne die Publikation des Tagebuchs wäre eine öffentliche Anerkennung für sein Tagebuch ausgeschlossen gewesen. Daraus lässt sich schließen, dass Kempowski das Tagebuch von Beginn mit Blick für eine Veröffentlichung konzipiert hat.

Die Publikationsabsicht ist aber nur eine der Intentionen, die Kempowski mit dem Tagebuch verfolgte. Zugleich dokumentiert er nämlich auch seine Arbeit am „Echolot“, einem kollektiven Tagebuch, in dem er verschiedene Tagebücher aus dem Jahr 1945 zu einem Gesamtwerk zusammengefasst hat. Damit wird das Tagebuch zu gewissen Teilen auch zu einem Arbeitsjournal. Eine andere Form der Dokumentation vollzieht Kempowski, indem er die täglichen Schlagzeilen von Tageszeitungen wie der „Bild“ oder dem „Neuen Deutschland“, welche er weitgehend unreflektiert lässt, in die täglichen Einträge einfügt oder wenn er Ereignisse in Radio- und Fernsehsendungen beschreibt. Durch diese durchgängig realisierte Verfahrensweise fungiert „Alkor“ auch als eine Chronik. In gewisser Weise bedient das Tagebuch Kempowskis jede der zuvor in 2.1. beschriebenen Funktionen: Es ist eine Dokumentation, aufgrund der Schilderung der täglichen gesellschaftlichen Ereignisse und aufgrund der Darstellung seiner Arbeit am „Echolot“ ein Arbeitsjournal. Durch die Schilderung seiner Stimmungen und Gefühle wird es wiederum, auch aufgrund des dokumentierten Zeitraums, zu einer historischen Quelle. Die geplante Veröffentlichung des Tagebuchs deutet aber auch darauf hin, dass eine weitere Absicht des Tagebuches im Erlangen von Anerkennung und Aufmerksamkeit lag. Außerdem bot das Tagebuch für Kempowski die Möglichkeit seine Ansichten über die SED in die Öffentlichkeit zu transportieren und damit auch die Gelegenheit, mit dem Regime abzurechnen, durch das er acht Jahre im Zuchthaus von Bautzen verbringen musste.[7]

Ähnlich wie Walter Kempowski gibt auch Peter Rühmkorf bereits vor dem ersten Tagebucheintrag einen Hinweis auf die Intention seines Tagebuchs, indem er ein Zitat von Walt Whitman seinen Aufzeichnungen voranstellt:

Camerado, dies ist kein Buch. Wer dies berührt, berührt einen Mann.[8]

Dieses Zitat wertet das Tagebuch auf. Es wird personifiziert und erfährt eine Bedeutungssteigerung. Das Buch ist nicht mehr nur ein Gegenstand. Mit dem Zitat wird es metaphorisch zu einem komplexen menschlichen Lebewesen erhoben. Nun entsteht der Eindruck, das Buch sei nicht nur ein Druckwerk, sondern zugleich auch das Abbild einer Identität, nämlich der Identität des Verfassers. Damit bringt Rühmkorf zum Ausdruck, dass das Tagebuch nicht einfach nur eine Niederschrift von Wörtern ist. Stattdessen vermittelt es einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt sowie den Charakter Rühmkorfs. Auf diese Weise bekräftigt Rühmkorf den hohen Stellenwert der Intimität, die im Tagebuch existiert. Das Zitat könnte außerdem darauf hinweisen, dass Peter Rühmkorf „Tabu I“ nicht vorrangig für die Veröffentlichung verfasst hat. Wäre es für die Veröffentlichung bestimmt gewesen, hätte er, um sein öffentliches Bild nicht zu beschädigen und den Leser nicht zu langweilen, vermutlich darauf verzichtet, sehr private oder auch vermeintlich belanglose Informationen in das Buch mit aufzunehmen. Rühmkorf weist in „Tabu I“ auch darauf hin, dass es sich bei seinem Tagebuch vor allem um etwas Privates handelt. So bezeichnet er es beispielsweise, im Zusammenhang mit dem Schreiben über Tabus, als „privaten Parcours“.[9] Allerdings erklärt er auch, dass er Geheimnisse über andere Personen bis zu deren Tod nicht „ausplaudern“[10] würde. Wenn Rühmkorf ein rein privates Tagebuch geschrieben hätte, dann würde er solche Geheimnisse wahrscheinlich nicht verschweigen. Dass er bereits beim Schreiben von „Tabu I“ an eine spätere Publikation gedacht hat, lässt sich nicht zweifelsfrei nachweisen. Dafür ist der Begriff „Geheimnis“ von Rühmkorf nicht genügend spezifiziert worden. Möglicherweise hat er in seinem Tagebuch einige delikate Informationen niedergeschrieben, die er als Geheimnis klassifizieren würde, andere aber nicht. Es lässt sich jedoch zumindest sagen, dass eine Veröffentlichung während des Schreibprozesses nicht im Vordergrund stand, denn eine andere Absicht, die Rühmkorf mit dem Tagebuch verfolgt, erklärt er mit Folgendem sehr klar:

Nachts Hotel. Notizen. Wenn man den Tag nicht einfach nur wie ‘ne Ladung Bauschutt hinter sich abrauschen lassen möchte.[11]

Es geht hier um das Festhalten von Informationen, Stimmungen und Gefühlen. Der Vergleich Rühmkorfs von einem Tag mit einer Ladung Bauschutt macht deutlich, dass der Tag als Konstruktion seiner Ansicht nach in Vergessenheit gerät, wenn keine Aufzeichnung erfolgt. Er würde undifferenziert und ungeordnet wie Bauschutt an Bedeutung verlieren. Er schreibt sein Tagebuch also auch gegen das Vergessen von Tagen und den Ereignissen, die darin auftraten. Folglich soll „Tabu I“ vorrangig die verschiedenen Aspekte eines Tages dokumentieren, um dem Vergessen vorzubeugen.

[...]


[1] Vgl.: Dusini, Arno: Tagebuch. Möglichkeiten einer Gattung. München 2005. S. 59ff.

[2] Vgl.: Schönborn, Sibylle: Tagebuch. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 3. Gemeinsam mit Georg Braungart u.a. hg. von Jan-Dirk Müller. 3 Bde. Berlin, New York 2003. S.574.

[3] Vgl.: Schönborn: Tagebuch, S. 576.

[4] Vgl.: Mahrholz, Werner: Der Wert der Selbstbiographie als geschichtliche Quelle. In: „Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung.“ hg. von Günther Niggl. Darmstadt 1989. S. 72ff­­­­­.

[5] Vgl.: Kempowski, Walther: Alkor. Tagebuch 1989. München 2003. S. 5.

[6] Vgl.: Stuckrad-Barre, Benjamin: "Mein Herzchen, nicht mehr lange" - Walter Kempowskis letzte Worte und Wörter. [URL]http://www.welt.de/wams_print/article1852180/Mein_Herzchen_nicht_mehr_lange_Walter_Kempowskis_letzte_Worte_und_Woerter.html[URL] (16.3.2010)

[7] Vgl.: [Art.] Kempowski, Walter. In: Autorenlexikon deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts. hg. von Manfred Brauneck. Reinbeck 1991. S. 384.

[8] Rühmkorf, Peter: Tabu I. Tagebücher 1989–1991. Hamburg 1997. S. 5.

[9] Vgl. Rühmkorf : Tabu I, S. 101.

[10] Ebd. S. 100f.

[11] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Analyse der Wendeerfahrungen von Peter Rühmkorf und Walter Kempowski anhand ihrer Tagebücher
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V194196
ISBN (eBook)
9783656195252
ISBN (Buch)
9783656196198
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Walter Kempowski, Peter Rühmkorf, Tagebuch, Wende
Arbeit zitieren
Michel Stark (Autor), 2009, Analyse der Wendeerfahrungen von Peter Rühmkorf und Walter Kempowski anhand ihrer Tagebücher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194196

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